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Das gute Leben
von Nadine Schneider
Der Roman „Das gute Leben“ von Nadine Schneider zeichnet die Lebensgeschichte der aus Rumänien stammenden Anni und ihrer Familie über vier Frauengenerationen und mehrere Jahrzehnte hinweg nach.
Gekonnt verdichtet die Autorin Migrationsgeschichte, Arbeitswelt und familiäre Prägungen zu einem eindrucksvollen, facettenreichen Panorama biografischer Erfahrungen zwischen Rumänien und Deutschland. Eindringlich wirft sie die Frage auf, was ein „gutes Leben“ eigentlich ausmacht, wenn Herkunft, Migrationshintergrund, gesellschaftliche Erwartungen und prekäre Arbeitsbedingungen die Entfaltungsmöglichkeiten einschränken und den Spielraum für Veränderungen immer wieder begrenzen. Aus einer spezifisch weiblichen Perspektive zeigt sie, wie ihre Frauenfiguren versuchen, sich durch Arbeit, Fleiß und Anpassung einen Platz in einer Welt zu erkämpfen, in der ihnen dieser keineswegs selbstverständlich zugestanden wird.
Im Mittelpunkt der Erzählung steht Anni, die Mitte der sechziger Jahre aus der rumänischen Diktatur in die Bundesrepublik flieht und dort ihre Tochter und später ihre Enkelin Christina weitgehend allein großzieht. Als Christina das Haus ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter in der Nähe von Nürnberg erbt, tauchen wir gemeinsam mit ihr in Erinnerungen und überlieferte Familiengeschichten ein. Die faszinierende Familiengeschichte entfaltet sich in Form eines unchronologischen Erinnerungsgeflechts, in dem vieles nachträglich rekonstruiert, nur bruchstückhaft überliefert oder lediglich angedeutet wird. Durch die Wechsel zwischen verschiedenen Zeitebenen springen wir von Christinas Gegenwart zu Annis Vergangenheit und bisweilen noch weiter zurück zur Urgroßmutter in Rumänien.
Besonders anschaulich schildert Schneider Annis entbehrungsreiches Leben, ihren kräftezehrenden Job als Arbeiterin im Quelle-Versandzentrum zwischen Kartons, Kleidern und monotonen Handgriffen am Fließband sowie die Mühen ihres Alltags als Alleinerziehende. Trotz ihrer Anpassungsbereitschaft, Beharrlichkeit, Loyalität und ihres großen Engagements bleiben Anni Anerkennung, Belohnung und sozialer Aufstieg verwehrt. Sie glaubt zwar an das verheißungsvolle Leistungsversprechen der sogenannten Wirtschaftswundergesellschaft, bleibt aber dennoch ein kleines, austauschbares Rädchen in einem System, das sie mit ihrer Arbeit am Laufen hält. Der Übergang zu einem tatsächlich gelungenen, erfüllten Leben bleibt ihr verwehrt und so wird sie nie Teil jener Erfolgsgeschichten, die das Selbstbild der neuen Heimat prägen.
Eindringlich lotet die Autorin aus, wie die Figuren auf das zurückblicken, was sie geleistet haben, wie sie Wert und Preis ihres „guten Lebens“ in der neuen Gesellschaft bemessen und welche Kompromisse und Opfer damit verbunden waren. Auch Christina empfindet Annis Migrations- und Familiengeschichte als etwas, das mit ihr an ein Ende gekommen ist. Mit Bedauern erkennt sie, dass viele Leerstellen sich nicht mehr schließen lassen, weil Fragen ungestellt blieben und Erinnerungen verblassen. Zugleich macht Schneider anschaulich deutlich, dass nicht alles aus der Familiengeschichte bewahrt und weitergetragen werden muss. Manche belastenden Überlieferungen dürfen ohne Sentimentalität bewusst beendet werden, um Raum für ein eigenes Verständnis von gelingendem Leben zu schaffen.
FAZIT
Ein vielschichtiger, leise erzählter Roman über Migration, weiblicher Selbstbehauptung und familiäre Prägungen mit eindrucksvollen Charakteren. Mit großem Feingefühl zeigt die Autorin, wie sehr Herkunft und gesellschaftliche Strukturen Biografien formen und wo dennoch Spielräume für eigene Entscheidungen bleiben.
Tina
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Das gute Leben
von Nadine Schneider
Ich habe "Das gute Leben" mit einer stillen Erwartung begonnen – und das Buch hat mich langsamer, aber tiefer erreicht, als ich zunächst dachte. Es ist kein Roman, der sich aufdrängt oder laut um Aufmerksamkeit bittet. Stattdessen entfaltet er seine Wirkung leise, beharrlich und mit großer emotionaler Präzision.
Im Mittelpunkt steht für mich die Frage, was ein „gutes Leben“ eigentlich ist und wer darüber entscheidet. Über mehrere Generationen hinweg erzählt Nadine Schneider von Müttern und Töchtern, von Weitergabe und Abbruch, von Fürsorge, Schuld, Migration und den Entscheidungen, die Frauen treffen (müssen), um zu überleben oder frei zu sein. Besonders berührt hat mich die Figur der Anni: ihre Härte, ihre Widersprüche, ihre Entschlossenheit und ihre Verletzlichkeit. Ich habe sie nicht immer gemocht, aber fast immer verstanden.
Die Sprache ist dicht, körperlich und sehr atmosphärisch. Viele Szenen (etwa Hitze, Hunger, Enge oder Scham) habe ich beim Lesen beinahe selbst gespürt. Mir gefiel besonders, dass der Roman nicht erklärt oder urteilt. Er lässt stehen, hält aus, blickt zurück und nach innen. Manchmal verlangte das Konzentration und Geduld von mir, doch genau darin liegt auch seine Stärke.
Kwinsu
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Das gute Leben
von Nadine Schneider
Als Christinas Oma Anni stirbt, erbt sie ihr Haus in einer kleinen Ortschaft vor Nürnberg. Es quält sie dort zu sein, in diesem Haus, in dem so viele Erinnerungen warten, wiederentdeckt zu werden. Christina ist bei Anni aufgewachsen, nachdem ihre Mutter Helene ohne sie ausgewandert ist. Doch wie viel weiß sie eigentlich von ihrer engsten Bezugsperson? Christina beginnt Annis Leben zu rekapitulieren, sucht nach Spuren, die vielleicht noch aufzudecken sind, will herausfinden, weshalb die Quelle, bei der Anni Jahrzehnte gearbeitet hat, bis zu ihrem Tod ein bestimmendes Element in ihrem Leben war und warum sie einst aus Rumänien aufgebrochen ist, um ein gutes Leben in Deutschland zu finden.
Das an den Anfang gestellte Zitat von Aimee Mann, "I just wanted a place but I ended up gone." trifft den Vibe von "Das gute Leben" sehr treffend. Irgendwie sind die Protagonistinnen nie wirklich greifbar, trotzdem erfahren wir viel über familiäre Dynamiken, über (fehlende) Mutter-Tochter-Beziehungen und vor allem über das, was übrig bleibt am Ende eines Lebens - vorwiegend aus Leerstellen. In dem Buch schwingt viel Melancholie mit, die Frage, ob die Frauen in der Ferne tatsächlich ein gutes Leben gefunden haben, bleibt interpretierbar. Christina versucht das Leben ihrer Großmutter nachzuerzählen, ergründet, warum Rumänien für sie unlebbar war, weiß aber auch um die enormen Herausforderungen, die Anni als Fremde und noch dazu alleinerziehend durchmachen musste.
Das Reden war bei den Frauen nie so wirklich angesagt, was zu unausgesprochenen Verletzungen, die jahrzehntelang mit sich herum getragen wurden, führte und wenn sie redeten, standen Vorwürfe im Raum: "Die nächste Stille ist länger. Das Gift steht ihnen beiden bis zum Hals, noch ein, zwei Sätze, und sie fangen an, darin zu ersaufen." (S. 283) Über Christinas Mutter Helene erfahren wir nur wenig, genauso wie über Annis Mutter in Rumänien, geschweige denn von Männern, die zwar schicksalsweisend, aber im Alltag kaum eine Rolle spielten. Anni scheint grundsätzlich ein schwieriger Charakter gewesen zu sein, die zwar wusste was sie wollte, jedoch nicht wirklich Herzlichkeit zeigen konnte - vor allem nicht ihrer eigenen Tochter gegenüber. Trotzdem liebte sie ihre Enkelin, wenn man so will war Christina ihr Kind zur rechten Zeit.
Die Geschichte wird aus Christinas Perspektive in Ich-Form erzählt, doch immer wieder berichten Einschübe aus Annis Leben, zeitlich bunt gewürfelt, weshalb es Konzentration und Fokus braucht, um wirklich in allen Facetten mitzukommen. Die Sprache der Autorin Nadine Schneider ist fein und zart, hat aber durchaus Treibkraft ,von der man sich nicht allzu mitreißen lassen darf, um alles zu verstehen. Es gibt immer wieder zeitgeschichtliche Kontexte, die bezeichnend sind, allen voran der Aufstieg, das Florieren und der Niedergang von Quelle, dessen Leib uns Seele Anni schier verfallen war. Über die Beweggründe, weshalb Anni in den 1960ern Rumänien unbedingt den Rücken kehren wollte, außer dass es dreckig und unerträglich war, wissen wir hingegen kaum etwas. Das spielt aber auch nicht unbedingt eine Rolle, denn Anni wollte unbedingt in Deutschland glücklich werden. Trotzdem sie ihrem Job leidenschaftlich nachging und sogar nach anfänglich harten Jahren mit wenig Geld ein Haus geerbt hatte, schien ihr dieses Glück nie wirklich hold gewesen zu sein. Ob Anni wohl ihr Leben als gut bezeichnet hätte, bleibt offen. Zurückgelassen hat sie jedenfalls eine Enkelin, die ihr nach dem Tod noch einmal auf ihre Art ein Denkmal setzen möchte.
Mein Fazit: "Das gute Leben" ist ein intensiver, fein beschriebener Generationenroman, mit dem es lohnt, sich eingehender auseinanderzusetzen. Vor allem durch starke Erinnerungen, aber auch Leerstellen erfahren wir über diese Frauen, ihre Leben und was sie verbindet.
Ruth
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Das gute Leben
von Nadine Schneider
Die 1990 geborene Autorin Nadine Schreiber erzählt in ihrem dritten Roman die Geschichte von vier Frauen über die Generationen hinweg.
Im Zentrum steht Anni, die als junge Frau in den 1960er Jahren ihre rumänische Heimat verlässt, um in Deutschland ein „gutes Leben“ zu finden. Sie ist schwanger, doch diese Tatsache soll ihr nicht im Weg stehen. Den Kindsvater lässt sie zurück, keiner soll sie aufhalten. Sie will nicht versauern in ihrem Dorf, will den Dreck und die Armut hinter sich lassen. Und so macht sie sich auf, zunächst nach Österreich zu ihrem Vater, dann weiter nach Nürnberg, wo ihr Bruder schon länger lebt.
Aber einfach wird es nicht werden für Anni. Nur widerwillig lässt sie ihr Bruder bei sich wohnen. Anni findet Arbeit beim Versandhandel Quelle, wo sie tagein, tagaus Pakete füllt. Die Arbeit dort gibt ihr Halt und Sicherheit, die Firma ist wie eine Familie für sie. Ihr Leben lang wird sie von einer Begegnung mit der Firmenchefin zehren; Grete Schickedanz bleibt ihr unangefochtenes Idol. Umso härter trifft sie die Kündigung kurz vor ihrer Rente, als das Unternehmen gezwungen ist, Personal abzubauen.
Anni zahlt einen harten Preis für ein besseres Leben. Sie hat zwar auch Glück, so vermacht ihr z.B. ein Onkel sein Haus, doch „wenn sie mal einer gefragt hätte, hätte sie gesagt, dass sie nicht das allergrößte Stück vom Kuchen abgekriegt hat,…. und dass ihr dieses Stück auch keiner geschenkt hat, und während alle vom Wirtschaftswunder redeten, stand sie sich mit der Kati und Hunderten von anderen Frauen jeden Tag die Beine in den Bauch, damit die Leute ihre schönen Pakete bekamen,…“
Und zugehörig hat sich Anni in Deutschland nie gefühlt. Aus der selbstbewussten, aufmüpfigen jungen Frau, die zielbewusst ihre alte Heimat verlassen hat, wird eine Frau, die ihre Stimme verliert, sich anpasst und beinahe verschwindet.
Das alles lässt sie verhärten. Ihren Zorn bekommen aber nur die Menschen in ihrer nächsten Umgebung zu spüren.
Das macht sie als Charakter nicht unbedingt sympathisch, glaubwürdig allerdings schon.
Männer kommen im Roman kaum vor, wenn, nur am Rande. Die Väter sind abwesend, das beginnt schon mit Annis Vater. Der zählte als Banater Schwabe zur deutschen Minderheit in Rumänien und schloss sich während der deutschen Besatzung den Nazis an. Aus Furcht vor Vergeltung ging er nach dem Krieg nach Österreich, wo er wieder heiratete. Anni hat früh gelernt, dass Väter für die Kindererziehung entbehrlich sind, sie hat schließlich auch keinen Vater gebraucht. So zieht sie erst Tochter Helene alleine auf und als diese irgendwann nach Florida verschwindet und ihre 10jährige Tochter Christina zurücklässt, kümmert sie sich um die Enkelin. „Das erste Kind, Helene, bringt Anni durch, doch das zweite, Helenes Kind, liebt sie dann.“ Mit dem eigenen Kind ist Anni überfordert, da fehlt ihr die Zeit und die Geduld. So greift sie oft zu drastischen Maßnahmen: „Für das Kind gibt es den Kochlöffel. Für das Kind gibt es die Hand, den Besen …“ und einmal fliegt sogar ein Bügeleisen durch das Zimmer.
Nadine Schneider beginnt ihre Geschichte mit dem Tod von Anni. Enkelin Christina erbt ihr Haus in der Nähe von Nürnberg. Aus der Ich-Perspektive erfahren wir nun, wie es Christina beim Ausräumen des Hauses geht. Dabei erinnert sie sich an ihre Kindheit und Jugend bei der Großmutter, an die vielen Sommer in Rumänien bei der Urgroßmutter. Wehmut erfüllt sie bei dem Gedanken, dass sie ihrer Großmutter noch so viele Fragen stellen wollte und nun ist der Zeitpunkt für intensive Gespräche verstrichen.
Parallel dazu wird in Rückblenden Annis Leben aufgeblättert.
Über Helene erfährt man dabei wenig. Wie Anni ist auch sie früh Mutter geworden, ohne einen Mann an ihrer Seite. Und ihre Tochter habe sie zurückgelassen, weil sie befürchtet hat, sie könne eine solche Mutter wie Anni werden. Ob das nur eine Ausrede ist, mag der Lesende beurteilen
Der Roman erzählt von schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen, von der Unfähigkeit zur Kommunikation, von verpassten Möglichkeiten und der Suche nach einem Platz im Leben.
Auch wenn ich mit den Charakteren, ihren Handlungsweisen und Beweggründen oft gehadert habe, so weiß ich das literarische Können der Autorin zu schätzen. Die Erzählebenen werden kunstvoll verwoben; aus vielen Mosaiksteinchen ergibt sich ein Gesamtbild. Trotzdem bleiben viele Leerstellen und der Text lässt Raum für eigene Interpretationen. Mit ihrer präzisen und zugleich bilderreichen Sprache schafft sie Atmospäre und lässt ihre Figuren lebendig werden.
Trotz der vorherrschenden Melancholie endet der Roman versöhnlich. Christina und Helene sind fähig zu einem wirklichen Gespräch. Und für das Verbindende zwischen den Generationen von Frauen steht ein Rebstock. Ursprünglich im Garten in Rumänien gewachsen, von Anni nach Nürnberg gebracht, wandert nun ein Trieb in die Berliner Wohnung von Christina.
Die Autorin lässt einiges aus ihrer eigenen Familiengeschichte in den Roman einfließen. Ihre Familie sind Aussiedler aus dem Banat, ihre Großmutter hat bei Quelle gearbeitet.
„Das gute Leben“ ist eine lesenswerte Familiengeschichte, die genug Stoff liefert zum Nachdenken und Diskutieren .
xx
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Das gute Leben
von Nadine Schneider
Nadine Schneider erzählt in Das gute Leben eine leise, vielschichtige Familiengeschichte, die sich über vier Generationen erstreckt. Im Zentrum steht Christina, die das Haus ihrer Großmutter Anni erbt – ein Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise verweben.
Der Roman zeichnet vor allem die Lebenswege der Frauen nach, die von Abwesenheit, Verlust und Neuanfang geprägt sind. Von Rumänien über Österreich bis nach Deutschland entfaltet sich eine Geschichte der Migration und des Ankommens, in der die Männer oft nur Randfiguren bleiben. Stattdessen richtet sich der Blick auf die innere Welt der Frauen, ihre Entscheidungen und die Spuren, die diese über Generationen hinweg hinterlassen.
Besonders hervorzuheben ist der ruhige, fein beobachtende Schreibstil der Autorin. Ohne große Dramatik, dafür mit viel Sensibilität beschreibt sie Beziehungen, Erinnerungen und unausgesprochene Sehnsüchte. Dabei entstehen eindrucksvolle Momentaufnahmen, die lange nachwirken.
Allerdings verlangt das gemächliche Erzähltempo Geduld: Spannung im klassischen Sinne sucht man vergeblich, und nicht jede Entwicklung wirkt stringent. Dennoch überzeugt der Roman als atmosphärisches Porträt einer Familie, in dem weniger das „Was passiert“ zählt als das „Wie es erzählt wird“. Ein stilles Buch, das vor allem durch seine Zwischentöne besticht.
Eternal-Hope
empfiehlt:





Das gute Leben
von Nadine Schneider
Die 22-jährige Anni lebt in den 1960er Jahren bei ihrer Mutter im Westen Rumäniens. Die Familie gehört der deutschsprachigen Minderheit an, der Vater hat sich im Krieg freiwillig der Wehrmacht angeschlossen und ist danach in Deutschland geblieben, der Bruder ebenfalls schon dorthin geflüchtet. Nun ist Anni auch noch schwanger und in Rumänien möchte sie nicht bleiben - "Ich will hier nicht sein!", denkt sie immer wieder - hier will sie ihr Kind nicht aufziehen, und so nützt sie das, was sie als letzte Gelegenheit ansieht, um ebenfalls nach Deutschland zu flüchten. Doch auch dort wird ihr Leben ein hartes sein: der Bruder hat selbst nicht viel und nimmt sie nur unwillig auf und sie muss sich als alleinerziehende Mutter durchschlagen, findet Arbeit am Fließband beim Quelle-Konzern und zieht daneben ihre Tochter Helene groß und später auch noch ihre Enkelin Christina, nachdem Helene sich in die USA davongemacht hat. In manchen Bereichen hat Anni auch Glück, so erbt sie vom Onkel ein Haus, doch insgesamt ist ihr Leben ein schwieriges.
Nicht unwesentlich trägt dazu neben den herausfordernden Umständen wohl auch ihre schwierige, verschlossene, harte, unerbittliche Persönlichkeit bei - ein Wesenszug, den sie vermutlich mit Tochter Helene teilt und der die Mutter-Tochter-Beziehung zusätzlich erschwert. Anni kümmert sich um das physische Wohlergehen ihrer Tochter, doch schafft sie es nicht, ihr ihre Liebe sonst so zu zeigen, dass es bei der Tochter ankommt. Die Tochter wächst also einsam bei ihrer viel arbeitenden, überforderten und kühlen Mutter in einer eher lieblosen Umgebung mit physischer Gewalt auf, wird später auf einen anderen Kontinent flüchten und ihrer Mutter Vorwürfe machen, sie hätte keine schöne Kindheit gehabt.
Auch Helene wird jung schwanger und schafft es vor diesem Hintergrund auch nicht gut, ihre Mutterrolle zu erfüllen, lässt wiederum ihre halbwüchsige Tochter Christina bei Oma Anni zurück. Zumindest zwischen der gereiften Anni und ihrer Enkelin entsteht eine liebevollere Beziehung und die beiden besuchen auch öfters miteinander die noch recht lange lebende Urgroßmutter Christinas, Annis Mutter, in Rumänien. So ist Christina schwer getroffen, als Oma Anni unerwartet mit 75 nach einer als unproblematisch angesehenen Operation verstirbt. Christina hätte gedacht, noch so viel Zeit mit ihr zu haben...
Es geht in diesem Buch also um vier Frauen einer Familie mit rumäniendeutschen Wurzeln. Männer spielen in diesem Buch nur sehr am Rande eine Rolle, es stehen klar die schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen vor dem Hintergrund der Suche nach einem besseren Leben im Vordergrund. Christina hat das Haus der Oma geerbt und nimmt sich Zeit für den Trauerprozess und um die Verlassenschaft zu ordnen, schaut Unterlagen durch, spricht mit dem noch lebenden Bruder der Oma und blickt auf ihre Zeit mit Anni zurück.
Mit Abstand am meisten erfahren wir über Anni und ihr Leben, wobei mir nicht vollständig klar wurde, wie sich Christina aus den wenigen Unterlagen und der doch recht verschlossenen Oma ein so umfangreiches Bild über deren Leben machen konnte. Jedenfalls war es aber eine interessante Geschichte.
Gerne hätte ich auch mehr über Helene erfahren, die nur sehr am Rande vorkommt: als Kind, für das Anni nicht viel sichtbare Liebe übrig hat, und später als bald in den USA lebende Mutter von Christina, mit der Christina gelegentlich in Kontakt ist, die sich aber sonst sehr der Verantwortung erzieht. Insgesamt ist Helene für mich als Persönlichkeit nicht sehr greifbar geworden. Auch Christina selbst erleben wir hauptsächlich in der Trauersituation und auf das Leben ihrer Oma zurückblickend, doch als Person ist sie mir nicht so wirklich nahe gekommen. Von der Urgroßmutter wiederum kann ich mich nicht einmal daran erinnern, dass überhaupt ihr Name erwähnt wurde, auch wenn sie im Kontakt mit Anni immer wieder vorkommt und dabei deutlich wird, von wem Anni diese Härte gelernt hat.
Im Zentrum steht also insgesamt klar das Psychogramm der als junge Frau ausgewanderten Anni, bei der es sich - wie schon angedeutet - um keine sehr sympathische Persönlichkeit handelt. Das zeigt sich nicht nur im Umgang mit ihrer Tochter, sondern auch darin, wie sie dem Vater des Kindes (obwohl dieser durchaus bemüht wirkt), nicht einmal die Chance gibt, gemeinsam eine Familie zu sein und regelmäßig Kontakt zu seiner Tochter zu haben, in Gewaltszenen gegenüber der Tochter und auch in reiferen Jahren noch im plötzlichen Fallenlassen einer jahrzehntelangen Freundin und treuen Weggefährtin wegen einer persönlichen Verletzung, für die diese nichts konnte.
Es handelt sich bei Anni also um eine sehr selbstbezogene, unreflektierte und unreife Persönlichkeit, die mit ihrem Verhalten viele andere Menschen verletzt, dafür kaum Einsicht zeigt und keine Verantwortung für die emotionalen Auswirkungen ihres Handelns auf andere Menschen übernimmt - was sicher auch ihrer Sozialschicht und der Zeit geschuldet ist, in der Fleiß, harte physische Arbeit und materieller Aufstieg im Vordergrund stehen, und es noch wenig Bewusstsein für emotionale Bedürfnisse gab. Dass Anni keine große Sympathieträgerin ist (jedenfalls für mich), macht aber natürlich das Buch nicht schlecht, denn solche Menschen gibt es und psychologisch ist Anni stimmig und tiefgründig gezeichnet.
Was die Hintergrundkulisse der Auswanderung aus Rumänien betrifft, so gibt es genug historischen und geographischen Kontext, um das Buch stimmig in diesem Zusammenhang zu verorten, auch wenn klar Annis Psychogramm und die Beziehungen zwischen den Frauen im Vordergrund stehen und nicht eine umfangreiche Vermittlung der Atmosphäre dieser Region. Wer sich aber tiefgründig für diese Region und die Situation der Deutschsprachigen dort interessiert, dem seien eher andere Bücher (z.B. von Iris Wolff) angeraten.
Es handelt sich insgesamt um ein solides und diskussionswertes Buch. Noch etwas gewonnen hätte es vielleicht dadurch, wenn wir neben Anni auch über Helene und Christina noch mehr erfahren hätten. Sprachlich hat es mir sehr gut gefallen, es hat eine charakteristische, unverwechselbare Sprache und eindringliche Metaphern. Insgesamt kann ich es jenen, die gerne Bücher über schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen lesen und mit unsympathischen Charakteren kein Problem haben, durchaus empfehlen.
MarcoL
empfiehlt:





Das gute Leben
von Nadine Schneider
Christine kommt zurück nach Nürnberg – sie hat das Haus ihrer Großmutter Anni geerbt. Und sogleich geht die Geschichte in einen Wechsel aus Gegenwart und Vergangenheit. Wie war das Leben von Anni, die damals aus Rumänien flüchtete um in Deutschland ein bessere Existenz finden zu können?
Anni zieht ihre Tochter und in weiterer Folge dann auch ihre Enkelin alleine auf, findet im damaligen Quelle-Versandhaus nicht nur einen Arbeitgeber, sondern sogar so etwas wie einen Rückhalt und Bestätigung für ihr Tun. Und dennoch, vor ihrem Rentenantritt müssen Stellen gekürzt werden …
Im Haus von Anni sucht Christine nach Erinnerungen. Nach einer (gemeinsamen) Vergangenheit – und nach der titelgebenden Frage: Was ist ein gutes Leben? Was benötigt man, um zufrieden und glücklich zu sein? Eine Frage, die natürlich jede*r anders beantworten wird. Dennoch baut Nadine Schneider diese Thematik geschickt in diese Familiengeschichte ein.
Rumänien war schon Schauplatz ihrer ersten beiden Romane, die ich sehr gerne gelesen habe. Nun dreht sich wieder eine kleine Familienchronik um das ehemalige Regime – um Flucht, aber auch sehr um Loslassen und um jene Plätze, die eine Heimat bedeuten können – für ein gutes Leben. Für viele ist das schon eine Arbeit und ein Dach über den Kopf ...
Die Erzählweise ist zweigeteilt, mal kommt Anni zu Wort, dann wieder Christine; die Übergänge sind manchmal fließend und nicht zu hundert Prozent eindeutig definierbar – was stilistisch auch auf eine enge Verstrickung der beiden Frauen hindeutet.
Die Worte kommen ruhig daher, die Geschichte plätschert leise dahin. Für meinen Geschmack manchmal zu sanft, da hätte ich mir vielleicht manchmal mehr „Knalleffekte“ gewünscht. Dennoch, der Roman lädt zum Nachdenken ein.
begine
empfiehlt:





Das gute Leben
von Nadine Schneider
Nadine Schneider schreibt in ihrem Roman, Das gute Leben, den Abschied nach dem Tod der Großmutter.
Christine erbt von ihrer Großmutter deren Hau. Die Großmutter Anne kam aus Rumänien und hat ihre Tochter und dann auch noch ihre Enkelin großgezogen.
Sie arbeitet als Packerin bei Quelle. Das war richtig nostalgisch, denn der Quellversand war führend.
Nach Annes Tod begreift Christine erst , was sie Anne alles verdankt.
Anne hatte es ziemlich schwer, als alleinerziehende Mutter, alles unter einen Hut zu bekommen.
So lange die Urgroßmutter in Rumänien noch lebte fuhren sie jedes Jahr zu ihr. Das ist so richtig schön plastisch beschrieben.
Die Autorin hat diese Geschichte realistisch mit wunderbarem Klang dargestellt.
Ich war von dem Roman total gefangen genommen und kann da nur eine gute Leseempfehlung geben.
Mabla59
empfiehlt:





Das gute Leben
von Nadine Schneider
"Das gute Leben" von Nadine Schneider ist ein wunderschönes Buch über die Entscheidungen im Leben, die Suche nach dem Glück und Selbstfindung.
In unglaublicher Leichtigkeit und doch in einer Intensität erzählt, die es einem schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen.
Erzählt wird die Handlung aus Sicht von Anni, die aus Rumänien flieht und ihr Glück in Deutschland sucht.
Und aus Sicht von Christina, Annis Enkelin, die bei ihrer Großmutter aufwächst und nach deren Tod Annis Haus erbt.
Nadine Schneiders Charaktere sind sympathisch, mit all ihren Schwächen, ihren Hoffnungen und der Suche nach dem Glück.
Bei der Lektüre hatte ich manchmal das Gefühl, in Annis Garten zu stehen und den Duft der Blumen zu riechen.
"Das gute Leben" ist ein Buch, das sich zwar leicht liest, mit Sicherheit aber Eindruck hinterlässt und einem zum Nachdenken veranlasst.
Ein Hingucker ist zudem das wunderschöne Cover, das meiner Meinung nach hervorragend zum Buch passt.
Sternzauber
empfiehlt:





Das gute Leben
von Nadine Schneider
„Das gute Leben“ von Nadine Schneider wird von einem Cover geziert, das mir sehr gut gefällt. Wenn man die Geschichte gelesen hat, weiß man, warum, die Weinblätter wunderbar zum Buchinhalt passen und ich bin sehr fasziniert von der Verflechtung dieser mit den Buchstaben des Titels, die für mich ein wunderschönes Bild ergeben. Und auch die Farbgestaltung ist für meinen Geschmack sehr gelungen.
Die Geschichte erzählt von Christina, die das Haus ihrer Großmutter erbt und so an den Ort zurück kommt, an dem sie aufgewachsen ist. Eigentlich möchte sie das Haus ausräumen, kann sich jedoch nicht dazu überwinden und taucht stattdessen in das Leben der Frauen ihrer Familie zwischen Rumänien und Deutschland ein.
Nadine Schneider schreibt diese Geschichte in gut lesbarer und flüssiger Sprache, ich muss jedoch leider gestehen, dass mich ihre Art der Erzählung zum Großteil nicht so wirklich berührt hat. Irgendwie bleibt die Handlung für mich in weiten Teilen auf Distanz und als Leserin war ich oft nur unbeteiligte Zuschauerin. Das ist wirklich schade, denn die Geschichte hat an sich viel Potenzial und auch wirklich gute Momente.
So richtig nah ist mir keine der vier Frauen während der Lektüre gekommen und doch haben mich die unterschiedlichen Leben - von der Urgroßmutter bis zur Enkelin – sehr interessiert. Nadine Schneider webt ein fein verknüpftes Bild der familiären und emotionalen Bindungen dieser Frauen und auch, wenn diese stark problembehaftet und wenig liebevoll sind, spürt man doch, wie sehr diese an den Protagonistinnen ziehen und zerren und wie sehr sich alle 4 nach Unterstützung, Verständnis, Zugehörigkeit und Liebe sehnen. In diesen Punkten hat es die Geschichte dann doch geschafft mich zeitweise zu erreichen.
Das Hauptthema ist sicherlich die Beziehung zwischen den verschiedenen Frauen einer Familie und dazu gehören hier auch Verlust (der eigenen Identität) und Zurücklassen, Trauer, Unzufriedenheit, fehlende Liebe und Zuneigung, Sprachlosigkeit, Orientierungslosigkeit, Sehnsucht und viele andere Gefühle. Die Geschichte ist sehr melancholisch und geprägt von der Verlorenheit der Figuren, was für mich im Rahmen der Handlung ein stimmiges Bild ergibt. Und ich mag es auch sehr, dass die Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen spielt, die wirklich gelungen miteinander verbunden sind.
Wie auch bei anderen Punkten, habe ich das Ende als ambivalent empfunden. Auf der einen Seite passt es gut zur Geschichte und endet mit einem passend gesetzten Punkt, auf der anderen Seite lässt es mich doch mit vielen Fragen zurück. Mein Empfinden zu diesem Buch ist für mich selber nicht leicht einzuordnen und irgendwie zwiespältig: Ich habe es einerseits gerne gelesen, würde es aber momentan nicht erneut zur Hand nehmen und fühle mich andererseits in einigen Punkten nicht so wirklich wohl damit… Daher vergebe ich 3,5 Sterne und wünsche euch viel Freude beim eigenen Entdecken!
