Kundenrezensionen
Maxie Bantleon aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck
empfiehlt:
Die Fletchers von Long Island
von Taffy Brodesser-Akner
Die Fletchers haben es mir nicht ganz leicht gemacht, mich mit ihnen anzufreunden.
Sie sind nicht einfach nur reich, sondern extrem reich, absurd reich, entführungswürdig reich. So geschieht es, dass Carl Fletcher, Vater zweier Söhne und einer zu dem Zeitpunkt noch ungeborenen Tochter, entführt und tagelang gefangen gehalten wird; eine Woche lang leben seine Frau Ruth und seine Mutter Phyllis in der Ungewissheit, ob sie ihn jemals lebend wiedersehen werden, zumal auch die Übergabe von 250.000 Dollar Lösegeld absolut katastrophal verläuft.
Der Einstieg in die Story ist bei aller Dramatik äußerst grotesk, auch weil man in der Nachbarschaft zuerst munkelt, Carl sei abgehauen, um ein neues Leben anzufangen, weit weg von dem riesigen Anwesen in Middle Rock, wo er nicht unter der Fuchtel seiner schrecklichen Mutter und seiner pingeligen Ehefrau stehen würde. Und dann die hässlichen Gedanken der Nachbarn, die sich nicht etwa fragen: Wo steckt Carl? Sind auch wir in Gefahr? „Sondern: Warum nicht wir? Warum sind WIR nicht reich genug, um entführt zu werden?“
Der Schock über diese Entführung sitzt bei allen Familienmitgliedern tief und prägt ihr ganzes weiteres Leben – es gibt einen Zeitsprung, im weiteren Verlauf der Geschichte erfahren wir, wie es allen Fletchers vierzig Jahre später so geht.
Ich muss ganz ehrlich sagen, der Teil, in dem es um Beamer geht, das mittlere Kind, das damals erst vier Jahre war, hat mich irgendwie überfordert. Seine Drogen- und Sexexzesse waren mir teilweise echt zu heftig und haben es mir schwer gemacht, ihn zu mögen, aber je mehr man über ihn und sein Trauma erfährt, desto eher kann man ihn doch ein kleines bisschen ins Herz schließen.
Insgesamt sind die Fletchers keine wirklich sympathische Familie, aber wahrscheinlich liegt es genau daran, dass ihre Geschichte so lesenswert ist. Sie alle sind so privilegiert wie neurotisch, ihr Leben wird beherrscht von Carls Schweigen, Phyllis‘ Perfektionismus und Ruths ständig unter der Oberfläche brodelndem Zorn.
Das Familien-Mantra – einst von Phyllis gebetsmühlenartig Carl gegenüber wiederholt: „Es ist nur deinem Körper passiert, nicht dir.“ – gilt seit Jahrzehnten für alle, doch dann geschieht etwas, dass alle alten Wunden aufbrechen und die Fletchers darüber nachdenken lässt, ab wann eigentlich alles so schrecklich schief gegangen ist.
Taffy Brodesser-Akner erzählt diese Geschichte mit einem Sprachwitz, der gleichzeitig schneidend scharf und liebevoll ist. Ihre Figuren machen mehr falsch als richtig, bis sie am Schluss die Erkenntnis trifft, „… dass wir den Gezeitentümpel, in den wir hineingeboren werden, nur bewältigen können, wenn uns jemand das Schwimmen beibringt. Oder einfacher ausgedrückt, um ein normaler Mensch zu werden, muss man wenigstens normale Menschen sehen.“
Genau das ist das Problem – normal ist bei den Fletchers wirklich niemand, und genau deswegen sind sie mir doch alle ans Herz gewachsen.
Ein Familienroman mit Tempo und Tiefgang und jeder Menge Ironie – lesenswert!
pageturner
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Die Fletchers von Long Island
von Taffy Brodesser-Akner
1980 wird Carl Fletcher vor seinem Haus auf Long Island entführt. Die Familie zahlt das Lösegeld, Carl kehrt unversehrt zurück – aber das bedeutet nicht, dass sie als Familie unversehrt bleiben. Stattdessen wird einfach so getan, als wäre nichts passiert. Ein Satz, der immer wieder im Buch fällt, lautet: „Das ist nur deinem Körper passiert. Es ist nicht dir passiert.“ Und genau das beschreibt treffend, wie die Familie mit dem Trauma umgeht. 40 Jahre später wird jedoch deutlich, dass die Entführung tiefgreifende Spuren hinterlassen hat – nicht nur bei Carl, sondern bei allen Fletchers.
In "Die Fletchers von Long Island" (Ü: Sophie Zeitz) nimmt uns Taffy Brodesser-Akner mit in das Leben dieser Familie. Der Fokus liegt auf Carls drei Kindern – Beamer, Nathan und Jenny – die längst erwachsen sind, aber deren Leben alles andere als stabil verläuft. Beamer, ein gescheiterter Drehbuchautor, der ständig die Entführung seines Vaters in seine Geschichten einfließen lässt. Nathan, ein übervorsichtiger Anwalt, der sich mit einer Flut von Versicherungen gegen alles absichern will. Und Jennifer, einst als Wunderkind gefeiert, die als Erwachsene völlig ziellos durchs Leben driftet.
Brodesser-Akner hat einen herrlich bissigen Schreibstil, der oft tragikomisch ist und mit schwarzem Humor glänzt. Besonders gut gefallen hat mir, wie sie die drei Kinder in all ihrer Exzentrik und mit ihren Eigenheiten detailliert darstellt. Beamer, Nathan und Jennifer sind nicht unbedingt sympathisch, aber das war auch nicht beabsichtigt. Sie sind komplexe, teils stark überzeichnete Charaktere, die einen tiefen Einblick in die Auswirkungen von Reichtum und Trauma geben.
Der Roman ist eine tiefgründige, humorvolle Geschichte über Familie, den „Fluch“ des Wohlstands und die Konsequenzen, die extrem privilegiertes Aufwachsen hinterlassen kann. Es geht um soziale Ungleichheit, Aufwachsen im Reichtum und die Frage, warum Geld oft keine Lösung für die wirklichen Probleme ist.
Mit fast 600 Seiten ist es ein Wälzer, der stellenweise langatmig ist. Hier hätte ich mir ein paar Kürzungen gewünscht, besonders bei Beamers Drogenexzessen.
PMelittaM
empfiehlt:





Die Fletchers von Long Island
von Taffy Brodesser-Akner
1980 wird Carl Fletcher vor seinem Haus entführt, er kommt zwar, gegen eine Lösegeldzahlung, nach einigen Tagen wieder frei, doch die Entführung wirkt sich sein ganzes Leben lang auf ihn und seine Familie aus. Etwa 40 Jahre später trifft man die Fletchers wieder und erfährt, wie es ihnen nun geht.
Es geht ihnen nicht gut, so viel kann ich schon sagen. Ich finde die Erzählweise interessant, zunächst erfährt man nacheinander das Leben der drei Kinder, später auch das der Ehefrau, und schließlich sogar mehr über Carls Empfinden. So kommt man jedem dieser Familienmitglieder nahe, kann ihr Wesen nachvollziehen. Was man da liest, ist nicht immer schön, teilweise sehr heftig. Die Autorin nimmt da auch kein Blatt vor den Mund, weder bezüglich der Ereignisse noch der Worte, die sie benutzt.
Zunächst noch ein Wort zur Familie Fletcher: Großvater Zelig ist seinerzeit vor den Nationalsozialisten in die USA geflüchtet und hat dort ein Unternehmen aufgebaut, das die Familie sehr reich machte. Ein bisschen nimmt der Roman auch das jüdische-amerikanische Leben auf die Schippe, zum Beispiel, wenn sich alle Frauen die selbe Nase machen lassen. Überhaupt scheint immer wieder, vor allem schwarzer, Humor auf, so dass der Roman bei aller Tragik auch unterhaltsam ist.
Vieles, was der Familie geschieht, scheint mehr oder weniger überzogen, vieles sah ich auch so nicht kommen. Die Familienmitglieder und auch einige Bekannte wirken ebenfalls teilweise überzogen, so dass man eben nicht alles ganz ernst nehmen kann, womöglich hätte man sonst mehr mitleiden müssen, so ergab sich, zumindest für mich, eine gewisse Distanz.
Zunächst begegnet man Bernard, Beamer genannt, dem mittleren Kind, dem jüngeren Sohn, der, zunächst zusammen mit einem Freund Drehbücher schreibt, eine Nichtjüdin geheiratet hat, die zudem noch deutschstämmig ist. Beamers Geschichte empfand ich persönlich als am heftigsten. Nathan, der Älteste, hat viele Phobien und tut sich in seinem Job als Anwalt schwer. Jennifer war zur Zeit der Entführung ihres Vaters noch nicht geboren, sie ist sehr intelligent, weiß dies aber nicht zu nutzen und scheint mit ihrem Leben überfordert. Und dann ereilt die Familie auch noch eine Katastrophe.
Die Erzählerin durchbricht hin und wieder die vierte Wand, stellt den Leser:innen schon mal eine Frage, und lässt durchblicken, sie würde die Geschichte der Fletchers aus erster Hand kennen, vor allem gegen Ende wertet sie auch. Das bringt einen zusätzlich zum Nachdenken.
Ich denke, der Roman wird polarisieren, nicht jedem gefallen. Ich mag ihn, und habe Lust bekommen, mehr von der Autorin zu lesen. Ich mag aber auch Familiengeschichten, die es in sich haben, diese hat es auf jeden Fall, und Romane, die auf gewisse Weise herausfordernd sind. Auch wenn ich eine gewisse Distanz zur Familie entwickelt hatte, erzeugte ihr Schicksal bei mir doch Emotionen. Wahrscheinlich werde ich noch öfter an die Fletchers zurückdenken, und froh sein, keine von ihnen zu sein.
Lies_ein_Buch
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Die Fletchers von Long Island
von Taffy Brodesser-Akner
Den Einstieg in die Geschichte rund um Carls Entführung und die Familienverhältnisse fand ich ein bisschen undurchsichtig. Generell bin ich aus Carl und seinem Zustand nicht so wirklich schlau geworden. Oder ich hab es in dem Wust aus Verstrickungen und Konsequenzen überlesen. Ich hab bestimmt gute 150 Seiten gebraucht, um so richtig in der Geschichte anzukommen.
Als es dann um die Kinder der Flechters, ihre Werdegänge und Leben, die sie glorreich, jeder für sich, an die Wand fahren, ging, war ich dann aber doch angefixt. Vor allem Beamer- süchtig, wahnhaft, manisch- da war ich richtig gefesselt und tief drin in der Story. Ich mag diese Art auf Abwege geratene Existenzen, denen die Welt offen stand, die aber trotz allem nicht genug ist und niemals genug sein wird.
Generell hatte dieses Buch Eoin Buch Seiten zu viel für mein Empfinden und schafft den passenden Absprung nicht. Zum Schluss hats mich ähnlich wie schon zu Anfang, einfach nicht halten können. Ich glaube allein der Mittelteil wäre für mich ein absolut grandioses Buch gewesen, diese fast schon unwirkliche Charakterstudio verkrachter Seelen. Ich seh natürlich ein, dass diese Geschichte einen Rahmen brauchte, aber der hats mir echt schwer gemacht und für mich das Buch künstlich in die Länge gezogen.
Ansonsten hat das Buch einen durchaus hohen Unterhaltungswert mit angenehmer Tiefe. Die Geschichte ist facettenreich erzählt und hat mir unterm Strich gut gefallen.
Micki
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Die Fletchers von Long Island
von Taffy Brodesser-Akner
In Die Fletchers von Long Island entführt uns der Autor in die wohlhabende Welt von Long Island in den 1980er Jahren, wo der Alltag der Familie Fletcher durch das dramatische Ereignis der Entführung von Carl Fletcher auf den Kopf gestellt wird. Nach der Zahlung eines hohen Lösegeldes kehrt Carl zwar zurück, doch die Schatten dieser Erfahrung ziehen sich durch die Jahrzehnte und beeinflussen die Dynamik der Familie auf unerwartete Weise. Vierzig Jahre später, bei einem Familientreffen, wird deutlich, wie tief die Narben der Vergangenheit sitzen und wie sie sowohl verstörende als auch amüsante Auswirkungen auf das Leben der Fletchers haben.
Der Humor des Buches ist ein herausragendes Merkmal. Der Autor schafft es, selbst in den schockierendsten Momenten eine Leichtigkeit und Witzigkeit zu bewahren, die das Lesen zu einem kurzweiligen Vergnügen machen. Die Dialoge sind spritzig und oft voller Ironie, was die Charaktere lebendig und greifbar erscheinen lässt. Die Mischung aus Tragik und Komik wird meisterhaft balanciert, sodass der Leser immer wieder zum Schmunzeln gebracht wird, selbst wenn die Themen schwerwiegender sind.
Trotz der vielen Stärken hat das Buch auch seine Längen. Einige Passagen ziehen sich in die Länge und könnten straffer gefasst werden, was den Lesefluss gelegentlich hemmt. Dennoch gelingt es dem Autor, die Leser durch seine sprachliche Virtuosität und feine Beobachtungsgabe zu fesseln. Die detaillierten Beschreibungen der Charaktere und ihrer Beziehungen machen die Geschichte reichhaltig und einfühlsam.
Insgesamt ist der Roman wirklich eine große jüdisch-amerikanische Familiengeschichte, die sowohl schockierende Einblicke in die Auswirkungen von Trauma als auch humorvolle Momente bietet. Es ist ein Buch, das sich wie ein Klassiker anfühlt und sowohl zum Nachdenken anregt als auch zum Lachen bringt. Trotz kleinerer Schwächen ist es eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die an komplexen Familiengeschichten interessiert sind.
begine
empfiehlt:





Die Fletchers von Long Island
von Taffy Brodesser-Akner
Taffy Brodesser-Akner ist die Autorin des Romans, Die Fletschers von Long Island
Es ist ihr zweiter Roman.
Es beginnt mit der Entführung des Karl Fletscher. Er ist der Chef der Fletscher Werke.
Nach fünf Tagen wird er nach Zahlung von Lösegeld freigelassen.
Seine Mutter gibt ihm den Rat, das ist nur deinem Körper passiert nicht die.
Wichtiger wäre gewesen, er hätte einen Psychologen aufgesucht. Auch die beiden Söhne hätten schon Hilfe gebraucht. So wird sogar die ungeborene Tochter belastet.
Der Roman wird von verschiedenen Personen aus deren Sicht erzählt.
Ich lese eigentlich gerne Familiengeschichten, aber diese Familie ist einfach zu reich.
Mich konnte der Roman nicht richtig erreichen. Da gab es es im Mittelteil ein paar Längen.
Es gab für mich keine Person, die mir wichtig war.
Das Ende, in dem der Entführer erwähnt wird, konnte ich nicht glauben.
Leider war ich enttäuscht.
Taffy Brodesser-Akner ist die Autorin des Romans, Die Fletschers von Long Island
Es ist ihr zweiter Roman.
Es beginnt mit der Entführung des Karl Fletscher. Er ist der Chef der Fletscher Werke.
Nach fünf Tagen wird er nach Zahlung von Lösegeld freigelassen.
Seine Mutter gibt ihm den Rat, das ist nur deinem Körper passiert nicht die.
Wichtiger wäre gewesen, er hätte einen Psychologen aufgesucht. Auch die beiden Söhne hätten schon Hilfe gebraucht. So wird sogar die ungeborene Tochter belastet.
Der Roman wird von verschiedenen Personen aus deren Sicht erzählt.
Ich lese eigentlich gerne Familiengeschichten, aber diese Familie ist einfach zu reich.
Mich konnte der Roman nicht richtig erreichen. Da gab es es im Mittelteil ein paar Längen.
Es gab für mich keine Person, die mir wichtig war.
Das Ende, in dem der Entführer erwähnt wird, konnte ich nicht glauben.
Leider war ich enttäuscht.
Sago
empfiehlt:





Die Fletchers von Long Island
von Taffy Brodesser-Akner
"Sie waren sprachlos, sagten sie immer wieder, sprachlos!
Bei aller Sprachlosigkeit konnten sie nicht aufhören, darüber zu reden."
Das Ereignis, das 1980 in Long Island die Gemüter derartig erregt, ist die Entführung des jüdischen Fabrikanten Carl Fletcher. Eine Woche später wird er gegen Zahlung eines hohen Lösegeldes wieder freigelassen. Schnell verurteilt man Täter und die vermögenden Fletchers versuchen, zur Tagesordnung überzugehen. "Das ist nur deinem Körper passiert", ist die Parole von Carls Mutter.
Doch schon bald zeigt sich, dass nichts ist wie zuvor. Nicht nur bei Carl, sondern bei allen Familienmitgliedern hat die Entführung tiefe Spuren hinterlassen. Es scheint, als seien alle Fletchers in Geiselhaft genommen worden und steckten noch immer unter dem Jutesack, der Carl über den Kopf gestülpt worden war.
Mit nahezu chirurgischer Präzision seziert die Autorin die Abgründe ihrer Protagonisten und gibt jedem eine unverwechselbare Stimme. Da sind der beinahe fiebrige, drogeninduzierte Bewusstseinstrom von Carls jüngeren Sohn Beamer, die angstgetriebenen Gedanken seines älteren Bruders Nathans, der sich in Logik und Recht flüchtet, während die Erzählung mit der Perspektive der Tochter Jenny und deren Depression fast auf der Stelle zur treten scheint.
Und mittendrin immer wieder Sätze von kristalliner Klarheit, die die Lesenden durch ihre Zitierfähigkeit von den Seiten geradezu anzuspringen scheinen, gewürzt mit einem so überwältigend scharfsinnigen Humor, dass er aus Zähnen und Klauen zu bestehen scheint.
Die erste Generation baut das Haus, die zweite wohnt darin und die dritte brennt es nieder. Getreu diesem Motto erleben wir hautnah die Familiengeheimnisse der Fletchers. Hier von einem Lesesog zu sprechen, hieße zu untertreiben. Geraten bin ich vielmehr in einen Leserausch. Kein Wunder, dass der Roman schon jetzt als moderner Klassiker gehandelt wird!
nil_liest
empfiehlt:





Die Fletchers von Long Island
von Taffy Brodesser-Akner
Ein Roman, der es in sich hat. Wer leicht besaitet ist, lieber liegen lassen. Hier wird im wahrsten Sinne des Wortes keiner mit Samthandschuhen angefasst.
“Unsere Großmütter hatten uns oft gesagt, egal, wie glühend wir andere beneideten, würden wir alle das Bündel unserer Sorgen auf einen Haufen werfen, und jeder dürfte sich ein beliebiges Bündel aussuchen, dann würden wir am Ende doch zu unserem eigenen Sorgenbündel greifen, garantiert. Wir waren uns nie sicher, ob unsere Großmütter recht hatten” (S. 22)
Wir lernen eine reiche Familie kennen, die in einem wohlsituierten Ort auf Long Island leben. Reich, überheblich, jüdisch und alle mit Dachschaden. Und diesen Dachschäden geht das Buch nach. Der Auslöser allen Übels ist eine Entführung des Vaters, Carl, im Jahr 1980. Prägt alle, keiner spricht drüber.
Ein Sprung in die Gegenwart. Nach und nach lernen wir alle drei Kinder kennen und was sie umtreibt, wie sie ticken und was ihre dunkelsten Geheimnisse sind. Da ist der große Bruder Nathan, sehr ängstlich, immer auf der Hut, dass etwas passieren könnte. Arbeitet in einer großen Kanzlei in Manhattan, aber ist eigentlich menschenscheu. Dann der aufmüpfige mittlere Bruder, der nur Beamer genannt wird. Sunnyboy, Drehbuchschreiber in Hollywood, mittlerweile weit weg von seiner Mischpocke und versucht sich selbst auf irritierende Weise zu kontrollieren…lest selbst. Und dann die jüngste im Bunde, die schlaue Jenny. Sie geht an die Uni, kommt aus dem Studieren nicht raus, weil sie nicht so recht weiß wohin mit sich und wird am Ende noch Gewerkschaftsvertreterin. Beziehungsunfähig und trotz hohem IQ nicht in der Lage ihre eigenen Traumata zu bearbeiten.
Alles beginnt mit Müttern und endet mit ihnen und so hat der „wrap up“ am Ende einen fulminanten Schlusspunkt. Filmreif und gelungen.
“Sie alle setzten den Umwelt-zerstörenden, Klima-verändernden, die-Wirtschaft-in-den-Abgrund-treibenden, Seelen-vernichtenden amerikanischen Lebensstil fort, zu dem sie von Anfang an erzogen worden waren.” (S. 407)
Insgesamt findet die Autorin Taffy Broadesser Akner eine leichte Sprache für ihre Kritik an der unbedarften Art der Reichen wie sie sich selbst ins Verderben treiben lassen und sich auch noch der Opferrolle bedienen. Sozial sehr kritisch und doch unheimlich unterhaltsam und witzig. Ich habe sehr oft laut gelacht bei diesem Roman.
Spannend fand ich auch die interessanten alltäglichen Elemente, die durch das Jüdische hinzukommen, wenn dort eine Bar Mizwa vorbereitet wird.
Nicht zu vergessen die sehr gute Übersetzungleistung von Sophie Zeitz!
In dem Sinne: „Aber was willst du machen? So sind die Reichen.” (S 44 und noch mal weiter hinten…)
nessabo
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Die Fletchers von Long Island
von Taffy Brodesser-Akner
Ich habe eine echte Vorliebe für Familiengeschichten, sie müssen aber (besonders bei einem gewissen Umfang) gut gemacht sein. So gern ich das von diesem Werk sagen würde, muss ich doch feststellen, dass es für mich zu wenig konsistent war in seiner Stärke.
Was mir gut gefallen hat, waren die verschiedenen Perspektive. Sowohl die drei mittlerweile erwachsenen Kinder des zu Beginn entführten Carls als auch seine Frau bekommen je einen Abschnitt, die immer etliche Jahre nach der Entführung spielen. Diese ist lediglich der Aufhänger der Geschichte, vielmehr spielen ihre Auswirkungen auf die indirekt Betroffenen eine Rolle. An sich ein interessanter Ansatz, doch das Buch war eindeutig zu langatmig und konnte zu selten an einer klaren Handlung festhalten.
Alle drei Kinder sind herausfordernde, ambivalente, moralisch mindestens dunkelgraue Figuren, die ich gern kennenlernen wollte. Aber 150 Seiten lang Beamer auf seinen Drogenexzessen zu begleiten oder Nathans extreme Angstzustände und Jennys innere Dissonanz auszuhalten, war mir deutlich zu viel. So hatte die Geschichte richtig gute Phasen, die aber nicht lang genug angehalten haben, um in einen guten Lesefluss zu kommen. So blieb es eher ein stetiges Auf und Ab.
Dabei gab es wirklich tolle Elemente, ich habe stellenweise herzlich gelacht (etwa beim Versuch Beamers, seiner Mutter die sehr nicht-jüdischen Namen seiner Frau und Kinder mitzuteilen) und fand es bemerkenswert, wie subtil Taffy Brodesser-Akner gesellschaftskritische Gedanken platziert. Racial Profiling und Klassenkritik wurden manchmal nur in einem Satz angedeutet und lösten gerade dadurch etwas viel Größeres in mir aus.
Vermisst habe ich insgesamt betrachtet auch den Humor. In anderen Besprechungen habe ich von viel schwarzem Humor gelesen, aber so richtig konnten meine Erwartungen hier nicht erfüllt werden. Phasenweise zwar geprägt von einer skurrilen Alltagskomik und ironischen Elementen, war es mir auf den deutlich über 500 Seiten dann doch zu wenig.
Es war für mich spannend, in das Leben einer jüdisch-amerikanischen Familie einzutauchen und fand auch das Trauma mit seinen vielschichtigen Konsequenzen für die Kinder eine spannende Ausgangslage. Mit einem Drittel weniger Länge wäre meine Bewertung wohl auch noch besser ausgefallen. So bleibe ich ein wenig unbefriedigt zurück und bereue die Lektüre zwar nicht, werde sie aber auch einfach nicht im Gedächtnis behalten.
LeserinLu
empfiehlt:





Die Fletchers von Long Island
von Taffy Brodesser-Akner
Die Fletchers von Long Island ist eine dieser Geschichten, die einen von der ersten Seite an packen – mit scharfem Humor, einer düsteren Grundstimmung und einer komplexen, über Jahrzehnte reichenden Familiengeschichte der jüdisch-amerikanischen Fletchers von Long Island.
Carl Fletchers Entführung 1980 ist das Ereignis, das seine Familie auf lange Sicht prägt . Vierzig Jahre später bricht all das rund um die Beerdigung von Carls Mutter wieder auf: Die Brüder Nathan und Beamer sind beide auf ihre Art abgestürzt und die Frage, was nach dem Tod der Familienmatriarchin geschieht, steht drohend im Raum.
Mich hat der Roman völlig in seinen Bann gezogen. Ich habe ihn atemlos gelesen, oft mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination – denn das Schicksal der Fletchers zu verfolgen, fühlt sich manchmal an wie das Beobachten eines Autounfalls in Zeitlupe: Man kann nicht nicht hinschauen, fühlt sich dabei aber voyeuristisch. Vor allem Beamers Absturz ist so unterhaltsam geschrieben, dass ich mich zwischendurch selbst hinterfragen musste: Darf ich das gerade wirklich so lustig finden? Der Humor ist bitterböse, aber genau deshalb so effektiv. Neben dem Humor hat mich auch die kluge Art beeindruckt, mit der der Roman über jüdische Identität und alltäglichen Antisemitismus schreibt. Besonders Nathans Begegnung mit seinem neuen Vorgesetzten, der ihm aus dem Nichts vorwirft, „mit dem Holocaust anzufangen“, hat mich wütend gemacht. Gleichzeitig gibt es Figuren wie Beamer, die auch dem mit bissigem Humor begegnen.
Im letzten Viertel verliert die Geschichte ein wenig an Tempo, aber das hat mich nicht so sehr gestört – es passt zur Art, wie sich die Konflikte in dieser Familie langsam, aber unausweichlich zuspitzen. Am Ende bleibt die Frage: Was haben die Traumata der Vergangenheit aus Familie Fletcher gemacht? Ein fesselnder, düster-witziger und brillant geschriebener Roman!
