Kundenrezensionen von Eternal-Hope





Gemalte Feuer
von Eva Hegge
Schon die erste Szene des Buches setzt den Ton für die ganze Geschichte: die junge Frau Rebekka ist zu diesem Zeitpunkt noch Studentin, oft besucht sie die Bibliothek, um zu lernen und an ihrer Abschlussarbeit zu schreiben. Detailliert beschreibt sie jedes Detail dort, die Bücher, die Bibliothekarin, den Tag, an dem diese nicht da ist, sondern eine Aushilfe, den Tag, an dem die Bibliothekarin aufgewühlt wirkt und noch so einiges mehr. Viele Details, viel Atmosphäre, wenig voranschreitende Handlung. Aber dafür ein tiefer Blick ins Innenleben von Rebekka und wie sie die Welt wahrnimmt. Zu diesem Zeitpunkt träumt sie noch von einer strahlenden Zukunft, die sich dann nicht erfüllen wird.
Im weiteren Verlauf des Buches ist Rebekka fertig mit dem Studium und wünscht sich ein Kind. Sie ist in einer Beziehung mit Bernard, aber diese Beziehung wird nur am Rande erwähnt. Mehr Raum nimmt die Freundschaft zu Jenny ein, mit der Rebekka schon als Säugling gemeinsam auf einer Matte gelegen hat. Denn Jenny wird erfolgreich schwanger, einfach so, und Rebekka nicht. So beobachtet Rebekka weiter ihr Leben.
Auch beruflich hat sie es nicht zu viel gebracht: nach abgeschlossenem Studium im Literaturbereich kann sie dort nicht so wirklich Fuß fassen, macht nur nebenbei kleinere Aufträge im Bereich Lektorat, ansonsten arbeitet sie als Verkäuferin in einem Möbelgeschäft. Und beobachtet dabei die Welt und macht sich Gedanken über alles Mögliche. Geht zur Frauenärztin und in die Kinderwunschpraxis und wird und wird nicht schwanger, während Jennys Schwangerschaft voranschreitet.
Wie ich dieses Buch bewerten soll, habe ich länger überlegt. Am Anfang schienen mir viele Szenen viel zu belanglos, viel zu detailliert beschrieben, und ich spürte eine Ungeduld, weil die Handlung so gar nicht wirklich vorankam und so vieles erzählt wurde, das mich nicht wirklich interessierte.
Im weiteren Leseverlauf wurde mir bewusst, dass all diese Banalität des Alltags, all diese scheinbar unwichtigen Details wohl spiegeln sollen, wie es Rebekka mit der erfolglosen Kinderwunschbehandlung geht: der Alltag zieht weiter, es passiert dieses und jenes, es gibt keine großen, beeindruckenden Veränderungen im Leben, andere werden schwanger und sie wird einfach nur älter, aber hat keine wirklichen Erfolge vorzuweisen.
Dieses Gefühl schafft das Buch durchaus eindringlich zu vermitteln und kann damit einen Einblick darin geben, wie es sich vielleicht anfühlen kann, wenn sich all die eigenen Träume so gar nicht verwirklichen und man in keinem Lebensbereich merklich voranschreitet, das Gefühl hat, wenig unter Kontrolle zu haben und das Leben dabei weiter an einem vorbeizieht.
Insofern war das Buch für mich zwar kein großer Lesegenuss, aber psychologisch betrachtet durchaus ein interessantes Psychogramm einer Frau, die ein Problem hat, das gerade in der heutigen Zeit sehr viele betrifft.
Hier noch zwei Zitate, die ein bisschen zeigen, wie unsere Hauptfigur Rebekka so drauf ist:
"Ich verstand nicht, dass Musik der Feinheit und der Zartheit bedurfte. Zartheit war etwas, das mir widerwärtig schien, denn es hatte etwas mit Liebe zu tun. Ich hasste jedoch alles in dieser Richtung, und das leise, einfühlsame Spielen hätte Geduld und Genauigkeit erfordert, und so kam es mir gar nicht erst in den Sinn." (S. 80 im E-Book)
"Ich dachte an den alten grünen Fluss vor unserem Fenster. Er hatte in den letzten Jahren mehrmals im Jahr Hochwasser gehabt, es kam mir nicht so vor, als handelte es sich um einen vorbestimmten Kreislauf mit einem festen Rhythmus, mal kamen die Hochwasser im Winter, mal im Frühjahr, dann zweimal hintereinander im Herbst, und sogar im Sommer hatte es eins gegeben, das mehrere Wochen andauerte, im Jahr darauf jedoch gab es überhaupt kein Hochwasser, sondern ein langes Niedrigwasser während einer großen Hitze. Der Nil im alten Ägypten hingegen schien damals zu funktionieren wie ein Uhrwerk und war heilig. Er war der längste Fluss der Erde und floss schon seit dreißig Millionen Jahren in dieselbe Richtung. Die Magie heilte die Kranken und spendete Trost, wenn alles fehlschlug und ein Ausweg verschlossen schien." (S. 95 im E-Book)
Um dieses Buch zu genießen, sollte man sich also auf die Hauptfigur Rebekka und ihre Sicht auf die Welt einlassen können. Wenn man das einmal geschafft hat, ist es ein durchaus interessantes Leseerlebnis und ein Einblick in die Psyche einer jungen Frau. Empfehlen würde ich das Buch aber nur allen, die selbst gerade kein akutes Thema mit unerfülltem Kinderwunsch haben, denn viel Hoffnung zu diesem Thema vermittelt es nicht, sondern könnte vorhandene eigene Ängste und herausfordernde Gefühle nur noch verstärken.





Nach Hause kommen
von Per Petterson
Ich blicke auf die Lektüre dieses Buches zurück und fühle Entschleunigung und Ruhe. Ich sehe die skandinavischen Landschaften vor mir, durch die ein alter Mann fährt, als ihm plötzlich ein Reh vor das Auto läuft und verletzt wird. Atmosphärisch war ich die ganze Zeit tief drin im Buch, das zeigt, hier schreibt ein Autor, der sein Handwerk versteht. Doch zurück zur Geschichte...
Der alte Mann, sein Name ist Kasper, überlegt, was er tun soll und ist sich nicht ganz sicher, was das Richtige ist. Er wartet erst mal ab und dann passieren verschiedene Dinge. Manche seiner darauf folgenden Handlungen sind vielleicht auch etwas obskur. Denn Kasper ist eine etwas verschrobene Persönlichkeit, das wird schon hier, ganz am Anfang, spürbar.
So beginnt dieses Buch und gemeinsam mit dem alten Mann steigen wir in seine Erinnerungen ein, in die Erinnerungen vor über drei Jahrzehnten, als er noch ein viel jüngerer Mann war, verheiratet mit Inger, Vater zweier kleiner Kinder, in einer Fabrik arbeitend. Da gibt es Signe, in die er sich verliebt, was er seiner Frau auch erzählt, woraufhin diese ihn auffordert, Signe die Liebe zu gestehen. Es ist also keine heimliche Affäre und doch scheint sie Konsequenzen gehabt zu haben, die sich Kasper so nicht erwartet hätte. So wie überhaupt Kasper auf mich seltsam entfremdet wirkt von einem wirklichen Verständnis für die Menschen und insbesondere für die Frauen.
Die beiden Frauenfiguren, Inger und Signe, die Gattin und die Geliebte, bleiben seltsam blass und austauschbar. Zwar steigen wir mit Kasper in seine Vergangenheit ein, doch so wirklich verständlich wird das Geschehen aus der Rückschau für ihn wohl nicht... und damit auch für uns als Lesende nicht.
Vieles bleibt stückhaft und unverständlich, zwar erfahren wir so manches, was passiert ist und manches andere, das später vielleicht daraus resultierte oder sowieso passiert wäre, so genau wissen wir das nicht. Vielleicht durchaus ein Spiegel für das wirkliche Leben, das ja nicht immer so klare Kausalketten bereithält, wie wir Menschen das gerne hätten? Vielleicht ist genau das eine besondere Qualität des Buches, hier nicht zu suggerieren, alle Zusammenhänge wären so eindeutig erkennbar, zumindest im Nachhinein?
Interessant sind in diesem Buch besonders die vermeintlichen Nebenschauplätze: da gibt es eine fast tragische Szene am Fluss, was offenbart sie uns über Kaspers Reifegrad zu diesem Zeitpunkt? Da gibt es einen Busfahrer, dem Kasper sich sehr verbunden fühlt, fast fühlt sich diese Bekanntschaft, fast schon Freundschaft, näher an als die Beziehung zu seiner Frau und seiner Geliebten. Es gibt eine distanzierte Schwester, die früher eine Schutzfunktion für ihn hatte und über deren Leben er nicht wirklich viel weiß, eine weitere Frau, die eher blass bleibt. Es gibt Hinweise auf eine unglückliche Kindheit, und es gibt einen treuen, lebenslangen Freund.
In Summe habe ich den Eindruck, diesem Kasper sind Männer näher als Frauen, ohne sich erotisch zu ihnen hingezogen zu fühlen. Freundschaft und Kameradschaft mit Männern, das scheint etwas zu sein, was ihm liegt und verständlich ist, mehr als die mysteriösen Frauen, mit denen er zwar eine Beziehung oder Affäre haben kann, die ihm aber wohl doch etwas Fremdes und Rätselhaftes bleiben, und deren Gekränkt-Sein, wenn es sich mal zeigt, ihn erstaunt zurücklässt?
Ja, wenn ich so zurückdenke an dieses Buch, dann liegt durchaus viel Tiefsinnigkeit darin. Viel, über das man nachdenken, diskutieren, nachspüren und nachsinnen kann. So einiges, was im Unklaren bleibt, vermutlich beabsichtigt. Es ist ein Buch für jene, die sich von einer guten Lektüre keine Eindeutigkeit erwarten, sondern auch das bis zum Ende nicht ganz Verständliche und das Lückenhafte - ein Spiegelbild für das Leben - gut aushalten und vielleicht sogar genießen können.





Jung, jüdisch, wütend
von Hanna Veiler
Hanna Veiler wurde 1998 in einer jüdischen Familie in Belarus geboren und ist als kleines Mädchen im Jahr 2004 gemeinsam mit ihren Eltern im Rahmen des Aufnahmeprogramms für jüdische Kontingentflüchtlinge aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Sie engagiert sich in verschiedenen jüdischen Initiativen sowie für die Grünen, und war Vorsitzende der Jüdischen Studierendenunion JSUD.
In diesem sehr persönlichen und mutigen Buch zeigt die Autorin auf, mit welchen großen Hoffnungen auf ein gutes und sicheres Leben nicht nur ihre Familie, sondern viele weitere jüdische Menschen in den 1990er und 2000er-Jahren nach Deutschland gekommen sind und wie sie schrittweise immer mehr desillusioniert wurden. Nicht nur gab es von Anfang Diskriminierung, Ausgrenzung und Vorurteile und die oft hohen akademischen Qualifikationen der Eingewanderten - sie selbst ist etwa aus einer Ärztefamilie - wurden nur schwierig anerkannt, sodass viele sehr lang weit unter ihrer Qualifikation arbeiten mussten. Auch das Versprechen des deutschen Staates, gerade aufgrund seiner historischen Schuld, jüdische Menschen ganz besonders zu schützen, scheint immer brüchiger zu werden.
Dazu hat die Autorin in ihrer Position als Vertreterin jüdischer Studierender viele Geschichten mitbekommen und schreibt selbst dazu: "Ich habe viele Studierende getroffen, die mir gesagt haben, dass sie sich nicht mehr sicher sind, ob sie noch ein politisches Zuhause haben und ob sie überhaupt ein Zuhause haben, eine Gegenwart und eine Zukunft in Europa." (S. 26)
Noch einmal verschlimmert hat sich das Ganze nach dem 7. Oktober 2023, als die Hamas Israel überfiel und viele Menschen - junge Menschen, die auf einem Festival getanzt hatten, ältere Menschen in einem Kibbuz, Wehrpflichtige, aber sogar auch Kinder und Babys - verschleppt, gefoltert, gefangen gehalten und brutal ermordet wurden.
Während für jüdische Menschen eine Welt zusammenbrach, hatte die Autorin den Eindruck, dass viele Deutsche in ihrer Umgebung davon seltsam unberührt waren, es wenig Empathie und Solidarität gab und sich sehr bald insbesondere links eingestellte Menschen einseitig mit den Palästinensern solidarisierten, was Juden und Jüdinnen, von denen viele sich bisher auch der linken Szene zugerechnet hatten, politisch noch einmal mehr heimatlos machte.
Es ist an vielen Stellen verständlicherweise ein sehr wütendes Buch, aber dadurch auch ein sehr energetisches und lebendiges. Man spürt, dass der Autorin ihr Anliegen wichtig ist und sie hofft, damit viele Menschen zu erreichen, für wieder mehr Empathie gegenüber Jüdinnen und Juden und für einen Dialog: "Lebendige Jüdinnen:Juden sind unbequem. Das habe ich in diesem Buch bereits geschrieben, und ich werde es weiter schreiben, bis es verstanden wird. Wir stellen Fragen. Wir widersprechen. Wir erinnern. Wir fordern. Wir lassen uns nicht mehr nur betrauern. Genau darin liegt für viele Menschen das Problem. Für tote Jüdinnen:Juden kann man Kränze niederlegen. Mit lebendigen Jüdinnen:Juden muss man sprechen. Genau dieses Sprechen müssen wir wieder lernen." (S. 116)
Mich hat dieses Buch sehr berührt und betroffen gemacht und ich wünsche der Autorin und ihrem berechtigten Anliegen, dass es viele Menschen erreicht und genauso wie mich zum Nachdenken bringt.





Ein Kind ist ein Kind
von Bellinda Baum
Mein Mann und ich sind Eltern eines Kindes und wahrscheinlich wird es auch bei diesem einen Kind bleiben. Beide sind wir mit mehreren Geschwistern aufgewachsen und kennen es also nicht aus eigener Erfahrung, wie es ist, ein Einzelkind zu sein. Da macht man sich schon so einige Gedanken, ob es dem Kind schadet, kein Geschwisterchen zu haben, und auch aus dem Umfeld kommen immer wieder neugierige Fragen zu dem Thema.
Ich habe also in den letzten Jahren immer wieder aktiv nach Büchern zum Thema Einzelkindeltern gesucht und auch schon einige andere gelesen, aus denen ich mir durchaus das eine oder andere mitnehmen konnte. So überzeugt wie dieses Buch von Bellinda Baum hat mich aber noch keines.
Dieses Buch ist einfach bestärkend, wertschätzend und wertvoll, von der ersten bis zur letzten Seite! Es hat einen klaren Fokus und dabei geht es ausschließlich darum, als Familie mit einem einzigen Kind zu leben (und es wird nicht, wie in manchen anderen Werken, zwischendurch dann doch die Frage gestellt, ob man nicht mehr Kinder kriegen sollte und welche Vorteile das haben könnte).
Schon vom ersten Abschnitt "Klarheit als Einzelkind-Familie bekommen" habe ich mich sehr abgeholt gefühlt: man wird aktiv dabei begleitet, die eigene Entscheidung zu reflektieren und dahinter zu stehen. Verbreitete Glaubenssätze zum Standard der 2-Kinder-Familie werden hinterfragt. Es geht darum, wie man einen eventuellen weiteren, unerfüllten, unerfüllbaren oder einseitigen, Kinderwunsch gut loslassen, einer eventuellen Traurigkeit begegnen und Frieden mit der eigenen Familiensituation finden kann.
Am Ende des Kapitels hatte ich das gute Gefühl, dass wirklich jede Familienform ihre Vor- und Nachteile hat und dass es um nichts schlechter ist, ein Kind zu haben, im Vergleich zu einer Familie mit mehreren Kindern, es ist einfach etwas anderes und hat ebenfalls viele Vorzüge, auch für das Kind.
Schön finde ich auch, dass in das Buch diverse Gastbeiträge eingebaut sind, meist kurze Interviews mit Menschen mit eigenen Erfahrungen zum Thema Kinderwunsch und Ein-Kind-Familie, oft auch ergänzt durch Links zu deren Instagram-Profilen oder Podcasts zum Reinhören. Das macht das Buch noch einmal persönlicher und vielperspektivischer.
Auch die wissenschaftliche Perspektive fehlt nicht und es wird zum Beispiel auf Studien eingegangen, die gängige Vorurteile zu Einzelkindern widerlegen und außerdem herausgefunden haben, dass gerade Einzelkinder von der intensiven Eltern-Kind-Beziehung sehr profitieren, meist sozial angepasst, integriert und emotional stabil sind sowie Kindern mit Geschwistern in den Bereichen Leistungsorientierung, Intelligenz, Bildungsgrad und Verantwortungsbewusstsein oft voraus: klare Studienergebnisse, die überwiegend in der Allgemeinbevölkerung noch nicht sehr bekannt sind.
Im Mittelteil des Buches, der auch den größten Umfang hat, gibt es praxisorientierte Hilfestellungen für herausfordernde Situationen im Alltag als Einzelkind-Familie. Hier werden einzelne Sätze, die Einzelkindeltern oft entgegengeschleudert bekommen, analysiert und Ideen für schlagfertige Antworten und hilfreiche Neueinordnungen gegeben.
Es wird jeweils eine Situation geschildert, das dahinterliegende Problem und der theoretische Hintergrund analysiert und dann mögliche Lösungen aufgezeigt, wie man auf Sätze wie "Ein Kind ist kein Kind", "Na wann kommt denn bei euch das zweite Kind?", "Du gehst in deiner Mutterrolle einfach nicht so auf" etc., die Einzelkindeltern erst einmal sehr treffen können, wertschätzend und empathisch, dabei aber auch die eigenen Grenzen und den eigenen Standpunkt klar aufzeigend, reagieren kann.
Ich finde es großartig, wie es der Autorin hier gelingt, eine Brücke zu bauen zwischen Für-sich-selbst-einstehen und dennoch in Verbindung bleiben: die vorgeschlagenen Lösungen und Antworten sind überwiegend freundlich, ziehen aber eine klare Grenze, sodass sie dabei unterstützen, die eigene Position zu bestärken und die andere Seite zum Nachdenken anzuregen.
Sehr gut gefallen hat mir auch das letzte große Kapitel zum Leben als Ein-Kind-Familie, das auch viele inspirierende Tipps gibt, zum Beispiel dazu, sich jeweils zu überlegen, was an dem heutigen Tag möglich war genau dadurch, dass es in dieser Familie eben dieses eine Kind gibt und nicht mehrere. Oder bewusst zu sagen: "Wir haben ein Kind" statt "Wir haben nur ein Kind".
Toll finde ich auch die Listen zu den vielfältigen Vorteilen davon, ein Kind zu haben, und zwar nicht nur für die Eltern, sondern auch für das Kind, das dadurch oft zu Hause eine viel entspanntere, ruhigere Atmosphäre genießen kann, nicht mit Geschwistern verglichen wird, oft eine engere Beziehung zu den Eltern hat und vieles mehr.
Auch optisch ist das Buch wunderschön gestaltet und übersichtlich strukturiert, mit Einleitungen, Überleitungen, praktischen Übungen und Zusammenfassungen der wichtigsten Punkte. Es ist ein bestärkendes und inspirierendes Begleitbuch für Ein-Kind-Eltern, das man sicherlich nicht nur einmal durchliest, sondern immer wieder mal zum Nachschlagen zu Rate zieht, wenn man gerade Bestärkung braucht. Von Herzen vielen Dank für dieses wunderbare Buch!





Normal war nie der Plan
von Angelina Boerger
"Normal war nie der Plan" ist nach "Kirmes im Kopf" das zweite Buch der Journalistin und Autorin Angelina Boerger, die sich selbst als neurodivergent beschreibt und nach eigenen Angaben ADHS hat. Auch dieses Buch ist grundsätzlich ein persönliches, in dem die Autorin so einiges aus ihrer eigenen Wahrnehmung und Lebensgeschichte teilt. Einen noch größeren Teil nimmt aber die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Neurodiversität insgesamt ein, sodass das Buch in vielen Bereichen mehr unterhaltsames, informatives Sachbuch als persönliches Memoir ist (was seine Qualität nicht mindert).
Die Autorin nimmt sich ausführlich Zeit, zu erklären, wie es in den letzten Jahrzehnten zur Entwicklung des Konzeptes der Neurodiversität kam, warum ein einzelner Mensch neurodivergent, aber nicht neurodivers sein kann (denn letzteres können nur mehrere Individuen zusammen sein) und wie sich in der Geschichte der Medizin, Psychologie und Psychotherapie das Bild auf nicht in die gesellschaftliche Norm passende Menschen entwickelt und gewandelt hat.
Auch die sehr unschönen Entwicklungen der Vergangenheit, mit furchtbaren Bedingungen in Psychiatrien, Zwangssterilisationen und Ermordungen als abweichend wahrgenommener Menschen in der NS-Zeit usw. werden ausführlich beschrieben, ebenso wie die Antipsychiatrie-Bewegung der Zeit danach, die Entwicklung des ersten DSMs zur medizinischen Erfassung auch psychischer Besonderheiten und die Weiterentwicklung neuerer Versionen davon, hin zu einem differenzierten Blick, der nicht ausschließlich rein medizinisch und krankheitsfokussiert ist, sondern auch die Ressourcen in den Blick nimmt.
In weiten Teilen ist es also auch eine historische, soziologische, kapitalismuskritische und medizingeschichtliche Perspektive, die hier gezeigt wird.
Dabei kommt insgesamt eine ressourcenorientierte und positive Perspektive auf Neurodiversität nicht zu kurz: es wird gezeigt, wie in einer Population Vielfalt ein Vorteil sein kann, sowohl für die Population, als auch für das Individuum. Überlegt wird auch, was uns fehlen könnte ohne neurodivergente Menschen, beispielsweise sind Menschen mit ADHS oft besonders abenteuerlustig, neugierig und kreativ und Menschen im Autismus-Spektrum können sich durch Eigenschaften wie besondere Ehrlichkeit, Genauigkeit, fokussiertes Arbeiten und vieles mehr auszeichnen. Am Schluss wird auch noch darauf eingegangen, wie wir eine Welt gestalten könnten, die den individuellen Bedürfnissen aller mehr gerecht wird, sodass alle Menschen glücklicher leben und ihre Potentiale entfalten können.
Ich kann das Buch allen, die sich für das Thema Neurodiversität und Geschichte des Umgangs mit vermeintlicher psychischer Normalität und den Abweichungen davon interessieren, und gerne Sachbücher lesen, sehr empfehlen, es ist in dieser Hinsicht sehr interessant und lehrreich geschrieben. Wer sich hingegen rein einen persönlichen Erfahrungsbericht zum täglichen Umgang mit der eigenen Neurodivergenz wünscht, für den sind vielleicht andere Werke geeigneter.





Unwahrscheinliche Freundschaften
von Isabel Schayani
Isabel Schayani ist eine Journalistin mit deutsch-iranischen Wurzeln. Passend dazu, dass sie dadurch selbst eine Brücke zwischen zwei Kulturen ist, hat sie für dieses Buch sechs berührende Geschichten über unwahrscheinliche Freundschaften zwischen jeweils zwei Menschen, die in politischen Konflikten auf unterschiedlichen Seiten stehen, recherchiert. Zuerst geht es um sie selbst und ihre Freundschaft mit einem AfD-Anhänger, dann um eine Israelin und einen Palästinenser, die beide nahe Angehörige im Konflikt verloren haben, aber sich davon nicht ihre Freundschaft nehmen lassen.
In weiteren Geschichten geht es um eine iranische Baha'i, die im Iran von Muslimen verfolgt wurde und diesen in Deutschland, als sie versehentlich in einem muslimischen Sprachzentrum landet, erst wieder zu vertrauen lernen muss. Oder um eine junge Frau, die aus der Ukraine geflüchtet ist und sich auf einmal ideologisch auf der anderen Seite als ihre eigenen Eltern befindet, die sich von russischer Propaganda stark beeinflussen lassen. Der Kontakt bleibt bestehen, doch am Telefon kann man nicht ehrlich miteinander reden, zu groß ist die Angst, dass die Eltern abgehört und für ein falsches Wort verfolgt werden könnten.
Weiter geht es mit einem gemischten republikanisch-demokratischen, interkulturellen Freundeskreis alter Männer in den USA und mit einem muslimischen Bosniaken, dessen Onkel im Balkankrieg von den Serben getötet wurde und der sich dann doch mit einer serbischen Friedensaktivistin nah anfreundet.
Im Epilog finden sich noch hilfreiche Ideen zur Verbindung mit Menschen der anderen Seite in herausfordernden Zeiten.
Das Buch liest sich schnell und leicht zwischendurch, jede der Geschichten braucht nur wenige Minuten Lesezeit. Emotional wirken die wahren und berührenden Geschichten aber umso stärker nach und sind ein leidenschaftliches Plädoyer für Toleranz, Offenheit und Verbindung zwischen verschiedenen Seiten und für die Kraft der Verbindung, des sich füreinander Interessierens und offen Zuhörens, das ich gerade in so herausfordernden Zeiten wie jetzt allen Menschen nur wärmstens empfehlen kann.





Die Rückkehr zur Hütte
von William Paul Young
Vor fast zwanzig Jahren ist William Paul Youngs erstes Buch “Die Hütte - ein Wochenende mit Gott” erschienen. Ich habe es damals gelesen und war sehr beeindruckt von dem modernen Gottesbild. Inhaltlich geht es um einen Mann, der verzweifelt ist und mit allem hadert, nachdem seine jüngste Tochter Missy verschleppt und ermordet wurde und der dann in einer Art inneren Vision in einer Hütte Gott Vater, Sohn und dem heiligen Geist begegnet, in unkonventionellen Gestalten, und Inspiration und Heilung erfährt. Ich habe damals die kurzweilige, moderne Schreibweise und den unkonventionellen, frischen Ansatz sehr gemocht und einige gute Gedanken mitnehmen können.
Dieses Buch will nun die Fortsetzung davon sein. Es sind zehn Jahre seit Missys Ermordung vergangen, gerade haben die immer noch trauernden Eltern Mac und Nan anlässlich ihres 16. Geburtstages an die verstorbene Tochter gedacht, voneinander haben die beiden sich entfremdet. Da wird Mac vom FBI kontaktiert: der Mörder ihrer Tochter sitze in der Todeszelle und wolle Mac gerne kennen lernen und 10 Stunden mit ihm verbringen, denn er frage sich immer noch, wie er damals überführt werden konnte. Im Austausch für Macs Einwilligung sei er bereit, offenzulegen, wo er die Leichen weiterer ermordeter Mädchen versteckt habe, sodass deren Angehörige endlich Frieden könnten.
Soweit zur Rahmengeschichte, die im Zentrum des Buches steht. Leider dauert es gefühlt das halbe Buch, bis wir überhaupt im Gefängnis ankommen. Davor gibt es unzählige eher uninteressante Nebenhandlungen, die in allen Details geschildert werden. Und selbst, als es um die Begegnung mit dem Mörder im Gefängnis geht, werden die an sich durchaus interessanten Gespräche immer wieder durch längere Pausen und einen Tag ohne Kontakt unterbrochen. Insgesamt bestand für mich dieses Buch also zu etwa 80 bis 90 Prozent aus Füllmaterial, das mich nicht wirklich überzeugen konnte.
Auch psychologisch geht es mir nicht tief genug: die Entfremdung zwischen den trauernden Eheleuten wird nur eher am Rande behandelt, die übrigen vier erwachsenen Kinder kommen abseits von einer eher klischeehaft mit Alkoholismus kämpfenden älteren Tochter kaum vor. Und selbst die Begegnung mit dem Mörder war für mich ziemlich klischeehaft. Somit überzeugen die Figuren nicht unbedingt durch Tiefe, und auch der Schreibstil war nicht wirklich mitreißend.
Bleibt die religiös-spirituelle Komponente: auch diese habe ich im Vorgängerwerk deutlich stärker wahrgenommen. Es gibt noch einige Begegnungen mit den drei Facetten Gottes und ein durchaus interessantes Gespräch zu Parallelen zum Gottesbild und zur Beziehung zu Jesus/Isa im Islam, aber insgesamt ist auch dieser Teil weitaus schwächer als im Vorgängerbuch. Positiv zu erwähnen ist, dass das Buch zum Nachdenken über die Sinnhaftigkeit und Verhältnismäßigkeit der Todesstrafe in den USA anregt. Hier spürt man, dass der Autor sich mit diesem Thema tiefergehend auseinandergesetzt hat, was er auch im Nachwort dann erzählt.
Insgesamt ist es ein nicht sonderlich unterhaltsames und literarisch nicht besonders gut geschriebenes Buch, aus dem man aber bei Interesse ein paar spirituell-religiöse Botschaften mitnehmen kann.





Die Rückkehr zur Hütte
von William Paul Young
Luzia wächst im "Haus" auf, einem Schutzhaus für Menschen, die selbstgewählt ihre Beziehungen jenseits der Normen des gesellschaftlichen Mainstreams gestalten wollen, bewacht von den "Unsichtbaren", freundlichen Schutzgeistern. Luzia hat zwei Mamas und zwei Papas: einerseits die Freundinnen Mama Charlotte und Mama Lena, andererseits das schwule Männerpaar Jerome und Paul, und von wem sie biologisch abstammt, weiß sie gar nicht, lange hat das auch keine Bedeutung für sie. Alle Erwachsenen teilen sich Erwerbsarbeit und Care-Arbeit solidarisch und je nach ihren individuellen Möglichkeiten.
Dazu leben noch wechselnde andere Menschen im Haus: "Blue Boy", ein junger Mann mit einer wahrscheinlich tragischen Hintergrundgeschichte, Henrika, die mal ein Henrik war, ein paar weitere Kinder und ältere Menschen, die das Haus vor einigen Jahrzehnten ursprünglich als Schutzraum vor Männergewalt gegründet haben. Und dann gibt es Menschen, die Luzia erst einmal von außen begegnen, etwa Marle, die mit ihrer Zirkusfamilie vor kurzem zugereist ist, als Luzia eine Jugendliche ist, Somi, die sie später kennen und schätzen lernt, oder Menschen aus dem Theaterumfeld, in dem die erwachsene Luzia ihre eigenen, feministischen Stücke inszenieren wird.
Es ist ein freies und unkonventionelles Leben, das die Menschen im Haus da führen, doch auch nicht frei von Bedrohungen von außen, etwa, wenn mal wieder das Jugendamt kommt und wissen will, wie genau die Partnerschaften und Familienverhältnisse hier nun aussehen würden, aber auch nicht von Zerrüttungserscheinungen im Inneren. Manche tragen eine seelische Last, die schwerer ist, als sie dauerhaft aushalten können. Manche sehnen sich nach mehr Rückzug und Individualität, oder doch nach einer klassischen heterosexuellen Paarbeziehung.
Was hält zusammen, wenn alles zu zerbrechen droht? Sind Familie die, die füreinander Verantwortung übernehmen und einstehen, unabhängig von Blutsverwandtschaft oder Heirat? Was passiert, wenn sich etwas daran ändert?
Ich habe die Geschichte als Hörbuch, einfühlsam, nuanciert und abwechslungsreich gesprochen von drei talentierten Sprecherinnen, gehört, und kann es auch in dieser Form sehr empfehlen.
Mareike Fallwickl ist mit diesem Hörbuch ein unkonventionelles, sprachgewaltiges, sensibel erzähltes, vielschichtiges und differenziertes Meisterwerk innovativer Erzählkunst gelungen. In diesem Haus wird ein Miteinander fühlbar, das so für die meisten Menschen bisher nur eine weit entfernte Utopie oder Dystopie ist (je nach individuellem Standpunkt). Besonders gefällt mir, dass nichts klischeehaft ist und auch die Menschen in diesem Haus ganz einfach Menschen sind... keine Heiligen, keine perfekten Ideale, sondern Menschen mit ihren Besonderheiten, Liebenswürdigkeiten und Unzulänglichkeiten.
Auch Freundschaften können Härteproben ausgesetzt sein und auch queere Beziehungen können sich neuordnen oder gar zerbrechen und das alles hat Auswirkungen auf alle Beteiligten und ganz besonders auf involvierte Kinder... so wie in heterosexuellen Beziehungen auch. Und doch ist bei all dem, was auch schwer ist, in der Vergangenheit, die ihre langen Schatten bis in die Gegenwart wirft, genauso wie in der jeweiligen Gegenwart, so viel Liebe spürbar, so viel Verbundenheit, so viel Hoffnung, Füreinander-Einstehen und Miteinander.
Zeitlich springt das Hörbuch zwischen verschiedenen Zeiten hin und her, mal sind wir in der Gegenwart, dann wieder in Luzias Kindheit oder Jugend oder noch früher in der Zeit, in der das Haus gegründet wurde, vor Luzias Geburt.
Im Mittelpunkt der meisten Szenen steht Luzia, als im Haus geborenes und aufgewachsenes Kind, das dadurch so selbstverständlich mit einem anderen, neuen und selbstbewussteren Blick auf die Welt schaut als viele andere und sich weniger gefallen lässt: weder von Jugendcampleitungen, die Bodyshaming oder das Bloßstellen von Jugendlichen im Rahmen von pseudolustigen Teamspielen als normal ansehen noch diktatorische und misogyne Praktiken eines selbstherrlichen, machtbesessenen Theaterregisseurs in ihrem ersten Praktikum nach der Schule. Da zeigt sich: das Haus hat dazu beigetragen, aus Luzia eine selbstbewusste, eigenständig denkende und mutige junge Frau zu machen, die für sich und ihre Werte und Prinzipien, aber auch für Gerechtigkeit und andere Menschen einzustehen vermag.
Insgesamt ist "Haltet euch fest" eine spannend erzählte Geschichte, die gleichzeitig dafür sensibilisieren will, vieles von dem, was wir als "normal" anzusehen gelernt haben, zu überdenken, zum Beispiel:
- Warum räumen wir romantischen Beziehungen immer automatisch so einen Vorrang vor Freundschaften ein, wenn es um die Wahl unseres Wohnortes, unsere zeitlichen und finanziellen Ressourcen und vieles mehr geht?
- Warum wird eine Frau mit zehn guten Freundinnen, aber ohne romantischen Partner, von der Gesellschaft oft als einsamer betrachtet als eine Frau in einer Beziehung, aber ohne Freundschaften?
- Werten wir Freundschaften ab, wenn wir nach dem Ende einer Beziehung von "Freunde bleiben" sprechen? So als ob eine Freundschaft weniger Bedeutung hätte als eine romantische Beziehung?
- Wenn wir davon sprechen, dass Kleidung vorteilhaft sei, wessen Vorteil meinen wir? Doch selten den der Trägerin und so gut wie nie geht es darum, sich darin besonders wohlzufühlen? Was macht es mit uns, wenn wir schon früh darauf trainiert werden, dass es wichtiger sei, wie wir aussehen, als wie wir uns fühlen?
- Wie können wir friedlichere, freundschaftlichere Gesellschaftsmodelle gestalten und wie gehen wir damit um, wenn auch diese ihre Unzulänglichkeiten haben, so wie alles?
- Wo beginnen Utopien, wo enden sie und wo gibt es Hoffnung für positive Veränderung?
Ja, es ist ein wichtiges, mutiges, unkonventionelles Hörbuch. Eines, das genauso unterhält wie tief berührt und weiterbildet, zum Mitfühlen und Nachdenken anregt. Aber auch eines, das Konzentration braucht, gerade aufgrund der vielen Zeitsprünge und das deshalb in konzentrierten Momenten gehört werden sollte... es eignet sich weniger als manch andere Geschichten dazu, nebenbei etwas anderes zu tun, zu viel Relevantes ist sonst schnell verpasst. Wer sich beim Hörbuch-Hören also nicht so ganz konzentrieren kann oder will, der greife lieber zur Printausgabe.
Jedenfalls kann ich es all jenen Lesenden, die offen für queere Beziehungen, unkonventionelle Lebensweisen und erfrischende neue Gedanken dazu sind, sehr empfehlen.





Wo sind all die Nazis geblieben?
von Bodo Fischer; Satu Fischer-Kongtso
Wenn ich versuche, mich für die Rezension nun nach der Lektüre dieses Buches wieder emotional mit der Handlung zu verbinden, bin ich sofort wieder tief berührt... so tief, dass mir fast die Worte fehlen, um es zu beschreiben. Ich habe, wie wohl die meisten Menschen im deutschsprachigen Raum, schon viel über die schreckliche NS-Zeit gehört und gelesen, aber dennoch kann auch ein weiteres Schicksal, so wie das von Bodo Fischer, der hier gemeinsam mit seiner Tochter Satu Fischer-Kongtso seine Geschichte erzählt, sehr betroffen machen.
Umso mehr, als es hier erst einmal um einen kleinen Jungen geht: der kleine Bodo wird Ende 1935 geboren, als unehelicher Sohn einer sich kaum kümmernden deutschen Mutter, die ihn erst einmal ins Waisenhaus gibt, und eines ihm unbekannten deutschen Juden. Sein Glück im Unglück ist, dass er nicht einige Monate später geboren wurde, sonst hätte er für das NS-Regime als "Volljude" gegolten und wäre viel früher und noch härter verfolgt worden, als es so geschehen ist.
Aus dem Waisenhaus gerettet wurde er von seinem Großvater mütterlicherseits, einem durchaus liebevollen Mann, für den Leistung und Glaube die wichtigsten Prinzipien im Leben waren. Mit diesem verbrachte er schöne Sonntage - an allen anderen Tagen musste der Großvater viele Stunden arbeiten und war nicht verfügbar - während er von der kaltherzigen, harten Großmutter beschimpft und abgelehnt wurde. Die Kinder auf der Straße beschimpften ihn, in der Schule wurde er diskriminiert und einige Male ist er nur ganz knapp mit dem Leben davongekommen, wurde zwei Mal vom Großvater gerettet, der sich auch in den letzten Kriegswochen mit ihm in der Natur versteckte, als man den Jungen holen kommen wollte.
So zeichnet der Autor gemeinsam mit seiner Tochter, der Co-Autorin, deren Beitrag zum Buch leider nicht klar abgrenzbar ersichtlich ist (das hätte man zum Beispiel in einem Vorwort oder Nachwort ein bisschen erklären können) ein differenziertes und bedrückendes Bild nicht nur seiner Kindheit in der NS-Zeit, sondern auch der Nachkriegszeit und seines Lebens danach. Es begegnen uns viele ambivalente Gestalten: die harte Großmutter, die aber immerhin den "Bastard" ihrer Tochter, deren Verhalten sie so verurteilt, auf Weisung ihres Mannes bei sich duldet, ein Lehrer, der überzeugter NS-Anhänger war und doch den halbjüdischen Jungen fördert und noch so einige weitere.
Dadurch entsteht ein facettenreiches und anschauliches Bild des Lebens in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Nicht nur die Grausamkeiten dieser Zeit werden ersichtlich, sondern auch einzelne Akte der Gnade und Güte, etwa, wenn jemand kommt, um die Familie zu warnen, dass sie nun in den letzten Tagen noch den Jungen verstecken müsse, da dieser sonst abgeholt werde.
Eindringlich beschreibt der Autor auch die Ideologie der damaligen Zeit und wie sie danach noch lange nachwirkte: mit Originalzitaten wird gezeigt, wie es darum ging, alles Sensible und Empfindsame - dieses wurde als schwach angesehen - aber auch alle größeren intellektuellen Bestrebungen - diese wurden den Juden zugeschrieben und damit abgewertet - in den Kindern und Jugendlichen auszumerzen, um sie zu willigen, Befehle ausführenden, nichts hinterfragenden Soldaten zu formen. Gezeigt wird auch, wie sich diese Ideologie, deutlich sichtbar auch im einflussreichen und weitverbreiteten Buch der Lungenärztin Haarer zum Thema Kindererziehung, noch zum Teil bis in die 1980er Jahre halten konnte und die Gesellschaft nachhaltig traumatisierte mit Bindungsstörungen, die bis heute in die Gesellschaft nachwirken.
Somit geht die Botschaft des Buches weit über eine individuelle, berührende Lebensgeschichte hinaus und macht noch einmal auf neue Weise sichtbar, wie Ideologie und das alltägliche Leben der Menschen miteinander verflochten sind, und wie menschenverachtende Gedankenkonstrukte noch lange nach deren offiziellem Ende nachwirken und die gesellschaftlich auf Generationen prägen.
Interessant war für mich auch zu lesen, welche Bemühungen die Alliierten hatten, um die deutsche Nachkriegsgesellschaft grundlegend umzugestalten und dass in diesem Rahmen etwa auch eine umfassende Reform des deutschen Schulsystems geplant war, samt einer gemeinsamen Schule für alle Kinder statt früher Trennung, um "eine kulturelle Gemeinschaft aus Gleichen zu schaffen" und Elitedünkel auf der einen und Minderwertigkeitsgefühlen auf der anderen Seite vorzubeugen. Doch letztens scheiterte dieses Unterfangen zumindest in den westlich besetzten Bundesländern der späteren DDR an massiven Widerständen von konservativer Seite aus.
Das sind nur ein paar Beispiele dafür, wie viel man in diesem Buch auch wie nebenbei über die Kriegs- und Nachkriegszeit lernen kann. Trotz intensiver Beschäftigung mit diesem Thema habe ich also noch vieles Neues erfahren, und das war eingebettet in eine berührende und beeindruckende Lebensgeschichte. Gegen Ende des Buches geht es auch noch um die Auseinandersetzung des Autors mit seinen jüdischen Wurzeln (auch wenn er nie in jüdischer Tradition erzogen wurde), Reisen nach Israel und auch den aktuellen Konflikt dort.
Insgesamt ist es ein trotz seiner relativen Kürze von unter 200 Seiten informationsreiches und packend erzähltes Buch, das ich sehr gerne gelesen habe, das mich keine Sekunde gelangweilt hat und das ich allen Menschen, die sich für Zeitgeschichte und für die langen Nachwirkungen vergangener Geschehnisse bis in die Vergangenheit interessieren, sehr empfehlen kann.





Frag die Oma - das Kochbuch
von Renate Kaufmann
Wer gerne klassische österreichische Hausmannskost nachkochen möchte und vielleicht selbst gute Erinnerungen an solche Rezepte aus der eigenen Kindheit hat, wird mit diesem Buch seine Freude haben. Die Oma und Instagram-Influencerin Renate Kaufmann teilt hier ihre besten Rezepte: eingeteilt ist das Kochbuch klassisch in Suppen, Vorspeisen, Salate, Hausmannkost, Beilagen, Süßspeisen und Mehlspeisen, dazu gibt es Tipps und Tricks für Vorratshaltung und Haushalt und auch ein Glossar und Rezepteregister dürfen nicht fehlen. Für alle, die mit österreichischem Küchenvokabular nicht so vertraut sind, gibt es eine Übersetzungshilfe.
Mir sind die meisten dieser Rezepte tatsächlich aus meiner Kindheit und aus der Küche meiner Oma bekannt: da finden sich österreichische warme Mehlspeisenklassiker wie Buchteln, Powidltascherl oder gebackene Mäuse, genauso wie herzhafte Eiernockerln, Erdäpfelgulasch oder Schweinsbraten mit Semmelknödel, die nie zerkochen.
Gerade letzteres gefällt mir an diesem Buch besonders gut: oft sind die Rezepte zwar klassisch, jedoch mit ganz kleinen, aber wirkungsvollen Tricks abgewandelt, beispielsweise eine kleine Menge Kartoffeln, die den Semmelknödeln beigemengt sind, sodass diese nicht zerkochen, oder Bröselknödelsuppe zur Verwertung überschüssiger Eiklars aus anderen Rezepten. Daraus merkt man, hier gibt wirklich eine Oma eigene Rezepte weiter, die erprobt sind und perfektioniert wurden. Da kann auch ich mit einiger Erfahrung in österreichischer Küche noch einiges lernen und verbessern, das mag ich.
Sehr appetitanregend und Lust aufs Nachkochen machend sind auch die großformatigen Bilder, die alle Rezepte begleiten.
Insgesamt ist es ein tolles Kochbuch, das ich allen, die die österreichische Küche kennen und schätzen und die eigenen Kenntnisse in diesem Bereich ausbauen und perfektionieren möchten, aber auch jenen, die einen Einstieg ins Kochen und Backen von Klassikern österreichischer Küche suchen, sehr empfehlen kann, und das sich auch bestens als hochwertiges Geschenk eignet.








