Kundenrezensionen von Ruth





Matei entdeckt die Freiheit
von Catalin Dorian Florescu
Der 1976 in Rumänien geborene Autor Catalin Dorian Florescu lebt zwar seit seiner Ausreise kurz vor seinem 15. Geburtstag in der Schweiz, kehrt aber in seinen Romanen immer wieder zurück in die ehemalige Heimat. So z.B. in seinem mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichneten Werk „Jakob beschließt zu lieben“, 2011 erschienen. Und auch seine neueste Veröffentlichung „Matei entdeckt die Freiheit“ spielt wieder in Rumänien.
Der Ich-Erzähler Matei wird als junger Mann im Herbst 1956 wegen ein paar großspurig als „politisches Manifest“ angekündigter Gedichte verhaftet und zu sieben Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Als er 1964 entlassen wird, ist das keine Rückkehr in die Freiheit. „ Das ganze Land hatte sich in eine Zelle verwandelt,…“ Ein Klima von Angst, von Bespitzelung und Überwachung lähmt das Volk.
Matei selbst muss gleich eine bittere Erfahrung hinnehmen. Während ihm die Liebe zu seiner Freundin Irina Halt und Stütze war in den Jahren der Gefangenschaft, hat diese sich längst von ihm losgesagt. Sie ist mittlerweile mit einem Geheimdienstoffizier verheiratet. Doch bald lernt er Monica kennen, Witwe eines Gulag-Häftlings und Mutter einer Tochter. Sie nimmt ihn bei sich auf, vermittelt ihm Arbeit als Sargmacher in der Volkskooperative „Genossenschaftlicher Trost“. Man begegnet ihm, dem ehemaligen „Volksfeind“, zwar mit Misstrauen, doch das Schicksal meint es nun endlich gut mit ihm. Die Ehe mit Monica ist liebevoll, Andrei, Freund als Gulagtagen, steht ihm lebenslang zur Seite und Enkelin Aurelia ist die Freude seines Alters.
Aber das Lager steckt nicht nur in Form zahlreicher Krankheiten und Beschwerden in seinem Körper, sondern noch tiefer in seiner Seele. Die Bilder von damals verfolgen ihn Tag und Nacht, die früheren Weggefährten besuchen ihn in seinen Träumen.
Eine tiefe Lethargie lähmt ihn geradezu.
Da trifft er eines Tages auf seinen früheren Peiniger. „Das erste Mal, als ich meinen Henker wiedersah, war in einem schäbigen Bukarester Bus.“ Leutnant Pana war Geheimdienstmitarbeiter und hatte ihn in dieser Funktion verhört und gefoltert. Und als 1989 mit dem Tod des Diktators eine neue Zeit beginnt, beschließt Matei sich zu rächen.
Der Wunsch nach Rache ist stärker als alles andere, stärker als die Liebe zu Frau, Familie und Freund. Besessen arbeitet Matei an seinem Racheplan. Ob ihm das Ruhe und Frieden schenken wird, soll hier nicht verraten werden.
Catalin Dorian Florescu entwickelt seine Geschichte auf mehreren Zeitebenen, denen er nicht chronologisch folgt. So gelingt ihm nicht nur ein glaubhaftes Bild der Jahre unter Ceaucescu, sondern er zeigt auch die Endphase des stalinistischen Rumäniens ebenso wie die Nachwendezeit.
Weil Matei schon in jungen Jahren dem Wunsch nach Freiheit Worte verleiht, wird er eingesperrt. Den Alltag im Arbeitslager, das Überleben und Sterben im Donaudelta beschreibt der Autor so genau und präzise, als hätte er dies selbst erlebt. Es sind Szenen, die kaum auszuhalten sind. Matei erfährt dabei aber nicht nur unfassbare Grausamkeit und Willkür, sondern auch Momente von Menschlichkeit und Solidarität.
Florescu zeichnet ebenfalls ein düsteres Bild vom Leben unter Ceaucescus Diktatur. Die Menschen kämpfen ums Überleben. Sie stehen an für Lebensmittel und Heizmaterial, bekommen keine notwendigen Medikamente; es fehlt an allem. Die Securitate unterdrückt jeglichen Widerstand, verfolgt mit unbarmherziger Grausamkeit offensichtliche und vermeintliche Gegner des Regimes.
Und das Ende der Diktatur bringt wenig Verbesserungen für die Bevölkerung . „Die Renten sind miserabel, das halbe Land ist arbeitslos, und an der Macht sind ehemalige Kommunisten.“ Denen liegt wenig an einer Aufarbeitung der Geschichte. Matei wartet vergebens darauf, dass die Täter von damals verhaftet und verurteilt werden. Er muss die Sache selbst in die Hand nehmen.
Florescu verfolgt mit seinem Schreiben eine „Mission“. Er will aufklären, ergreift Partei für diejenigen, die unter das Rad der Geschichte gekommen sind. Dazu erschafft er lebendige, glaubwürdige Charaktere, mit denen der Lesende empathisch mitgeht. Mit Monica ist ihm wieder eine starke Frauenfigur gelungen und Matei ist geradezu eine tragische Figur. So lange ihn sein Hass und sein Wunsch nach Rache antreiben, so lange wird er unfrei bleiben.
Florescu beweist hier erneut seine erzählerische Kunst, die sich durch eine bildstarke und poetische Sprache, große Intensität und Spannung auszeichnet.
So ist „Matei entdeckt die Freiheit“ ein Roman, der auf eindringliche Weise beschreibt, wie stark eine Diktatur das Leben der Betroffenen bestimmt, sie nie mehr loslässt. So lange ein Land seine Vergangenheit nicht aufarbeitet und die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden, so lange gibt es keine Freiheit für die Opfer.
Der 1976 in Rumänien geborene Autor Catalin Dorian Florescu lebt zwar seit seiner Ausreise kurz vor seinem 15. Geburtstag in der Schweiz, kehrt aber in seinen Romanen immer wieder zurück in die ehemalige Heimat. So z.B. in seinem mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichneten Werk „Jakob beschließt zu lieben“, 2011 erschienen. Und auch seine neueste Veröffentlichung „Matei entdeckt die Freiheit“ spielt wieder in Rumänien.
Der Ich-Erzähler Matei wird als junger Mann im Herbst 1956 wegen ein paar großspurig als „politisches Manifest“ angekündigter Gedichte verhaftet und zu sieben Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Als er 1964 entlassen wird, ist das keine Rückkehr in die Freiheit. „ Das ganze Land hatte sich in eine Zelle verwandelt,…“ Ein Klima von Angst, von Bespitzelung und Überwachung lähmt das Volk.
Matei selbst muss gleich eine bittere Erfahrung hinnehmen. Während ihm die Liebe zu seiner Freundin Irina Halt und Stütze war in den Jahren der Gefangenschaft, hat diese sich längst von ihm losgesagt. Sie ist mittlerweile mit einem Geheimdienstoffizier verheiratet. Doch bald lernt er Monica kennen, Witwe eines Gulag-Häftlings und Mutter einer Tochter. Sie nimmt ihn bei sich auf, vermittelt ihm Arbeit als Sargmacher in der Volkskooperative „Genossenschaftlicher Trost“. Man begegnet ihm, dem ehemaligen „Volksfeind“, zwar mit Misstrauen, doch das Schicksal meint es nun endlich gut mit ihm. Die Ehe mit Monica ist liebevoll, Andrei, Freund als Gulagtagen, steht ihm lebenslang zur Seite und Enkelin Aurelia ist die Freude seines Alters.
Aber das Lager steckt nicht nur in Form zahlreicher Krankheiten und Beschwerden in seinem Körper, sondern noch tiefer in seiner Seele. Die Bilder von damals verfolgen ihn Tag und Nacht, die früheren Weggefährten besuchen ihn in seinen Träumen.
Eine tiefe Lethargie lähmt ihn geradezu.
Da trifft er eines Tages auf seinen früheren Peiniger. „Das erste Mal, als ich meinen Henker wiedersah, war in einem schäbigen Bukarester Bus.“ Leutnant Pana war Geheimdienstmitarbeiter und hatte ihn in dieser Funktion verhört und gefoltert. Und als 1989 mit dem Tod des Diktators eine neue Zeit beginnt, beschließt Matei sich zu rächen.
Der Wunsch nach Rache ist stärker als alles andere, stärker als die Liebe zu Frau, Familie und Freund. Besessen arbeitet Matei an seinem Racheplan. Ob ihm das Ruhe und Frieden schenken wird, soll hier nicht verraten werden.
Catalin Dorian Florescu entwickelt seine Geschichte auf mehreren Zeitebenen, denen er nicht chronologisch folgt. So gelingt ihm nicht nur ein glaubhaftes Bild der Jahre unter Ceaucescu, sondern er zeigt auch die Endphase des stalinistischen Rumäniens ebenso wie die Nachwendezeit.
Weil Matei schon in jungen Jahren dem Wunsch nach Freiheit Worte verleiht, wird er eingesperrt. Den Alltag im Arbeitslager, das Überleben und Sterben im Donaudelta beschreibt der Autor so genau und präzise, als hätte er dies selbst erlebt. Es sind Szenen, die kaum auszuhalten sind. Matei erfährt dabei aber nicht nur unfassbare Grausamkeit und Willkür, sondern auch Momente von Menschlichkeit und Solidarität.
Florescu zeichnet ebenfalls ein düsteres Bild vom Leben unter Ceaucescus Diktatur. Die Menschen kämpfen ums Überleben. Sie stehen an für Lebensmittel und Heizmaterial, bekommen keine notwendigen Medikamente; es fehlt an allem. Die Securitate unterdrückt jeglichen Widerstand, verfolgt mit unbarmherziger Grausamkeit offensichtliche und vermeintliche Gegner des Regimes.
Und das Ende der Diktatur bringt wenig Verbesserungen für die Bevölkerung . „Die Renten sind miserabel, das halbe Land ist arbeitslos, und an der Macht sind ehemalige Kommunisten.“ Denen liegt wenig an einer Aufarbeitung der Geschichte. Matei wartet vergebens darauf, dass die Täter von damals verhaftet und verurteilt werden. Er muss die Sache selbst in die Hand nehmen.
Florescu verfolgt mit seinem Schreiben eine „Mission“. Er will aufklären, ergreift Partei für diejenigen, die unter das Rad der Geschichte gekommen sind. Dazu erschafft er lebendige, glaubwürdige Charaktere, mit denen der Lesende empathisch mitgeht. Mit Monica ist ihm wieder eine starke Frauenfigur gelungen und Matei ist geradezu eine tragische Figur. So lange ihn sein Hass und sein Wunsch nach Rache antreiben, so lange wird er unfrei bleiben.
Florescu beweist hier erneut seine erzählerische Kunst, die sich durch eine bildstarke und poetische Sprache, große Intensität und Spannung auszeichnet.
So ist „Matei entdeckt die Freiheit“ ein Roman, der auf eindringliche Weise beschreibt, wie stark eine Diktatur das Leben der Betroffenen bestimmt, sie nie mehr loslässt. So lange ein Land seine Vergangenheit nicht aufarbeitet und die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden, so lange gibt es keine Freiheit für die Opfer.





Mirabellentage
von Martina Bogdahn
Martina Bogdahn hatte 2024 mit ihrem Debüt „Mühlensommer“ einen Riesenerfolg; monatelang stand der Roman auf der Bestsellerliste. Und auch ihr neues Buch „Mirabellentage“ hat sich dort schon einen Platz erobert. Anscheinend stillt die Autorin mit ihren Geschichten das Bedürfnis vieler nach einem überschaubaren Ort, der zwar auch keine Idylle bietet, aber ein dörfliches Miteinander.
Wir sind wieder in Blumfeld, einem fiktiven Dorf im Fränkischen. Hier ist Anna, die Ich-Erzählerin, aufgewachsen und hier war sie dreißig Jahre lang die Haushälterin des Dorfpfarrers, mit dem sie seit Kindheitstagen befreundet ist. Doch nun ist Josef überraschend gestorben und Anna muss sich neu orientieren. Wird der zukünftige Pfarrer sie überhaupt brauchen? Und wo ist fortan ihr Platz in der Gemeinde? Kann sie mit Mitte Fünfzig eine andere Aufgabe finden?
Doch zunächst muss sie noch ein ganz anderes Problem lösen, nämlich den letzten Wunsch des Verstorbenen erfüllen. Der wollte nicht in das Familiengrab zu seiner Mutter. Die hatte ihn mit sehr viel Liebe und Druck sein Leben lang dominiert. Traumatisiert von den Erlebnissen im Krieg und auf der Flucht war ihr ganzer Lebensinhalt ihr Junge. Er sollte einmal Pfarrer werden, das war der sehnlichste Wunsch der frommen Frau. Und Josef als braver Sohn gehorcht. Doch im Tod will er endlich frei sein von ihr. Seine Asche soll im Meer verteilt werden. Und so kommt es, dass die Gemeinde einen mit Steinen gefüllten Sarg beerdigt und Anna dasteht mit einer Dose voller Asche.
Mit Anna lernen wir eine Frau kennen, wie es viele geben mag. Ihr Alltag ist mit so vielen Aufgaben ausgefüllt, dass sie einfach funktioniert. Ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse stellt sie hintenan, kennt sie kaum. Ganz selten streift sie der Gedanke, dass auch ein anderes Leben möglich gewesen wäre. „Viele Dinge, die ich mir wünschte, waren einfach nicht passiert, und ich wusste nicht, wie ich das hätte ändern sollen. Andererseits war mir klar, dass derjenige, der eine Wahl hat, sich auch für den falschen Weg entscheiden kann.“
Auch in dieser Situation, in der wir sie kennenlernen, versucht sie es allen recht zu machen. Einerseits Josefs letzte Reise zu
ermöglichen, andererseits ihre Pflichten nicht zu vernachlässigen. Sie muss die Beerdigung organisieren, sich um den jungen Pfarrer kümmern, der mit seiner Aufgabe völlig überfordert scheint, und außerdem sind die Mirabellen reif und sie sollte wie jedes Jahr Unmengen an Marmelade einkochen. Für Trauer bleibt da wenig Zeit.
In Rückblenden erfahren wir manches aus Annas Kindheit und Jugend, aber auch unzählige Anekdoten aus dem Dorfleben. Manche davon erschienen mir überzeichnet und albern, andere dagegen waren sehr berührend. So hätte ich z.B. auf die Kneippfahrt, unter der die Männer des Dorfes etwas anderes verstanden haben, verzichten können. Das war Bauerntheater, nicht lustig, sondern platt und diffamierend. Es wäre besser gewesen, hier einige Episoden zu streichen und stattdessen den Fokus stärker auf Anna und ihre Entwicklung zu richten. Es gibt zwar deutliche Anzeichen, dass sich für Anna neue Perspektiven auftun. Leider wird das Ende etwas zu schnell abgehandelt.
Ich habe den Roman zwar gerne gelesen. Martina Bogdahn entwirft Bilder und Szenen, die voller Atmosphäre sind. Mit einem liebevollen Blick betrachtet sie die meisten ihrer Figuren.
Allerdings erschien mir die Geschichte wie aus der Zeit gefallen. Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 2010; vieles wirkt aber wie in einem alten Heimatroman. Wann hat man in letzter Zeit eine Geschichte über eine Pfarrhaushälterin gelesen? Ich bin allerdings froh, dass die Autorin keine Liebesgeschichte zwischen dem Pfarrer und seiner Haushälterin erfunden hat. Auch wenn eine tiefe emotionale Verbindung zwischen den beiden spürbar war.
So ist „Mirabellentage“ für mich eine etwas irritierende Lektüre gewesen. Einerseits hat mich das Thema „Abschied und Neubeginn“ angesprochen und auch in der Umsetzung weitgehend überzeugt. Andere Teile des Buches waren überzeichnet und wenig sinnhaft.
Trotzdem: Wer sich ein paar entspannte Stunden mit einem Wohlfühlbuch gönnen möchte, liegt hier nicht falsch.





Ich möchte zurückgehen in der Zeit
von Judith Hermann
Dieses Buch, ein Roman ist es keiner, auch wenn es fiktionale Teile enthält, spaltet das Feuilleton und die Leserschaft. Die einen sind begeistert vom typischen Judith-Hermann- Sound, die anderen empfinden das Buch als Ärgernis. Denn die Autorin begibt sich auf Spurensuche nach ihrem Großvater, und findet …nichts.
Der Großvater, 1904 geboren, schon vor 1933 NSDAP-Mitglied, später Mitglied der SS , war als solcher in Radom, in Polen stationiert. Fast ein Drittel der damals 85.000 Einwohner waren Juden. Die Nazis haben sie in Arbeitslager und Vernichtungslager verschleppt, ins Ghetto gesperrt, erschossen, vergast oder sie starben an Krankheiten. Heute lebt nur noch ein einziger Jude in der Stadt
Nach Radom, dieser Kleinstadt zwischen Krakau und Warschau, reist nun die Autorin und bezieht dort für Wochen eine Wohnung . Im Gepäck u.a. ein Photo von ihrem Großvater, wie er auf einem Motorrad sitzt und in die Kamera lächelt. Den Platz in Radom, wo das Bild entstanden ist, wird sie später finden, viel mehr nicht. Sie liest viel in Radom, auch Mitscherlichs „Die Unfähigkeit zu trauern“. Sie macht lange Spaziergänge, sucht die Reste der alten Ghettomauer, besucht Museen und schreibt an Archivare und Historiker. Erst kurz vor ihrer Abreise bekommt sie Antwort, man lädt sie ein. Aber mehr erfahren wir dazu nicht.
Auslöser für diese Reise war nicht nur der Fund jenes Photos, sondern auch eine kurzzeitige Amnesie der achtzigjährigen Mutter. Dieses Ereignis zeigt ihr deutlich, dass die Zeit drängte, wenn sie noch Antworten bekommen wollte. Mit der Mutter telefoniert die Autorin dann auch täglich von Polen aus. Aber die Mutter kann oder will ihre Fragen nicht beantworten.
Auf diesen ersten Teil des Buches, „Radom“ tituliert, folgt Teil II. „Napoli“.
Im Anschluss fährt Judith Hermann weiter nach Neapel, wo ihre Schwester mit Mann und Kindern lebt. Die Schwester ist Archäologin, gräbt also ebenfalls in der Vergangenheit. Aber nicht in der familiären, davon will sie nichts wissen und nicht darüber reden. Sie interessiert sich dagegen für „geschlossene Fälle“, so wie die Verschütteten in Pompeji, die vor über Jahren vom Ausbruch des Vesuvs überrascht wurden. Der Großvater, der ist „ kein geschlossener Fall“.
Im kürzesten und letzten Teil des Buches , mit dem poetischen dänischen Wort „Tidslomme“- „Zeittäschchen“ überschrieben, geht es um das tagelange Verschwinden der Schwiegereltern während einer Urlaubsreise. Auch das eine Leerstelle.
Ist dieses Buch nun ein gescheiterter Versuch, eine Enttäuschung? Wenn man ein weiteren Text über einen SS-Täter lesen wollte, dann ja. Aber es geht nicht darum, was dieser Großvater im Krieg getan hat. Das ist eindeutig. Er war in Radom, als das Ghetto aufgelöst wurde, als Menschen deportiert und erschossen wurden, und ganz sicher war er als SS -Mann daran beteiligt.
Nein, es geht darum, was dieser Großvater mit der Familie gemacht hat. Welche Auswirkungen hatten seine Taten und das Schweigen darüber auf seine Familie und auf die Nachfahren? Judith Hermann hat ihren Großvater nie gekannt, er starb sechs Jahre vor ihrer Geburt. Aber als Schatten, als dunkles Loch war er präsent. „Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet.“
Judith Hermann wird weder von ihrer Mutter noch von ihrer Schwester bei ihrer Suche nach der Wahrheit unterstützt. Das mag unbefriedigend sein, dürfte aber in vielen Familien ähnlich ablaufen. So zeigt dieses Buch eben auch, wie schwierig es noch immer ist, sich der eigenen Nazivergangenheit zu stellen.
Es lohnt sich, die Autorin bei ihrem Versuch, in der Zeit zurückzugehen, zu begleiten. Sie lässt uns teilhaben an ihren „Befindlichkeiten“, beschreibt präzise, was diese Zeit in Radom mit ihr macht. Ja, sie stochert im Nebel, aber das macht sie mit einer Sprache, die einem mitnimmt. Tastend und reflektierend, mit eindringlichen Bildern, erzeugt sie eine Atmosphäre, die berührt
„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist eine Geschichte vom Suchen und Nichtfinden, eine Reflexion über sich und die eigene Familie, über das Erinnern, Vergessen, Verdrängen.





Im ersten Licht
von Norbert Gstrein
„Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er es mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die dann sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten.“ Mit seinem ersten Satz legt Norbert Gstrein gleich das alles bestimmende Thema seines Romans fest.
Mit Adrian, seinem Protagonisten, genau ein Jahr jünger als das Jahrhundert, geht der österreichische Autor durch die gewaltsame, von Kriegen bestimmente Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Obwohl selbst kein Kriegsteilnehmer, ist Adrian Zeit seines Lebens vom Krieg fasziniert. Dass er nicht, wie die meisten seiner Generation, auf den Schlachtfeldern des Ersten großen Krieges kämpfen muss, hat er seinem Vater zu verdanken. Der, ein einfacher Postbeamter und überzeugter Sozialist, will seinen Sohn vor diesem Los bewahren und haut Adrian mit einer Axt in den Unterschenkel. „In den Krieg zu gehen war nur etwas für Dumme und nichts für seinen Sohn…“ Adrian hinkt seitdem und wird die fehlende Kriegserfahrung immer als einen mit Scham und Schuldgefühlen belasteten Mangel empfinden.
Die drei jungen Männer, die für Adrians Leben bestimmend waren, geben dem Roman Struktur. Chronologisch werden sie in den ersten drei Kapiteln vorgestellt.
Den Beginn macht Ernest Eller, Sohn einer wohlhabenden Adelsfamilie, der mit einer grauenhaften Gesichtsverletzung aus dem Krieg heimkehrt. Seine Eltern verstecken ihn mit ähnlich versehrten Leidensgenossen in ihrer Sommervilla im Salzburger Land und erklären ihn offiziell, auch für seine Verlobte, für tot. Adrian wird viele Tage in der Villa verbringen, wird zum Vertrauten des „ jungen Herrn“. Nach dem Suizid von Ernest Eller nimmt sich dessen aus England stammende Mutter um Adrian an und ermöglicht ihm ein Lehramtsstudium.
Später, als Adrian in Wien an einem Gymnasium Geschichte und Englisch unterrichtet, trifft er auf Martin Baumgartner, dem das mittlere Kapitel gewidmet ist. Bei ihm werden Adrians detaillierte und begeisterte Schilderungen der Schlachten des letzten Krieges auf fruchtbaren Boden fallen. Martin Baumgartner, in dem sich die Figur Kurt Waldheims spiegelt, wird aus Begeisterung für das Heer zum Nazi. Bei einem Fronturlaub besucht der ehemalige Schüler seinen früheren Lehrer und erzählt von Erschießungen im Osten, an denen er beteiligt war. Adrian wird so zu einem frühen Mitwisser von Kriegsverbrechen, doch er schweigt. Aber die Geschichte wird er nie mehr loswerden.
Frauen spielen in diesem Buch, das so sehr den Krieg ins Zentrum stellt, eine Nebenrolle - was nicht verwundert. Kriegsführung war und ist auch heute noch vorrangig ein Handwerk der Männer, Frauen müssen deshalb am Rande bleiben. Außerdem ist Adrian ein Mensch, der sich nur schwer auf Beziehungen einlassen kann. Zögerlich und verstockt strapaziert er die Geduld der Frauen, mit denen er liiert ist. So verlässt ihn seine erste Freundin Karla, ebenso Ehefrau Elfriede. Sie, die wie Adrian auch Geschichte unterrichtet, lässt sich nach dem Krieg von ihm scheiden.
Erst mit Mitte Fünfzig erlebt Adrian eine späte Liebe zu einer Engländerin, die ihren, im Ersten Weltkrieg als Deserteur verurteilten und hingerichteten Bruder, rehabilitieren will. Um diesen Teddy geht es im dritten Teil des Buches. Der zeigt Adrian, „ dass es immer auch eine andere Möglichkeit gab, schließlich konnte man sich jederzeit entscheiden, nicht mehr mitzumachen, welches Risiko auch man dafür in Kauf nehmen musste.“
Die Gespräche mit Vivian und ihre gemeinsamen Spaziergänge in den Downs helfen den beiden, ihre eigenen Kriegstraumata hinter sich zu lassen.
Die Downs, auf die schon im vorangestellten Zitat von Virginia Woolf hingewiesen wird, ziehen sich als zentrales Motiv durch den Text. Für Frau Eller sind sie ein Sehnsuchtsort und Adrian spaziert im dritten Teil durch diese Landschaft. Sie ist als Kontrast zu den Schlachtfeldern zu lesen und ermöglicht Adrian einen Perspektivwechsel. Mit dem Blick übers Meer kann Adrian mit Abstand auf seine Heimat und dessen Geschichte blicken.
Der Text ist voller Andeutungen, Verweisen und durchgängigen Motiven. Auch der sprechende Name „Adrian Reiter“ ist wohl überlegt. Der Zugang zur Adria, zum Meer wird mit Weite, Weitblick, mit Leichtigkeit verbunden. Und das alles ist verschwunden nach dem verlorenen Krieg und dem Ende der k.u. k. Monarchie. „ Wenn uns wenigstens die Adria geblieben wäre. Das Meer würde uns zu sanfteren Menschen machen.“ heißt es gleich zu Beginn im Roman. Und der Nachname „Reiter“ für einen, der nie in einem Sattel saß, aber fasziniert war von der Eleganz der k.u.k. Kavallerie, passt gleichfalls.
Im titelgebenden „Ersten Licht“ waren sowohl die Angriffe im Ersten Weltkrieg, wie auch die Erschießungen im Zweiten und die Hinrichtung des englischen Deserteurs, allesamt schicksalhafte und tragische Momente im Morgengrauen.
Im Epilog besucht der 80jährige Adrian die Lesung eines jungen Autors, in dem man unschwer Norbert Gstrein erkennen kann. Der aber wird der Einladung von Adrian nicht nachkommen, obwohl ihm dieser seine Geschichte verspricht.
In diesem letzten Teil wird auch explizit der Bezug zu Kurt Waldheim hergestellt. Steht doch der ehemalige österreichische Bundespräsident für das Beschönigen und Verdrängen der Nazi- Vergangenheit.
Mit seiner Hauptfigur hat Gstrein einen ambivalenten Charakter geschaffen, keinen Sympathieträger. Und obwohl wir alles aus seiner Perspektive erleben, stellt sich keine Nähe zu ihm ein. Seine Fixierung auf Schlachten, Formationen und kriegerischen Entscheidungen ist nicht nur für seine Ehefrau unbegreiflich. Kann man vielleicht noch Verständnis aufbringen für seine jugendliche Schwärmerei für die Kavallerie, ist seine Verklärung des Krieges später nicht mehr nachvollziehbar . Denn er hatte doch mit den Kriegsversehrten in der Villa eindringlich vor Augen, welche verheerenden Folgen ein Krieg hat. Diese jungen Männer sind stolz und siegesgewiss in den Kampf gezogen und an Körper und Seele versehrt zurückgekehrt. Viele von ihnen werden sich davon nie mehr erholen und ihr Leben selbst beenden.
Wie kann Adrian als Lehrer seine Kriegsbegeisterung an Schüler weitergeben?
Adrian ist der typische Mitläufer, der durch Kriegsverherrlichung, Anpassung und Schweigen schuldig wird.
Der Roman fordert einiges von seiner Leserschaft, nicht nur auf emotionaler Ebene. Er zwingt zum Nachdenken, eröffnet immer neue Aspekte. Gstreins lange Satzbögen erfordern Aufmerksamkeit. Dabei ist der Text elegant erzählt und von sprachlicher Brillanz.
Trotz des historischen Stoffes ist der Roman mit seinen Fragen nach Schuld, Mitverantwortung und Mitläufertum angesichts jetziger Kriege erschreckend aktuell. Zeigt er doch, dass keiner unversehrt aus einem Krieg hervorgehen kann.
„Im ersten Licht“ reiht sich somit ein in die großen Werke der Antikriegsliteratur.
Große Leseempfehlung!





Sie wollen uns erzählen
von Birgit Birnbacher
Die Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher gilt als eine der wichtigen Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur. Nun hat sie mit „Sie wollen uns erzählen“ ihren vierten Roman vorgelegt.
Der neunjährige Oz ist anders als seine Mitschüler, tut sich schwer im schulischen Alltag. Er ist nicht langsam, nein, manchmal ist er viel zu schnell. Da galoppieren seine Gedanken einfach davon. Oz hat ADHS. Seine Mutter Ann hat schon früh bemerkt, dass ihr Sohn ihr ähnelt. In ihr war auch schon immer so eine Unrast; „energiegeladen“ hieß es, eine Diagnose dafür gab es damals noch nicht . „Vom Temperament her ist sie eher der Pulverfass-Typ.“ Das macht ihren nicht gerade einfachen Alltag noch schwieriger. Sie ist zwar promovierte Soziologin, hangelt sich aber von einem befristeten Auftrag zum nächsten. Vom Vater des Jungen lebt sie getrennt. Ständig bewegt sich Ann am Rande der Überforderung. Das weiß Oz und deshalb will er ihr nichts vom Vorfall in der Schule erzählen. Dabei sah es für ihn sehr gut aus. Er hat den Notenschnitt erreicht, der ihm die Qualifikation für das Gymnasium verschafft. Doch nun hat er neben dem Zeugnis noch einen Brief an seine Mutter in der Tasche. Nur wegen dieser dummen Geschichte mit dem Hasen. Und Oz ist wieder einmal an allem schuld.
Auf dem Heimweg wünscht sich der Junge eine kleine Katastrophe, etwas, das seine Mutter ablenkt von dem Brief der Lehrerin.
Als Oz nach Hause kommt, erwarten ihn tatsächlich schlimme Nachrichten. Die Zillyoma ist aus dem Krankenhaus verschwunden und nun muss Ann sich kümmern. Auf ihre Hippie-Schwester Nell ist wenig Verlass. Die schafft es dann nicht einmal, ihren Neffen im Feriencamp für Kinder mit und ohne ADHS abzuliefern.
Was nun folgt ist ein irrer Roadtrip durch das Salzburger Land. Während Ann ihre Mutter im Innergebirg sucht, und Oz von der Bauernhofkommune der Tante flüchtet, braut sich über dem Land ein Unwetter auf „Alarmstufenlevel“ zusammen
Birgit Birnbacher hat mit Ann und Oz zwei unvergessliche Figuren geschaffen.
Oz ist ein besonderes Kind, er spielt nicht die Spiele, die andere Kinder mögen, er hört nur zu, wenn ihn etwas wirklich interessiert, aber er hat ein besonderes Gespür für die Gefühlsregungen anderer Menschen und er ist intelligent. Ann liebt ihren Sohn, so wie er ist und vermittelt ihm das auch. „ Ihn sollen sie nicht zurechtstutzen, wie sie es mit ihr getan haben, er soll wild wachsen dürfen, nicht dauernd deprimiert von diesem diffusen Gefühl sein, irgendwie nicht hineinzupassen…“
Ann ist eine Mutter, die für ihren Sohn immer da ist und für ihn kämpft. Dabei kommt sie selbst oft an ihre Grenzen, auch weil ihre eigene Zündschnur sehr kurz ist.
Wie sich der Alltag für neurodivergente Menschen anfühlt, mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen haben, zeigt die Autorin empathisch und keineswegs belehrend. Sie nimmt uns mit in die Köpfe und Seelen ihrer beiden Hauptfiguren. So spiegelt ihre Sprache die Gedankenwelt von Mutter und Sohn, ist flirrend, sprunghaft und assoziativ. Humor, Ironie und originelle Sprachbilder nehmen dem Thema die Schwere und sorgen für eine heitere Leichtigkeit des Textes.
„Sie wollen uns erzählen“ - sie, das sind die anderen, die der Norm entsprechen, die Norm festlegen. Birgit Birnbacher lässt dagegen Ann und Oz erzählen, ihre Sicht der Dinge. Sie wehren sich gegen die Festschreibung von außen, beharren auf ihrer eigenen „Erzählung“.
So ist dieser Roman ein Plädoyer dafür, Menschen in ihren Eigenheiten und ihren Besonderheiten anzunehmen, sie nicht als Störung, sondern als Bereicherung zu verstehen.





Statt aus dem Fenster zu schauen
von Anna Katharina Scheidemantel
Hauptfigur im Debutroman der jungen Autorin Anna Katharina Scheidemantel ist die 25jährige Studentin Sophie. Frustriert und gelangweilt von ihrem eintönigen Praktikum, schaut sie sich im Internet auf der Seite „Kleinanzeigen“ um. Ein Klick nur und sie hat für den Schnäppchenpreis von 3100 Euro ein Haus gekauft. Na ja, es handelt sich dabei wohl mehr um eine Bruchbude, noch dazu in der ostdeutschen Provinz. Und obwohl sie das selbst für eine völlig verrückte Idee hält, gibt sie ihr Zimmer in einer Münchner WG auf und reist mit ein paar Habseligkeiten per Zug in ein Nest zwischen Berlin und Rostock gelegen.
Das Haus ist völlig heruntergekommen, Heizung und Strom funktionieren nicht und im hinteren Bereich fehlt das Dach, stattdessen liegt dort ein Baumstamm.
Aber Sophie lässt sich davon nicht entmutigen. Sie kämpft mit dem Dreck und den Spinnweben, rückt der braunen Wand mit weißer Farbe zu Leibe und dem festen Gartenboden mit dem Spaten.
Schlimm ist nicht der tägliche Kraftakt mit Putzen, Streichen, Abschleifen usw., schlimm ist auch nicht der schmerzende Körper am Abend, nein, schlimm sind die Gedanken, die sie nachts bedrängen. Fragen über Fragen. Warum hat sie das getan? Ist es noch normal, fast die gesamten Ersparnisse für eine Ruine auszugeben; ohne jegliche Erfahrung, ohne Hilfe von außen, ein marodes Haus renovieren zu wollen ? Was macht sie hier in dieser Einöde?
Antworten auf diese Fragen weiß sie zunächst nicht. Sie weiß nur, dass ihr früheres Leben nicht das richtige war.
Dabei war sie lange auf der Überholspur. „Wenn Sophie etwas macht, dann macht sie es gleich richtig.“ Das war die Meinung aller um sie herum und es bezog sich auf die Geigenstunden, das Einser-Abitur, das Studium inklusive Auslandssemester, das Praktikum. „Die Sophie, aus der wird was. Was, das war eigentlich egal. Hauptsache, es war was.“
Alle waren überzeugt, dass sie es einmal weit bringen wird. Doch was will sie eigentlich selbst?
Überlegt Sophie anfangs noch jeden Tag, ob sie nicht ganz schnell zurückkehren, diese schwachsinnige Idee aufgeben soll, so fühlt sie sich mit der Zeit immer lebendiger. Es tut gut, mit den eigenen Händen etwas zu schaffen, das Ergebnis abends mit Stolz zu betrachten. Natürlich bleiben Misserfolge nicht aus. Aber ist nicht das ganze Leben Learning-by-doing?
Die ersten Wochen ist Sophie völlig allein, die einzigen Gesprächspartner sind die Verkäufer im Baumarkt und die Bedienung im „Kuchenhimmel“, wo sie regelmäßig einen Milchkaffee trinkt und ihr Handy auflädt. Ihre Eltern, ihre Freunde wissen nichts von ihrem neuen Aufenthaltsort, von ihrem Projekt.
Ich muss zugeben, dass ich den Roman anfangs unterschätzt habe. Liest er sich zunächst als witziger Selbstfindungstrip einer Mitzwanzigerin, so gewinnt die Geschichte zusehends an Tiefe.
Sophie lernt in diesen paar Monaten, sich zu lösen von den Erwartungen von außen. Auf sich selbst zurückgeworfen entwickelt sie ein neues Selbstbewusstsein, gestärkt durch die Erfahrungen, die sie gemacht hat. Wie ihr zukünftiger Lebensweg aussehen soll, möchte sie selbst entscheiden, nicht einfach dem vorgegebenen Weg folgen. „Nur, weil die Straße geradeaus führt, heißt das nicht, dass ich nicht einen Umweg über einen Feldweg nehmen kann, einfach nur, weil ich es will.“
Der Roman weckt auch Verständnis für die Nöte und Schwierigkeiten junger Menschen von heute. Sie erben Privilegien, werden aufgefangen von einem Netz aus Sicherheiten, aber das verpflichtet sie auch dazu, ihren Beitrag in dieser Welt leisten zu müssen. „Aber wie soll man denn Neues schaffen und etwas aufbauen in einer Welt, in der es eigentlich schon zu viel von allem gibt?“
Sophie lernt auch einiges über sich und die Welt, weil sie sich auf einmal außerhalb ihrer Blase bewegt. Die Menschen, die sie in dieser Gegend kennenlernt, sind so ganz anders als ihre Freunde von früher, ihre Studienkollegen.
Allein wegen all dieser Erfahrungen, die Sophie durch ihre verrückte Idee machen durfte, hat sich ihr „Umweg“ gelohnt.
Anna Katharina Scheidemantel hat hier ein erfrischendes Debut vorgelegt, voller Leichtigkeit, Humor und Sprachwitz, voller kluger Gedanken. Auch wenn äußerlich wenig passiert, so macht die Protagonistin doch eine entscheidende Entwicklung durch.
Man darf gespannt sein auf weitere Bücher der Autorin.





Der Fährmann
von Regina Denk
Die Geschichte führt uns in eine malerische Gegend an der deutsch-österreichischen Grenze zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts. Die Salzach trennt hier nicht nur zwei Dörfer, sondern gleich zwei Länder.
Und hier wachsen Hannes, Elisabeth und Annemarie auf. Die drei verbindet von früher Kindheit an eine enge Freundschaft. Aber Kindheit endet früh zu jenen Zeiten.
Für Hannes, jüngster Sohn eines armen Bauern, steht sein späteres Betätigungsfeld schon lange fest. Er wird wie sein Onkel Fährmann werden. Eine wichtige Aufgabe, ist er doch das Verbindungsglied zwischen den Menschen hüben und drüben vom Fluss. Tag und Nacht muss er bereitstehen, bekommt dafür keinen festgelegten Lohn, sondern ist auf die Großzügigkeit seiner Fahrgäste angewiesen. Doch das ist noch nicht mal das Schlimmste: Ein Fährmann darf nicht heiraten, damit im Falle seines Todes seine Witwe und seine Kinder nicht der Allgemeinheit zur Last fallen. Hannes fügt sich, auch wenn er andere Träume hat. Dabei weiß er um die Gefährlichkeit seines Berufes, der Fluss ist unberechenbar. Das hat er schon als Kind erfahren müssen, als er beinahe ertrunken ist und danach wochenlang auf Leben und Tod lag. Damals haben die Menschen beider Dörfer um seine Gesundung gebetet. Hannes ist dankbar, Gott und der ganzen Gemeinschaft gegenüber und übernimmt auch aus diesem Grund die notwendige Aufgabe des Fährmanns.
Obwohl er Elisabeth liebt und sie gerne heiraten würde.
Die erwidert seine Gefühle, doch auch für sie ist ein anderer Lebensweg vorgezeichnet. Sie soll nach dem Wunsch zweier Väter Josef heiraten, Sohn eines Großbauern. Ehen werden zu diesen Zeiten oftmals nicht aus Liebe geschlossen, sondern aus ganz pragmatischen Gründen. In diesem Fall: Geld zu Geld, Acker zu Acker.
Elisabeth fügt sich ebenfalls den gesellschaftlichen Konventionen und dem Willen ihrer Eltern und heiratet Josef. Es erwarten sie schlimme Jahre. Auf dem Hof regiert der Altbauer als absoluter Herrscher, mit brutaler Gewalt. Sogar Josef, der einmal den Hof übernehmen soll, behandelt er wie einen Knecht. Und Josef entwickelt sich zu einem genauso unbarmherzigen Menschen wie sein Vater.
Auch Annemarie lässt bald die unbeschwerten Kindheitstage hinter sich. Schon früh muss sie in der elterlichen Wirtschaft mithelfen. Dabei hat sie gelernt, immer freundlich zu den Gästen zu sein, auch wenn die Männer dabei zudringlich werden. Josef ist einer davon. Er kommt sogar noch zu ihr, als er schon längst verheiratet ist und sie gegen ihren Willen zum Beischlaf zwingt. Doch was soll sie tun?
Auch bei ihr, wie bei Elisabeth, zeigt sich, dass Frauen in dieser patriarchalen Gesellschaft keine Stimme haben. Solidarität erfahren sie nicht mal von ihren Müttern, die lieber wegschauen bzw. ihre Töchter zwingen, ihre Rolle klaglos anzunehmen.
Dann kommt der Krieg und vieles ändert sich.
Hannes hat Glück: Seine Stellung als Fährmann ist so wichtig, dass er nicht eingezogen wird. Josef dagegen ist einer der Ersten, der sich freiwillig meldet. Das Soldatentum entspricht so ganz seiner Vorstellung von Männlichkeit.
Bald fehlen auf den Höfen die Männer. Das ist die Stunde der Frauen. „Sie wuchsen, nach oben, nach links und nach rechts, in Winkel, die sonst niemand erreichen konnte, breiteten sich aus, nahmen Platz ein, weil niemand mehr da war, der ihn für sich beanspruchte…“
Elisabeth hofft, dass Josef nicht mehr aus dem Krieg heimkommt . Zu furchtbar war für sie die Zeit mit ihm. Und vielleicht wäre dann ein gemeinsames Leben mit Hannes möglich.
Doch Josef kehrt zurück, schwer versehrt, aber grausamer denn je. Eine Katastrophe zeichnet sich ab.
Regina Denk beschreibt bilderreich und voller eindringlicher Szenen eine vergangene Welt. Dabei fängt sie die Atmosphäre stimmig ein. Das Leben verläuft hier in engen vorgegebenen Bahnen, ein Ausbrechen aus den Konventionen ist kaum möglich. Männer bestimmen zwar den Alltag der Frauen, doch Freiräume gibt es für sie ebenfalls nicht viel. Dazu sind die Lebensbedingungen zu hart. Außerdem legen Tradition und Religion die Regeln fest für beide Geschlechter.
Das vorangestellte Zitat von Erich Maria Remarque verweist auf ein weiteres Thema des Roman. Auch wenn die erzählte Zeit bereits im Jahr 1915 endet, so sind die Verheerungen des Krieges schon überall spürbar. Bald hat jedes Haus Verluste zu beklagen. Und Josef hat nach seiner Rückkehr Albträume, in denen ihn seine auf dem Feld begangenen Taten heimsuchen.
Regina Denk beherrscht ihr Handwerk. Sie arbeitet mit Cliffhängern und versteht es auch sonst Spannung zu erzeugen. Dabei erspart sie ihren Figuren und ihrer Leserschaft nichts. Mancher Schicksalsschlag, manche Wendung ist kaum erträglich. Das Ende war mir dann etwas zu viel Dramatik, doch das hat den positiven Leseeindruck nur unwesentlich geschmälert.
Besonders hervorzuheben ist die Sprachmacht der Autorin, die sich am stärksten in den mit „Anderswo“ gekennzeichneten Einschüben zeigt. Hier erhält der Fluss eine zentrale metaphorische Rolle. Der Fluss, der mal ruhig dahinplätschert, mal wild sich aufbäumt, in dessen Tiefen sich Abgründe verbergen. Ebenso ist die Figur des Fährmanns symbolisch zu deuten: Der Fährmann als Verbindungsglied zwischen Menschen, Dörfern und Ländern, zwischen Leben und Tod. So war Hannes für Elisabeth „ der Mann, der die Brücke zwischen ihnen war, so wie der Josef den Graben ausmachte.“
Der Roman endet versöhnlich und mit der Hoffnung, dass die Menschen aus ihren Fehlern lernen und die Jungen es einmal besser machen. Wir wissen allerdings, dass auf den Ersten ein Zweiter Weltkrieg folgt.
Regina Denk hat mit „ Der Fährmann“ einen unglaublich packenden Roman geschrieben, der eine berührende Liebesgeschichte vor historisch interessantem Hintergrund erzählt.





Einatmen. Ausatmen.
von Maxim Leo
Der Autor Maxim Leo ist ein Garant für beste Unterhaltung. Besonders gut in Erinnerung geblieben sind mir seine autobiographisch grundierten Romane („Haltet euer Herz bereit“ und „Wo wir zu Hause sind“). Gerne gelesen habe ich aber auch das erfolgreich verfilmte Buch „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ und sein Roman „Wir werden jung sein“, wo er den Traum von der ewigen Jugend weiterspinnt.
In seinem neuesten Werk verhandelt Maxim Leo das Thema Selbstfindung und Selbstoptimierung auf gewohnt humorvolle Weise.
Marlene Buchholz steht mit Ende Dreißig kurz vor ihrem lang anvisierten Berufsziel. Ihr Chef, Dr. Finckenstein, Vorstandsvorsitzender des Konzerns, möchte sie als seine Nachfolgerin sehen. Allerdings gilt es noch eine Hürde zu überwinden. Marlene ist bei den Mitarbeitern wegen ihrer spitzen Zunge gefürchtet; sie fühlen sich von ihr permanent unter Druck gesetzt, sie verbreite ein Klima der Kälte und der Angst. Marlene versteht die Anschuldigungen nicht, ihre Bilanzen sind topp, und ein Unternehmen ist schließlich „kein Montessori-Kindergarten“. Doch ihre Einwände nutzen nichts. Marlene muss an ihrer Sozialkompetenz arbeiten, empathischer werden, wenn sie den begehrten Posten erhalten möchte. Deshalb hat Dr. Finckenstein ein zweiwöchiges Achtsamkeitsseminar bei einem führenden Unternehmens-Coach für sie gebucht.
Unwillig reist Marlene in ihr „Umerziehungslager“, wie sie es nennt, ein idyllisch gelegenes Schloss in Brandenburg.
Hier ist der Sitz der „Academy“, der Firma von Deutschlands führendem Mental Coach Alex Grow. Mit einem Heer von Mitarbeitern hat er schon unzähligen Menschen geholfen, ihre mentalen Stärken auszubauen, Blockaden zu lösen und generell ihr Potenzial zu maximieren. Dabei sieht es mit der psychischen Gesundheit von Alex selbst nicht sehr gut aus. Ein Zusammenbruch vor drei Jahren war ein erstes Warnsignal. Dazu kommen finanzielle Probleme, denn die „Academy“ steht kurz vor der Insolvenz. Da kommt ihm das Angebot von Dr. Finckenstein gerade recht. Wenn er es schafft, bei Marlene erfolgreich zu sein dann würde das künftige Business-Coaching-Programm des Konzerns über seine Firma laufen.
Maxim Leo wechselt kapitelweise die Perspektive. Mal verfolgen wir Marlenes Entwicklung, mal die Sinnkrise des Gurus, der selber Hilfe benötigt.
Marlene geht den anderen Teilnehmern nach Möglichkeit aus dem Weg. Sie hat keine Lust, vor anderen ihr Innenleben auszubreiten, genauso wenig, wie sich deren Traumata anzuhören. Auch dem üblichen Wellness-Programm entzieht sie sich.
Dagegen entdeckt Marlene durch unerwartete Begegnungen mit der Natur und der Tierwelt ganz neue Seiten an sich. Und auch die Bekanntschaft mit einem schüchternen Hausmeister, der sein Leben irgendwann rigoros umkrempelte, bringt Marlene zum Nachdenken über sich und ihr bisheriges Leben.
Der Wandel von der zielbewussten, umtriebigen Geschäftsfrau zu einer Frau, die unterdrückte und verdrängte Gefühle in sich wahrnimmt, gelingt vielleicht zu schnell. Doch Maxim Leo schafft es, ihre Wandlung glaubhaft zu beschreiben.
Manches ist dabei vorhersehbar und auch nicht jede Nebenhandlung zwingend notwendig. Aber das offene Ende versöhnt damit.
Dass Maxim Leo sich mit dem Thema auskennt - seine Frau arbeitet als Coach - zeigt sich in vielen Szenen. So ist z.B. eine der wenigen Übungen, an denen Marlene teilnimmt, eine Familienaufstellung, die genau beschrieben wird und die bei Marlene zu erstaunlichen Erkenntnissen führt.
Dabei nimmt der Autor das Milieu ernst, auch wenn er sich manch satirische Spitze erlaubt und nicht wenige Klischees bedient. Neben all der Leichtigkeit werden auch existenzielle Themen angesprochen. So z.B. wenn sich Marlene fragt, „ ob es Dinge gibt, die unveränderlich bleiben, egal, wie man sich entscheidet. Ob es etwas in uns gibt, das wir instinktiv nicht infrage stellen, das unumstößlich ist. Eine Art Wesenskern,…“
Oder wenn Maxim Leo von „ Freudenfressern“ spricht, allen voran „ die Gewöhnung, die jeden Erfolg in atemberaubendem Tempo zur Normalität werden ließ…“ , gefolgt von der „Angst, das gerade erreichte wieder zu verlieren…“
Einen kritischen Blick wirft der Roman auch auf den Zwang, sich optimieren zu müssen. So nach dem Motto „ Wer jetzt nicht heilte, der war selber schuld“.
Maxim Leo schreibt temporeich, voller Pointen und starker Dialoge. Das liest sich flüssig und unterhaltsam, regt gleichermaßen zum Lachen und zum Nachdenken an.
Passend zum Inhalt ist das von Maxim Leo zitierte Brecht-Zitat:
„Ja, renn nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.“





Das gute Leben
von Nadine Schneider
Die 1990 geborene Autorin Nadine Schreiber erzählt in ihrem dritten Roman die Geschichte von vier Frauen über die Generationen hinweg.
Im Zentrum steht Anni, die als junge Frau in den 1960er Jahren ihre rumänische Heimat verlässt, um in Deutschland ein „gutes Leben“ zu finden. Sie ist schwanger, doch diese Tatsache soll ihr nicht im Weg stehen. Den Kindsvater lässt sie zurück, keiner soll sie aufhalten. Sie will nicht versauern in ihrem Dorf, will den Dreck und die Armut hinter sich lassen. Und so macht sie sich auf, zunächst nach Österreich zu ihrem Vater, dann weiter nach Nürnberg, wo ihr Bruder schon länger lebt.
Aber einfach wird es nicht werden für Anni. Nur widerwillig lässt sie ihr Bruder bei sich wohnen. Anni findet Arbeit beim Versandhandel Quelle, wo sie tagein, tagaus Pakete füllt. Die Arbeit dort gibt ihr Halt und Sicherheit, die Firma ist wie eine Familie für sie. Ihr Leben lang wird sie von einer Begegnung mit der Firmenchefin zehren; Grete Schickedanz bleibt ihr unangefochtenes Idol. Umso härter trifft sie die Kündigung kurz vor ihrer Rente, als das Unternehmen gezwungen ist, Personal abzubauen.
Anni zahlt einen harten Preis für ein besseres Leben. Sie hat zwar auch Glück, so vermacht ihr z.B. ein Onkel sein Haus, doch „wenn sie mal einer gefragt hätte, hätte sie gesagt, dass sie nicht das allergrößte Stück vom Kuchen abgekriegt hat,…. und dass ihr dieses Stück auch keiner geschenkt hat, und während alle vom Wirtschaftswunder redeten, stand sie sich mit der Kati und Hunderten von anderen Frauen jeden Tag die Beine in den Bauch, damit die Leute ihre schönen Pakete bekamen,…“
Und zugehörig hat sich Anni in Deutschland nie gefühlt. Aus der selbstbewussten, aufmüpfigen jungen Frau, die zielbewusst ihre alte Heimat verlassen hat, wird eine Frau, die ihre Stimme verliert, sich anpasst und beinahe verschwindet.
Das alles lässt sie verhärten. Ihren Zorn bekommen aber nur die Menschen in ihrer nächsten Umgebung zu spüren.
Das macht sie als Charakter nicht unbedingt sympathisch, glaubwürdig allerdings schon.
Männer kommen im Roman kaum vor, wenn, nur am Rande. Die Väter sind abwesend, das beginnt schon mit Annis Vater. Der zählte als Banater Schwabe zur deutschen Minderheit in Rumänien und schloss sich während der deutschen Besatzung den Nazis an. Aus Furcht vor Vergeltung ging er nach dem Krieg nach Österreich, wo er wieder heiratete. Anni hat früh gelernt, dass Väter für die Kindererziehung entbehrlich sind, sie hat schließlich auch keinen Vater gebraucht. So zieht sie erst Tochter Helene alleine auf und als diese irgendwann nach Florida verschwindet und ihre 10jährige Tochter Christina zurücklässt, kümmert sie sich um die Enkelin. „Das erste Kind, Helene, bringt Anni durch, doch das zweite, Helenes Kind, liebt sie dann.“ Mit dem eigenen Kind ist Anni überfordert, da fehlt ihr die Zeit und die Geduld. So greift sie oft zu drastischen Maßnahmen: „Für das Kind gibt es den Kochlöffel. Für das Kind gibt es die Hand, den Besen …“ und einmal fliegt sogar ein Bügeleisen durch das Zimmer.
Nadine Schneider beginnt ihre Geschichte mit dem Tod von Anni. Enkelin Christina erbt ihr Haus in der Nähe von Nürnberg. Aus der Ich-Perspektive erfahren wir nun, wie es Christina beim Ausräumen des Hauses geht. Dabei erinnert sie sich an ihre Kindheit und Jugend bei der Großmutter, an die vielen Sommer in Rumänien bei der Urgroßmutter. Wehmut erfüllt sie bei dem Gedanken, dass sie ihrer Großmutter noch so viele Fragen stellen wollte und nun ist der Zeitpunkt für intensive Gespräche verstrichen.
Parallel dazu wird in Rückblenden Annis Leben aufgeblättert.
Über Helene erfährt man dabei wenig. Wie Anni ist auch sie früh Mutter geworden, ohne einen Mann an ihrer Seite. Und ihre Tochter habe sie zurückgelassen, weil sie befürchtet hat, sie könne eine solche Mutter wie Anni werden. Ob das nur eine Ausrede ist, mag der Lesende beurteilen
Der Roman erzählt von schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen, von der Unfähigkeit zur Kommunikation, von verpassten Möglichkeiten und der Suche nach einem Platz im Leben.
Auch wenn ich mit den Charakteren, ihren Handlungsweisen und Beweggründen oft gehadert habe, so weiß ich das literarische Können der Autorin zu schätzen. Die Erzählebenen werden kunstvoll verwoben; aus vielen Mosaiksteinchen ergibt sich ein Gesamtbild. Trotzdem bleiben viele Leerstellen und der Text lässt Raum für eigene Interpretationen. Mit ihrer präzisen und zugleich bilderreichen Sprache schafft sie Atmospäre und lässt ihre Figuren lebendig werden.
Trotz der vorherrschenden Melancholie endet der Roman versöhnlich. Christina und Helene sind fähig zu einem wirklichen Gespräch. Und für das Verbindende zwischen den Generationen von Frauen steht ein Rebstock. Ursprünglich im Garten in Rumänien gewachsen, von Anni nach Nürnberg gebracht, wandert nun ein Trieb in die Berliner Wohnung von Christina.
Die Autorin lässt einiges aus ihrer eigenen Familiengeschichte in den Roman einfließen. Ihre Familie sind Aussiedler aus dem Banat, ihre Großmutter hat bei Quelle gearbeitet.
„Das gute Leben“ ist eine lesenswerte Familiengeschichte, die genug Stoff liefert zum Nachdenken und Diskutieren .





Hallo, jetzt bin ich Vorschulkind!
von Johanna von Vogel
Meine Enkelin ist schon ganz begierig darauf, auch endlich Vorschulkind zu werden. Die meisten ihrer Kindergartenfreunde sind etwas älter und kommen bald in die Schule. Neidisch sieht sie immer, was für interessante Dinge sie in der Vorschule machen. Da kommt dieses Bilderbuch für sie genau richtig.
Als Identifikationsfigur bietet sich die Protagonistin hier geradezu an.
Die Sommerferien sind vorbei und endlich geht es lost mit dem letzten Kindergartenjahr. Aber Anna weiß noch nicht, ob sie sich darauf freuen soll. Was wird sie erwarten?
Mit Anna erleben wir nun spannende Erlebnisse in der Vorschule. Spielerisch werden Buchstaben, Zahlen und Formen entdeckt. Gemeinsam wird gebacken und Frühstück zubereitet, doch zuvor müssen die Zutaten eingekauft werden. Richtig aufregend ist es, als ein Verkehrspolizist zu den Vorschulkindern kommt und ihnen das richtige Verhalten im Straßenverkehr erklärt. So passiert noch einiges, bevor das letzte Kindergartenjahr mit einem fröhlichen Abschlussfest endet.
Anna ist in diesem Jahr nicht nur älter geworden, sondern klüger und selbständiger. Und das gemeinsame Spielen kam auch nicht zu kurz.
Dieses Bilderbuch ist eine tolle Vorbereitung für alle zukünftigen Vorschulkinder. Sie wissen nun, was auf sie zukommt und dass man überhaupt keine Angst davor haben muss.
Die Szenen sind ganz nah am kindlichen Alltag, die vielen farbenfrohen Illustrationen unterstreichen und ergänzen den Text. Auch dieser ist kindgerecht, gut verständlich und nicht zu simpel.
Kleine Aufgaben beziehen das Kind öfter mit ein. Es gibt unterschiedliche Suchaufgaben, oder sie dürfen Dinge erklären.
So ist dieses Buch eine ideale Vorbereitung für alle Vorschulkinder. Es lädt ein zum Entdecken und darüber reden.









