Kundenrezensionen von bookloving





Das gute Leben
von Nadine Schneider
Der Roman „Das gute Leben“ von Nadine Schneider zeichnet die Lebensgeschichte der aus Rumänien stammenden Anni und ihrer Familie über vier Frauengenerationen und mehrere Jahrzehnte hinweg nach.
Gekonnt verdichtet die Autorin Migrationsgeschichte, Arbeitswelt und familiäre Prägungen zu einem eindrucksvollen, facettenreichen Panorama biografischer Erfahrungen zwischen Rumänien und Deutschland. Eindringlich wirft sie die Frage auf, was ein „gutes Leben“ eigentlich ausmacht, wenn Herkunft, Migrationshintergrund, gesellschaftliche Erwartungen und prekäre Arbeitsbedingungen die Entfaltungsmöglichkeiten einschränken und den Spielraum für Veränderungen immer wieder begrenzen. Aus einer spezifisch weiblichen Perspektive zeigt sie, wie ihre Frauenfiguren versuchen, sich durch Arbeit, Fleiß und Anpassung einen Platz in einer Welt zu erkämpfen, in der ihnen dieser keineswegs selbstverständlich zugestanden wird.
Im Mittelpunkt der Erzählung steht Anni, die Mitte der sechziger Jahre aus der rumänischen Diktatur in die Bundesrepublik flieht und dort ihre Tochter und später ihre Enkelin Christina weitgehend allein großzieht. Als Christina das Haus ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter in der Nähe von Nürnberg erbt, tauchen wir gemeinsam mit ihr in Erinnerungen und überlieferte Familiengeschichten ein. Die faszinierende Familiengeschichte entfaltet sich in Form eines unchronologischen Erinnerungsgeflechts, in dem vieles nachträglich rekonstruiert, nur bruchstückhaft überliefert oder lediglich angedeutet wird. Durch die Wechsel zwischen verschiedenen Zeitebenen springen wir von Christinas Gegenwart zu Annis Vergangenheit und bisweilen noch weiter zurück zur Urgroßmutter in Rumänien.
Besonders anschaulich schildert Schneider Annis entbehrungsreiches Leben, ihren kräftezehrenden Job als Arbeiterin im Quelle-Versandzentrum zwischen Kartons, Kleidern und monotonen Handgriffen am Fließband sowie die Mühen ihres Alltags als Alleinerziehende. Trotz ihrer Anpassungsbereitschaft, Beharrlichkeit, Loyalität und ihres großen Engagements bleiben Anni Anerkennung, Belohnung und sozialer Aufstieg verwehrt. Sie glaubt zwar an das verheißungsvolle Leistungsversprechen der sogenannten Wirtschaftswundergesellschaft, bleibt aber dennoch ein kleines, austauschbares Rädchen in einem System, das sie mit ihrer Arbeit am Laufen hält. Der Übergang zu einem tatsächlich gelungenen, erfüllten Leben bleibt ihr verwehrt und so wird sie nie Teil jener Erfolgsgeschichten, die das Selbstbild der neuen Heimat prägen.
Eindringlich lotet die Autorin aus, wie die Figuren auf das zurückblicken, was sie geleistet haben, wie sie Wert und Preis ihres „guten Lebens“ in der neuen Gesellschaft bemessen und welche Kompromisse und Opfer damit verbunden waren. Auch Christina empfindet Annis Migrations- und Familiengeschichte als etwas, das mit ihr an ein Ende gekommen ist. Mit Bedauern erkennt sie, dass viele Leerstellen sich nicht mehr schließen lassen, weil Fragen ungestellt blieben und Erinnerungen verblassen. Zugleich macht Schneider anschaulich deutlich, dass nicht alles aus der Familiengeschichte bewahrt und weitergetragen werden muss. Manche belastenden Überlieferungen dürfen ohne Sentimentalität bewusst beendet werden, um Raum für ein eigenes Verständnis von gelingendem Leben zu schaffen.
FAZIT
Ein vielschichtiger, leise erzählter Roman über Migration, weiblicher Selbstbehauptung und familiäre Prägungen mit eindrucksvollen Charakteren. Mit großem Feingefühl zeigt die Autorin, wie sehr Herkunft und gesellschaftliche Strukturen Biografien formen und wo dennoch Spielräume für eigene Entscheidungen bleiben.





Spielverderberin
von Marie Menke
Der Roman „Spielverderberin“ von Marie Menke ist ein vielversprechendes Debüt, das sich den subtilen Verwerfungen einer weiblichen Dreierfreundschaft auseinandersetzt.
Im Mittelpunkt stehen die drei jungen Frauen Sophie, Lotte und Romy, deren Beziehung schon während der Schulzeit von Nähe, Faszination, verdeckter Konkurrenz und unausgesprochenen Verletzungen geprägt war. Anschaulich erzählt Menke vom Aufwachsen in der Stadt und auf dem Land, von auseinanderdriftenden Lebensentwürfen und dem schmerzhaften Moment, wenn aus kindlicher Vertrautheit die unüberbrückbare Distanz Erwachsener entsteht.
Während Sophie und Lotte in einem kleinen Bauerndorf zusammen zur Schule gehen und seit Kindertagen unzertrennlich sind, stößt das Stadtkind Romy erst in der Oberstufe hinzu. Mit ihrer selbstbewussten Art wirkt sie auf die beiden Freundinnen gleichermaßen faszinierend und irritierend. Schon bald verschiebt sie das Gleichgewicht der vertrauten Zweierfreundschaft. Aus der engen Freundschaft erwächst eine fragile Dreierbeziehung, in der sich Bewunderung, Eifersucht, Unsicherheit und subtile Machtspiele immer stärker überlagern. Menke gelingt es hervorragend, dieses labile Gleichgewicht zwischen den Mädchen sehr eindrucksvoll einzufangen und eine unheilvolle Vorahnung heraufzubeschwören.
Erzählt wird die Geschichte unchronologisch und auf wechselnden Zeitebenen. So begleiten wir die Figuren durch ihre Jugend, die Zeit nach dem Abitur und die frühen Jahre des Erwachsenenlebens. Nach und nach wird deutlich, wie sich die Vertrautheit langsam auflöst, ihre gemeinsamen Wege sich trennen, sie auf Distanz gehen und die Figuren schließlich unterschiedlichen Zukunftsplänen folgen. Während Sophie und Romy in Köln studieren, verbleibt Lotte in ihrem Dorf.
Mit großem Feingefühl beleuchtet Menke das fragile Gefüge weiblicher Freundschaft und arbeitet vor allem die dunklen Schattierungen ihrer Freundschaft heraus, die sich in unheilvollen Abhängigkeiten, Missgunst, Konkurrenz, Minderwertigkeitsgefühlen, unerfüllten Erwartungen sowie Verletzungen zeigen, die sich über Jahre hinziehen. Dabei gelingt es ihr, uns tief in diesen Prozess einzubinden, sodass man den langsamen, schmerzhaften Zerfall ihrer einst so engen Freundschaft hautnah miterlebt. Eindrucksvoll arbeitet sie heraus, dass sich Freundschaften nicht einfach fortführen lassen, wenn die Lebenswege auseinanderdriften und alte Wunden zurück bleiben. Zugleichfällt es aber auch schwer, alte Bindungen loszulassen, die einst so bedeutsam waren.
Ein zentrales Element der Geschichte ist ein dunkles, zunächst nur vage angedeutetes Geheimnis von beklemmender Tragweite, das über Jahre hinweg zwischen den Freundinnen steht. Menke versteht es, eine subtile Spannung aufzubauen, indem alte Verletzungen und Konflikte nicht offen ausgetragen werden, sondern über Schweigen, Blicke, unvollendete Sätze und das Unausgesprochene laufen. Die Spannung wird beständig aufrechterhalten und macht neugierig darauf, welche Ereignisse die Beziehung so nachhaltig belastet haben.
Mit ihren drei Protagonistinnen hat Menke zwar vielschichtige Charaktere mit Ecken und Kanten angelegt, die allerdings zugleich sehr distanziert und unnahbar bleiben und allesamt wenig Sympathien wecken. Die sprunghafte, extrovertierte Romy zieht alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, bleibt jedoch mit ihrer Unzuverlässigkeit schwer zu enträtseln. Auch die sich stets zurückgesetzt fühlende Sophie entwickelt eine fast zwanghafte Fixierung auf Romy und wird später von unerklärlichen Schuldgefühlen geplagt oder schließlich Lottes rätselhaftes Verhalten und ihr Schicksal, Insgesamt blieben ihre Handlungen und Motive für mich nur teilweise nachvollziehbar, was sie als Figuren wenig greifbar macht.
Mit ihrem ruhigen, schnörkellosen Schreibstil gelingt es Menke, die leicht beklemmende Atmosphäre, die stets zwischen den Zeilen mitschwingt, perfekt einzufangen.
In ihrem Roman thematisiert für meinen Geschmack etwas plakativ Memke auch die Gegensätze zwischen ländlichem Milieu, das für Vertrautheit, Gemeinschaft und vermeintliche Sicherheit steht, und dem städtischen Umfeld, das für Freiheit, Selbstverwirklichung, aber auch Anonymität und Entfremdung steht. Die Darstellung wirkt stellenweise etwas schematisch und hätte deutlich tiefgründiger ausgeführt werden können.
Die Auflösung des um Lotte kreisenden Geheimnisses erfolgt erst spät und hinterlässt bewusst Leerstellen, wodurch das unterschwellige Unbehagen bis zum Schluss präsent bleibt. Die eigentliche Erklärung entpuppt sich in ihrer Banalität als etwas enttäuschend, da ich mit einem dramatischeren Hintergrund gerechnet hatte.
FAZIT
Ein fein gezeichneter Debütroman über die Zerbrechlichkeit weiblicher Freundschaft, der eindrucksvoll über Ausgrenzung und schleichende Entfremdung sowie die dunklen Seiten von Nähe und engen Beziehungen erzählt und zum Nachdenken anregt.





Real Americans
von Khong Rachel; Schnettler Tobias
Der vielschichtige Roman „Real Americans“ von Rachel Khong ist eine epische, generationenübergreifende Familiensaga über eine chinesisch-amerikanische Familie.
Khongs ehrgeiziger Versuch einen „großen amerikanischen Roman“ über den berühmten Mythos des Amerikanischen Traums, über Immigration und Assimilation, Klassenschranken, soziale Ungleichheiten, Rassismus sowie die Bedeutung von ethnischer und gesellschaftlicher Herkunft für den Lebensweg zu verfassen ist allerdings nur teilweise gelungen. Die beeindruckende Themenfülle lässt den Roman deutlich überladen wirken. Viele aktuelle Themen werden nur angerissen, wodurch der erzählerische Fokus bisweilen verloren geht.
Darüber hinaus greift die Autorin in ihrer Geschichte die brisante Thematik genetischer Manipulationen in der Medizin und die damit verbundenen ethisch-moralischen Fragestellungen in der biotechnologischen Forschung auf. Statt einer tiefgründigen Auseinandersetzung über Wissenschaftsethik oder die Gefahren profitgetriebener Interessen dient dieser vielversprechende Ansatz eher der dramatischen Zuspitzung der Familiengeschichte und bleibt letztlich im Hintergrund.
Der Roman gliedert sich in drei große Teile und spannt einen weiten zeitlichen Bogen über mehr als 5 Jahrzehnte. Jeder Abschnitt ist jeweils aus der Ich-Perspektive mit drei ganz unterschiedlichen Erzählstimmen erzählt und entfaltet sich auf einer eigenen Zeitebene, die sich nach und nach zu einer kunstvoll verwobenen Familiengeschichte zusammenfügen.
So folgen wir in der nicht chronologisch angelegten Geschichte den drei Generationen der chinesisch amerikanischen Familie Chen-Maier und wechselt dabei zwischen Zeiten, Perspektiven und Schauplätzen von New York über Florida und Kalifornien bis nach Beijing und Hongkong.
Im Mittelpunkt des ersten Teils steht zunächst Lily Chen, Tochter chinesischer Einwanderer und hochqualifizierter Wissenschaftler, die vor der Kulturrevolution aus China in die USA geflohen sind, im New York der Jahrtausendwende. Als schlecht bezahlte Praktikantin in einem New Yorker Medienunternehmen begegnet sie dem wohlhabenden Matthew Allen, Erbe eines mächtigen Pharmagroßkonzerns. Ihre Liebesgeschichte steht jedoch von Beginn an unter keinem guten Stern, denn zu groß sind die sozialen und kulturellen Unterschiede zwischen ihnen.
Im zweiten Teil wechselt die Perspektive zu Lilys fünfzehnjährigen Sohn Nick im Jahr 2021, der ohne seinen Vater recht isoliert auf einer Insel vor der Küste Washingtons aufwächst. Von Fragen nach seiner Herkunft getrieben, begibt er sich auf die Suche nach seinem unbekannten Vater. Der letzte, in der nahen Zukunft des Jahres 2030 angelegte Teil widmet sich schließlich dem bewegte Leben von Lilys alter Mutter May, die von ihrer Jugend, ihrer Flucht aus China und ihrer wissenschaftliche Karriere erzählt.
Sehr fesselnd ist die Perspektivvielfalt, die die Geheimnisse, Konflikte und Motive der Charaktere aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und zugleich die vielschichtigen Aspekte von Migration, Identität und Herkunft aufzeigt. Insbesondere der letzte Teil über May und ihren Lebensweg entfaltet mit seinen eindringlichen Schilderungen der Kulturrevolution, der Flucht und des Preises wissenschaftlichen Erfolgs eine eindrückliche erzählerische Kraft. Hier finden zudem die zuvor oft fragmentarischen Erzählstränge zu einem bewegenden Gesamtbild einer zerrissenen Familie zusammen. Nicks Coming of Age Geschichte wirkt hingegen vergleichsweise konventionell, vorhersehbar und lässt an psychologischer Tiefe vermissen.
Ob nun Liebesgeschichte, Familiensaga, Coming-of-age-Geschichte, Gesellschaftsanalyse oder Science-Fiction– der Roman vereint viele verschiedene Facetten und wirft wichtige existenzielle Fragen auf.
Eindrucksvoll arbeitet Khong heraus, dass ein Lebensweg von genetischer Disposition, historischen Bedingungen und gesellschaftlichen Strukturen oder auch durch Zufall gleichermaßen beeinflusst werden kann. Vor allem die Kluft zwischen Arm und Reich sowie die unsichtbaren Regeln sozialer Zugehörigkeit sorgen aber dafür, dass die Chancen auch heute noch ungleich verteilt bleiben.
Insgesamt jedoch bleibt der Roman hinter seinem Anspruch zurück. So hatte ich mir eine grundlegende und kompromisslose Abrechnung mit den viel gerühmten amerikanischen Werten und Idealen des American Dream sowie dem Umgang mit Migration und ethnischer Abstammung erhofft. Leider bietet er vor allem eine Vielzahl an Schlaglichtern, ohne sie konsequent zu bündeln oder in einer klaren Zuspitzung zusammenzuführen.
FAZIT
Ein ambitionierter und atmosphärisch dichter Roman , der durch seine thematische Vielfalt beeindruckt, aber erzählerisch nicht immer überzeugt und durch seine Breite an Schärfe verliert. Dennoch eine interessante und lesenswerte Auseinandersetzung mit Identität und Herkunft in der amerikanischen Gegenwartsliteratur.





Pina fällt aus
von Vera Zischke
In ihrem neuen Roman "Pina fällt aus" erzählt die deutsche Autorin Vera Zischke eine bewegende, mitunter nachdenklich stimmende, aber zugleich warmherzige Geschichte über Inklusion, Fürsorge, Abhängigkeit und Vertrauen. Vielschichtig setzt sie sich mit der Frage auseinander, wie sich aus einer nachbarschaftlichen Notgemeinschaft, die sich erst im Ausnahmezustand zusammenfindet, langsam ein echter Zusammenhalt und ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln kann.
Im Mittelpunkt steht die alleinerziehende Mutter Pina, die seit Jahren für ihren 20‑jährigen, autistischen Sohn Leo eine aufopfernde Stütze ist, bis sie plötzlich auf der Straße zusammenbricht und ins Krankenhaus eingeliefert wird. Leo lebt in einer eigenen, streng strukturierten Ordnung und ist auf verlässliche Abläufe angewiesen, damit seine Welt nicht aus den Fugen gerät. Mit Pinas Ausfall bricht von einem Moment auf den anderen ein fein abgestimmtes, vertrautes System zusammen, das nicht nur Leos Alltag geregelt, sondern auch ihre gemeinsame kleine Welt zusammengehalten hat.
Sehr anschaulich und einfühlsam zeigt die Autorin, wie stark Pinas Alltag von Selbstverzicht und der Fürsorge für ihren Sohn geprägt war. Sie lebt wie auf einem Drahtseil, auf dem Schuld, Verantwortung, Liebe und Erschöpfung sich in einem dauerhaften, oft unbewusst verschobenen Kräfteverhältnis vermischen. Rückblickend wird deutlich, dass Pina sich fast vollständig nach Leos Eigenarten, seiner vertrauten Routine und Sicherheit richtete, sodass kaum noch Raum für ihre eigenen Bedürfnisse und ihr eigenes Leben übrigblieb. Zischke erzählt ihre Geschichte mit großer Wärme, viel Feingefühl und Leichtigkeit, der die teils ernsten Themen nicht überdeckt, sondern ihnen Raum gibt. Durch ihren lebendigen Schreibstil und zahlreiche humorvolle, teils fast komisch bis chaotisch anmutende Episoden gelingt es ihr, uns trotz der emotionalen Dichte zu fesseln. Die Geschichte wirkt dabei nie überladen, sondern bleibt nah am Alltag, an den kleineren, doch gerade deshalb so markanten Momenten, die sich oft entscheidend auswirken. Durch Pinas medizinischen Notfall sehen sich die drei so unterschiedlichen Bewohner der Hausgemeinschaft mit eine ungewohnten Situation konfrontiert, aus denen heraus sie sich zunächst zögerlich, dann aber immer entschiedener dazu aufgerufen fühlen, für Pina einzuspringen und sich um den alleingelassenen Leo zu kümmern.
Ob nun die junge, rebellische und sehr distanziert wirkende Zola, die hochbetagte, vom Leben gezeichnete Inge oder der schüchterne, in sich gekehrte Wojtek – alle drei haben ihre ganz eigenen Probleme, Enttäuschungen und Verletzungen. Nach anfänglicher Unsicherheit wachsen sie Schritt für Schritt in ihre neue verantwortungsvolle Rolle hinein, stellen sich den ungewohnten Herausforderungen und lernen, füreinander einzustehen und als Gemeinschaft für Leo da zu sein.
Die Betreuung von Leo erweist sich als anstrengend, manchmal komisch bis chaotisch und stets anspruchsvoll, denn es verlangt Geduld, Flexibilität, Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, sich zu öffnen und Grenzen neu zu definieren. Mit viel Empathie und dem richtigen Gespür für Zwischentöne schildert Zischke diesen Prozess in all seinen Höhen und Tiefen sehr glaubwürdig. Er verläuft keineswegs reibungslos und harmonisch, sondern ist von Zweifeln, Fehlern, Überforderung, Missverständnissen und kleinen, aber bedeutsamen Erfolgserlebnissen geprägt. Dabei entstehen schrittweise Vertrautheit, ein unausgesprochenes Verständnis und ein Gefühl von Gemeinschaft, das über die eigentliche Aufgabe, Leo zu betreuen, weit hinausgeht.
Faszinierend ist es mitzuerleben, wie Leo nicht nur den Alltag dieser so unterschiedlichen Charaktere verändert, sondern auch ihren Blick auf sich selbst nachhaltig beeinflusst und sie dazu bringt, bislang unentdeckte, überraschend verletzliche, aber auch mutige Seiten an sich zu entdecken.
Mit einer gelungenen Mischung aus scharfer Beobachtung, Einfühlungsvermögen und feinem Humor zeichnet Zischke ein lebendiges und authentisches Bild dieser zunächst eher zufälligen Zweckgemeinschaft. Dabei gelingt es ihr hervorragend, die komplexen menschlichen Beziehungen und alltäglichen Dynamiken des Zusammenlebens in ihren vielfältigen Facetten einzufangen und zugleich die Widersprüche, Nähe und Distanz, Fürsorge und Grenzen aufzuzeigen.
Äußerst gelungen zeichnet Zischke ihre verschiedenen Figuren in ihrer Vielschichtigkeit, ohne sie zu idealisieren. Die Bewohner der Hausgemeinschaft werden mit ihren Widersprüchen, Stärken, Schwächen und Verletzlichkeiten sehr facettenreich und lebensnah darstellt. Glaubwürdig und einfühlsam stellt sie dar, wie jeder einzelne im Verlauf der Geschichte einen individuellen Prozess der Selbstfindung und persönlichen Weiterentwicklung durchläuft. Besonders überzeugend und respektvoll hat Zischke Leo als hochkomplexe, eigenständige Figur ausgearbeitet. Mit klar umrissenen Bedürfnissen, festen Routinen und einer sehr eigenen Wahrnehmung der Welt nimmt er eine zentrale Rolle im Roman ein. Gekonnt zeigt die Autorin auf, wie stark Menschen mit Autismus an feste Strukturen, klare Regeln und verlässliche Abläufe gebunden sein können, die oft von Dritten als „merkwürdig“, „schwierig“ oder „unverständlich“ abgetan werden. Faszinierend ist es, wie Zischke uns einen nüchternen, zugleich einfühlsamen Einblick in Leos Alltag, seine Strategien zum Umgang mit Veränderungen und seine eigene Art, die Welt zu erfassen, gewährt.
Neben turbulenten Alltagsgeschehnissen der Hausgemeinschaft rückt wiederholt auch Pinas Perspektive im Krankenhaus als ruhiger Gegenpol in den Fokus. Sehr eindrücklich thematisiert Zischke die Erschöpfung, die verborgene Belastung und Schuldgefühle, mit denen pflegende Angehörige oft konfrontiert sind.
Sie macht sehr anschaulich deutlich, wie schwer es ist, eigene Grenzen überhaupt noch zu erkennen, wenn das Leben Jahr um Jahr fast ausschließlich auf die Bedürfnisse eines anderen ausgerichtet ist. Zugleich wirft sie die unausgesprochene Frage auf, wie viel ein einzelner Mensch tragen kann, ohne sich selbst zu verlieren oder zu zerbrechen.
Am Ende gelingt ein sehr stimmiger, realistischer Ausklang dieses bewegenden Romans, der nicht übertrieben idealisiert, aber zugleich hoffnungsvoll bleibt. Die Geschichte zeigt uns auf wundervolle Weise, welche Kraft in kleinen, alltäglichen Gesten der Unterstützung, Aufmerksamkeit und Offenheit steckt, und regt nachhaltig zum Nachdenken über Inklusion, Mitmenschlichkeit, Gemeinschaft, Fürsorge sowie Krankheit, Behinderung und das Anderssein an.
FAZIT
Ein bewegender, warmherziger Roman über Fürsorge, Inklusion, Erschöpfung und das langsame Wachsen von Gemeinschaft – mit vielschichtigen, lebensnahen Figuren und mit großer Empathie und feinem Humor erzählt.
Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich für empathische, lebendig gezeichnete Alltagsgeschichten, komplexe Figuren und sensible Themen interessieren.





Schwebende Lasten
von Gröschner Annett
Mit „Schwebende Lasten“ ist Annett Gröschner ein bemerkenswerter Roman über eine außergewöhnliche, charakterstarke Frau gelungen, die für das bewegte 20. Jahrhundert ebenso stehen könnte wie für die stille Stärke vieler Frauen ihrer Generation.
Im Mittelpunkt steht die Blumenbinderin und spätere Kranführerin Hanna Krause aus Magdeburg, die in ihrem ereignisreichen Leben Armut, Krieg, Verlust, Misogynie und familiäre Konflikte durchlebt hat und dennoch erstaunlich geerdet bleibt, ohne sich je von den vielen Schicksalsschlägen brechen zu lassen. Gröschner erzählt nicht nur ein individuelles Schicksal, sondern macht an der Lebensgeschichte ihrer Protagonistin eindrücklich die Turbulenzen und Brüche eines ganzen Jahrhunderts sichtbar.
Hanna wächst als junge Frau in Magdeburg auf, arbeitet zunächst als Blumenbinderin und trägt mit bemerkenswerter Widerstandskraft die Lasten des Alltags und ihrer Familie. Mit ihrer Fähigkeit, sich anzupassen und mit emotionalen und existentiellen Belastungen umzugehen, gelingt es ihr, die vielfältigen Herausforderungen der Zeit vom Kaiserreich über Weimarer Republik, Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg, die DDR und den Sozialismus bis hin zu Mauerfall und Wiedervereinigung zu meistern.
Besonders eindrucksvoll ist der Moment, als sie im Krupp Gruson Werk in Magdeburg die erste weibliche Kranführerin wird. Von dort oben bewegt sie tonnenschwere Lasten in die Luft mit großer Selbstverständlichkeit und beinahe spielerischer Leichtigkeit, als wäre dies ein natürlicher Teil ihres Lebensweges. Gerade darin liegt eine große symbolische Kraft, denn ihre äußere Stärke spiegelt die innere Haltung einer Frau, die das Schwere nahezu klaglos tragen kann.
Geschickt nutzt Gröschner Hannas beeindruckende Biografie als feines Brennglas, durch das politische Systeme, historische Zäsuren und alltägliche Lebenswirklichkeiten des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive einer gewöhnlichen Arbeiterin sichtbar werden. Ob nun der Alltag in Zeiten des Krieges, die Entbehrungen, die Bombennächte, den mühsamen Wiederaufbau, den Sozialismus in der DDR sowie der Systemzusammenbruch nach 1989 – all dies erscheint nicht abstrakt, sondern wird in kleinen, oft alltäglichen Szenen vermittelt, wodurch die Geschichte und bedeutsame historische Details für uns äußerst unmittelbar erfahrbar werden. Die Autorin nutzt dabei einen nüchternen, schnörkellosen Schreibstil, der hervorragend Hannahs burschikos pragmatische Art passt und gerade durch seine Zurückhaltung eine große emotionale Wirkung entfaltet.
Äußerst gelungen ist Gröschners authentische und vielschichtige Figurenzeichnung von Hanna als stille Heldin. Sie ist eine Frau aus einfachen Verhältnissen, die kein Aufsehen um sich macht, deren Wünsche und Träume stets verhältnismäßig unspektakulär bleiben und deren Leben von Arbeit, Verantwortung und schlichter Bodenständigkeit geprägt ist. Doch gerade in dieser scheinbaren Bescheidenheit offenbart sich ihre innere Stärke. Die Autorin schildert Hannas Leben mit viel Empathie, ohne sie zu heroisieren, und fängt in persönlichen Geschichten über Anpassung, eigener Entscheidungsfreiheit und stiller Resistenz eindrucksvoll ein Jahrhundert weiblicher Lebensrealität ein.
Gröschner hat für ihre Erzählung zudem eine interessante Rahmenhandlung entworfen, bei der Blumen eine besondere Rolle spielen. Als junge Floristin soll Hanna im Auftrag eines mysteriösen Kunden, ein niederländisches Blumenstillleben von Ambrosius Bosschaert nachstellen, was ihr erst am Ende ihres Lebens gelingen wird. Die einzelnen Blumen sind zugleich Kapitelüberschriften und strukturieren die Erzählung auf elegante Weise. Sie verknüpfen als Hannas innerer Kompass geschickt die Zeitachsen, Erinnerungen und emotionalen Wendungen in ihrer Biografie miteinander. Zugleich stehen die Blumen mit ihrer symbolischen Bedeutung für fragile Schönheit, Vergänglichkeit und den Versuch, mitten im Zerstörerischen kleine Räume von Ordnung und Trost zu bewahren..
In ihrem bewegenden Roman beleuchtet Gröschner viele gesellschaftlich relevante Themen. „Schwebende Lasten“ erzählt von Klassenzugehörigkeit, davon, wie Arbeit zur Identität wird, der Unsichtbarkeit weiblicher Lebensleistung, aber auch von Solidarität, existenzieller Würde, Humor und der Frage nach dem kostbaren privaten Glück allen Widrigkeiten zum Trotz. Gröschner erzählt von Frauen, die funktionieren, helfen, vieles tragen und aushalten müssen, aber dennoch Eigensinn und ihren eigenen Willen behalten.
Sie hat das faszinierende Porträt einer Frau gezeichnet, deren Biografie stellvertretend für jene Generation an Arbeiterinnen steht, die sich in Zeiten widriger Lebenslagen, politischer Umbrüche und persönlicher Tragödien bemühten, ihre Menschlichkeit zu bewahren und das Leben mit einem Rest von Würde zu bewältigen.
So rückt Gröschner auf beeindruckende Weise all jene Frauen in den Fokus, die in der offiziellen Geschichtsschreibung oft nur am Rand erscheinen und erinnert eindrücklich daran, wie Geschichte im Kleinen und Alltäglichen vor allem von ihnen getragen wird.
FAZIT
Ein beeindruckender und bewegender Roman über das bewegte Leben einer Arbeiterin, die das ganze 20. Jahrhundert persönlich durchgemacht hat. Eine äußerst eindrucksvolle, empathische Lebens und Zeitgeschichte und lesenswerte Lektüre!





Niemands Töchter
von Judith Hoersch
Mit ihrem Debütroman „Niemands Töchter“ ist Judith Hoersch eine bewegende, einfühlsam erzählte Familiengeschichte gelungen, die die Bedeutung von Mutter-Tochter-Beziehungen und Mutterrolle sowie die Suche nach Herkunft und eigener Identität vielschichtig ausleuchtet.
Eindringlich macht sie deutlich, wie zerstörerisch sich verschwiegene Familiengeheimnisse, alte Verletzungen und elterliche Prägungen auf das Leben nachfolgender Generationen auswirken können – und wie bedeutsam es ist, sich wiederkehrenden transgenerationalen Mustern zu stellen, um schließlich Heilung zu ermöglichen.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen vier Frauen – Alma, Isabell, Marie und Gabriele – aus unterschiedlichen Generationen, deren unsichtbar miteinander verflochtene Lebenswege sich erst allmählich enthüllen.
Die Geschichte springt geschickt nicht nur zwischen den Perspektiven der vier Frauen, sondern auch zwischen verschiedenen Zeitebenen und Schauplätzen. So folgen wir einerseits Isabell im turbulenten Berlin des Jahres 2019, deren Beziehungen vom frühen Tod der Mutter überschattet sind, und andererseits Alma in einem abgelegenen Eifeldorf der 1980er-Jahre, die sich früh als Außenseiterin erlebt und mit einer Lebenslüge über ihre Herkunft aufwächst. Parallel dazu treten nach und nach auch ihre Mütter Marie und Gabriele ins Licht, wodurch sich das Geflecht aus Geheimnissen und Verbindungen zunehmend verdichtet.
Aus den verschiedenen Episoden aus Erinnerungsfragmenten, Kindheitserinnerungen, vergangenen Ereignissen und gegenwärtiger Handlung ergeben sich sukzessive immer mehr Hinweise auf die verborgenen Verbindungen zwischen den Biografien von Müttern und Töchtern, bis sich schließlich ein stimmiges Gesamtbild formt. Als zentrales Bindeglied zwischen den Generationen dienen dabei Polaroid-Fotografien, mit denen Marie sowohl alltägliche als auch einzigartige Momente ihres Lebens für die Nachwelt festgehalten hat. Sie fügen nicht nur die verschiedenen Puzzleteile der langsam aufgedeckten Familiengeschichte zusammen, sondern führen auch jene Familienmitglieder zufällig zueinander, die bis dahin nichts voneinander wussten.
In ihrer Geschichte beleuchtet Hoersch facettenreich die familiären Wunden, die durch mütterliches Handeln weitergegeben werden, sowie die Komplexität menschlicher Bindungen.
Die lebendige, äußerst einfühlsame Figurenzeichnung überzeugt auf ganzer Linie. Hoersch gelingt es, ihre faszinierenden Hauptfiguren mit all ihren Brüchen, Verlusten und Neuanfängen so facettenreich und empathisch zu gestalten, dass man sich mühelos in ihre Gefühls- und Gedankenwelt hineinversetzen kann. Ob Gabriele, die als Hüterin eines schwer wiegenden Geheimnisses eine enorme Last trägt, oder Alma, die kompromisslos die Wahrheit über ihre Herkunft ans Licht bringen will – aus den unterschiedlichen Perspektiven ergeben sich aufschlussreiche Einblicke in innere Konflikte, Sehnsüchte und Beweggründe dieser nuanciert ausgearbeiteten Charaktere.
Trotz der schweren Thematik gelingt es Hoersch, ihre eindrucksvolle Geschichte hoffnungsvoll ausklingen zu lassen, indem sie Versöhnung sowie einen möglichen Neuanfang für die zerrissene Familie greifbar werden lässt.
FAZIT
Ein vielversprechendes Debüt voller emotionaler Momente und ein dichtes, bewegendes Familienporträt.





Der letzte Sommer der Tauben
von Khider Abbas
MEINE MEINUNG
In seinem beeindruckenden neuen Roman Der letzte Sommer der Tauben erzählt Abbas Khider von einer Gesellschaft, die sich unter der sich allmählich ausbreitenden Terrorherrschaft eines islamistischen Kalifats immer weiter verdüstert. Im Mittelpunkt der bedrückenden Geschichte steht der vierzehnjährige Ich Erzähler Noah, der mit seiner Familie in einer Stadt lebt, deren Namen bewusst unerwähnt bleibt. Khider verzichtet bewusst auf konkrete geografische und zeitliche Verortung, wodurch der Roman eine beklemmende Allgemeingültigkeit erhält. Die schleichende Veränderung des Alltags ist nicht auf einen Ort beschränkt, sondern ist universell und könnte in vielen totalitären Diktaturen und fundamentalistischen Regimen geschehen. Noahs größter Stolz ist seine Taubenzucht hoch über den Dächern seiner Stadt. Von diesem kleinen Rückzugsort aus beobachtet er ihren Flug und verbindet mit ihnen ein Gefühl von Schönheit, Ruhe und Weite, symbolisieren diese wunderschönen Vögel doch Freiheit und vertrauensvolle Bindung. Als die neuen islamistischen Machthaber jedoch zunehmend das öffentliche und private Leben streng zu kontrollieren beginnen, gerät seine fragile Welt zunehmend unter Druck und das vertraute Umfeld verwandelt sich in ein System aus Verboten, Angst und wachsender Gewalt. In kurzen, Schlaglicht-artigen Kapiteln werden wir Zeugen eines schleichend um sich greifenden Ausnahmezustands. Jedes für sich genommen eher unspektakulär, entfalten sie dennoch in ihrer Abfolge eine beklemmende Wucht.
Khider versteht es hervorragend, die tief in den Alltag eingreifende Ideologie und Veränderungen äußerst anschaulich und nuanciert zu beschreiben. Ob nun das Verschwinden der Musik aus den Cafés, das Verhüllen der Frauen, Schwärzen von Bildern oder das Konfiszieren und Verbrennen von verbotenen Gegenständen - die rigiden Maßnahmen und religiösen Vorschriften dringen Schritt für Schritt bis in die kleinsten Bereiche des Alltagslebens vor. Dinge, die vorher selbstverständlich waren, werden plötzlich verdächtig oder verboten, so dass sich immer deutlicher die umfassende Umstrukturierung des Lebens offenbart. In eindrücklichen Szenen, in denen das Banale bisweilen ins Groteske kippt, wird die Absurdität der Ideologie ebenso greifbar wie ihre zerstörerische Konsequenz.
Um die Brutalität des Systems sichtbar zu machen verzichtet Khider in seiner eindringlich erzählten Geschichte bewusst auf Pathos und dramatische Überhöhung. Der schlichte, prägnant gehaltene Sprachstil passt hervorragend zu der Perspektive des jugendlichen Ich-Erzählers, der vieles zunächst nur bruchstückhaft versteht und viele Vorgänge mit Staunen, Angst und Unverständnis wahrnimmt. Gerade Noahs scheinbare Naivität legt die Widersprüche, Grausamkeiten und Absurditäten der neuen Gegebenheiten umso schonungsloser frei. Gekonnt lässt Khider zudem eine leise, oft bittere Ironie einfließen, die sich vor allem in beiläufigen Bemerkungen und im familiären Miteinander zeigt.
Zu den stärksten Charakteren gehört die Figur des widerständigen Onkels Ali, der trotz der Verbote heimlich raucht, trinkt und schreibt. Als ein stiller, ironischer und weiser Gegenpol zu den sich die immer weiter zuspitzenden Verhältnissen erklärt er Noah die politischen Hintergründe und eröffnet ihm durch seine stille oppositionelle Art einen Raum des Denkens und Zweifelns. In ihm verdichtet sich ein widerständiger Rest von Eigenständigkeit in dieser trostlosen Zeit.Khider versteht es, die wachsende Bedrohung nicht über spektakuläre Zuspitzungen, sondern über Verdichtung zu verdeutlichen. Gekonnt zeichnet er ein bedrückendes, aber auch sehr bewegendes Bild davon, was religiöser Fanatismus im Alltag anrichtet.
Der Raum, in dem sich Noah bewegen kann, wird Schritt für Schritt enger, das Misstrauen wächst, Beziehungen zerbrechen oder werden von Angst unterwandert. Öffentliche Gewalt wie Verhaftungen, Misshandlungen oder sogar Steinigungen ist keine Ausnahme, sondern logische Konsequenz eines Systems auf, das sich über absolute Deutungshoheit definiert.
Geschickt hat der Autor die Tauben als zentrales Motiv seines Romans gewählt. Sie stehen nicht nur für Noahs Leidenschaft, sondern symbolisieren zudem eine Idee von Freiheit, die sich dem Zugriff der Macht und Kontrolle zunächst entziehen kann. Als sogar das Taubenzüchten schließlich verboten wird und der Himmel selbst zum verdächtigen Raum deklariert wird, fällt schließlich auch der letzte Rückzugsort. Eindrucksvoll führt Khider uns hierbei vor Augen, dass eine Herrschaft, die den freien Flug fürchtet, letztlich jede Form von Autonomie fürchtet und unterdrücken will. Ein beklemmender Ausklang angesichts von Noahs fatalen, unwiederbringlichen Verlusts und seiner äußerst ungewissen Zukunft, aber auch ein kleiner hoffnungsvoller Ausblick, dass sich ein kleiner Rest Widerstand gegen eine vollständige Unterwerfung regt.
FAZIT
Ein beeindruckender, leiser Roman, der mit großer Eindringlichkeit vom Alltag unter religiösem Fanatismus und schwindender Freiheit erzählt..
Es ist ein ebenso beklemmender wie berührender Roman, der lange nachwirkt! Sehr lesenswert!





Lola im Spiegel
von Trent Dalton
Mit dem aufrüttelnden Roman „Lola im Spiegel" ist dem australischen Bestsellerautor Trent Dalton eine faszinierende Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, vielschichtiger Milieustudie und deutlicher Gesellschaftskritik gelungen, die im letzten Drittel sogar mit Thrillerelementen aufwartet. Dalton erzählt eine ungewöhnliche, intensive und berührende Geschichte von Liebe, Verlust und Entwurzelung, zugleich aber auch von Widerstandskraft, Hoffnung und der rettenden Kraft der Kunst.
Die Handlung ist im heutigen australischen Brisbane angesiedelt und entwickelt schon bald eine fesselnde, sehr eindringliche Atmosphäre.
Im Mittelpunkt steht die namenlose Protagonistin und Ich-Erzählerin, deren Identität von Ungewissheiten und Geheimnissen überschattet ist. Sie wächst am Rand der Gesellschaft unter ärmlichen Verhältnissen auf Schrottplätzen und in ausrangierten Autos auf, weil sie mit ihrer Mutter vor dem gewalttätigen Vater auf der Flucht ist. Schon früh lernt sie, dass sie möglichst unter dem Radar bleiben müssen, denn Namen sind gefährlich und könnten fatale Spuren hinterlassen. Mit großer Empathie und feinem Gespür für soziale Härten zeichnet Dalton nicht nur das facettenreiche Porträt eines Mädchens, das in einer illustren, prekären Gemeinschaft aus Obdachlosen und Gestrandeten aufwächst, sondern zugleich ein schonungsloses, sehr nachdenklich stimmendes Gesellschaftsportrait. Diese so unterschiedlichen Menschen sind geprägt von Schicksalsschlägen, Verlusten, Gewalterfahrungen und täglichem Überlebenskampf. Dalton gelingt es dabei hervorragend, diese mit all ihren Brüchen, Eigenheiten, Verletzlichkeiten sowie ihren traurigen bis skurrilen Geschichten sichtbar zu machen, ohne ihnen jemals die Würde zu nehmen.
Sehr gelungen ist die Erzählperspektive, aus der die Ich-Erzählerin als spätere Künstlerin von einem gewissen Abstand rückblickend auf ihre Kindheit und ihre schwierige Vergangenheit schaut. Das verletzliche Mädchen von einst, das durch das Zeichnen einen Weg findet, sich selbst und ihre verwirrende Welt zu begreifen und das Unsagbare und ihre Ängste sichtbar zu machen, wird so zur Beobachterin und Deuterin ihres eigenen Lebens. Diese künstlerische Ebene des Romans ist äußerst faszinierend. Jedem Kapitel vorangestellt sind Illustrationen von Paul Heppell, die mit kurzen Beschreibungen versehen sind.
Ein zentrales Motiv ist dabei der Spiegel und die Figur der Lola, einer idealisierten, stärkeren Version ihrer selbst, der Mädchen im Spiegel begegnet. Diese imaginierte Doppelgängerin fungiert als Schutzmechanismus, als Trostspenderin und Projektionsfläche für Sehnsüchte. In ihr verdichtet der Autor auf gelungene Weise das Spannungsverhältnis zwischen Realität und Wunschdenken, zwischen Verletzlichkeit und Selbstermächtigung.
Besonders beeindruckt und berührt hat mich die vielschichtige Persönlichkeit der Protagonistin selbst. Der Autor hat ihr mit ihrer wachen, sensiblen Art eine sehr eigenständige, eindrucksvolle Erzählstimme verliehen. Er zeichnet sie als eine sympathische, künstlerisch hochbegabte Figur mit einem ungebrochenen Überlebenswillen, die sich trotz Verletzlichkeiten und vieler widriger Umstände zu behaupten weiß und dabei stets zutiefst menschlich bleibt.
Auch Daltons bildreicher, opulenter Erzählstil hat mich sehr überzeugt. Immer wieder finden sich eindrucksvolle poetische Passagen, die den Roman atmosphärisch verdichten und mich rasch in seinen Bann gezogen haben. Gerade diese sprachliche Wucht verleiht der Geschichte eine besondere Intensität. Während die Handlung zunächst vergleichsweise ruhig und beinahe fast episodisch verläuft, gewinnt diese jedoch im weiteren Verlauf deutlich an Dynamik und Tempo. Vor allem im letzten Drittel überschlagen sich die Geschehnisse mit immer neuen Wendungen regelrecht und die sich extrem zuspitzende Handlung gleicht stellenweise immer mehr einem Thriller. Diese dramatische Entwicklung mit dem großen Showdown und dem finalen Kampf zwischen Gut und Böse wirkte auf mich allerdings stellenweise zu überzeichnet und nicht ganz überzeugend. Dadurch tritt die Aufarbeitung der Vergangenheit der Protagonistin leider etwas in den Hintergrund und verliert ein Stück ihrer emotionalen Wucht.
FAZIT
Ein intensiver, bewegender und literarisch eindrucksvoller Roman über Verletzlichkeit, Resilienz und die rettende Kraft der Kunst. Besonders stark sind Daltons empathischer Blick auf die Ausgestoßenen der Gesellschaft und die vielschichtige Persönlichkeit seiner Ich-Erzählerin.





Schleifen
von Hirschl Elias
Elias Hirschls neuer Roman "Schleifen" ist ein hochkomplexes, intellektuell höchst herausforderndes Werk von seltener Eigenwilligkeit, das geschickt zwischen Sprachtheorie, Gesellschaftssatire und absurdem Witz changiert.
Es quillt über vor originellen Einfällen, groteske Sprachspielereien, bissiger Ironie und subversiver Gesellschaftskritik. Nach seinem viel beachteten Roman Content widmet sich Hirschl nun der Sprache selbst als Grundlage von Erkenntnis Verständigung und Macht, als Instrument der Kontrolle aber auch der Rebellion. Der Roman fordert uns durch seine sprachliche Virtuosität, die labyrinthischen Gedankenschleifen und philosophischen Exkurse heraus, belohnt uns aber auch mit einer Fülle an Ideen, schwarzem Humor und gedanklicher Schärfe.
Im Mittelpunkt steht zunächst die 1936 in Wien geborene Franziska Denk, eine passionierte Sprachforscherin mit einer merkwürdigen Krankheit. Sie entwickelt die Krankheitssymptome von historischen Seuchen und Leiden bis hin zu imaginären Gebrechen, sobald sie von ihnen liest oder hört. Ihre Begegnung mit dem lernt die den Mathematiker und Logikexperten Otto Mandl im Umfeld des Wiener Kreises bildet den Ausgangspunkt für ein für ein Gedankenspiel über Zeichen, Logik und die Grenzen der Verständigung. Gemeinsam suchen sie nach einer vollkommenen, „heilenden“ Sprache, die als Kommunikationsform ohne Mehrdeutigkeit und Ansteckung durch Irrtum oder Emotion dienen soll. Was zunächst mit der allmählichen Abschaffung der Schriftsprache als ein absurdes Gedankenspiel beginnt, entwickelt sich immer mehr zu einem überzeichneten, dystopischen Zukunftsszenario. Diese Welt kennt keine Worte mehr, Medikamente löschen Gedanken und Emotionen und stumme Extremisten übernehmen die Macht.
Mit spürbarer Freude an gedanklicher Übertreibung entfaltet Hirschl eine bitterböse Parabel auf den Zustand moderner Gesellschaften. So führt er uns die gesellschaftliche Verflachung und den Verlust kollektiver Vernunft in einer Welt vor Augen, in der Kommunikation zwar ständig stattfindet, aber absolut bedeutungslos ist
Vom esoterischen Ministaat „Wodot“ über totalitäre Pseudoreligionen bis zu einem Regime sprachloser Fanatiker spannt sich eine Satire, die in ihrer Überzeichnung erschreckend gegenwärtig wirkt. Hirschl seziert den Kult um Selbstoptimierung, die Ersatzreligion der Kommunikation und die naive Sehnsucht nach Eindeutigkeit in einer Welt aus Rauschen. Gekonnt zeigt er mit seiner satirischen Verdichtung auf, wie moderne Sinnsuche ins Sinnlose kippt. Gleichzeitig entlarvt er die Sprache der Wissenschaft und Kunst als ein hochkomplexes System, das sich als ein intellektuelles Perpetuum mobile der Selbstbezüglichkeit.im Kreis dreht. Geschickt demonstriert der Autor in der köstlich überdrehten Kafka-Episode, wie die irrationale Lust am Überinterpretieren jede Grenze zwischen Fakt und Fiktion verwischt und Analysewut selbst zur Krankheit werden kann.
Voller sprachlicher Finessen, überbordender Kreativität und humorvoller Ideen führt Hirschl uns durch ein beeindruckendes Kaleidoskop aus überschäumenden, provokanten Gedankenexperimenten. Fiktive Quellenangaben, anagrammatische Spiegelungen, mathematisch-linguistische Rätsel, ausufernde Fußnoten sowie die wiederkehrende, den Titel widerspiegelnde Schleifen-Metapher bilden ein dichtes Netz aus subtilen Anspielungen. Die Geschichte windet sich in Schleifen, reflektiert sich selbst, widerspricht sich und schafft gerade dadurch eine faszinierende Dynamik. Trotz aller der inhaltlichen Dichte bleibt dieser anspruchsvolle Roman erstaunlich unterhaltsam, getragen von pointierter Sprache, feinem Humor und einer fast spielerischen Intelligenz, und regt darüber hinaus sehr zum Innehalten und Nachdenken an.
FAZIT
Ein brillantes, überbordendes und zugleich beunruhigendes Sprachkunstwerk über Sinn, Wahn und die Macht des Wortes – ein Roman, der fordert, manchmal überfordert, aber all jene reich belohnt, die sich auf dieses vielschichtige Leseerlebnis einlassen und bereit sind, in seine endlosen Schleifen einzutauchen.








