Kundenrezensionen von Ruth





Querfeldein
von Alex Capus
Alex Capus ist einer der populärsten Schweizer Autoren. Seine Bücher befinden sich regelmäßig auf den Bestsellerlisten und auch sein neuester Roman wird sich bald einen Platz darauf sichern. Wie in vielen seiner Werke greift der Autor wieder auf historische Begebenheiten und Figuren zurück und bettet dies in eine unterhaltsame fiktive Geschichte. Herausragende Beispiele dafür sind „Eine Frage der Zeit“, bereits 2007 erschienen, in dem er ein kurioses Kapitel deutscher Kolonialgeschichte literarisch verarbeitet und sein erfolgreichstes Buch die Liebesgeschichte „Léon und Louise“, bei der er sich auf das Leben seines Großvaters bezieht, vor dem Hintergrund deutscher Geschichte und deutscher Besatzung in Paris.
Schauplatz in „Querfeldein“ ist das kleine Schweizer Dorf Ramsen im Grenzgebiet zu Deutschland. Hier eröffnet Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts ein junger Mann namens Arnold den Gasthof „Zur Moskau“. Arnold ist Sohn eines Arbeiters, der lange Zeit ein unstetes Leben führt. Jede Arbeit wird ihm bald so langweilig, dass er beschließt, sich nach 100 Tagen eine neue Stelle zu suchen. So lernt er die Welt und die Menschen kennen und erwirbt sich zahlreiche Fertigkeiten. Dabei führt ihn sein Weg nach Baden-Baden, wo er in einem Straßenbautrupp Pflaster vor dem Casino verlegt. Nach Abschluss der Baumaßnahme gehen alle gemeinsam ins Casino und Arnold verlässt das Haus mit sehr viel Geld in der Tasche. Dieser unverhoffte Gewinn verschafft ihm die Möglichkeit, zukünftig sein eigener Herr zu sein. Sein Wirtshaus läuft gut, hier treffen sich sowohl die Dorfbewohner als auch Auswärtige - Händler, Reisende und hin und wieder ein paar „exotische Zugvögel“. Anton ist zufrieden. Zu seinem Glück fehlt ihm nur noch die passende Frau und die kommt eines Tages hoch zu Ross angeritten. Betty und er werden ein Paar und bekommen zusammen acht Kinder. Clara, die Älteste, ist anders als die andern. Gern streunt sie durch die Gegend, bleibt manches Mal für Tage weg. Aber Arnold und Betty lassen sie sein, wie sie ist.
Eines Tages, wir sind mittlerweile im Jahr 1933, bricht ein Bär von einem Mann durchs Unterholz und stürmt auf das Gasthaus zu. Es handelt sich dabei um einen tschechischen Schmuggler auf der Flucht vor den Uniformierten. Clara findet Gefallen an ihm und dieser Hermann an ihr. Er bleibt bei den Wirtsleuten, macht sich überall nützlich und gehört bald zur Familie. Doch seine Schmugglertätigkeit gibt der junge Mann nicht auf. Gefährlich ist dies nicht wegen dem bisschen Zucker und Kaffee, das er nach Deutschland schmuggelt, gefährlich ist es vor allem , weil Hermann auch immer kommunistisches Propagandamaterial im Rucksack hat. Und als er eines Tages von NS- Leuten aufgegriffen, brutal zusammengeschlagen und über die Grenze verschleppt wird, werden nicht nur Clara und Betty aktiv. Nein, das ganze Dorf setzt sich für Hermanns Freilassung ein. Wie, das soll hier nicht verraten werden.
Auslöser für diesen Roman war eine Ansichtskarte von diesem „Gasthaus zur Moskau“, die Alex Capus auf einem Flohmarkt in die Hände fiel. Diese Karte führte ihn dann zum Schmuggler Hermann Weber, der tatsächlich in die Fänge der SS geriet, nach Deutschland entführt und nach Protesten wieder freigelassen wurde.
Um zu diesem eigentlichen Höhepunkt der Geschichte zu kommen, lässt sich Capus sehr viel Zeit. Erst in der Mitte des Buches hat Hermann seinen ersten Auftritt. Zuvor zeichnet der Autor ein anschauliches Bild vom Leben in diesem Dorf Anfang des letzten Jahrhunderts. Im Zentrum steht Arnold, ein eigensinniger Mensch im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat seine ganz individuelle Vorstellung von einem sinnerfüllten Leben. Die findet er als Wirt, Ehemann und Familienvater. Da kann der Autor, der seit 13 Jahren in Olten eine Bar betreibt und fünf Söhne hat, aus der eigenen Erfahrung schöpfen. Arnold weiß, was er will, setzt seine Interessen aber nie mit Gewalt, sondern mit Witz, Intelligenz und Beharrlichkeit durch.
Auch die beiden Frauenfiguren sind dem Autor außerordentlich gut gelungen. Beide sind starke, selbstbewusste und unkonventionelle Frauen. Arnold tut gut daran, ihnen keine Fesseln anzulegen. So ist der Roman auch ein Ratgeber, wie langjährige Beziehungen funktionieren können.
Ebenso werden einige Nebenfiguren mit interessanten Biografien ausgestattet, wobei es da ein paar Abschweifungen zu viel gibt.
Doch der Roman ist v.a. ein Plädoyer für Zusammenhalt und gemeinschaftliches Engagement. Für die Rettung von Hermann müssen einige Kugeln ins Rollen gebracht werden, aber der Erfolg spricht für die Methode.
Sicher, manches mag märchenhaft erscheinen und der Erzählton passt dazu. Unterbrochen wird der Plauderton dann aber mit in den Text eingefügtem Archivmaterial in Form von Briefen und Protokollen, was der Geschichte wiederum Authentizität verleiht.
Auch wenn „Querfeldein“ für mich zu den eher schwächeren Werken von Alex Capus zählt, so empfehle ich ihn trotzdem gerne.
Wer sich aber von seinem wahren schriftstellerischen Können überzeugen möchte, der greife zu den beiden eingangs genannten Romanen.





Die Träume, die wir hatten
von Christiane Hoffmann
Christiane Hoffmann, studierte Slawistin und Osteuropa -Expertin, hat mit „ Die Träume, die wir hatten“ ihr zweites Buch vorgelegt. 2022, damals war sie noch stellvertretende Regierungssprecherin unter Bundeskanzler Scholz, landete sie einen Bestseller mit dem Buch „Alles, was wir nicht erinnern Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters“. Darin verbindet sie ihre eigene Familiengeschichte mit der allgemeinen Historie von Flucht und Vertreibung.
Auch in „Die Träume, die wir hatten“ verknüpft sie Persönliches und die große Weltpolitik.
Am 24. Februar 2022 überfällt Russland die Ukraine. Das ist aber nicht die einzige Schreckensnachricht, die Christiane Hoffmann an diesem Tag ereilt. Sie erfährt gleichzeitig vom Suizid ihrer langjährigen Freundin. Sie kennen sich seit Studientagen, beide haben Slawistik studiert, beide lieben die russische Literatur, gemeinsam haben sie Russland bereist.
Und die zufällige Koinzidenz dieser beiden Ereignisse lösen bei Christiane Hoffmann dieselben Fragen aus:
Hätte sie den Tod ihrer Freundin verhindern können? Hätte sie rechtzeitig die Anzeichen der Depression bei ihrer Freundin sehen und sich vermehrt um sie kümmern müssen?
Hätten wir, der Westen, die Politik, sie als Journalistin viel früher die Warnzeichen erkennen müssen und hätten wir den Krieg verhindern können?
Um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen, geht die Autorin zurück in die späten 80er und frühen 90er Jahre.
In jener Zeit war Christiane Hoffmann als Studentin in Leningrad, später arbeitet sie als Praktikantin bei einer staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt in Kiew. Hautnah erlebt sie den oft schwierigen Alltag der Sowjetbürger, trifft russische und ukrainische Freunde, spricht mit vielen unterschiedlichen Menschen im Land.
Dabei beobachtet Christiane Hoffmann das politische Geschehen und sieht im Rückblick jene Jahre als die entscheidenden. Hier nahm die Entwicklung ihren Lauf, an deren Ende der russisch-ukrainische Krieg steht. „Diese frühen neunziger Jahre entscheiden über das künftige Verhältnis zwischen Russland und dem Westen, und damit langfristig über die Sicherheit Europas. Was in diesen Jahren getan und versäumt wird, wirkt lange nach.“
Der Westen hat zu lange auf Jelzin gesetzt, erhoffte sich von ihm Stabilität und sah deshalb über vieles hinweg. Auch die russischen Oligarchen unterstützen Jelzin und so „stirbt die russische Demokratie still an einer Überdosis Kapitalismus.“ „In dieser Zeit vollzieht sich jene Synthese von politischer und wirtschaftlicher Macht, die Russland von nun an prägen wird.“
Entscheidend aber auch für das zunehmend schlechtere Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist sicherlich der Konflikt über die Nato-Osterweiterung. Eine umstrittene Erweiterung, man sah die Nachteile und die Gefahren, verstand aber auch die Staaten, die um die Aufnahme in die Nato betteln. Christiane Hoffmann kritisiert den Schlingerkurs des Westens. „Man umarmt die Russen mit dem einen Arm, während der andere den Ostmitteleuropäern die Tür zur Nato öffnet.“
Eindeutig beantworten lässt sich die Frage nach der Schuld oder Mitverantwortung des Westens an der jetzigen Situation nicht. Sicher ist: Die Aggression geht von Putin aus, und sein Vorgehen lässt sich durch nichts rechtfertigen. Das steht für die Autorin außer Frage. Sie sieht und zeigt jedoch die Versäumnisse des Westens, die verpassten Chancen, das ungenutzte Zeitfenster, den fehlenden Mut.
Dann aber fragt sie sich wieder, ob es nicht vermessen ist zu glauben, der Westen könne tatsächlich die Entwicklung Russlands beeinflussen.
„So wie es vielleicht größenwahnsinnig ist zu glauben, ich hätte meine Freundin davon abhalten können, sich das Leben zu nehmen.“
Immer wieder kehrt Christiane Hoffmann zu ihrer Freundin zurück, beschreibt deren privaten und beruflichen Werdegang, erzählt von gemeinsamen Erlebnissen und von ihrer Trauer über den Verlust. Das alles auf sehr einfühlsame und berührende Weise, wobei auch hier Selbstzweifel anklingen: „Wieso nehme ich mir das heraus, die Deutungshoheit über Dein Leben? Über Deinen Tod?“
Eine zentrale Position im Buch nimmt die russisch-ukrainische Dichterin Anna Achmatowa ein. Sie ist ein Verbindungsglied zwischen der Autorin und ihrer Freundin. Beide lieben ihre Gedichte; die Freundin hat sich sowohl in ihrer Magister- als auch in ihrer Doktorarbeit mit Achmatowa beschäftigt. Gleichzeitig verkörpert die russische Dichterin durch ihr langes Leben und mit ihrem Schaffen russische Historie und russische Kultur.
„Die Träume, die wir hatten“, das sind die Träume von einem Leben in Frieden und Freiheit in einem ungeteilten Europa, „von gemeinsamer Sicherheit und Demokratie in Russland und überall , von „Nie wieder Krieg“. Das waren und sind auch meine Träume und deshalb verstehe ich den Schmerz und die Trauer der Autorin über eine Wirklichkeit, die so weit entfernt ist von unseren Hoffnungen und Wünschen.
Dieses Buch ist einerseits ein zutiefst berührender Bericht über eine langjährige Freundschaft, über Verlust und Trauer und zugleich eine kluge und fundierte Analyse der russisch-ukrainischen Beziehung und der Stellung des Westens. Auf der Folie eigener Erfahrungen und mit dem scharfen Blick einer kompetenten Journalistin zeigt die Autorin Hintergründe auf und macht komplexe Zusammenhänge deutlich.
Christiane Hofmann ist hier ein ganz wunderbares Buch gelungen, das ich jedem empfehlen kann. Auch damit dieser unsägliche Krieg, der bereits über vier Jahre andauert, und unendlich viel Leid gebracht hat, bei uns nicht in Vergessenheit gerät.





Tage am Fluss
von Jochen Mariss
Der 71jährige Autor hat sich bisher mit Fotografien und Gedichten einen Namen gemacht. Nun ist mit „Tage am Fluss“ sein Debutroman erschienen. Zwar mögen das wunderschöne Cover und der Klappentext einen leichten Sommerroman versprechen, doch der Text erweist sich als weitaus tiefgründiger.
Sara Harmsen, eine Frau Ende Vierzig, lebt allein mit ihrer Hündin Luna, drei Schafen und sieben Hühnern auf einem abgelegenen Hof am Fluss. Daneben betreibt sie in vierter Generation eine kleine Fähre, die das Dörfchen Erlengrund mit der nächstgelegenen Kreisstadt verbindet. Die menschenscheue Frau hat sich in ihrer Einsamkeit gut eingerichtet. Doch nicht wenigen im Dorf ist die Fähre ein Dorn im Auge. Sie wünschen sich endlich eine Brücke über den Fluss und versprechen sich davon eine zuverlässigere Anbindung und Touristen im Ort. Dazu bräuchte man allerdings das Grundstück „Zum grünen Mond“ um Saras Haus. Diese ist aber keineswegs bereit, ihr „kleines Paradies“ herzugeben und sich selbst überflüssig zu machen, obwohl der zunehmend niedrigere Wasserstand einen geregelten Fährbetrieb erschweren.
Eines Abends taucht als letzter Fahrgast ein junger Mann auf, durstig, mit verschmutzter Kleidung und blutender Schläfe. Sara verarztet die Wunde und lässt ihn eher widerwillig bei sich übernachten.
Dieser Leon ist ein engagierter Klimaaktivist, der an einer Waldbesetzung beteiligt und dabei mit der Polizei in Konflikt geraten war. Er hofft, bei der mürrischen Frau ein paar Tage Unterschlupf zu finden. Obwohl Sara ahnt, dass Leon etwas zu verbergen hat, lässt sie sich darauf ein. Im Gegenzug soll er ihr zur Hand gehen. Bei den Arbeiten an Haus und Hof kommen sich die beiden ungleichen Charaktere näher. Es eint sie die Liebe zur Natur, deshalb kann Sara auch auf Leons Unterstützung im Kampf gegen die örtlichen Brückenbefürworter rechnen.
Jochen Maris hat mit Sara und Leon zwei komplexe Figuren geschaffen, die beide schwer an alten Wunden, Schuldgefühlen und Ängsten leiden. Und es dauert lange, bis sie ihr Misstrauen überwinden und sich öffnen können.
Ein dominanter und gewalttätiger Vater, in dessen Schatten eine verkümmerte Ehefrau und ein verängstigter Sohn, dazu ein schreckliches Erlebnis in der Vergangenheit haben aus Sara eine Frau gemacht, die Angst hat vor tieferen Bindungen, ihre Unabhängigkeit bewahren will und deshalb die Menschen meidet. Lieber kümmert sie sich um ihre Tiere, ihr Haus und ihren Garten, auch wenn die Arbeit für eine Frau allein zu viel ist. Zukunftsängste versucht sie zu verdrängen.
Leon steht stellvertretend für all die jungen Menschen, denen die Probleme in der Welt, allen voran der Klimawandel, nicht gleichgültig sind, sondern die aktiv werden. Dabei plagen ihn viele Zweifel. Was kann er tun und was bewirken? „ Er hatte das Gefühl, vor einem Haus zu stehen und verzweifelt zu rufen: Es brennt! Die Leute kamen an ihre Fenster und brüllten zu ihm runter: Ruhe! Sie fühlten sich in ihrem schönen Leben gestört. Sie wollten nicht hören, was er sagte, weil er schlechte Nachrichten überbrachte. Dass es die Wahrheit war, spielte dabei keine Rolle.“
Bei Sara ( und bei mir ) findet er ein offenes Ohr für seine Ängste. Wer so wie sie ( und ich ) mit und in der Natur lebt, kann die warnenden Anzeichen nicht übersehen.
Diese Figur des Leon gibt dem Autor die Möglichkeit, seine „Botschaft“ glaubhaft und nicht aufdringlich rüberzubringen.
Neben den authentischen Figuren sorgen die poetischen Naturbeschreibungen und die stimmungsvollen Schilderungen dafür, dass kein Thesenroman daraus geworden ist.
Das Buch lässt den Lesenden trotz der verhandelten Themen nicht trostlos zurück.
Indem Sara sich auf die Beziehung zu dem fremden jungen Mann einlässt, kann sie vieles mit anderen Augen sehen. Und sie lernt, Vergangenes loszulassen und sich selbst zu verzeihen.
Und auch Leon findet seinen Platz im Leben.
So ist es nur folgerichtig, wenn Jochen Maris sein Buch all denen widmet, „die trotz allem, was tagtäglich geschieht auf unserem blauen Planeten, nicht aufgeben, nicht abstumpfen, nicht verbittern, nicht gleichgültig werden, …, sondern Tag für Tag, so gut es geht und auf ihre Art, dem Unrecht die Stirn bieten und das Leben umarmen.“
Es ist zu wünschen, dass dieser unterhaltsame Roman mit seiner emotionalen Geschichte Leserkreise erreicht, die sich ansonsten wenig mit ökologischen Fragen auseinandersetzen und die so für diese Problematik sensibilisiert werden können.





Ferne Heimat Altmontal
von Michael Riepl
Der Autor Michael Riepl ist Jurist und promovierter Völkerrechtler. Daneben hat er seit 2015 für verschiedene humanitäre Organisationen gearbeitet, unter anderem in der Ukraine und in Aserbaidschan.
Nun hat er mit „ Ferne Heimat Altmontal“ sein literarisches Debut vorgelegt. Darin verknüpft er die bewegte Lebensgeschichte seiner Großmutter, die in der Ukraine und im Kaukasus aufwuchs, mit Reportagen von seinen Einsätzen in diesen Regionen.
Kurz vor seiner Abreise in die Ukraine erhält Riepl von seiner Mutter einen Stapel Papier - die Erinnerungen seiner Großmutter.
Geboren wurde Hedwig Krämer im März 1919 in Altmontal, einem kleinen Ort in der Südukraine. Ihre Vorfahren waren Protestanten aus Baden, die im 18. Jahrhundert dem Ruf der Zarin gefolgt sind.
Der Erste Weltkrieg ging an Altmontal beinahe spurlos vorüber. Doch 1918 war noch längst nicht Frieden; der Russische Bürgerkrieg tobte noch bis ins Jahr 1921, auch in der Ukraine. Hochschwanger flüchtet Hedwigs Mutter vor den Truppen auf die Krim und als sie Wochen später in ihr Haus zurückkehrt, ist alles verwüstet. So startet Hedwig in ein Leben, das geprägt ist von Hunger, Ausgrenzung und Krieg.
Sie ist zwei Jahre alt, als eine große Hungersnot das Land heimsucht, fünf Millionen Menschen verhungern in den Jahren 1921/1922 im ehemaligen Russischen Reich, viele davon in der Südukraine.
Danach folgen glückliche Jahre, die Familie wird größer. Hedwig und ihre fünf Geschwister wachsen in einer „Astrid-Lindgren-Romantik“ auf.
Das ändert sich mit Stalins „Entkulakisierung“. Die gesamte Landwirtschaft sollte zwangskollektiviert werden und die Kulaken, darunter fielen auch Kleinbauern wie die Krämers, sollten liquidiert oder verbannt werden. Als die Geheimpolizei kommt und die Familie in die Steppe treibt, ist Hedwig zwölf Jahre alt. Aber nicht nur die Krämers hungern in ihrer Lehmhütte, in der gesamten Ukraine herrscht eine Hungersnot, die fünf Millionen Tote fordert. Diese Hungerkatastrophe, die unter der Bezeichnung „Holodomor“ in die Geschichte eingeht, ist menschengemacht. ( Das ukrainische Wort „Holodomor“ bedeutet „Mord durch Hunger“.)
Aber Hedwig hat Glück. Ein entfernter Neffe kommt und nimmt sie mit zu sich nach Aserbaidschan. Hier in Annenfeld, wie das Dorf der Verwandten heißt, findet sich Hedwig , trotz Heimweh, schnell zurecht. Sie besucht die Schule und erweist sich als gelehrig. Und sie verfolgt früh ein Ziel, sie möchte Medizin studieren. Das ist im Kaukasus nicht möglich, deshalb kehrt Hedwig zwei Jahre später in die Ukraine zurück und beginnt mit der Ausbildung.
Doch dann wird der Vater verhaftet, er wird nie mehr zurückkehren. Die großen Säuberungen unter Stalin konnten jeden treffen, nationale Minderheiten wie die Deutschen waren besonders verdächtig.
Und als Hitler 1941 vom Verbündeten zum Feind wird und in die Sowjetunion einmarschiert, geraten die Krämers und mit ihnen alle Deutschstämmigen erneut ins Visier des russischen Geheimdienstes. Alle männlichen Deutschen werden verhaftet, darunter Hedwigs Brüder. Es beginnt die Deportation von einer Million Deutschen in der Sowjetunion.
Aber nicht nur die Deutschstämmigen unter den Ukrainern begrüßen den Einmarsch der Wehrmacht. Viele von ihnen haben die große Hungersnot und Stalins Säuberungen nicht vergessen.
Der Einmarsch der Wehrmacht rettet Hedwig vor der Deportation. Sie, die mittlerweile als Ärztin tätig ist, geht freiwillig als „Fremdarbeiter“ ins Deutsche Reich, ohne wirklich etwas zu wissen über dieses Land.
Und hier wird sie bleiben bis an ihr Lebensende, als Landärztin in einem bayerischen Dorf.
Michael Riepl erzählt die Geschichte seiner Großmutter entlang ihrer Aufzeichnungen. Immer wieder lässt er sie selbst in kurzen Passagen zu Wort kommen. Doch er stellt ihr Schicksal stets in den historischen Kontext, liefert Hintergrundwissen, Zahlen, Daten, Fakten. So wird man von diesen Lebenserinnerungen nicht nur emotional ergriffen, sondern geht klüger aus der Lektüre hervor.
Das trifft auch auf die zweite Ebene dieses Buches zu, die Erfahrungen, die der Autor während seines Einsatzes in der Ukraine macht. Im Jahr 2018 liegen die Maidan-Aufstände, die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass nur kurz zurück. Obwohl die Minsker Abkommen den bewaffneten Konflikt beenden sollten, herrscht weiterhin Krieg.
Im Rahmen seiner Tätigkeit reist Michael Riepl durchs Land, spricht mit vielen, ganz unterschiedlichen Menschen und gewinnt so ein genaues und differenziertes Bild. Gleichzeitig ist er unterwegs auf den Spuren seiner Vorfahren und stellt deren Erfahrungen der heutigen Situation gegenüber. Das macht dieses Buch so intensiv.
Es ist bewegend, informativ und augenöffnend.





Mein erstes Sachen suchen Wimmelbuch: Meine Welt
von Maria Höck
Dieses Wimmelbuch richtet sich an Kinder ab einem Jahr. Auf 7 Doppelseiten begleiten wir das Geschwisterpaar Paul und Susa durch den Tag. Dabei gibt es viel zum Entdecken, z. B. in der Kita, auf dem Spielplatz, beim Einkaufen und bei einem Ausflug in den Wald. Das Buch endet mit der abendlichen Routine im Bad. Es sind also lauter Szenen aus dem kindlichen Erfahrungsbereich. Kleine Geschichten auf jeder Doppelseite führen in die Schauplätze ein und stellen Fragen zum Bild. Seitlich werden verschiedene Gegenstände und Lebewesen aufgeführt, die es zu finden gilt. Um die Zielgruppe nicht zu überfordern, ist dabei die Menge überschaubar. Auch die dargestellten Alltagsszenen wirken nicht überladen. Stattdessen werden Situationen aufgegriffen, die nah an der Lebenswelt der Kinder sind. Ansprechend sind ebenfalls die farbenfrohen und detailreichen Illustrationen. So wird dieses Buch auch nach mehrmaligem Betrachten nicht langweilig .
Um unsere heutige, bunt gewordene Welt zu spiegeln, wurde hier auch auf Diversität geachtet. Menschen unterschiedlicher Art im Hinblick auf Alter, Hautfarbe und körperlicher Merkmale treten auf. So ist z.B. nicht nur ein älterer dunkelhäutiger Mann im Rollstuhl zu sehen, sondern auch ein kleines Mädchen.
Auch von seiner Machart mit stabiler Pappe und einem günstigen Format kann das Buch überzeugen.
Das alles wirkt sehr durchdacht.
Dieses Wimmelbuch ist bestens geeignet, um mit Kleinkindern spielerisch die Welt zu entdecken. Es ist hilfreich beim Spracherwerb, fördert gleichzeitig die Wahrnehmung und die Konzentration.
Rundum gelungen und somit eine Bereicherung für jedes Kinderzimmer, aber auch bestens geeignet für den Einsatz in Kita und Krippe.





Lori
von Anousch Mueller
Neben dem Klappentext war es hier v.a. das Cover, das meine Aufmerksamkeit erregt hat. Ein Bild, wie von Gerhard Richter gemalt. Es zeigt zwei Kinder, wobei nur das jüngere deutlich zu erkennen ist, das ältere wendet seinen Blick weg vom Betrachter, hin zum anderen Kind. Alles leicht verwischt, bewusst unscharf.
Wie gut das Cover zum Inhalt des Romans passt, erweist sich nach der Lektüre.
Neugierde weckt auch der Prolog: „Wenn sich ein Geheimnis löst, beginnt die Geschichte von Neuem.“ so lautet der erste Satz. Und es geht weiter mit: „Jeden von uns gibt es ab dann in der einen und in der anderen Version. In der ersten Version bin ich die älteste Tochter meiner Eltern, die Erstgeborene….In der anderen Version bin ich die Zweite, die Statthalterin. Die dem Vergleich nicht standhält.“
Es ist die Ich- Erzählerin Helena Ross, genannt Leni, die einen so kritischen Blick auf sich selbst hat und die sich hier auf die Suche nach dem Geheimnis begibt, das wie ein Schatten über ihrer Familie liegt.
Sie lebt mit ihren Eltern und den zahlreichen Geschwistern auf einem stillgelegten Bahnhofsgelände in der thüringischen Provinz. Im Dorf nennt man den Bahnhof „Das Ende der Welt“; vor ihnen wohnten hier „Asoziale“ - Kriminelle oder „Politische“. Und auch um Lenis‘ Familie ranken sich zahlreiche Gerüchte.
Trotzdem erleben Leni und ihre fünf Geschwister eine beinahe harmonische Kindheit, voller Abenteuer in der Natur. Auch wenn die Mutter oft abwesend wirkt, beständig beschäftigt ist mit dem neuesten Baby und sich ansonsten in jeder freien Minute hinter Büchern vergräbt.
Dafür ist der Vater stets liebevoll und besorgt, kümmert sich als Rettungssanitäter nicht nur um die kleinen und größeren Wunden seiner Kinder. „Immer war es Papa, der die tröstenden Worte sprach. Immer war es Mama, die sich abwandte, immer mit einem Baby auf dem Arm.“
Doch warum ist die Mutter oft so abweisend, in sich gekehrt, warum ist der Vater ständig in Sorge, seine Kinder könnten sich verletzen? Und was hat das mit den bruchstückhaften Erinnerungen von Leni zu tun, die sie immer wieder heimsuchen? Was ist das für ein Mädchen, das im Traum ihre Hand hält? Und weshalb steht im Mutterpass der Mutter: „Schwangerschaften: 7 Geburten: 7“, obwohl die Familie nur sechs Kinder hat? Hat sie ihre Erinnerung an eine Schwester namens Lori doch nicht getrogen?
Um Antworten auf all diese Fragen zu bekommen, muss zurückgegangen werden in die Geschichte der Eltern, die sich 1974 in Cottbus begegneten. Und dabei zeigt sich wieder einmal, wie sehr ein diktatorischer Staat in das private Leben seiner Bürger eingreift. Und wie stark das noch die nachfolgenden Generationen betrifft und belastet, bekommen wir hier ebenfalls zu lesen. Denn jenes unheilvolle Geschehnis, über das in der Familie beharrlich geschwiegen wird, belastet alle. Sämtliche Geschwister haben als Erwachsene mit psychischen Problemen zu kämpfen.
Lori stürzt sich schon früh in eine aussichtslose Beziehung zu einem verheirateten Mann. Dass ihr Lutz, Freund seit Kindertagen, immer zur Seite steht, hilft ihr dabei nicht. Zu spät erkennt sie, was sie selbst für Lutz bedeutet hat.
Erst als erwachsene Frau findet Leni den Mut, mit ihrer Mutter über all das Vergangene zu reden.
Anousch Mueller nähert sich ihren Figuren mit sehr viel psychologischem Feingefühl. Dabei schafft sie ambivalente Charaktere, Menschen mit Brüchen und Kanten, deren Entwicklung man interessiert folgt.
Die Geschichte wird nicht chronologisch entwickelt, sondern mit vielen Vorausdeutungen, Rückblenden usw. Das schafft Spannung und erzeugt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Dabei bleiben Leerstellen, auch das ist stimmig.
Atmosphärisch dicht sind vor allem die Beschreibungen von Lenis Kindheit und Jugend und ihre verschwommenen Erinnerungen. Berührend sind auch die Gedichte von Lutz, die die Autorin in den Text einfließen lässt.
Informationen über den Unrechtsstaat DDR werden meist organisch in die Romanhandlung eingebettet.
So ist „Lori“ ein leiser, aber umso eindringlicher Familien- und Entwicklungsroman, der die Folgen von Sprachlosigkeit und Verschweigen thematisiert, und der auch literarisch überzeugt. Lesenswert!





Play+ Mein lustiges Spielbuch Wut im Bauch - ab 2 Jahre
von Maria Höck
Kleinkinder erleben intensive Emotionen, ohne dafür Worte zu haben. Gerade von negativen Gefühlen werden sie regelrecht überwältigt, das äußert sich nicht selten in heftigen Wutanfällen.
Emotionale Entwicklung beginnt mit dem Erkennen und Verstehen eigener und fremder Emotionen. Eine Hilfe dabei kann dieses zauberhafte Bilderbuch aus der Ravensburger „play +“-Reihe sein. Die Tiere feiern ein großes Waldfest und alle sind voller Vorfreude. Aber da kann manches passieren: Die Eule bekommt Angst, als der Hase sich als Gespenst verkleidet. Der Hase stolpert und die schönen Muffins liegen auf dem Boden. Der Dachs scheitert beim Girlanden aufhängen, der Fuchs fällt in den Dreck und das Eichhörnchen bekommt ein glitzerndes Haarband. All das löst die unterschiedlichsten Gefühle aus. Gemeinsam mit dem vorlesenden Erwachsenen darf das Kind überlegen, wie sich das jeweilige Tier fühlt. Und dann - das ist der Clou dabei - darf es den passenden Gefühlschip oben im Buch einwerfen und sieht nun die Emotion im Bauch des Tieres. Das macht Spaß und fördert das Verständnis.
Der kurze Text mit vielen Wiederholungen ist kindgerecht , er bietet Gesprächsanlass und lädt zur Identifikation ein. Ganz wichtig ist die Botschaft, die am Ende steht: „Angst, Freude, Ekel, Trauer, Wut: Alles, was du fühlst, ist gut.“
Ein weiterer Pluspunkt sind die auf jeder Seite aufgeführten Anregungen für Eltern, wie sie mit den Gefühlen ihrer Kinder umgehen können.
Das Buch ist bestens geeignet für die Zielgruppe ab zwei Jahren. Die farbenfrohen und ausdrucksstarken Illustrationen sind ansprechend, die robuste Pappe und das handliche Format ideal für kleine Kinderhände.
So ist „Wut im Bauch“ ein gelungenes Bilderbuch um die emotionale Kompetenz zu stärken .





Fünf, sechs, sieben, acht
von Ewald Arenz
Ewald Arenz arbeitet nach wie vor als Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. Und das, obwohl seine Romane regelmäßig die Bestsellerlisten stürmen.
Nun ist ein neues Buch von ihm erschienen, in dessen Zentrum der knapp sechzigjährige Anton steht. Er ist Stepptänzer am Theater seiner Heimatstadt und feiert nun gerade Premiere mit einer ausgefeilten Choreografie. Sicher, er mag nicht mehr so flink sein wie früher, dafür kann er auf jahrelanger Erfahrung aufbauen. Anton ist zufrieden mit sich. Da trifft es ihn besonders hart, dass die neue Intendantin auf ihn verzichten möchte und lieber einen Neustart mit jemand Jüngerem plant. Seinen Job soll ausgerechnet Tochter Emma, die in seine Fußstapfen getreten ist, bekommen. Eigentlich dürfte er als Vater stolz sein. Doch Anton ist zutiefst gekränkt. Keiner hatte ihn vorgewarnt, weder seine Exfrau Katja, der er noch immer freundschaftlich verbunden ist, noch die Tochter. Auf diese Verletzung reagiert Anton beleidigt, ist taub für jegliche Erklärung.
Gleichzeitig wird ihm seine eigene Endlichkeit bewusst. In seinem Beruf ist er auf einen fitten Körper angewiesen. Wenn die eigene Kraft nachlässt, gehört man schnell zum alten Eisen. Aber Anton fühlt sich doch noch garnicht alt.
Diese Überlegungen lassen ihn Bilanz ziehen und die Frage aufkommen, ob er das richtige Leben gelebt hat. Hintergrund dafür ist eine Leerstelle aus seiner Jugend, die ihn noch immer beschäftigt. Damals hat ihn seine große Liebe Jo von einem Tag auf den andern verlassen, ohne Gründe zu nennen, ja, ohne sich zu verabschieden, und blieb danach verschwunden.
Und obwohl er später mit Katja eine Familie gegründet hat, nagt dieses Erlebnis bis heute an ihm. Wäre sein Leben anders verlaufen, besser vielleicht, gemeinsam mit Jo?
Mit Hilfe von Emma finden sich Hinweise auf Jos Verbleib. Anton und Emma reisen zusammen nach Irland auf der Suche nach der verschollenen Geliebten, und auch in der Hoffnung, die Gräben zwischen Vater und Tochter zu schließen. Doch die erwünschte Annäherung zwischen den beiden bleibt aus. Alte Konflikte brechen auf und so muss sich Anton allein seiner Vergangenheit und seinen eigenen Fehlern stellen.
Anton ist kein Sympathieträger. Dazu ist er zu eitel und zu selbstverliebt. Es fällt ihm schwer, Verständnis für die Wünsche und Bedürfnisse anderer zu entwickeln. Zu sehr kreist sein Denken nur um sich und seine Befindlichkeiten. Ganz anders ist Katja, seine Ex-Frau. Sie ist klug und empathisch und versucht zwischen Vater und Tochter zu vermitteln. Im Grunde verstehen sich Anton und Katja immer noch und man fragt sich, warum es zur Trennung kam. Der Schatten von Jo stand immer zwischen ihnen. Wie hätte Katja gegen eine solche Phantomfrau ankämpfen sollen?
Es dauert lange, bis Anton erkennt, dass er einen Trugbild nachgejagt hat und dass man auf der Suche nach dem anderen, dem „richtigen“ Leben das wahre Leben verpasst.
Es sind universelle Themen und Fragen, die Ewald Arenz hier aufgreift, so das Älterwerden und seine Herausforderungen, Konflikte zwischen Eltern und Kinder und ganz zentral die Frage nach den verpassten Chancen und ungelebten Träumen.
Allerdings hat er wenig Zutrauen in seine Leserschaft. Zu viel wird vorgegeben, ausformuliert, so bleibt wenig Raum für eigene Interpretationen. Außerdem stellt sich der Grund für Jos einstiges Verschwinden als sehr abwegig und konstruiert heraus.
Daneben liefert der Roman aber auch schöne Lesemomente, so z.B. wenn Anton die Geräusche seiner Umwelt immer wieder in Rhythmus umsetzt. Und Ewald Arenz mag seine Charaktere, beschreibt ihre Macken und Fehler mit Empathie und leisem Humor.
Obwohl sein neuer Roman „Fünf, sechs, sieben, acht“ leider nicht an die literarische Qualität von „Alte Sorten“ oder „Der große Sommer“ herankommt, werden die Fans von Ewald Arenz ihn lieben und kaufen. Denn sie bekommen damit gute Unterhaltung und einiges zum Nachdenken.





Geschwister
von Moa Herngren
Dies ist schon der dritte Roman der schwedischen Autorin, nach „Scheidung“ und „Schwiegermutter“, in dem sie sich mit familiären Konflikten und Beziehungsdynamiken auseinandersetzt. ( Ich kenne die ersten beiden Bücher noch nicht, sie sind aber nach der Lektüre von „Geschwister“ sofort auf meiner Wunschliste gelandet.)
Der plötzliche Tod des Vaters bringt das fragile Beziehungsgefüge zwischen den drei erwachsenen Geschwistern Ulrika, Andrea und Rasmus noch stärker ins Trudeln. Dabei haben sie auch so schon mit erheblichen privaten Problemen zu kämpfen. Doch dieser Schicksalsschlag weckt Erinnerungen an die Kindheit, die jeder der drei anders erlebt hat.
Ulrika, die Älteste, war lange der Liebling ihres Vaters, bis nach einem Ereignis Andrea diese Rolle einnahm. Rasmus, der Nachzügler, stand immer im Schatten seiner älteren Schwestern, und wird auch heute noch von ihnen gerne übersehen oder instrumentalisiert.
Im Zentrum des Romans stehen die anderthalb Jahre nach dem Tod des Vaters, verwoben mit Erinnerungen an die Vergangenheit. Das Faszinierende daran ist die Erzählweise. Moa Herngren lässt die Geschwister in drei großen Abschnitten selbst zu Wort kommen und obwohl alle drei im Grunde dieselbe Geschichte erzählen, wird es nicht langweilig. Denn jeder nimmt die Dinge auf seine ganz subjektive Weise wahr, deutet sie anders und hat auch nicht denselben Wissensstand.
Und so ist auch der Lesende ständig gezwungen, seine Sichtweise zu revidieren.
Zu Beginn erleben wir Andrea, die das Gefühl hat, sich um alles kümmern zu müssen. Sie ist diejenige, die die Beerdigung organisiert, sich um die Mutter sorgt und überhaupt das Ansehen des geliebten Vaters hochhält. Dass ihre Geschwister ihr Engagement keineswegs würdigen, ärgert sie maßlos. Und auch die innige Beziehung zwischen ihrer Mutter und ihrer Schwester kränkt sie stark.
Ist man anfangs noch auf Andreas Seite, ändert sich das spätestens mit der Perspektive von Ulrika. Plötzlich spürt man, wie dominant und übergriffig Andrea agiert. Und auch Rasmus, der zuvor eher eine blasse Figur im Hintergrund war, bekommt mit seinem Abschnitt Profil.
Obwohl alle drei Charaktere ihre Fehler und Schwächen haben , bringt man Verständnis auf für sie. Man spürt, welche Kränkungen und Verletzungen sie geprägt haben, wie Rivalität und Schuldgefühle sie bis in die Gegenwart belasten, wie sie geworden sind, wie sie sind.
Dabei zeigt der Roman eindrucksvoll, dass es keine objektive Wahrheit gibt. Auch wenn Geschwister im selben Haus aufwachsen, so erleben sie die eigene Familie nie gleich. Dazu braucht es nicht mal ein Familiengeheimnis, wie hier im Buch. Das kann ich, als älteste Schwester mit vier Brüdern aufgewachsen, nur bestätigen.
Moa Herngren hat mit „Geschwister“ einen unglaublich fesselnden Familienroman geschrieben, der zum Nachdenken über die eigene Familie anregt.





Die Liebeshungrigen
von Karine Tuil
Karine Tuil ist bekannt für ihre gesellschaftskritischen Gegenwartsromane, in denen sie schonungslos Missstände und Ungerechtigkeiten in der französischen Gesellschaft aufzeigt. Das ist nicht anders in ihrem elften Roman „Die Liebeshungrigen“.
Im Zentrum steht Dan Lehman, bis vor einem Jahr noch Präsident von Frankreich. Einst als Hoffnungsträger für soziale Gerechtigkeit angetreten, hat er seine Wählerschaft während seiner Regierungszeit enttäuscht. Die sehen in ihm einen Verräter der Arbeiterschaft und erteilen ihm nun bei seiner erneuten Kandidatur eine Abfuhr. Diese Niederlage stürzt Lehman in eine tiefe existenzielle Krise. Es fällt ihm schwer, sich mit seinem Machtverlust abzufinden und er kämpft dagegen an, in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen.
Ein Versuch, als Schriftsteller wieder Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen, scheitert allerdings grandios.
Danach versinkt er in Selbstmitleid und sucht Zuflucht im Alkohol.
Darunter leidet auch seine Ehe mit der um zwanzig Jahre jüngeren Hilda, einer deutschen Schauspielerin. Für sie hatte er vor ein paar Jahren seine Frau Marianne, eine Schriftstellerin, verlassen, mit der er drei mittlerweile erwachsene Kinder hat.
Während seiner Amtszeit galten Hilda und er als „Power-Paar“, sie die erfolgreiche Schauspielerin, er der charismatische Politiker. Doch nun, wo die schöne Fassade gefallen ist, bröckelt auch das Bild vom glücklichen Paar. Einzig die Liebe zur taub geborenen Tochter Anna verbindet sie noch miteinander.
Auch Hilda fühlt sich ins Abseits gedrängt. Als Präsidentengattin blieben die Rollenangebote aus und nun ist sie mit Anfang Vierzig zu alt für das Filmgeschäft. Doch dann bietet ihr der anerkannte Regisseur Nizon die Hauptrolle in seinem nächsten Film an. Pikanterweise stammt die Buchvorlage von Marianne.
Damit wechselt der Fokus vom Politikbetrieb hin zum Filmgeschäft, wobei sich viele Gemeinsamkeiten zeigen. Beide Welten leben von der Inszenierung und davon, dass die Personen ihre Rollen überzeugend rüberbringen. Eitelkeit, Konkurrenzdenken und Machtmissbrauch sind weitere Parallelen. Und Politiker wie Filmschaffende stehen im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung, müssen mit den Begleiterscheinungen davon leben.
Auch die Medienlandschaft wird kritisch seziert. Der geht es nicht mehr um objektive sachliche Berichterstattung, vielmehr bedient sie den Voyerismus ihrer Gefolgschaft. Und wen sie heute noch euphorisch feiert, der wird morgen schon gnadenlos demontiert.
Das große Finale findet dann bei den Filmfestspielen in Cannes statt, wo alle Figuren des Romans aufeinandertreffen.
Eine unrühmliche Rolle dabei kommt dem Regisseur Nizon zu. Mit seinem Film über eine Arbeiterin, die sich gegen männliche Gewalt zur Wehr setzt, lässt er sich als überzeugter Feminist feiern. Dabei ist er der Prototyp eines Narzissten, der aufs Übelste Frauen manipuliert und demütigt.
Hier entlarvt die Autorin die Kulturbranche, die sich gerne als Vorreiter sieht für Freiheit und Selbstbestimmung und vorgibt, besonders gesellschaftskritisch zu sein, tatsächlich aber Teil des Systems ist, das sie an den Pranger stellt.
Karine Tuil hat ihren Roman mehrstimmig angelegt, wobei Dan Lehman gerade im Anfangsteil viel Platz eingeräumt wird. Von ihm erzählt sie nicht nur in personaler Form, sondern lässt ihn auch selbst zu Wort kommen. In einem Audio-Tagebuch spricht er über Politik und Privates, erzählt von seiner Kindheit und Jugend. Dazu kommen kursiv gesetzte Textstellen, in denen wir seine Alkoholexzesse mitverfolgen dürfen.
Kapitelweise wechselt Karine Tuil die Erzählperspektive und beleuchtet so näher die wichtigsten Protagonisten.
Dass ansonsten nur Marianne eine Ich-Perspektive zugestanden wird, ist klug gewählt, ist sie doch eine der wenigen positiv gezeichneten Figuren und die Einzige, die zur Identifikation einlädt. Und mit ihr, der Schriftstellerin, zeigt die Autorin, welche Rolle sie der Literatur zumisst: Als Gegenpol zur oberflächlichen, nur auf Schein bedachten Welt ist die Literatur zuständig für Wahrheit und Moral.
Überhaupt kommen die Frauenfiguren bei Karine Tuil besser weg als die Männer, die durchgängig Narzissten oder prinzipienlose Ehrgeizlinge sind.
Mit Marianne, Hilde und Léonie, Dans Tochter aus erster Ehe, porträtiert die Autorin drei Frauengenerationen, die unterschiedliche Haltungen einnehmen.
Marianne ist zwar gekränkt, weil ihr Mann sie wegen einer jüngeren Frau verlassen hat. Trotzdem wirkt sie gefestigt und findet in ihrer Arbeit Erfüllung.
Hilda ist ehrgeizig und lässt sich ausnutzen und erniedrigen um des Erfolges willen.
Léonie dagegen steht für eine junge Generation von Frauen, die vehement für ihre Rechte einsteht. Allerdings ist auch sie nicht ohne Widersprüche. So lässt sie sich anfangs noch von Nizons Charme blenden.
Überhaupt zeichnet Karine Tuil all ihre Figuren nicht eindimensional, sondern gibt ihnen Tiefe und Ambivalenz.
Karine Tuil hat sicher keinen Schlüsselroman geschrieben, auch wenn sich Parallelen zu lebenden Personen finden lassen. Ihr ging es darum, Strukturen aufzuzeigen, die sich nicht auf Frankreich beschränken.
Im Original lautet der Titel „La guerre par d’autres moyen“ - Krieg mit anderen Mitteln“, was mir passender erscheint, denn bekämpfen tun sich hier viele.
Karine Tuil hat mit „Die Liebeshungrigen“ einen so unterhaltsamen wie schonungslosen Gesellschaftsroman geschrieben, der viel Stoff zum Diskutieren bietet.









