Kundenrezensionen von nessabo





Das Projekt
von Annie Lord
So richtig kommen sehen habe ich die RomCom ehrlicherweise nicht - zumindest in ihren etwas klischeebehafteten Ausläufern zum Ende hin. Trotz ein paar Längen war ich insgesamt aber gut unterhalten und habe vor allem James sehr ins Herz geschlossen.
Annie Lord schreibt mit einem wirklich tollen Humor, der ihrer Protagonistin auf den Leib geschneidert ist. Es ist die Art von Humor, bei der ich schon beim Lesen wusste, dass sie nicht alle verstehen werden. Und genau das vermittelt die Autorin auch ganz feinfühlig in ihrem Roman. Daisy ist - durchaus typisch für eine Mittzwanzigerin - viele Stunden am Tag mit ihren Unsicherheiten beschäftigt. Sie ist so sehr davon überzeugt, dass sie nur das richtige Buch gelesen oder das perfekte Äußere erreicht haben muss, um einem potenziellen Partner endlich zu gefallen, dass sie kaum noch Raum zum Leben hat.
Das halte ich für schmerzlich authentisch, habe aber auch gemerkt, dass ich dem mittlerweile so sehr entwachsen bin, dass ich es streckenweise etwas langatmig fand. Dennoch finde ich die Figurengestaltung gelungen, sodass sie vielen jüngeren Frauen sicherlich nahegehen wird.
Daisy kann sich nur bei ihrer besten Freundin Maya so richtig fallen lassen und ich habe diese Freundinnenschaft sehr geliebt. Ebenso lieb gewonnen habe ich den auserwählten Mann für das titelgebende Projekt: James, der eigentlich ein eher problematisches Arschloch zu sein scheint, sich aber zu einer toll geschriebenen Green Flag mausert.
Ich kann nicht so recht sagen, ob ich seine Entwicklung glaubwürdig fand, in jedem Fall hat sie mir aber gut getan. Sein Einfluss auf Daisys Selbstwahrnehmung wurde von Annie Lord literarisch hervorragend umgesetzt. Und auch insgesamt finde ich, dass die Autorin hier eine wirklich moderne RomCom geschrieben hat, die sich von anderen abzuheben vermag. Besonders die stark politische Komponente, die sich immer wieder in die Erzählung eingräbt, bewerte ich positiv.
Am Ende war mir die Geschichte dann doch etwas zu dicht, während sie vorher phasenweise eher dahinplätscherte, aber insgesamt mochte ich den Roman. Vor allem sein Humor, die direkte Sprache und die äußerst menschlichen Figuren haben mich überzeugt. Empfehlung für alle, die kein Problem damit haben, noch einmal in das von Unsicherheiten geprägte Alter von Mitte 20 abzutauchen.





Pause
von Lena Kupke
Ich mag Lena Kupke. Die Art, wie sie Dinge erzählt und ihren leicht trockenen, aber irgendwie lieben Humor fand ich bislang immer toll. Ihr Debüt ist wirklich die Verkörperung ihres Bühnen-Ichs und ich habe es gern gelesen bzw. gehört - da das Hörbuch von ihr selbst eingesprochen ist, kann ich das nur lauthals empfehlen. Ihre Stimme und Betonung gibt der Geschichte eine Form, die nur beim Lesen wohl nicht so sehr hätte entstehen können.
Die Protagonistin Hanna kommt nach einem Zusammenbruch in Berlin bei ihren Eltern im deutlich ruhigeren Lüneburg unter. Dort muss sie sich nicht nur in den Routinen des Haushalts zurechtfinden, sondern auch mit diversen familiären Beziehungen auseinandersetzen. Vor allem begibt sie sich dort aber auf eine Heilungsreise im positivsten Sinne. Denn ihr Zusammenbruch war nur die Konsequenz eines Traumas, das zwar nie eindeutig benannt wird, sich mir aber im Kontext erschlossen hat.
Dass Kupke den Grund für Hannas psychischen Zustand nicht ausspricht, fand ich geschickt gemacht. Einerseits gibt es so eine Projektionsfläche für die Lesenden, andererseits halte ich die Umschiffung der Details bei diesem Thema für sehr sensibel.
Die Geschichte lebt von viel Alltagshumor und sicherlich auch von einigen Klischees - etwa den verschiedenen Personengruppen beim Großstadt-Yoga oder der Verhaltensweisen von Dorfbewohner*innen. Mich hat es eigentlich gar nicht gestört und das lag einerseits am so toll eingesprochenen Hörbuch, andererseits aber auch am Herz des Romans: seinen Nebenfiguren.
Hannas Eltern sind in bestimmten Verhaltensweisen sicherlich wie typische Eltern, aber gleichzeitig auch wirklich gutherzig. Außerdem lernt sie im Laufe der Handlung weitere Menschen kennen, die ihr dabei helfen, die Geschehnisse zu verarbeiten und sich selbst zu stabilisieren.
Mir war beim Lesen oft warm ums Herz, weil ich die neuen und alten Menschen in Hannas Leben einfach allen wünsche. Ansonsten ist Kupkes Debüt absolut gelungen. Nicht nur, weil es maximal unterhaltsam und kurzweilig ist, sondern vor allem, weil es die Autorin selbst so gut widerspiegelt.
4,5 Sterne, aber volle 5 Sterne für dieses fantastische Hörbuch





Ein Sommerabend
von Cécile Tlili
Ich finde Kammerspiele, insofern sie auf Figurenebene interessant geschrieben sind, wirklich toll. In Cécile Tlilis Werk musste ich anfangs erst etwas reinkommen, danach hat es sich aber rasant gelesen.
Vor allem strukturell habe ich Kritikpunkte, denn die Perspektiven wechseln nicht nur zwischen den Kapiteln, sondern auch mittendrin. Ich brauche für eine entspannte Lektüre deutlich mehr Klarheit, daher hat mich dies eine ganze Weile lang irritiert. Das hat mir auch die Verortung der Figuren erschwert, doch als ich sie dann alle etwas besser kannte, hatte ich beim Lesen viel Spaß.
Tlili spitzt die Situation zu und ich mag besonders, für welchen Ausgang sie sich schlussendlich entscheidet. Es gibt sicherlich andere Geschichten dieser Art, die mehr oder anders eskalieren, aber ich fand die Erzählung rund und bestärkend.
Die einzelnen Figuren blieben mir bis zum Ende etwas fremd, da hätte ich gern mehr emotionalen Bezug gehabt. Auf so wenigen Seiten ist das sicherlich eine Herausforderung, aber auch nicht unmöglich.
Wer Freude an Geschichten à la „Der Gott des Gemetzels“ oder „Der Rosenkrieg“ hat, kann unbesorgt auch zu diesem Roman greifen, der äußerst kurzweilig und vor allem in Bezug auf die Entwicklung der Frauenfiguren klug geschrieben ist.





Mädchen allein zu zweit
von Daniela Dröscher
Zum Hörbuch: Birte Schnöink hat eine angenehme und meiner Meinung nach passende Stimme für diese Jugendgeschichte gefunden. Dennoch hätte ich mir noch ein wenig mehr Animation in den verschiedenen Situationen und zwischen den Figuren gewünscht.
Zum Buch selbst: Ich mag Daniela Dröscher total gern und habe besonders „Lügen über meine Mutter“ geliebt. Umso herber ist meine Enttäuschung nach der Lektüre ihres Jugendromans. Auch ganz unabhängig meines Alters bin ich der Meinung, dass er weder ihr noch der Zielgruppe gerecht wird.
Los geht es eigentlich vielversprechend: gutes Tempo, mit Klassismus sowie plötzlichem Brustwachstum bei Mädchen als Themen und natürlich der zentralen Freundinnenschaft. Während ich im ersten Drittel noch Hoffnung hatte und über die kleinen Stolperer hinwegsehen konnte, hat sich das relativ schnell verschärft.
Hauptsächlich kritisieren muss ich die Figuren. Sie sind - völlig ungewöhnlich für die tolle Autorin - absolut flach. Ich blieb ihnen bis zum Ende ganz fremd und habe auch zwischen den Charakteren keine wirkliche Bindung verspüren können. Das betrifft sowohl die Freundinnenschaft als auch die spätere Liebesgeschichte - auf die ich übrigens auch hätte verzichten können, weil sie wie ein unglaubwürdiges Beiwerk wirkt.
Die Handlungen der einzelnen Figuren machten besonders in der zweiten Hälfte oft keinen Sinn für mich, Stringenz habe ich schmerzlich vermisst. Es kam mir fast vor, als wollte Dröscher hier thematisch viel zu viel auf die unter 200 Seiten bringen und das ist ihr nicht gelungen.
Dabei gehören Kapitalismuskritik und Klassismus unbedingt auch in Jugendliteratur! Aber bis auf einige Impulse habe ich die Umsetzung hier als aufgesetzt und unnatürlich empfunden.
Ich bin nahezu fassungslos, weil ich von Dröscher ein völlig anderes Niveau gewohnt bin. Und das lässt sich auch nicht mit der Zielgruppe begründen, weil es genügend großartige, politisch pointierte Jugendromane mit vielschichtigen Figuren gibt. Somit verbleibe ich mit dem deutlichen Urteil, dass ich Dröscher nur noch in ihrer Erwachsenenliteratur verfolgen werde und dieses Werk nicht empfehlen kann.





Mädchen allein zu zweit
von Daniela Dröscher
Ich mag Daniela Dröscher total gern und habe besonders „Lügen über meine Mutter“ geliebt. Umso herber ist meine Enttäuschung nach der Lektüre ihres Jugendromans. Auch ganz unabhängig meines Alters bin ich der Meinung, dass er weder ihr noch der Zielgruppe gerecht wird.
Los geht es eigentlich vielversprechend: gutes Tempo, mit Klassismus sowie plötzlichem Brustwachstum bei Mädchen als Themen und natürlich der zentralen Freundinnenschaft. Während ich im ersten Drittel noch Hoffnung hatte und über die kleinen Stolperer hinwegsehen konnte, hat sich das relativ schnell verschärft.
Hauptsächlich kritisieren muss ich die Figuren. Sie sind - völlig ungewöhnlich für die tolle Autorin - absolut flach. Ich blieb ihnen bis zum Ende ganz fremd und habe auch zwischen den Charakteren keine wirkliche Bindung verspüren können. Das betrifft sowohl die Freundinnenschaft als auch die spätere Liebesgeschichte - auf die ich übrigens auch hätte verzichten können, weil sie wie ein unglaubwürdiges Beiwerk wirkt.
Die Handlungen der einzelnen Figuren machten besonders in der zweiten Hälfte oft keinen Sinn für mich, Stringenz habe ich schmerzlich vermisst. Es kam mir fast vor, als wollte Dröscher hier thematisch viel zu viel auf die unter 200 Seiten bringen und das ist ihr nicht gelungen.
Dabei gehören Kapitalismuskritik und Klassismus unbedingt auch in Jugendliteratur! Aber bis auf einige Impulse habe ich die Umsetzung hier als aufgesetzt und unnatürlich empfunden.
Ich bin nahezu fassungslos, weil ich von Dröscher ein völlig anderes Niveau gewohnt bin. Und das lässt sich auch nicht mit der Zielgruppe begründen, weil es genügend großartige, politisch pointierte Jugendromane mit vielschichtigen Figuren gibt. Somit verbleibe ich mit dem deutlichen Urteil, dass ich Dröscher nur noch in ihrer Erwachsenenliteratur verfolgen werde und dieses Werk nicht empfehlen kann.





Breakup Season
von Sophie White
Sophie White hatte mich mit „Hot Mess“ bereits als Fan gewonnen und mit ihrem neuen Roman hat sich das nur noch einmal verfestigt. Sie bleibt für mich eine Meisterin der komplexen Beziehungsgeschichten, in denen sich Licht und Schatten humorvoll auf Augenhöhe begegnen.
Klappentext und Titel lassen vielleicht vermuten, dass es zentral um romantische Beziehungen geht. Doch vielmehr ist „Breakup Season“ eine Geschichte über Freund*innenschaften. White begleitet die drei Paare über einen längeren Zeitraum und erzählt vorrangig aus Perspektive der Frauen. Während die eine unterzugehen droht in der Belastung als Dreifachmutter und der Befürchtung, dass ihr Mann sie betrügt, leidet die andere unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Die dritte im Bunde hat als Frau eines berühmten Schauspielers mit dem eigenen sowie fremden Druck auf ihren Körper zu kämpfen (TW im Vorwort beachten!).
Der Roman geht richtig heftig unter die Haut und ist gleichzeitig so leichtfüßig. Die Autorin hat ein beispielloses Talent dafür, emotionalen Tiefgang mit einer wundervollen Situationskomik zu vereinen. Ich musste an etlichen Stellen lachen, konnte trotz wiederholter Lesepausen immer wieder gut in die Geschichte einsteigen und habe natürlich doll geweint am Ende - nichts anderes habe ich erwartet.
Und wieder einmal ist die Darstellung der verschiedenen Freund*innenschaften so authentisch wie nur möglich. Es gab etliche Situationen, in denen andere Werke zu platten Kommunikationsabbrüchen gegriffen hätten, White jedoch ihren Figuren und Leser*innen zutraute, auch mit Konflikten erwachsen umgehen und Spannung aushalten zu können. Sie schafft es wie kaum eine andere, das Hell und Dunkel in Beziehungen in glaubhaften Einklang zu bringen. Außerdem verhandelt sie Trauer in platonischen Beziehungen, was als Thema noch viel zu stigmatisiert ist. Dafür und für die Repräsentation alternativer Familienmodelle liebe ich sie wohl am meisten.
Ich hatte während der Lektüre mental eigentlich wenig Raum für das Buch und hing doch immer wieder an den Seiten. Meiner Meinung nach eignet es sich sowohl für eine durchgängige als auch für eine von Pausen unterbrochene Lektüre hervorragend. Sophie White bleibt eine der Autorinnen, zu denen ich immer wieder greifen würde, weil sie mich mit ihrer Sensibilität und dem Tiefgang ihrer Geschichten zuverlässig emotional erreicht. Eine Empfehlung von Herzen, die ich mit meinem liebsten Zitat beenden will: „Wir müssen uns bei jeder Gelegenheit sagen, dass wir uns lieb haben. Freunde können sich das nicht oft genug sagen.“





Die zweitgrößte Liebe
von Ruth-Maria Thomas
Ich habe „Die schönste Version“ von Ruth-Maria Thomas geliebt und hatte entsprechende Erwartungen an ihren zweiten Roman. Doch auch, wenn ich die Geschichte inhaltlich mit ihrer Gesellschaftskritik wirklich ausgereift fand, ist sie doch nur die zweitgrößte Liebe geworden. ;)
Thomas gelingt es auch hier wieder, ihren markanten Ton beizubehalten. Sie schreibt rau und nüchtern, wechselt zwischen direkter und indirekter Rede. Das erhöht den Anspruch der Geschichte und ich mag den Wiedererkennungswert sehr, obwohl ich in diesem Roman mehr damit zu kämpfen hatte.
Inhaltlich habe ich absolut nichts zu meckern. Das Aufeinanderprallen der verschiedenen Klassen von Michelle und Henry ist glaubwürdig-schmerzhaft geschrieben und fein beobachtet. Henrys Klassismus zeigt sich so subtil, dass aufmerksames Lesen angeraten ist - und das, obwohl er grundsätzlich eine freundliche, reflektierte Figur ist. Über Michelle wiederum wird eindrücklich abgebildet, wie finanzielle Not das komplette Leben bestimmt und wie sich das Erbe eines Aufwachsens in Armut fortsetzt. Besonders reizvoll fand ich die späteren Passagen, in denen Michelle einen Klassenaufstieg durchlebt und mit ihrem eigenen veränderten Verhalten konfrontiert ist.
Bei all den positiven Aspekten gibt es allerdings einen großen Punkt, der verhindert hat, dass dieses Buch zu einem erneuten Highlight wird. Emotional war ich überwiegend sehr distanziert. Obwohl beide Hauptfiguren greifbar geschrieben sind und wir viele Einblicke in ihr Innerstes bekommen, habe ich mich auf Gefühlsebene eher ausgeschlossen gefühlt. Das betrifft vor allem die Beziehung der beiden. Trotz aller Hürden wurde sie zwar als liebevoll und intensiv beschrieben, das habe ich aber nicht fühlen können. Die Chemie der beiden hat sich mir einfach nicht wirklich gezeigt.
Vielleicht liegt es auch am Thema, dass ich dem Debüt näher war als diesem Werk jetzt. Die Autorin bleibt für mich eine hochtalentierte literarische Stimme, die ich weiterverfolgen werde. Ihr Feingefühl, mit dem sie gesellschaftliche Themen zwischen ihren Figuren auf komplexe Art verhandelt, ist beeindruckend. Und auch, wenn ich mich hier beim Lesen mehr anstrengen musste, sind die 300 Seiten doch erstaunlich schnell verflogen und ich empfehle das Werk sehr.





I am cringe, but I am free
von Verena Bogner
Ich hatte echt einige Erwartungen an diesen Roman, weil ich eine so deutliche Empfehlung bekommen habe. Und Verena Bogner hat mit ihrem literarischen Debüt jede einzelne erfüllt, wenn nicht gar übertroffen! Dieses Buch gehört definitiv zu meinen Jahreshighlights.
Die Ich-Erzählerin bleibt namenlos und mir gefällt der Gedanke, dass die Autorin hier irgendwie selbst erzählt. Es bleibt zwar ein fiktionales Werk, aber es wirkt auf jeden Fall sehr authentisch und echt.
Die Schreibweise ist super flüssig, ich war von Anfang bis Ende ganz nah bei der Protagonistin und habe einfach viel zu viel selbst fühlen können. Die spezielle Atmosphäre der 00er-Jahre wird gut in Szene gesetzt, auch wenn sie für mich sogar noch intensiver hätte sein können. Doch beim Lesen hatte ich an etlichen Stellen das benannte Magazin selbst in der Hand oder den erwähnten Song im Ohr.
Und auch das Kernthema, also der Cringe und die Scham rund um das eigene Selbst, hat mich im positivsten Sinne getroffen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich irgendjemensch nicht irgendwo von dieser Geschichte angesprochen fühlt. Ob es die Scham für die eigenen langweilig scheinenden Interessen, den Körper oder das eigene Wissen ist - ich habe heftigst mitgefühlt.
Am wundervollsten ist jedoch der Fokus dieser Geschichte. Der liegt ganz klar auf den platonischen Beziehungen unseres Lebens, wodurch der Roman ein Appell für die Priorisierung ebendieser Beziehungen ist. Ich liebe es, wie bedingungslos die Freund*innenschaften der Protagonistin sind und ich habe mich mehrfach dankbar dabei ertappt, dass ich mittlerweile auch so tolle Menschen in meinem Leben haben darf. Menschen, die mich mit allem nehmen, wie ich bin und die sich von meinen Ängsten nicht vertreiben lassen.
Dieses Werk ist eine unglaubliche Wohltat. Es ist so nahbar und glaubhaft geschrieben, dass ich mich an so vielen Stellen einfühlen konnte. Dabei setzt es auf einen tollen selbstironischen Ton, der die Lesefreude nur noch einmal gesteigert hat. Die Geschichte ist liebevoll, wertschätzend und eine der klarsten Empfehlungen von mir in diesem Jahr.





Yesteryear
von Caro Claire Burke
Dieses Werk ist 2026 wohl an den wenigsten Lesemäusen vorbeigegangen. Fand ich, dass es ein bahnbrechend feministisches Werk ist? Nein. Wurde ich grandios unterhalten und habe die Seiten nur so verschlungen? Auf jeden Fall.
Inhaltlich muss ich sicherlich nicht viele Worte verlieren. Eine absolut unsympathische Protagonistin sieht sich der Welt ausgesetzt, die sie als Tradwife-Influencerin scheinbar herbeigerufen hat. Auf wechselnden Zeitebenen erfahren wir einerseits von ihrer Radikalisierung und bekommen andererseits die Härte einer antifeministischen Welt im 19. Jahrhundert zu spüren.
Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn haben eine wirklich makellose Übersetzungsleistung erbracht. Besser hätte der schwarze und hochgradig bissige Humor dieses satirischen Werks gar nicht abgebildet werden können. Helen ist als Hauptfigur von Anfang an darauf angelegt, dass wir sie schrecklich finden. Ich fand das großartig, verstehe an der Stelle aber auch die Kritik, dass im weiteren Verlauf einfach kein Mitgefühl empfunden werden kann, wo es vielleicht von der Autorin beabsichtigt war. Nichtsdestotrotz ist „Yesteryear“ in der Reihe von Bücher mit fast ausschließlich furchtbaren Figuren für mich eines der besten.
Caro Claire Burke bindet viele Themen in ihr Buch ein und hat mich damit eingesaugt. Die Aspekte von Fundamentalismus, Nationalismus, Verschwörungserzählungen und Manosphere sind beklemmend realistisch dargestellt, ohne dass ich sie als übersteigert moralisierend empfunden habe. Helen ist trotz all meiner Antipathie eine rundum reizvolle Figur, die sich selbst eigentlich am besten täuschen kann, während ihr Mann Caleb himmelschreiend einfältig ist. Sicherlich sind beide dabei überspitzt gezeichnet, aber von Satire erwarte ich das auch.
Ich persönlich kam mit der Erzählstruktur gut zurecht und hatte eigentlich nie Probleme mit den inhaltlichen Längen, weil Burke einfach hochspannend schreiben kann. Gleichzeitig finde ich nicht, dass der Roman die feministische Schlagkraft besitzt, die die Grundidee hätte haben können. Einige Elemente wie das Benutzen von Kindern für den eigenen Social-Media-Auftritt oder die Dynamiken eines rechten Backlash fand ich pointiert herausgearbeitet. Der zugrundeliegende Ansatz von „Pass auf, was du dir wünschst“ verliert durch den Plottwist und das fiebrige Tempo am Ende aber etwas an Aussagekraft.
Meinen Kritikpunkten zum Trotz bewerte ich sehr gut, weil ich mich bis zum Schluss wunderbar unterhalten gefühlt habe. Vielleicht hilft es auch, den Roman als eine spannende Dystopie zu sehen, denn dann ist die Geschichte ein reizvoller Fiebertraum mit einigen gesellschaftskritischen Anklängen und ich freue mich jetzt schon auf die Verfilmung.
4,5 Sterne





Homebody
von Theo Parish
Ich habe lange nicht mehr eine äußerlich wie inhaltlich dermaßen schöne Graphic Novel in den Händen gehalten. Theo Parish hat hier eine Own-Voices-Geschichte verfasst, die ich mit einem ganz warmen Gefühl in der Brust gelesen habe. <3
Die Gestaltung ist einfach fantastisch. Die reduzierte Farbpalette lenkt nicht ab, sondern unterstreicht den wichtigen Inhalt einmal mehr. Alle Figuren sind liebevoll gezeichnet, jegliche Mimik wird greifbar transportiert - alles in diesem Werk sprüht einfach vor Authentizität und Zärtlichkeit. Ich habe jede einzelne Seite geliebt.
Theo wünscht sich in der Danksagung, dass sich das Buch anfühlt „wie eine Umarmung in unsicheren Zeiten“ und das Ziel ist mal absolut übererfüllt. Es ist ein Werk voller queer und trans joy, voller Mut und Inspiration sowie Liebe auf jeder Seite. Liebe zu sich selbst, zum eigenen authentischen Ich, aber eben auch zwischen Menschen. Ein Safer Space wie er - pun intended - im Buche steht. Und zwar für absolut alle unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität.









