Kundenrezensionen von Kwinsu





Gemüsevögel
von Sarah Heuzeroth
Als ich gesehen habe, dass es die Gemüsevögel nun auch als Buch gibt, war ich äußerst erfreut! Ich bin bereits im Besitz mehrerer dieser Fabeltiere auf Postkarten, folge der Autorin auf Instagram und konnte es kaum erwarten, das Buch in Händen zu halten. Und auch nach intensivem Schmökern bin ich mehr als begeistert! Was für eine Kreativität, was für ein zeichnerisches Talent hier in den wunderschönen Tierwesen steckt!
Aber was sind die Gemüsevögel eigentlich? Die Kreaturen sind Mischwesen aus genau dem, was sie versprechen: Vögel und Gemüse. In unglaublich schönen Illustrationen lernen wir sie kennen: die Taubergine, die Knobrauchschwalbe, den Kolkrabi oder die Möhrwe - um nur einige zu nennen. Die Zeichnungen erinnern an realitätsnahe Tierillustrationen des 18. und 19. Jahrhunderts, in wunderschönen Farben mit sehr viel Herzblut illustriert. Im Buch sind zu jedem "Tier" kleine Texte, welche die Charaktere der einzelnen Wesen beschreiben - diese sind nicht nur lustig, sondern auch irrsinnig intelligent, vereinen sie auch im Text die Eigenschaften der Vögel sowie des dazugehörigen Gemüses - wie und wo wachsen sie, wie pflanzen sie sich fort, was sind ihre Besonderheiten.
Besonders schön und spannend fand ich am Ende des Buches die Information, wie die Sarah Heuzeroth zu der Idee dieser gesunden Vögel kam, genauso wie den anschaulichen Prozess, wie eine neue "Art" zeichnerisch entworfen wird.
Das Buch ist nicht nur geeignet, es für sich selbst immer wieder herauszuholen, um zu staunen und die eigene Laune zu verbessern, sondern eignet sich auch hervorragend als Geschenk für alle, die etwas ganz Besonders & ästhetisch Ansprechendes verschenken wollen. Ich hoffe sehr, dass die Kreativität der Autorin / Illustratorin lange anhält und dass sie uns mit noch viel mehr wunderbaren Gemüsevögel beglückt!





Ein Königreich für eine Schnecke
von Maria Reva
Jewa ist mit Herzblut Schneckenforscherin und will mit aller Macht versuchen, einige kurz vor dem Aussterben befindlichen Arten in ihrem mobilen Campinglabor zu retten. Um diese Arbeit zu finanzieren, ist sie Teil der ukrainischen Heiratsindustrie und gaukelt den heiratswilligen Ausländern vor, sich für sie zu interessieren. In diesem Brotjob lernt sie auch die beiden Schwestern Nastia und Sol kennen, die von ihrer Femen-aktivistischen Mutter verlassen wurden. Um deren Aufmerksamkeit zu bekommen, entschließen sich die Schwestern kurzerhand einige der ausländischen Männer zu entführen. Just da startet Russland seinen Angriffskrieg...
Welch intelligenter, kreativer, tiefgründiger und spiegelvorhaltender Roman ist Maria Reva hier gelungen! Wähnt man sich anfänglich in einem Wissenschaftsroman, in dem es hauptsächlich um den leidenschaftlichen Kampf Rewas für vor dem Aussterben bedrohte Schnecken geht, entwickelt sich die Geschichte schnell zu einem Spiegelbild der ukrainischen Gesellschaft - bis dann eben der Krieg anfängt und eine unwiederbringliche und drastische Zäsur einsetzt. Die Autorin schrieb schon mehrere Jahre an dem Buch und musste nach Kriegsbeginn ihre Story komplett überdenken. So webt sie geschickt das Kriegsgeschehen ein, gibt glaubhaft wieder, wie unvorstellbar diese neue Tatsache den Einwohner*innen - und noch mehr den Heiratswilligen aus Übersee - war und doch bald mit der harten Realität leben müssen. Und: sie beginnt sich selbst in das Buch zu reklamieren, reflektiert autobiographisch die Schreiberei und die Geschichte, ohne dass es den Lesenden erst so bewusst ist.
Der Roman ist deshalb - abgesehen von der irrwitzigen Geschichte - alles, nur nicht linear. Reva setzt unterschiedliche Textsorten ein, von der klassischen Erzählung, über Textnachrichten und Drama bis hin zu Interviews und Protokollen. Einige der Texte lösen Rätselraten aus, andere verwirren, ist man aber am Schluss angekommen, kann man nur staunen über so viel gekonnte Genialität, denn auch wenn man nicht alles verstanden haben mag, ergibt alles schlussendlich doch so viel Sinn.
Wir begleiten unterschiedliche Protagonist*innen, die charakterlich authentisch, tiefgehend und doch ein wenig schrullig gezeichnet sind. Im Laufe des Buches entwickeln sie sich, werden nachvollziehbarer, wachsen einen ans Herz. Träume platzen, Ziele verändern sich und trotzdem bleiben allesamt beharrlich, nicht nur um ihrer selbst Willen, sondern auch zum Wohl der Gruppe, die sich zwangsläufig entwickelt und zusammenwächst. Bei all dem Drama, das sich abspielt, bleiben sich die Figuren treu und verlieren ihr Ziel nicht aus den Augen. Beispielsweise sticht Jewa mit ihrer Leidenschaft für Schnecken hervor, sie tut trotz kriegerischem Mord und Totschlag alles, um für Lefty - einer äußerst seltenen Schnecke mit linksdrehendem Gehäuse - einen Partner zu finden, um ihren Fortbestand zu sichern.
Ein weiterer Faktor, der dieses Buch zu einem Genuss macht, ist der schwarze Humor, ohne dem wohl die Tragik der Ereignisse nicht auszuhalten wäre. Diesen gekonnt an den richtigen Stellen einzusetzen, ohne Geschehen und Figuren lächerlich zu machen, ist eine Kunst, die Maria Reva vorzüglich beherrscht. Ebenso die Breite der Gesellschaftsanalyse- und Kritik und Fragen nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Identität.
Es gibt für mich keinen Grund, warum man dieses Buch nicht lesen sollte - für mich ist es jetzt schon ein Klassiker der 2020er Jahre, der mit scharfer Beobachtungsgabe anhand eine großartigen Story unserer westlichen Welt einen Spiegel vorhält. Lang lebe das Königreich der Schnecke!





Cats Tagebuch - Lass die Ratte aus dem Sack!
von Franziska Höllbacher; Franziska Höllbacher
Dass Katzen ihre ganz eigenen Charakterzüge haben, ist wohlbekannt. Sei es die Tatsache, dass sie fest davon überzeugt sind, Menschen seien ihr Personal, dass sie Vögel zum Fressen gern haben oder dass sie für die Verteidigung ihres Reviers durchaus pfotengreiflich werden können. Diese und viele andere Eigenschaften, die es an Katzen zu lieben gibt, fasst die Autorin und Illustratorin Franziska Höllbacher in "Cats Tagebuch - Lass die Ratte aus dem Sack!" in geeigneter Manier für präpubertierender (und durchaus auch erwachsene) Leser*innen in Form des Portraits vom eigenwilligen Kater Knutbert vortrefflich zusammen.
Man merkt, dass die Autorin selbst tagtäglich Charakterstudien an Katzen betreibt, ihre knuffige Arroganz mit altersgerechten Witz in passenden Worten wiedergibt und das ganze noch mit wirklich entzückenden Illustrationen untermauert. Die Geschichten um den charakterstarken Kater sind in einzelne Kapitel - nämlich in Katastrophenberichte - unterteilt. Geschildert werden Knutberts Widrigkeiten mit seinen menschlichen Mitbewohnern, seine sich auf Wort- und Gedankenkämpfe beschränkenden Auseinandersetzungen mit anderen Tierarten, wie dem frechen Rotkehlchen Ralf oder die lahme Schildkröte Ingrid und schließlich seine beginnende, freundschaftliche Beziehung mit einem Tier, dass von vielen so gar nicht geliebt wird: einer Ratte. Aber eine mögliche Zuneigung würde Knutbert natürlich nie zugeben!
Es macht richtig Spaß, sich durch die Katastrophenberichte zu lesen, Knutbert bei seinen Malheuren und Abenteuern zu begleiten und die großartigen Illustrationen dazu zu genießen. Ja, der Kater ist von sich selbst überzeugt, ziemlich frech (nicht so sehr wie Ralf, versteht sich) und mag nicht sonderlich viele Lebewesen (zurecht), aber im Grunde hat er ein gutes Herz und ist irrsinnig liebenswürdig. Als einzigen Kritikpunkt möchte ich den Titel des Buches anführen - ein so großartiger Name wie Knutbert hätte es redlich verdient auch darin vorzukommen. Aber wie wir im Buch lernen: mit der passenden Namensgebung ist es nicht so leicht!
Eine Klare Leseempfehlung für alle Kinder und kindgebliebenen Erwachsenen, die Katzen lieben oder lieben lernen möchten und humorige und eigenwillige Geschichten köstlich illustriert genießen können.





Sunshine Man
von Emma Stonex
Nach 18 Jahren Gefängnis kommt Jimmy frei. Er wurde verurteilt, das junge Mädchen Providence brutal ermordet zu haben - auch wenn er das im kompletten Prozess immer bestritt und stets auf den - seiner Meinung nach - wahren Täter hinwies. Providence' Schwester Birdie ist nach Jimmys Freilassung fest entschlossen, Jimmy als Vergeltung zu erschießen.
Emma Stonex ist mit "Sunshine Man" ein gesellschaftskritisches Psychogramm gelungen, das über oberflächliche Spannungselemente hinausgeht. Sie verhandelt vielfältige Themen, wobei Fragen der Schuld, Klassenzugehörigkeit, psychische Krankheiten und Vorurteile im Zentrum stehen. Die Erzählperspektiven wechseln sich zwischen Jimmy und Birdie ab, es wird gesprungen zwischen der Gegenwart (1990er Jahre) und den Kindheits- und Erwachsenenwerdealter der Protagonist*innen.
Weiß man anfangs nur, dass Jimmy Providence etwas schreckliches angetan hat, wird im Laufe des Romans langsam aufgedeckt, was wirklich geschah. Die Schilderungen zeigen auf, dass Jimmy Maguire mit seiner Familie, die der Unterschicht zugeordnet werden kann, unter der Alkoholabhängigkeit der Eltern und besonders unter der Gewalttätigkeit des Vater leiden musste. Dies war für die Menschen im Dorf ausreichend Grund, auch die Kinder auszugrenzen und sie als keinen guten Umgang anzusehen. Dass alle darunter litten und somit noch tiefer in unerwünschtes Verhalten fielen, ist kaum verwunderlich. Aber auch Birdie hatte keine guten Erfahrungen mit ihren Eltern: sie weiß nicht wer ihr Vater ist, ihre Mutter ist ebenfalls suchtmittelabhängig, weshalb sie und ihre Schwester Providence bei ihrer Großmutter aufwachsen, durchaus behütet.
Eine besondere Rolle nimmt Providence ein. Sie wird von allen zutiefst geliebt, scheint alle, die mit ihr zu tun haben, eindringlich einzunehmen, sie wird fast schon als Heilige dargestellt. Diese überbordende Zuneigung ist teilweise bedenklich - einerseits ist Birdie so stark auf sie fixiert und will sie nur für sich alleine, dass dies fast krankhaft wirkt, umso ärger ist allerdings die Verbissenheit von Jimmy ihr gegenüber: er liebt das Kind so sehr, dass dies eindeutig auf eine krankhafte Zuneigung hinweist. Da wir ihre Figur lediglich aus der Sicht dieser beiden erleben, bleibt sie durch den ganzen Roman hindurch nicht greifbar.
Im Laufe des Buches werden also immer mehr Details über das komplexe Geflecht der verschiedenen Beziehungen bekannt, zudem psychische Dispositionen einzelner Charaktere. Einiges vermutet man schon länger, anderes entwickelt sich überraschend. Besonders sind sicherlich die unterschiedlichen Perspektiven, welche unterschiedliche Blickwinkel und auch das Mitfühlen mit den verschiedenen Seiten zulassen. Diese Zuspitzung der Spannung fand ich toll, leider hat mich dann die Auflösung / das Ende doch ein wenig enttäuscht - ich hatte das Gefühl: irgendwas fehlt da noch, das soll es gewesen sein? Das - und die teilweise Vorhersehbarkeit in Hinblick auf die psychischen Erkrankungen - ist auch der Grund, warum ich dem Buch, das ich grundsätzlich sehr gern gelesen habe, auch einen Bewertungsstern abziehen muss. Ansonsten kann ich es als gelungenes Psychogramm über Taten, Vorurteile, verschiedenen Perspektiven und Erkrankungen psychischer Natur nur empfehlen.





Jetzt gerade ist alles gut
von Stephan Schäfer
Der Erzähler landet nach einem für ihn unbedeutenden Missgeschick beim Kochen unter Lebensgefahr im Krankenhaus. Daraus wird ihm so richtig bewusst, wie schnell es enden kann, das Leben. Fortan erzählt er kleine Episoden, die beschreiben, wie dieser Bewusstseinswerdungsprozess bei ihm von statten geht.
Ich muss vorweg schicken, dass ich überhaupt kein Fan von Ratgeber-Romanen bin und auch nicht wusste, dass es sich hierbei um einen solchen handelt. Nichtsdestotrotz muss ich gestehen, dass mich das Hörbuch anfänglich sehr eingenommen hat. Die Stimme von Götz Otto ist sehr angenehm und vertont das Erzählte äußerst authentisch. Zudem ist die Geschichte mit der Sepsis wirklich packend - und informativ. Auch das weitere Erzählte, kleine Geschichten über Begegnungen und Gedanken, ist in Teilen wirklich sehr nett anzuhören und ab und an dachte ich mir: "wie oft hast du dir das schon gedacht?". Auf Dauer wird es aber zum "Jo eh, jetzt wissen wir schon, wie wichtig es ist auf uns zu schauen und unsere sozialen Kontakte zu pflegen." Hinzu kommt gegen Ende eine Geschichte über eine verlorene Freundschaft, bei der sich der Erzähler schlicht damit abfindet, diese verloren zu haben, was für mich nicht sehr glaubwürdig und nachvollziehbar erschien. Kurz dachte ich mir, dass die Auflösung vielleicht nicht ins Hörbuch aufgenommen wurde. Denn auch das Ende kommt dann plötzlich und eher unmotiviert daher.
Mein Fazit: "Jetzt gerade ist alles gut" ist ein Ratgeber-Roman, der inspirierend beginnt und im Laufe der episodenhaften Geschichte seine Strahlkraft verliert. Die Episoden werden sehr glaubhaft von Sprecher Götz Otto erzählt, wobei die Fiktionalität des Erzählten gar nicht offensichtlich ist. Zum Ende hin scheint der philosophischen Tiefenwirkung aber die Luft ausgegangen zu sein.





Zeit der Monster
von Seyda Kurt
Üblicherweise beginne ich meine Buchbesprechungen immer mit einer kurzen Zusammenfassung der Handlung, mit den Aspekten, die mir wichtig darin vorgekommen sind. Bei "Zeit der Monster" ist mir dies aber nicht möglich, weil ich glaube, dass ich nicht wirklich verstanden habe, um was es in dem Buch geht (sowohl was die Handlung, als auch eine mögliche Message betrifft).
Schauplatz ist jedenfalls ein Stadtteil, mutmaßlich im Ruhrgebiet, der von allen Sumpf genannt wird. Dort leben verschiedenste Menschen aus allen Frauen Länder und Kulturen, der Glaube spielt für viele Charaktere in dem Buch irgendeine Rolle, ebenso die Familie, natürlich auch die Herkunft. Es gibt Scharlatane, Lebenskünstler, Verschwörungstheoriengläubige, Unterdrücker und Verpeilte, um nur einen kleinen Auszug der Figuren zu nennen. Sie eint der Sumpf, der ein schier unendlicher Mikrokosmos an nebeneinanderlebender und doch gemeinsam interagierender Personen ist, dem man gern entrinnen mag, der aber doch immer Teil von einer*m bleiben wird. Weil der Sumpf das "wir" ist, das wohl jede*r von uns kennt - die Bubble, die sich von keiner anderen so recht abgrenzen kann, weil sie sich immer auch mit anderen überschneidet.
Der Schreibstill ist wild, manchmal ungehobelt und erzeugt trotzdem einen Sog, dem ich mir nur schwer entziehen konnte. Das Geschehen wird so erzählt, dass man sich nie sicher ist, bei wem oder wo man sich in der Geschichte gerade befindet - und das bringt mich zum Anfang zurück, was ist eigentlich die Geschichte? Hier steckt so viel Metaphorik drin, dass ich nur einen Bruchteil davon verstehen konnte, Monster in Menschenform sind überall, aber was macht sie aus? Eine zentrale Rolle spielt jedenfalls die Identität jede*r einzelnen Figur und ihrer Beziehung zu den Monstern der Gesellschaft. Klingt wirr? Ist es auch.
Ich konnte in dem Buch kaum eine Chronologie ausmachen, wobei eine solche nicht zwangsläufig gebraucht wird. Man merkt, alle haben mit allen zu tun, viele sind naiv und gutgläubig, andere gaunerhaft, aber die generelle Grundstimmung bleibt gleich düster und durchsetzt vom Glauben. Es wirkt einfach wie aus einer anderen Welt, ohne dass ein Worldbuilding stattgefunden hat.
Das mag jetzt alles nicht sonderlich anziehend klingen und in meinem Kopf sind einfach unendlich viele Fragezeichen. Nichtsdestotrotz bekommt das Buch bei mir 4 Sterne und ich empfehle es weiter - aber nur an jene, die gewillt sind, es entweder sehr akribisch und reflexiv zu lesen, oder - so wie es bei mir der Fall war - absolute Lust haben, das Buch ein zweites und gegebenenfalls auch ein drittes Mal zu lesen, denn ich bin überzeugt: wenn man genau hinschaut, ergibt das Ganze (bestimmt) sehr viel Sinn.





Flora Brimble und der verlorene Frühling
von Marcus Raffel
Flora ist ein Mädchen, dass sich am Liebsten mit seiner besonderen Schreibfeder und Tinte beschäftigt und Geschichten über ihre (fiktive) Heldin Harriet zu schreiben. Nachdem ihr Vater schwerkrank ist und der Winter nicht weichen will, macht sie sich auf in den Wald, um ihren Großvater um Rat zu fragen. Dieser schrullige Kerl ermutigt sie, die Maikönigin zu suchen, um sie zu fragen, wo denn der Frühling bleibt. Es beginnt eine fantasievolle und ungewöhnliche Reise mit allerhand außergewöhnlichen Begegnungen.
"Flora Brimble und der verlorene Frühling" ist eine äußerst fantastische Geschichte, die mit großem Ideenreichtum, äußerst schrulligen Charakteren und unerwarteten Wendungen auftrumpft. Während des Lesens staunte ich über die vielen abstrus-humorigen Ideen, die der Autor an den Tag legt und seinen Charakteren auf den Leib geschrieben hat. Den Schreibstil empfand ich als sehr märchenhaft, auch weil in der Geschichte klassische Märchen-Charaktere wie ein Kobold, sprechende Tiere und eine Hexe auftauchen und stets ein moralischer Kompass mitschwingt. Ich persönlich würde deshalb das Buch eher als fantasievolles Märchen bezeichnen, als einen Fantasyroman, muss aber auch zugeben, dass ich bislang nur wenige Fantasybücher gelesen habe.
Teilweise war mir das Buch an Ideenvielfalt etwas zu viel und ich empfand es als überladen und langatmig, was zur Folge hatte, dass ich immer wieder eine Lesepause einlegte. Stellenweise sind Atmosphäre und Handlung auch sehr düster, weshalb ich mir nicht sicher bin, ob die Altersempfehlung ab 10 Jahren nicht ein wenig in die Höhe geschraubt werden sollte.
Sehr schön empfand ich das gegenseitige Betrachten von Flora und ihrer erdachten Figur Harriet, die im Laufe des Buches zum Leben erweckt wird. Beide spiegeln füreinander das, wovon sie sich für sich selbst mehr wünschen. Im Prinzip gibt das Buch den Lesenden mit, dass es sich lohnt, an sich zu glauben - auch daran, dass man Eigenschaften in sich trägt, die man sich selbst gar nicht zutraut. Außerdem sehe ich es auch als Plädoyer für Fantasie und Kreativität, die man niemals vernachlässigen soll.
Mein Fazit: "Flora Brimble" ist eine fantasievolle und ideenreiche Geschichte über ein vom Schicksal gezeichnetes Mädchen, dass sich mit schrulligen Begleitern in ein märchenhaftes Abenteuer begibt und dabei allerhand fantastische und unerwartete Ereignisse zu bewältigen hat. Stellenweise wirkt das Buch ob der zahlreichen, kreativen Ideen etwas überladen, nichtsdestotrotz lohnt es sich die fabelhaften Charaktere auf ihrem Weg zu begleiten.





Insel der Ratten
von Jo Nesbø
Wir befinden uns in "Insel der Ratten" in einer dystopischen Welt, in der Gesetzlosigkeit und die Kraft des Stärkeren bzw. Reicheren zählt. Eine Pandemie stürzte die Welt ins Chaos, Gewalttätige und Superreiche haben das Sagen. Einer davon ist der Reiche Colin Lowe, der auf der "Insel der Ratten" Zuflucht sucht, während sein Sohn Brad am Festland immer ärger wütet. Indessen wird Jurist Will Adams, ein Freund von Colin, Betroffener der Gewalt und sinnt nach erbarmungsloser Rache.
Gleich zu Beginn: "Insel der Ratten" ist mein zweites Hörbuch von Jo Nesbø innerhalb einiger Monate, vor Jahren hatte ich schon mal einen Krimi von ihm gelesen. Und ich schätze, dass das aktuelle Buch auch mein letzter Versuch war, mich mit dem Autor anzufreunden. Ich finde die beiden Stimmen von Oliver Siebeck und Jenny Laura Bischoff sehr angenehm zum Zuhören, aber ich komme mit dem Schreibstil des Autors einfach nicht wirklich zurecht. Ich empfinde die Charakterzeichnung stark übertrieben, irgendwie kommen viele seiner männlichen Charaktere als riesige, testosterongesteuerte A....... daher, an denen kaum etwas Gutes zu erkennen ist. Sie erinnern mich an US-amerikanische Filmfiguren, die meist nur gut oder böse gezeichnet sind, das mag ich einfach nicht. Die Geschichte selbst klang sehr spannend und vielversprechend, deshalb wollte ich sie auch hören, ich mag Dystopien, aber irgendwie erfolgt keine ordentliche Einführung in die Welt und wie schon bemängelt, sind die Figuren größtenteils so richtige Ungustln. Dann kommt noch ein typischer Racheplan hinzu, der mit allen Mitteln gerechtfertigt wird, weil dem Mann ja so großes Leid angetan wurde. Irgendwie musste ich auch immer wieder an "The Walking Dead" denken, da kommt das Gute der Menschheit auch mit Gewaltverherrlichung daher und die Charaktere sind auch so überzeichnet. Wenig Erklärung, viel Gewalt und Brutalität, wenig moralische Ausverhandlungen, als wäre es natürlich, dass die Menschen zum Bösen tendieren, wenn eine Pandemie sie in die Knie zwingt. So schrecklich die Realität ist, so wenig mag ich akzeptieren, dass wir Menschen wirklich alle so emotional und sozial verwahrlost sind.
Wem es nicht stört, recht einseitige Charaktere in einer gesetzlosen Dystopie alá Walking Dead, die geprägt von Rache und Gewalt ist, zu verfolgen, ist hier richtig. Mich kann der Stil des Autors trotz der grundsätzlich interessanten Romanidee nicht abholen.





Beeren pflücken
von Amanda Peters
Jedes Jahr arbeitet eine Mi’kmaq-Familie in Maine bei der Blaubeer-Ernte, bis im Jahr 1962 ihre kleine Tochter Ruthie plötzlich spurlos verschwindet. Die Familie verkraftet das Verschwinden des kleinen Mädchens nie ganz und bleibt von diesem Schicksalsschlag tief gebeutelt. Bis eines Tages - nach Jahrzehnten - an Bruder Joes Totenbett eine unerwartete Wendung passiert und die Wahrheit um Ruthies Verschwinden ans Licht kommt.
Amanda Peters erzählt in ihrem Debutroman "Beeren pflücken" nicht nur von dem einen, schweren Schicksalsschlag, den eine marginalisierte Indigenenfamilie durchmachen muss, sondern von einem ganzen Mikrokosmos an Diskriminierungen, die nur schwer aushaltbar sind. Schnell wird klar, dass Ruthie unter anderem Namen bei einer fremden Familie aufwächst und zeitlebens immer ahnt, dass mit ihrer Geschichte irgendetwas nicht stimmt. Ihr Aussehen, das deutlich von dem Rest ihrer Familie abweicht, wird fadenscheinig begründet, abgesehen davon spürt sie sehr bald, dass irgendetwas in ihrer "Familie" seltsam ist.
Ruthies eigentlich Familie leidet still, nicht nur unter ihrem Verschwinden, sondern unter den Repressionen und Diskriminierungen, die sie als indigene Familie über sich ergehen lassen müssen. Gebeutelt durch weitere Schicksalsschläge nehmen sie ihr Dasein und die Herausforderungen so hin und versuchen schlicht zu leben. Joe verkraftet all dies nicht und flieht aus den Familienbanden, versucht sich ein neues Leben aufzubauen, scheitert aber aufgrund der Last, die er auch gerne verdrängen mag. Die abwechselnde Erzählperspektive ist eindringlich und lässt einen sehr emotional an den Schicksalen der einzelnen Figuren teilhaben.
Amanda Peters gelingt ein tief berührender Roman, der voller Melancholie und Traurigkeit ist und glaubhaft die schwere Last der Unterdrückung vermittelt. Und doch bleibt die Hoffnung und der Glaube an das eigene Gespür im Mittelpunkt und hinterlässt ein warmherziges und positives Gefühl. "Beeren pflücken" ist ein tiefsinniger Roman, der sehr nachhallt und dessen gezeichnete Bilder einen nie ganz loslassen werden.





Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel,2 Audio-CD, 2 MP3
von Alena Schröder
Güstrow 1945: Marlen flieht vor den Russen und kommt bei der Malerin Wilma unter, dessen verschollener Mann ein aufstrebender Künstler war. Seine hinterbliebene Ehefrau versucht sich selbst als Künstlerin und im Laufe der Zeit wird sie immer erfolgreicher - auch dank der Hilfe von Marlen.
Berlin 2023: Hannah muss ihr Leben neu ordnen, nachdem ihre beste Freundin Rubi aus der gemeinsamen WG ausgezogen ist, um eine Familie zu gründen. Plötzlich taucht ihr nie dagewesener Vater auf und bürdet ihr eine Rolle auf, die sie nie haben wollte.
Das Hörbuch von "Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel" ist eine feinfühlige Erzählung über die starken Bande der Familie, die weder biologisch noch anwesend sein müssen. Sehr einfühlsam und passend wird das Buch eingesprochen von Julia Nachtmann, deren Stimme und Intonation perfekt zu der Geschichte passt.
Bis zum Schluss rätselt man über die konkrete Verbindung der zwei Geschichten, die am Ende sanft zueinander geführt werden. Im Mittelpunkt stehen Frauen, die trotz aller Widerstände ihren eigenen Weg gehen. Männliche Figuren sind zwar präsent, spielen aber eine untergeordnete, wenn auch nicht unwichtige Rolle. Ihr Scheitern beflügelt die weiblichen Protagonistinnen, nicht aus einer bösartigen, sondern aus einer selbstbestimmten Rolle heraus. Essentieller scheint die Kunst, die den roten Faden durch die Geschichte legt.
Ich kannte bislang noch keine Bücher von Alena Schröder, habe aber ihre ruhige, authentische und nachvollziehbare Erzählweise sehr zu schätzen gelernt. Die Geschichten bestechen durch Realismus, der Auseinandersetzung mit inneren Konflikten und der wunderbaren Affinität zur Kunst. Ich kann dieses Hörbuch uneingeschränkt allen empfehlen, die Interesse für Zeitgeschichte, Kunst und der hervorragenden Beobachtungsgabe für menschliche Verhaltensweisen schätzen.









