Kundenrezensionen
nessabo
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Mit beiden Händen den Himmel stützen
von Lilli Tollkien
Das Debüt von Lilli Tollkien ist ein unglaubliches Werk voller Schmerz und Ehrlichkeit, das seine Leser*innen nicht schont. Ich fand es auf mehreren Ebenen eindrücklich, kann aber gar nicht deutlich genug auf die Inhaltswarnungen verweisen.
Ich schließe mich den Vermutungen an, dass Tollkien hier an ihrer eigenen Biografie entlangschreibt. Das macht die Lektüre nicht leichter, im Gegenteil. Denn die Protagonistin Lale erlebt eine schiere Fülle an Leid in ihrem jungen Leben. Die Mutter aufgrund ihrer Drogenabhängigkeit nicht sorgeberechtigt und der Vater im Gefängnis, kommt sie in eine links anmutende Männer-WG. Obwohl später auch ihr Vater dort einzieht, mangelt es an Schutz und kindgerechtem Umgang. Nicht nur werden auch hier diverse Drogen missbraucht, sodass Lale bereits im Kindesalter mit ihnen in Kontakt kommt. Sie erfährt auch wiederholt sexualisierte sowie verbale und psychische Gewalt.
Diese Passagen schreibt Tollkien auf einem unvergleichlich hohen Niveau. Sie wählt eine Sprache, die durch Nüchternheit und Poesie die kindliche Naivität und Unschuld perfekt einfängt. Gleichzeitig verfehlt diese Erzählweise keinesfalls ihre Wirkung - mir wurde wiederholt schlecht beim Lesen. Ich konnte Männer im Zuge dieses Romans wirklich nur verabscheuen. Ihre Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen bzw. Frauen und Mädchen keinen Schaden zuzufügen, hat mich brennen lassen vor Wut.
Klug schlägt die Autorin zudem immer wieder den Bogen in die Zukunft; verdeutlicht, wie die erwachsene Lale - später sogar als Mutter - im Zuge ihres Heilungsprozesses auch immer wieder an die Grenzen ihres Traumas stößt. Die Geschichte ist so erschütternd wie kraftvoll und hat mir wirklich einiges abverlangt!
Mein kleiner Abzug begründet sich mit genau den poetischen Anklängen der Sprache, die zwar erfolgreich das Traumatische der Geschichte abmildern können, aber wie so oft nicht ganz meinen Geschmack treffen. Auch die nüchtern-distanzierten Schilderungen Lales dienen diesem Zweck, haben mich emotional aber auch mehr auf Distanz gehalten als ich es mir gewünscht hätte.
Nichtsdestotrotz kann ich Tollkien für dieses Debüt nur meinen Respekt zollen. Ein Werk, das wiederholt kraftvoll eingeschlagen hat und welches mich fassungslos zurücklässt. Es ist keine Wohlfühlgeschichte, sie hat nicht einmal ein klares Happy End. Und doch ist es eine Erzählung über innere Stärke und das Finden einer Stütze in sich selbst.
4,5 Sterne
[CN: sexualisierte, verbale und psychische Gewalt; Alkohol- & Drogenmissbrauch]
JennifersBooks
empfiehlt:





Mit beiden Händen den Himmel stützen
von Lilli Tollkien
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein autofiktionaler Roman, in dem Lilli Tollkien ihre Kindheitserlebnisse aus den 80er Jahren literarisch verarbeitet. Die Protagonistin Lale ist zwar erfunden, aber man spürt sofort, wie nah die Handlung an der Realität der Autorin liegt. Ich habe mir bewusst Zeit gelassen, um dieser Art von Erinnerungsarbeit gerecht zu werden, und das hat meinen Zugang zum Buch verändert.
Der Roman spricht sehr ernste Themen an: Alkoholsucht, Drogenkonsum, Vernachlässigung, verbale, psychische sowie sexualisierte Gewalt. Beim Lesen geht man durch viele Emotionen. Man ist betroffen, wütend, traurig, manchmal abgestoßen, und gleichzeitig fühlt man Lales Angst, ihre Verletzlichkeit, ihre Verlorenheit und ihre Suche nach Halt. Es gibt Momente, in denen man das Buch einfach zur Seite legen muss, um das Gelesene zu verarbeiten.
Einige Dinge konnte ich sehr gut nachvollziehen, weil ich selbst mit einem alkoholsüchtigen Elternteil aufgewachsen bin. Die morgendlichen Gerüche nach kaltem Rauch und Bier, die Treffen am Kiosk, die übergriffigen „netten“ Erwachsenen, die einen auf den Schoß ziehen wollen – das alles hat mich direkt in meine eigene Kindheit zurückgeworfen. Solche Erfahrungen verändern Kinder nachhaltig, und das zeigt der Roman sehr deutlich.
Gleichzeitig hat das Buch viele nostalgische Momente, die mich als 80er-Jahre-Kind sofort abgeholt haben. Klebrige Schlümpfe, Wassereis, bunte Polyester-Jogginganzüge, Sticker, Kaufhäuser, in denen man alles bekommen hat – das hat schöne Erinnerungen ausgelöst, die neben den schweren Themen stehen, ohne sie zu relativieren.
Am Anfang wirkte der Text auf mich etwas wirr. Als ich dann noch einmal von vorne begonnen und mir mehr Zeit genommen habe, ergab die Erzählweise plötzlich Sinn. Erinnerungen verlaufen nicht linear, sie springen, sie verschieben sich, und genau so erzählt Tollkien. Lale spricht durchgehend aus ihrer Sicht, zwischendurch tauchen Dialoge anderer Personen aus ihrem Umfeld auf. Die Sprache ist poetisch, aber nicht überladen.
Was einen immer wieder beschäftigt, ist die Frage, warum niemand Lale geschützt hat. Warum das Jugendamt Besuche ankündigt. Warum Erwachsene wegsehen, obwohl das Elend offensichtlich ist. Diese Fragen bleiben hängen und machen das Buch so herausfordernd.
Auch das Cover mit dem Bild der Künstlerin Xenia Hausner möchte ich hervorheben. Ich finde es sehr schön – die Farben und der Stil passen unglaublich gut zur Stimmung des Buches. Auf Instagram gibt es ein Foto der Autorin, auf dem sie sich das Cover teilweise vors Gesicht hält, und es ist faszinierend, wie perfekt das Design in seiner Gesamtheit harmoniert.
Fazit: Ein intensiver, poetischer und emotional fordernder Roman, der zeigt, wie ein Kind versucht, in einer instabilen Umgebung Halt zu finden. Für mich sind es 5 Sterne, weil die Autorin ihre Erinnerungen in eine Form bringt, die ehrlich wirkt und lange nachklingt.
Annaja
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Mit beiden Händen den Himmel stützen
von Lilli Tollkien
Von annaja
Ein buntes Cover, mit dem Porträt der Frau, das den Hilferuf erahnen lässt.
Die Autorin erzählt in ihrem Roman von der Kindheit einer jungen Frau, die einen schwierigen Start in ihr Leben hatte.
Lale, 1980 geboren, wächst beim Vater in einer Männer-WG in Berlin auf. Die Mutter ist schwer drogen- und alkoholabhängig und verbringt die meiste Zeit in Gefängnissen, sie kann ihre Tochter nicht begleiten. Aber auch der Vater ist ähnlich, er bietet ihr eine triste Umgebung, in der Gewalt und Alkohol überhand nehmen, auch er wandelt abseits der Gesellschaft und führt einen nichtbürgerlichen Lebensstil. Dennoch gibt er sein Bestes und so sucht Lale in seiner Nähe überall nach Geborgenheit, Trost und Stabilität, doch ihr Schmerz ist allgegenwärtig. Sie mag die Schule, ist eine gute und aufmerksame Schülerin, weil sie die Normalität im Schulalltag und mit ihren Freunden dort sehr schätzt.
Trotz all der unzähligen negativen Erfahrungen, Übergriffigkeiten ihr gegenüber und schweren Enttäuschungen sucht sie immer wieder, Halt zu finden. Sie kämpft und fällt dabei doch auch wieder in das Muster ihrer persönlichen Geschichte zurück.
Ein Buch, mit einer ganz tollen Erzählstruktur, das gut aufzeigt, wie sehr die Kindheit prägt.
Lesenswert!
Martina Mimler
empfiehlt:
Mit beiden Händen den Himmel stützen
von Lilli Tollkien
"Ein Mädchen, das mit wütendem Scharfsinn die Widersprüche der Erwachsenen aufdeckt, eine Frau, die ihre Geschichte und ihren Körper schreibend zurückerobert.", beschreibt der Klappentext dieses Buch. Man kann es nicht besser ausdrücken!
ICH, äußerst wohlbehütet aufgewachsen, kann mir solch eine Kindheit gar nicht vorstellen - aber es gibt sie doch, wahrscheinlich häufiger als ich mir denken will.
Man muss dieses Buch lesen!
PeLi
empfiehlt:





Mit beiden Händen den Himmel stützen
von Lilli Tollkien
"Mit beiden Händen den Himmel stützen" von Lilli Tollkien hat mich emotional sehr gefordert. Der Schreibstil der Autorin hat mir dabei durchaus gefallen, ruhig, eindringlich und nah an den Figuren. Gerade diese sprachliche Feinfühligkeit macht es jedoch stellenweise besonders schwer, das Gelesene auszuhalten.
Immer wieder habe ich mich während der Lektüre gefragt, ob es tatsächlich möglich gewesen wäre, dass eine Männer-WG so unkompliziert ein kleines Mädchen als Pflegekind aufnehmen kann. Vielleicht waren die Regelungen früher weniger streng? Ich hoffe ehrlich gesagt sehr, dass es heute nicht (mehr) so einfach wäre. Dieser Aspekt ließ mich nicht los und sorgte bei mir für ein gewisses Maß an Skepsis.
Besonders hart war für mich Lales Kindheit. Der geschilderte Missbrauch und vor allem die Reaktion ihres Vaters, der ihre Ängste herunterspielt, obwohl sie offen ausspricht, dass sie Angst hat, haben mich tief erschüttert. Es war schwer zu ertragen, wie allein und schutzlos Lale in diesen Momenten war. Mehr als einmal musste ich das Buch zur Seite legen, weil sich mir beim Lesen buchstäblich der Magen umdrehte. Der Gedanke, dass viele Kinder im echten Leben ähnliche Erfahrungen machen müssen, macht die Geschichte noch bedrückender.
Das Ende empfand ich weniger hoffnungsvoll, als ich es nach dem Klappentext erwartet hatte. Für mich überwog letztlich ein Gefühl der Schwere und der Ernüchterung. Auch wenn es sicherlich nicht Anspruch des Romans ist, eine einfache oder tröstliche Lösung zu präsentieren, hätte ich mir einen etwas versöhnlicheren Ausklang gewünscht.
Insgesamt ist es ein sprachlich gelungenes, aber sehr belastendes Buch, das wichtige Themen anspricht und unter die Haut geht. Für mich persönlich war es jedoch eher deprimierend als hoffnungsvoll, daher vergebe ich 3 von 5 Sternen.
Maxie Bantleon aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck
empfiehlt:
Mit beiden Händen den Himmel stützen
von Lilli Tollkien
„‚Leider konnte ich heute Morgen nicht am Unterricht teilnehmen, weil meine Erziehungsberechtigten alle besofen waren.‘
Besofen. Das Wort Erziehungsberechtigte hatte ich richtig geschrieben, aber bei besoffen fehlte ein f. Zuhause hatte der Zettel für Belustigung gesorgt und wurde mit Tesafilm an die Wand geheftet. Ich verstand nicht, dass die Erwachsenen über den Inhalt lachten, glaubte, sie lachten über das fehlende f, und nahm mir vor, in Zukunft weniger Fehler zu machen.“
Auf den Roman von Lilli Tollkien wurde ich ehrlich gesagt nur durch seinen schönen und ungewöhnlichen Titel aufmerksam. Beim Lesen der Klappe dachte ich dann: 1980er Jahre, Kommune in Berlin – das interessiert mich ja so überhaupt nicht.
Aber ich habe angefangen zu lesen, zum Glück, denn sonst hätte ich ein ganz besonderes Stück Literatur verpasst.
Berlin 1980. Lales Start ins Leben ist denkbar schlecht. Sie kommt in der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt als zu früh geborenes Kind einer heroinabhängigen Mutter. Anderthalb Jahre später – „es gibt verschiedene Versionen der Geschichte“ – entdeckt das Kleinkind Lale neben der zugedröhnten Mutter eine Tüte mit Bonbons – Rohypnol-Tabletten. Zur gleichen Zeit überfällt ihr Vater mit einer Bekannten einen Geldtransporter; der Überfall wird vereitelt, er kommt ins Gefängnis, der Mutter wird das Sorgerecht entzogen und Lale kommt, nachdem man ihr den Magen ausgepumpt hat, in die Obhut des Jugendamts.
Als das kleine Mädchen zweieinhalb ist, nimmt sie Karlheinz, ein Freund ihres Vaters, als Pflegekind in seiner Männer-WG auf.
Dort bewegt man sich im Kielwasser der APO (außerparlamentarische Opposition) und Ulrike Meinhofs. „Vom Jugendamt gibt es monatlich 700 Mark für die Pflegschaft.“
So beginnt der atemberaubende – und man ist geneigt zu glauben in weiten Teilen autofiktionale – Roman von Lilli Tollkien.
Mit Staunen, mit Entsetzen liest man die Geschichte ihrer Ich-Erzählerin Lale, die eine Kindheit erlebt, die auf den ersten Blick vielleicht ganz toll klingt, denn „es gab keine Verbote, ich durfte wach bleiben, solange ich wollte, Nutella-Brote essen und Fernsehen und Fanta, soviel ich konnte. ‚Ihr könnt mir ruhig mal etwas verbieten‘, soll ich später gesagt haben, ein running gag bei den Erwachsenen.“
Es ist eine Kindheit in einer ewig verqualmten Wohnung mit fünf Männern, darunter Lales leiblicher Vater, die Luft klebt und es riecht immer nach Haschisch und den süßlichen Ausdünstungen einer durchzechten Nacht.
Frauen kommen und gehen in die Zimmer der WG, manche kommen in mehrere, und manche werden für eine Weile eine Bezugsperson für Lale.
In den Bücherregalen finden sich Anleitungen für Sprengsätze und RAF-Texte, an der Küchentür hängt der sogenannte Anti-Einkaufszettel. Alle Produkte, die darauf notiert sind, dürfen nicht mehr gekauft werden, weil sie in den Werbeblöcken im permanent laufenden Fernseher beworben werden. Auch das ein Akt der Rebellion.
Aufgeräumt und sauber ist die Wohnung nur dann, wenn der halbjährliche Besuch von Frau Steiger vom Jugendamt ansteht. Dann werden die Waage und das Brettchen mit eingelassenem Spiegel und das Buch über die Herstellung von Molotowcocktails in der Schublade verstaut, Schnapsflaschen entsorgt, Porno-Comics versteckt.
Und dann wird Lale instruiert, was sie sagen darf und was nicht, nie ohne die unterschwellige Drohung, sie käme ins Kinderheim, sollte sie sich nicht daran halten.
Aber Lale braucht keine Instruktionen, sie ist längst eine Meisterin darin, die feinen Abstufungen in den Erwartungen der Erwachsenen wahrzunehmen, und es fällt ihr nicht schwer, der Sozialarbeiterin ein aufgewecktes Mädchen zu präsentieren, „stets reflektiert und ein wenig lustig.“
Ihre Mutter sieht Lale manchmal am Kottbusser Tor, wo sie mit den anderen Junkies herumlungert; manchmal darf Lale sie im Knast besuchen, wenn sie mal wieder wegen irgendwelcher Delikte einsitzt.
Den einzigen Halt in diesem unbeständigen Leben findet das Mädchen in der Schule. Die ist ihr Anker, es gibt klare Regeln und die Lehrerin ist immer nüchtern, alles scheint einem beruhigenden Plan zu folgen: die Stuhlkreise, die Schulmilch, die Hofpausen.
Das Beste an der Schule ist die Normalität in einem Leben, das ansonsten alles andere als normal ist.
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist keine einfache Lektüre. Lales Geschichte ist oft nur schwer zu ertragen, aber dennoch brillant, was auch an Tollkiens ungewöhnlichem Schreibstil liegt. Ihre Sprache ist zugleich nüchtern und drastisch und dann wieder so gefühlvoll, fast schon poetisch.
Dieses Buch ist mit Sicherheit alles andere als eines, bei dem man sich wohlfühlt, aber ich konnte mich seinem Sog nicht entziehen und habe Lales Geschichte fast in einem Rutsch gelesen.
Eine absolute Leseempfehlung für diejenigen, die sich nicht davon abschrecken lassen, dass hier alles andere als eine heile Welt herrscht.
Kwinsu
empfiehlt:





Mit beiden Händen den Himmel stützen
von Lilli Tollkien
Lale nimmt uns mit in ihre Kindheitsgeschichte, die sie auch im Erwachsenenalter noch quält. 1980er-Jahre, die Mutter heroinabhängig, der Vater ein Kleinganove, wächst sie bei einem Pflegevater und dessen Kumpanen in einer Anarcho-Kommunen-WG auf. Was ihr als Kind zugemutet wird, ist unerträglich. Dass alle die Erlebnisse, das Hin- und Herschieben, die Unzuverlässigkeiten, die stets besoffenen und bekifften Männer, die früh beginnenden sexuellen Übergriffe nicht spurlos an ihr vorüber ziehen, verwundert wenig. Als junge Erwachsene versucht sie sich ihrer Haut zu entledigen.
Dieses Buch ist ehrlich gestanden schwer zu ertragen. Sprachlich ist es eindringlich, es gibt viele starke Stellen, die ins poetische reichen, besonders wenn es um den Missbrauch geht, arbeitet die Autorin mit Andeutungen, muss nicht auserzählen was geschieht - das finde ich hervorragend. Die Art der Verwahrlosung, aber vor allem was die Männer, die sich selbst zum linken Milieu zuordnen, dem kleinen Mädchen zumuten: das ständige besoffen-und-bekifft-Sein, das sich-selbst-überlassen-Sein, diese Wurschtigkeit gegenüber dem kleinen Kind und das Krasseste: die frühe Sexualisierung des kleinen Mädchens, da entsteht ein Kloss im Hals und im Bauch und man möchte diese ekelhaften Männer schütteln und sie am besten schnurstracks ins Gefängnis befördern.
Und wären Lale die Akutsituation erstaunlich tapfer übersteht, bricht erst, als sie sich von dieser Männer-WG lösen kann, das wahre Leid aus ihr heraus. Das Verhältnis zu ihrem eigenen Körper ist eigentlich nicht vorhanden und auch mit Beziehungen tut sie sich schwer, klammert sich an jede und jeden, der ihr Aufmerksamkeit schenkt und versucht, diese Personen zu kopieren oder sich an sie dauerhaft zu binden. Dass das nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand und so verschwindet Lale und ihr Körper immer mehr, bis es zum Zusammenbruch kommt.
Wie die Autorin in Interviews angibt, hat der Roman autofiktionale Momente - man möchte sich gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die so eine Tortur tatsächlich mitmachen mussten. Was Lale - und vermutlich auch die Autorin - rettet, ist das Schreiben, eine heilende Kraft, die uns dieses heftige, unverblümte und harte Buch beschert. Es ist eine Wucht, für die man viel Kraft braucht und des Öfteren das Kopfkino ausschalten sollte. Um einen positiven Aspekt hervorzuheben: die popkulturellen Bezüge - allen voran Musik, aber auch Filme, sind im Buch allgegenwärtig und sie helfen dem Mädchen - und auch den Lesenden - das ganze besser zu überstehen.
Bei der Sternebewertung bin ich mir unsicher: ich habe das Buch in einem Schwung gelesen, habe es - so absurd das bei dieser Thematik klingt - sehr gerne gelesen - und doch musste ich immer an "Siebenmeilenherzen" von Katharina Winkler denken, die den Missbrauch in kindlicher Märchenform erzählt, der Absturz als Erwachsene kommt mit der gleichen schwammigen, intensiven Realitätsverweigerung daher wie bei der Protagonistin Lale. Und doch: Winklers Buch hatte ich zuerst gelesen und das Leseerlebnis war noch einprägsamer. Nichtsdestotrotz ist "Mit beiden Händen den Himmel stützen" ein beeindruckendes Buch mit einer Intensität und Grausamkeit menschlicher Abgründe, die einem beim Lesen stetig die Luft anhalten lässt. Absolute Leseempfehlung für alle, die ein so hartes Thema lesend schaffen.
Eternal-Hope
empfiehlt:





Mit beiden Händen den Himmel stützen
von Lilli Tollkien
Wieder ein autofiktionaler Roman, in dem es um das Aufwachsen eines Kindes unter Bedingungen der Verwahrlosung geht. Ich muss mir Mühe geben, dieses Buch objektiv zu beurteilen, weil ich merke, dass ich dieser Thematik in den letzten Jahren schon ein bisschen müde geworden bin. Sind doch unglaublich viele autofiktionale Bücher zu diesem Thema in den letzten Jahren erschienen.
Diesmal ist es eine links-alternative Männer-WG, in der die kleine Lale in den 80er Jahren aufwächst: einer davon ihr leiblicher Vater, die anderen seine Sauf- und Drogenkumpanen, dazu deren wechselnde Bettgenossinnen. Die leibliche Mutter Anne ist drogensüchtig und pendelt zwischen Gefängnis und Notunterkünften hin und her, kann ihre Mutterrolle kaum erfüllen und wird früh sterben. Lale selbst wird in der Männer-WG hauptsächlich sich selbst überlassen, zwischendurch aber auch mal verprügelt und ein anderes Mal von einem der Männer sexuell missbraucht. Für die halbjährlichen Besuche des Jugendamtes wird vorher geputzt, aufgeräumt und das Mädchen instruiert, eine heile Welt vorzuspielen. So ist es kein Wunder, dass auch Lale früh abstürzt, mit Drogen in Kontakt kommt, schwanger wird, abtreibt und dann doch jung Mutter wird. Was sie vielleicht ein bisschen rettet, sind ihre Intelligenz - überraschenderweise schafft sie das Abitur - und ihr Schreibtalent. Dieses zeigt sich, für den Fall, dass die Autorin zumindest zum Teil mit ihrer Ich-Erzählerin gleichzusetzen ist (wie sie schreibt, beruht das Buch ja zum Teil auf wahren Begebenheiten), schon auch in diesem Buch und es finden sich immer wieder eindringliche Sprachbilder für das, was Lale erlebt hat, z.B.
"Ich werde stolpernde Schritte in die feindliche Außenwelt tun, werde versuchen, mich freizuschwimmen und die üblichen Fragen stellen, beim Wachsen und Erwachsenwerden, warum habt ihr, wieso hier und weshalb so anders als die anderen." (S. 62)
"Wenn ich am Abend nicht ruhig liegen kann, endlich schlafen will, komme ich mir vor wie ein Tier ohne Fell. Meine Beine müssen sich bewegen, die Füße unaufhörlich zappeln." (S. 71)
"Nach dem Urlaub trennt er sich von mir, und ich kann es ihm nicht verübeln, habe ich mich doch selbst längst von mir getrennt." (S. 153)
Was mir persönlich etwas zu kurz gekommen ist in diesem Buch, sind weitergehende Erkenntnisse über die umfangreiche Schilderung all des Elends von Lales Aufwachsen unter diesen Umständen hinaus. Ich hätte nämlich gern noch mehr darüber erfahren, wie sie schließlich vielleicht doch den Weg hin zu einer funktionierenden Erwachsenen findet. Stattdessen hätte es nach meinem Geschmack die Hälfte der Vernachlässigungsszenen auch getan, um ein vollständiges Bild davon zu vermitteln. Für mich war es also zu viel Elend und zu wenig Weiterentwicklung in diesem Buch, und dadurch - neben der Sprache - nicht so viel, das es von anderen Werken mit einer ähnlichen Thematik unterscheidet.
Dennoch bewundere ich den Mut, sich aus so einem Hintergrund herauszuarbeiten und die Sprache zu entwickeln, so ein Werk darüber zu verfassen. Für Leserinnen und Leser, die noch nichts zu dieser Thematik gelesen haben, wird es auch sicherlich interessant zu lesen sein.
div
empfiehlt:





Mit beiden Händen den Himmel stützen
von Lilli Tollkien
zum Aufrütteln
Mit ihrem Roman "Mit beiden Händen den Himmel stützen" erzählt Lilli Tollkien eine einfühlsame Geschichte über Verlust, innere Zerrissenheit und die Kraft der Hoffnung. Der Titel gefällt mir, gut gewählt und er wird auch zu einer Metapher.
Im Mittelpunkt steht Lale, eine Protagonistin die mit einem schweren Schicksalsschlag konfrontiert wird. Lales Kindheit verläuft alles andere als ideal - drogenabhängige Mutter, und auch der Vater ist nicht besser. Alkohol und Drogen werden ebenso einen Platz in ihrem Leben einnehmen. Ein zentrales Thema ist die Frage, wie man nach einem Verlust weiterlebt.
Der Schreibstil ist absolut gelungen, auf eine poetische Art und Weise findet die Autorin klare und emotionale Worte, die bedrückend nachhallen. Das Buch ist keine leichte Kost, und wird auf ruhige Art und Weise geschrieben - ohne große Spannungsbögen.
