Kundenrezensionen von PMelittaM





Die Mitternachtsreise
von Matt Haig
1974 sind Wilbur und Maggie auf Hochzeitsreise in Venedig und sicher, das ganze Leben zusammen glücklich zu sein. 52 Jahre später stirbt Wilbur, seine Ehe ist schon lange gescheitert. Nach seinem Tod wird er vom Mitternachtszug abgeholt, der ihn durch sein Leben fährt, an besonders prägenden Stellen kann er aussteigen, darf aber nur zusehen. Wilbur weiß schon lange, dass er Fehler gemacht hat, und während der Zugfahrt überlegt er, ob er nicht die Möglichkeit hat, sein Leben nachträglich zu ändern, indem er Kontakt mit seinem früheren Ich aufnimmt. Allerdings könnte ihn das die Ewigkeit kosten.
Mich hat schon die Idee der Geschichte berührt, auch, weil ich seit eineinhalb Jahren verwitwet bin, man denkt dann öfter und anders über den Tod nach. Während des Lesens habe ich mir die Frage gestellt, ob ich etwas in meinem Leben ändern wollen würde. Ich hoffe zwar, noch länger zu leben, aber eine Rückschau ist wahrscheinlich nie verkehrt.
Als Leser:in erlebt man Wilburs Leben mit, auch die Gedanken, die er sich nach seinem Tod darüber macht, erst jetzt erkennt er, was er hätte anders machen können, vielleicht sogar müssen, wo er anders mit Menschen hätte umgehen sollen, wie er sich selbst hätte glücklicher machen können. Wilburs Leben ist schon von Beginn an nicht leicht, er wurde 1945 geboren, sein Vater ist gegen Ende des Krieges noch gefallen, seine Mutter musste ihn und seinen älteren Bruder alleine großziehen, was für sie sehr schwer war. Schon das hat sein Leben geprägt, und macht manches verständlicher. Nach seinem Tod kann er als Betrachter manches zudem aus einer anderen Perspektive sehen als damals, als er mittendrin war. Man kann gut nachvollziehen, dass er versuchen möchte, Einfluss zu nehmen.
Wilbur und seine Geschichte berührt emotional. Vielleicht bedient sie das eine oder andere Klischee, aber Wilburs Leben ist wahrscheinlich eines von vielen, die so oder so ähnlich stattgefunden haben. Man muss den zeitlichen und sozialen Kontext mitberücksichtigen. Vielleicht könnte man eine solche Geschichte auch als kitschig empfinden, aber mein Kitschbarometer hat tatsächlich selten ausgeschlagen.
Matt Haigs Roman hat mich auf mehreren Ebenen angesprochen, auch auf einer persönlichen. Ich wurde emotional sehr berührt und habe über mein eigenes Leben nachgedacht. Ich empfehle den Roman sehr gerne jenen, die sich auf solch ein Gedankenexperiment einlassen können.





Wenn die Bienen schweigen
von Caryl Lewis
Der Roman erzählt von einer Welt, in der die letzte Biene gestorben ist. Das führt zu Lebensmittelknappheit und Unruhen, und letztlich zu einer diktatorischen Regierung. Mit elf Jahren werden die Kinder aus ihren Familien genommen, die Mädchen dazu verpflichtet, Bäume von Hand zu bestäuben, während Jungen zur Kampfausbildung geschickt werden.
Jess und ihr Bruder hatten das Glück, dass ihre Mutter alles daran setzte, sie länger bei sich zu behalten, außerdem haben sie durch die Nachbarin Ruth vom Davor erfahren. Ruth ist schon sehr alt und hat nach selbst erleben dürfen, was es nun nicht mehr gibt. So wird zu einem sehr prägenden Menschen in Jess‘ Leben. Letztlich mussten beide dennoch ihre Mutter verlassen.
Der Roman wird komplett aus Jess‘ Perspektive in Ich-Form erzählt. Ihre erste Zeit im Camp ist nicht einfach, doch nach und nach schließt sie Freundschaften. Von der Mutter zu eigenem Denken erzogen, erkennt sie schnell, was man ihr und den anderen Mädchen antut. Sie erkennt aber auch, dass sie nicht ganz hilflos ist.
Der Roman ist für ein Lesealter ab 14 Jahren gedacht, hat mich als Erwachsene aber auch sehr berührt. Die Autorin schreibt bildhaft und sehr atmosphärisch. Teilweise malt sie regelrecht Bilder zum Beispiel wenn sie Ruth Jess zu erklären lässt, wie Honig schmeckt.
Die Geschichte ist spannend, denn Jess‘ begibt sich mehrmals in Gefahr, da sie hofft, Dinge ändern zu können. Der Roman hat nur etwas über 300 Seiten, doch kann man sich die Welt, wie sie nun ist, gut vorstellen, auch wenn man größtenteils nur das Camp, in dem die Mädchen leben, kennen lernt. Für mich war das durchaus ausreichend, um mir mehr vorstellen zu können. Auch das Ende ist für mich so wie es ist sehr passend. Offenbar plant die Autorin aber, wie sie in einem englischsprachigen interview offenbarte, ein Sequel, ich könnte mir vorstellen, dann vielleicht eine andere Perspektive zu erfahren. Offiziell angekündigt ist aber noch nichts.
Jess ist für mich eine perfekte Protagonistin, schon wegen der besonderen Erziehung durch ihre Mutter und das Wissen, das Ruth an sie weitergibt. Neben ihr lernt man noch verschiedene andere Mädchen kennen. Eliot, einer der Wächter im Camp, zeigt, dass das Leben auch für den männlichen Nachwuchs nicht unbedingt einfach ist, und sich auch dort Widerstand bilden kann. Wie unschön das Leben im Camp ist, kann man gut sehen, für mich hätte es das mobbende Mädchen, das anderen, vor allem auch Jess, das Leben schwer macht, gar nicht gebraucht, auch nach Beendigung der Lektüre hat sich meine Meinung dahingehend nicht wesentlich geändert.
Dass es immer weniger Insekten gibt, kann jeder für sich selbst feststellen, und dass das gerade bezüglich der bestäubenden Insekten auch für uns Menschen dramatisch ist, sollte bekannt sein. Der Roman übertreibt da nicht, auch heute schon gibt es Gegenden auf der Erde, wo von Hand bestäubt werden muss. Wir sollten alles dafür tun, dass wir nicht eine solche Situation wie im Roman erleben müssen, der leider viel zu realistisch anmutet. Ich empfehle, unbedingt auch das Nachwort der Autorin zu lesen, das mich wie auch der Roman berührt hat.
Der Roman ist dystopisch, allerdings erzählt er von einer Welt, die schon sehr nahe sein könnte. Schon deswegen halte ich es für wichtig, dass er viele Leser:innen bekommt. Er ist zudem spannend und atmosphärisch erzählt, berührt emotional und wirkt nach. Von mir gibt es daher eine große Leseempfehlung nicht nur für Jugendliche sondern auch für Erwachsene.





Cursed for Good - Eine Prinzessin. Ein Pirat. Und ein verfluchter Buchladen.
von Amy Coombe
Tanadelle de Courcy, von Freunden Tandy genannt, ist die zweitgeborene Prinzessin des Königreiches Widdenmar. Als solche nimmt sie vorwiegend die Repräsentationsaufgaben ihrer Familie wahr. Als sie im kleinen Örtchen Little Pepperidge ihrer Pflicht nachkommt, nutzt sie die wenige freie Zeit, die sie hat, eine Buchhandlung aufzusuchen. Dort trifft sie ein Fluch, fortan kann sie die Buchhandlung nicht mehr verlassen und muss sich um diese kümmern. Das wäre auf Dauer vielleicht gar nicht so schlimm, würden ihr ihre Eltern nicht die Prinzen der umliegenden Königreiche schicken, damit diese Tandy per Kuss der wahren Liebe von dem Fluch befreien. Und dann ist da noch dieser ebenfalls verfluchte Pirat, der sich zu gerne in der Buchhandlung aufzuhalten scheint.
Die Geschichte ist genauso amüsant, wie sie klingt. Die Prinzen, die nach und nach auftauchen, sind alle recht eigen, und brachten mich zuverlässig zum Schmunzeln. Bash, den Piraten, und Sasha, eine jugendliche, oft schwermütige Drakonin, die im Laden aushilft, kann man sich schnell nicht mehr aus der Geschichte wegdenken.
Die Autorin lässt ihre Protagonistin selbst in Ich-Form erzählen, so erlebt man alles aus deren Augen, und erlebt hautnah mit, wie sie sich verändert, wie aus der Prinzessin, deren Leben genau getaktet und durch Traditionen bestimmt ist, eine Frau wird, die nun selbstständig sein und für sich selbst sorgen muss, und ihr neues Leben mehr und mehr mag. Nicht nur sie, auch ich als Leserin wusste irgendwann nicht mehr, ob sie sich überhaupt die Fluchbefreiung wünschen sollte. Das Ende des Romans hat gepasst, auch wenn es etwas vorhersehbar ist.
„Cursed for Good“ ist ein Cosy Fantasy-Roman, der mich unterhalten und amüsieren konnte. Nicht nur die Welt mit ihren verschiedenen Ländern und Bewohner:innen, sondern auch die Charaktere haben mir gut gefallen. Ich werde die Autorin auf jeden Fall im Auge behalten.





Der Fächer aus roter Seide
von Adrian Vogler
China im Herbst 669: Der Magistrat Liu-tschous ist überraschend gestorben, der designierte Nachfolger kann erst in 30 Tagen übernehmen, und so wird Richter Di geschickt, der solange die Vertretung übernehmen soll. Schon bald muss er in mehreren Kriminalfällen ermitteln.
Richter Di ist nicht nur eine historische Persönlichkeit, sondern war bereits der Protagonist einer Reihe Kriminalromane Robert van Guliks. Adrian Vogler erweckt ihn in Tradition Robert van Guliks erneut zum Leben schon van Gulik zog für seine Romane historische Fälle heran. Wie bei van Gulik begleiten ihn auch hier seine vier Gehilfen.
Da ich bereits vor vielen Jahren van Guliks Romane gelesen habe, war ich sehr gespannt auf seine „neuen“ Abenteuer aus Adrian Voglers Feder. Direkt mit dem ersten Satz hat mich der -Autor in den Roman hineingezogen, und auch direkt klargemacht, dass Atmosphäre für ihn wichtig ist. Di selbst zeigt schnell sein Können, wozu fraglos Geduld, Scharfsinn und eine gewisse Weisheit gehören. Seine Gehilfen sind durch ihre jeweils eigenen Fähigkeiten ebenfalls wichtig für die Ermittlungen.
Auch die weiteren Charaktere sind gelungen, und als Leser:in ist man schnell selbst am rätseln, was hinter den verschiedenen Fällen stecken könnte. Erzählt wird sehr atmosphärisch und bildhaft, das Kopfkino bekommt viel zu tun. Am Ende gibt es nicht nur die nachvollziehbaren Auflösungen, sondern auch die Gerichtsverhandlungen, in denen Di die jeweiligen Urteile fällt. Schließlich nimmt man mit Di und seinen Gehilfen Abschied von Liu-tschou, hoffend, alle bald wieder zu treffen.
Auch das Nachwort ist interessant, man sollte es auf keinen Fall auslassen.
Adrian Vogler konnte mich mit seinem Richter Di-Roman überzeugen, er wird atmosphärisch erzählt, die Charaktere überzeugen ebenso wie die Kriminalfälle. Ich konnte miträtseln, wurde gut unterhalten und habe nun nicht nur Lust darauf, van Guliks Romane noch einmal zu lesen, sondern hoffe auch auf weitere aus Adrian Voglers Feder. Wer gerne historische Kriminalromane liest und einen Ausflug ins historische China nicht scheut, sollte zugreifen.





Die Villa
von Markus Heitz
Doreen Markert hatte schon immer ein Auge auf die alte Villa im Leipziger Poetenweg geworfen, und als diese zwangsversteigert wird, kann sie sie für ein absolutes Schnäppchen erwerben. Zwar ist Marina, ihre Tochter im Teenageralter alles andere als erfreut, zudem behauptet der zwielichtige Rico Weißbach einen Erbanspruch zu haben, und ein Immobilienkonzern hat ebenfalls ein Auge auf die Villa geworfen, doch das kann Doreen nicht davon abhalten, in die Villa einzuziehen.
In London stirbt die Mutter Ethan Ryces unter unklaren Umständen, und der Musiker kann sich nicht damit zufrieden geben, nichts genaues zu wissen. Seine Recherchen führen ihn zu einer Gruppe, die sich auf Übernatürliches eingelassen zu haben scheint.
Ich bin Fan des Autors seit seinem ersten Zwergenband, jedoch konnte mich nicht jeder Roman gleich gut überzeugen. „Die Villa“ ist ein kürzerer Roman mit weniger als 350 Seiten, ein kompakt geschriebener Horrorroman, der meiner Meinung nach zu wenig Wert auf gut ausgearbeitete Charaktere legt. Doreen und Marina waren mir leider nicht sehr sympathisch, so dass ich mit ihnen nicht so mitfiebern konnte, wie ich mir das gewünscht hätte. Ethan dagegen mochte ich deutlich mehr, mit ihm konnte ich dann auch mitfühlen.
Der Roman kommt recht schnell zur Sache und hat einige gruselige Szenen zu bieten. Die Villa hat es wirklich in sich, ebenso wie Ethans Recherchen, da hätte es Charaktere wie Rico Weißbach gar nicht wirklich gebraucht. Am Ende sind nicht alle meine Fragen beantwortet, dennoch bin ich nicht unzufrieden. Der Roman war für mich ein Pageturner, der mich unterhalten konnte.
„Die Villa“ konnte zwar bei mir nur begrenzt mit seinen Charakteren punkten, als Horrorroman mit einer spannenden Geschichte aber schon. Für mich ist Markus Heitz eher ein Meister epischer Fantasy, aber auch hier fühlte ich mich gut unterhalten.





Digital vorsorgen
von Otto N. Bretzinger
Wer im Internet unterwegs ist, hat normalerweise verschiedene Accounts, egal ob man Apps, Clouds, Social Media, E-Mail-Programme, Onlineshops oder anderes benutzt, man benötigt in der Regel ein Konto, möglicherweise werden Gebühren abgebucht oder es gehen Erträge ein. Was passiert mit all diesen Konten und Werten, wenn man stirbt? All das gehört ebenfalls zum Nachlass.
Otto N. Bretzinger hat sich des Themas wie gewohnt umfassend angenommen. Man erfährt nicht nur ausführlich etwas über Rechte und Pflichten als Nutzer:in, sondern auch über Möglichkeiten seinen Erben Zugriff zu gewähren. Dabei ist auch wichtig, zu wissen, wer Erbe werden wird, und was alles ins Erbe fällt. Wie bei anderen Werten auch, kann man auch hier bereits vor dem Tod handeln und Testamente und Vorsorgevollmachten erstellen oder zumindest die benötigten Daten so sichern, dass die Erben Zugriff darauf erlangen können. Dazu liefert das Sachbuch auch Musterschreiben und Checklisten, die man bei Bedarf über einen Link herunterladen kann oder einfach als Vorlage nutzt.
Wie von Verlag und Autor gewohnt, erhält man auch hier ein Sachbuch, das das Thema umfassend aufgreift und eventuell benötigte Vorlagen liefert. Empfehlenswert!





Dinghai Fusheng Records. Buch 1
von Fei Tian Ye Xiang
China im dritten Jahrhundert nach Christus: Vor dreihundert Jahren, verschwand die komplette Magie aus China. Doch nun scheint es, dass zumindest das Böse, das sich vom Groll der Menschen ernährt, wieder in die Welt eindringen möchte. Chen Xing, ist nicht nur der letzte Exorzist, sondern steht auch unter besonderem göttlichen Schutz, der ihm Glück verleiht, und kann zudem eine sogenannte Herzenslampe wirken. Er macht sich auf die Suche nach seinem Schutzpatron, der ihn, während er selbst das Böse vertreibt, beschützen soll. Die Herzenslampe führt ihn zu Xiang Shu, der aber weder sein Schutzpatron sein, noch irgendetwas mit ihm zu tun haben möchte. Dennoch verstrickt sich das Schicksal der beiden, und sie müssen schon bald gegen gefährliche Gegner kämpfen.
Der Roman spielt vor dem realen historischen Hintergrund zur Zeit der Regierung Fu Jians, der auch eine wichtige handelnde Rolle in der Geschichte spielt, neben weiteren historischen Persönlichkeiten. So lernt man als Leser:in während des Lesens gleichzeitig viel über China und seine Geschichte, wozu auch die Fußnoten und die vielen Zusatzinformationen im Anhang beitragen. Die historischen Details fand ich persönlich sehr interessant, so dass sie meinen Lesefluss nicht gehemmt haben.
Die beiden Protagonisten mochte ich schnell, auch Xiang Shu, der nicht gerade der Freundlichste ist. Ich war gespannt, was man über seine Hintergrundgeschichte erfahren wird, mich hat auch fasziniert, wie kompromisslos und geschickt er kämpfen, aber auch, wie loyal er sein konnte. Seine Kampfkunst hat mich an Filme wie „Tiger and Dragon“ erinnert.
Manchmal war der Roman für mich nicht ganz leicht zu lesen, ich habe ein bisschen den Überblick über die eine oder andere Szene verloren, insgesamt aber der Handlung gut folgen können. Hin und wieder hatte ich das Gefühl, dass die Übersetzung nicht ganz rund ist, wenn zum Beispiel Chen Xiang etwas „schamlos“ sagt, für mich im Kontext aber eher „verschämt“ gepasst hätte. Oder wenn an einer bestimmten Stelle fünf Wörter stehen sollen, es dann aber sechs sind.
Die Geschichte ist spannend und nimmt gegen Ende immer phantastischere Züge an. Immer wieder einmal mischt sich auch Humor in die Erzählung, oft auch in Zusammenhang mit Chen Xings Glück. Es handelt sich um einen ersten Band, so dass die Geschichte zwar ohne großen Cliffhanger endet, aber eben auch noch nicht zu Ende erzählt ist. Die Danmei-Thematik ist bereits vorhanden, es gibt aber noch keine Liebesbeziehung.
Es gibt nicht nur eine Karte und vielfältiges zusätzliches Material im Anhang, man sollte unbedingt auch das Nachwort lesen, sondern auch mehrere im selben Stil wie das Cover gezeichnete Illustrationen im Roman, die die beiden Protagonisten in Romanszenen zeigen.
Ich kannte bisher weder den Autor noch Danmei, habe aber Lust auf mehr bekommen. Man muss sich vielleicht ein bisschen einlassen auf die Erzählweise und die Geschichte, aber es lohnt sich, ich freue mich auf die weiteren Bände.





Fulvia
von Jane Draycott
Fulvia ist eine zu Unrecht wenig bekannte beziehungsweise nahezu vergessene Frau aus dem antiken Rom. Sie war eine Zeitgenossin Gaius Julius Caesars, in dritter Ehe mit Marcus Antonius verheiratet und hatte nicht wenig Einfluss auf die Weltgeschichte, sie mischte sich ein, hatte eine eigene Meinung und Agenda und das war nicht allen Römern recht. Nicht nur Cicero verunglimpfte sie in seinen Schriften.
Mir ist Fulvia in letzter Zeit mehrmals zumindest namentlich in Romanen begegnet, und so habe ich sofort zugegriffen, als ich diese Biografie sah, in bin sehr froh, dass ich das tat, denn hier begegnete ich einer etwas anderen Fulvia als bisher, nämlich einer Frau, die ich mögen könnte, die ich vielleicht gerne kennengelernt hätte. Nicht jede ihrer Handlungen kann ich gutheißen, man muss sie aber immer im Kontext ihrer Zeit und ihrem Umfeld sehen.
Leider gibt es wenige schriftliche Zeugnisse über Fulvia, und viele davon sind, wie die Ciceros, wenig schmeichelhaft, aber Cicero war auch befangen, selbst ein Zeitgenosse Fulvias, und stand mit ihr nicht gerade auf gutem Fuß. Interessant in diesem Zusammenhang ist das Cover, das einen Ausschnitt aus einem Gemälde von Pawel Swedomski zeigt, in dem Fulvia mit triumphierendem Gesichtsausdruck Ciceros abgetrennten Kopf mit Haarnadeln traktiert, etwas, was ihr offenbar tatsächlich nachgesagt wurde.
Die Autorin hat daher auch Zeugnisse über andere Frauen herangezogen, die in einer ähnlichen Situation waren wie Fulvia, sie schreibt auch darüber, wie Frauen aus den gehobenen Kreisen generell im damaligen Rom lebten. Ich finde das nachvollziehbar, und so konnte ich mir auch ein allgemeines Bild des damaligen Lebens machen. Man erfährt natürlich auch den geschichtlichen Hintergrund, vor dem sich Fulvias Leben abspielte, in dem ihre Familie nicht nur ihren Platz hatte, sondern auch mitmischte. So waren zum Beispiel alle ihre Ehemänner Volkstribune. Jane Draycott macht nach Fulvias Tod nicht Halt, wir erfahren auch, wie es mit ihrer Familie, aber auch mit Rom, danach weiterging, sie spekuliert sogar ein bisschen, wie es hätte sein können, hätte Fulvia länger gelebt.
Es gibt einen umfangreichen Bonusteil, zunächst eine Vorbemerkung zu römischen Namen, die man nicht überblättern sollte, und einen Stammbaum, im Text finden sich unzählige Fußnoten, die die gute Recherche belegen, außerdem gibt es Karten, eine Zeittafel, ein Stichwortverzeichnis, Bilder, Quellen und eine Bibliographie.
Mir hat dieser Ausflug ins antike Rom und in Fulvias Leben sehr gut gefallen, mir wurde das Leben römischer Frauen der gehobenen Gesellschaft jener Zeit nahe gebracht, ich habe das eine oder andere dazugelernt und am Ende große Lust, noch ein bisschen im antiken Rom zu bleiben, so dass ich zeitnah andere Werke lesen möchte, die sich mit jener Zeit beschäftigen, egal ob Roman oder Sachbuch. Dieses Sachbuch jedenfalls kann ich unbedingt weiterempfehlen.





Yesteryear
von Caro Claire Burke
Natalie Heller Mills wächst in einer sehr christlich geprägten Umwelt auf, heiratet noch während des Studiums und wird schnell schwanger, so dass sie ihr Studium abbricht. Mit ihrem Ehemann Caleb kauft sie eine Farm in Idaho und bekommt weitere Kinder. Ihre Instagramposts, in denen sie ihr traditionelles, christliches Leben zeigt, locken zunehmend Follower an, so dass sie bald gut als Influencerin verdient.
Eines Tages wacht sie auf und findet sich offenbar im 19. Jahrhundert wieder.
Ich muss sagen, ich war sehr neugierig auf diesen Roman, und er hat mich tatsächlich sehr schnell gepackt. Erzählt wird in drei Abschnitten, betitelt mit „Gegenwart“, „Vergangenheit“ und „Zukunft“, wobei der mittlere, also Vergangenheit, den meisten Raum einnimmt. Zunächst erlebt man Natalie in ihrem Leben als auf Instragram postende Tradwife, und hier wird schon klar, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Dann folgt der Break, Natalie erwacht in einem Leben, das nicht das ihre sein kann, oder doch? Parallel dazu erfahren wir ihre Lebensgeschichte, ihre Kindheit, ihr Studium ihre Ehe, wie sie zur Influencerin wurde, und manches mehr. Im letzten Abschnitt gibt es dann das Danach.
Natalie ist von Anfang an unsympathisch, ich kann mir tatsächlich nicht vorstellen, dass jemand der Lesenden sie mögen könnte. Nach außen hin zeigt sie sich auf eine Weise, die nicht wirklich mit ihrem Innenleben zusammenpasst, sie spielt eine Rolle. Die Autorin lässt sie selbst in ich-Form erzählen, so dass man nicht nur ihr Handeln erfährt, sondern auch ihre Gedanken und Emotionen. Und da ist sie erschreckend, missgünstig, egoistisch, manipulierend, und, was ihre Wortwahl angeht, sehr obszön.
Ihr Umfeld, das wir natürlich subjektiv gefärbt erfahren, ist, man möchte fast sagen, auch nicht besser, wobei das natürlich nicht ganz stimmt. Es gibt aber eine ganze Reihe wichtiger Personen, die mich ähnlich abgestoßen haben. Das hat auch mit dem aktuellen Bezug zu tun, der vielleicht nicht immer offensichtlich, aber sehr passend ist.
Selten habe ich einen Roman gelesen, bei dem ich, wie hier, nicht wusste, ob ich lachen, weinen oder einfach nur abgestoßen sein soll. Und genau das hat mich wahrscheinlich auch gefesselt. Es ist wie eine Katastrophe, bei der man nicht hinsehen will, es aber dennoch tut, weil sie eine eigene, wenn auch ungute Faszination hat. Dieser Roman schrecklich aktuell und voll mit tiefschwarzem Humor, Szenen, die man gar nicht glauben mag, und einem hohen Unterhaltungswert, wenn man sich darauf einlässt.
Nach dem Break habe ich lange überlegt, wie es erklärt werden wird, dass sich Natalie auf einmal in einer anderen Zeit wiederfindet. Es gibt den einen oder anderen Hinweis, und dennoch hat es mich überrascht. Zum Glück ist die Auflösung nachvollziehbar, so dass der Roman mich auch am Ende überzeugen konnte.
„Yesteryear“ ist ein Roman, auf den man sich einlassen muss, denn seine Protagonistin ist alles andere als sympathisch, und viele ihre Handlungen, vor allem auch ihrer Gedanken und Emotionen, sind eher erschreckend, der Roman ist bitterböse und voll schwarzem Humor. Mich hat er tatsächlich sehr fesseln können, ich schwankte ständig zwischen Unglauben, Lachenmüssen und Kopfschütteln. Caro Claire Burk hat mich mit ihrem Debütroman sehr neugierig auf weitere Werke gemacht.





Trügerisches Lavandou
von Remy Eyssen
Eine verzweifelte Mutter erscheint in der Gendamerie von Le Lavandou und meldet, dass ihre vierjährige Tochter und ihr siebenjähriger Sohn aus ihrem Auto verschwunden sind, als sie kurz etwas im Supermarkt besorgen wollte. Eine sofort eingesetzte Suchaktion bringt keinen Erfolg, und kurz darauf gibt es eine Lösegeldforderung.
Der neunte Band der Reihe macht es den Ermittler:innen nicht leicht, Fälle, bei denen Kinder betroffen sind, sind immer besonders bedrückend, auch für die Leser:innen, zumindest mir geht es so. Der Protagonist der Reihe, der Gerichtsmediziner Leon Ritter, hofft daher auch, außer für DNA-Spuren und ähnlichem, möglichst nicht einbezogen werden zu müssen.
Es gibt einige Erschwernisse, dafür aber eine ganze Reihe Verdächtiger, die nach und nach aber wieder von der Liste gestrichen werden müssen. Es vergeht Tag für Tag und die Ermittlung tritt größtenteils auf der Stelle. Es gibt zwar Ereignisse, die mit dem Fall zu tun haben, aber nicht alle bringen das Team weiter. Die Zeit drängt, man will die Kinder schließlich lebend finden. Wahrscheinlich wäre hier schon weniger mehr gewesen.
Lesen lässt sich das alles gar nicht so schlecht, aber hin und wieder hatte ich doch das Gefühl von Unstimmigkeit, was auch bis zum Ende für mich nicht aufgelöst wird. Gestört hat mich das völlig unnötige und aufgesetzt wirkende „Prickeln“ zwischen Leons Lebensgefährtin und stellvertretender Leiterin der Gendarmerie, Isabelle Morell, und ihrem ehemaligen Geliebten, der als Staatsanwalt der Ermittlergruppe zugeordnet wird. Auch der Showdown war für mich zu viel des Guten. Die Auflösung an sich kann ich aber schon nachvollziehen, ich hatte tatsächlich schon selbst in diese Richtung gedacht, man hätte aber auch weniger spektakulär zum Schluss kommen können.
Leider ist das nicht der erste Band der Reihe, der mir nicht mehr so gut gefallen hat, mir gibt es hier zu viele Unstimmigkeiten, und ich denke, man hätte hier auf das Pseudoproblem Isabelles gut verzichten können, dann lieber weniger Privates. Schade, die Reihe hat deutlich bessere Bände zu bieten.









