Kundenrezensionen von EvaLiest





Dein ADHS Buddy
von Grace Koelma
Das Buch ist eine Mischung aus Sachbuch und Workbook, was grundsätzlich sehr gut umgesetzt wurde.
Zunächst wird einiges rund um die Formen, Hintergründe, Auswirkungen, etc. von ADHS erklärt (wer schon eine Diagnose hat, erfährt hier nicht unbedingt etwas Neues, aber im Verlauf des Buches wird es detaillierter, sodass auch „versierte“ ADHSler etwas mitnehmen können), wobei die Autorin sowohl wissenschaftlich fundiert als auch sehr anschaulich vorgeht (ein großes Plus des Buches!).
Nach eher allgemeineren Informationen werden dann verschiedene, teils sehr spezielle, Themen angesprochen, die Menschen mit ADHS oft beschäftigen. Hier hat mir vor allem gefallen, dass auf Intersektionalität und AuDHS eingegangen wurde und dass das Thema Elternschaft aufgegriffen wurde.
Die Illustrationen und Vorlagen sind sehr gelungen und werten das Buch definitiv auf. Über einen QR-Code kann man die Vorlagen zusätzlich herunterladen, was ich sehr praktisch finde. Leider gilt dies nicht für den Planer am Ende des Buches (evtl. ist hier geplant, ein eigenes Produkt herauszubringen?).
Kleinere sprachliche Fehler und Ungenauigkeiten sind mir zwar negativ aufgefallen (und da einigen Menschen in der Zielgruppe des Buches diese Dinge sehr wichtig sind, finde ich es durchaus nötig, dies auch zu erwähnen), haben aber den Mehrwert des Buches nicht geschmälert. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass z.B. Elternschaft zwar isoliert thematisiert wird, aber bei Handlungsvorschlägen zu anderen Themen nicht immer konsequent mitgedacht wird (ich kann mir als Mutter einfach nicht jeden Samstag 6 Stunden für meinen Hyperfokus reduzieren…). Zwar wird dann erwähnt, dass man in bestimmten Lebensphasen das nicht immer umsetzen kann, aber das hilft mir dann ja nicht, sondern sorgt eher für mehr Frust – hier wäre es einfach schön gewesen, zumindest einen konkreten Handlungsimpuls zu bekommen.
Insgesamt ein toller Ratgeber mit echtem Mehrwert, der auch noch wirklich ansprechend gestaltet ist. Sehr gelungen!





Trag das Feuer weiter
von Slimani Leïla; Thoma Amelie
Trag das Feuer weiter von Leïla Slimani
Das Buch öffnet mit der Perspektive von Mia als Erwachsene, die an Covid erkrankt und im Anschluss daran große Probleme hat, sich zu konzentrieren und klare Gedanken zu fassen. Das fand ich eine sehr spannende Prämisse, doch leider wird die Thematik im Folgenden gar nicht weiterverfolgt, sondern die Geschichte von Mia erzählt (die ist auch sehr interessant, aber eben nicht das, was ich aufgrund des Klappentextes und der Leseprobe erwartet hätte). Der Erzählstrang der Vergangenheit setzt ein, als Mia sechs Jahre alt ist und ihre Schwester Inés geboren wird. Vor dem Hintergrund politischer Instabilität, Rassismus, Klassismus und internationaler Entwicklungen begleiten wir die Familienmitglieder über mehrere Jahrzehnte. Dabei wechselt die Perspektive häufig, was in den meisten Fällen stimmig ist, aber ab und an (wenn von der dritten in die erste Person gewechselt wird) zu kurzfristiger Verwirrung führen kann.
Trag das Feuer weiter liest sich flüssig, ohne große Künstelei, was die Geschichte in den Vordergrund rückt und zu einem angenehmen Leseerlebnis führt. Einige Begriffe bleiben dabei in der Originalsprache, werden aber von der Übersetzerin erklärt, was ich sehr gelungen fand.
Grundsätzlich habe ich das Buch gerne gelesen und bin recht schnell recht tief in die Geschichte eingetaucht. Dennoch war es kein Highlight für mich, was vermutlich vor allem an zwei Gründen lag: zum einen an den Erwartungen, die ich aufgrund der Beschreibung hatte und die einfach nicht erfüllt wurden, und zum anderen daran, dass das Buch der Abschluss einer Trilogie ist. Leider wurde das weder in der Leseprobe noch bei der Beschreibung erwähnt, was ich ein bisschen schade finde, denn es macht für die Leseerfahrung schon einen Unterschied, ob man die beiden vorherigen Bände gelesen hat oder nicht.





Heavysaurus - Der Comic
von Adrian vom Baur
Heavysaurus – der Comic von Adrian vom Bauer erzählt die Ursprungsgeschichte der Heavy Metal Kinderband Heavysaurus.
Die Hexe Rupulina entdeckt die Dinoeier, nimmt die Saurier bei sich auf, zieht sie groß und bringt ihnen die Liebe zum Metal nahe. Als sie einmal wegen eines Notfalls die Stadt verlassen muss und die Saurier auf sich selbst gestellt sind, passiert natürlich etwas, aber das müsst ihr selbst lesen.
Grundsätzlich ist der Comic durchaus kinderfreundlich konzipiert, es sind allerdings mehrfach Wortwitze oder ironische Stellen dabei, die wohl eher für die vorlesenden Erwachsenen gedacht sind. Mein Sohn kannte die Band und ihre Lieder bereits, deswegen ist die Voraussetzung vielleicht eine andere als bei Kindern, die kein Vorwissen haben. Hier wird das Buch rauf und runter gelesen und er wünscht sich sehnlichst einen zweiten Teil.
Für mich war es jetzt kein besonders herausragendes Buch, aber: es animiert meinen Sohn zum Lesen und das finde ich ganz wunderbar.





Die Frau der Stunde
von Heike Specht
Die Frau der Stunde von Heike Specht ist ein Roman, der den politischen Aufstieg einer Frau in den späten 70er Jahren dokumentiert – aber noch so viel mehr.
Catharina Cornelius wird praktisch über Nacht zur Außenministerin, nachdem ihr Vorgänger aufgrund eines Skandals den Platz räumen muss. Trotz ihrer resoluten Art und ihres politischen Geschicks ist es alles andere als leicht, sich im männerdominierten Bonn durchzusetzen, und es gab einige Szenen, die ich mir heute leider immer noch vorstellen kann, voll von Misogynie und Altherrenwitzen.
Bis auf wenige Ausnahmen sind es die Frauen in ihrem Leben, die sie unterstützen, inspirieren und motivieren, doch es gibt auch ein paar Männer, die ihr Potenzial erkennen (sowohl politisch als auch menschlich) und ihr zur Seite stehen. Das hat mir gut gefallen, da es deutlich zeigt, dass es der Autorin mitnichten darum ging, einfach gegen Männer zu schießen, sondern darum, die frauenfeindliche Atmosphäre des Politikalltags (in den 70ern) anzuprangern.
Richtig gut fand ich auch den parallelen Erzählstrang zu den Entwicklungen im Iran, und wie es hier immer wieder Verknüpfungen über verschiedene Figuren gab. Ich hätte mir sogar gewünscht, mehr dazu zu erfahren, aber das hätte den Rahmen des Buches gesprengt (ich habe allerdings im Anschluss an die Lektüre eine kleine Recherche gestartet, weil es mich nicht losgelassen hat). Generell gab es einige Personen und Plotelemente, die ich gerne weiter verfolgt hätte, denn auch die Nebencharaktere sind durchaus interessant gestaltet.
Sprachlich und stilistisch ist der Roman eher unauffällig, sodass die Inhalte im Vordergrund stehen. Am Anfang hätte ich mir ein bisschen mehr Verweise auf die zeitliche Einordnung gewünscht, da ich immer wieder das Gefühl hatte, eine aktuelle Geschichte zu lesen. Im Verlauf des Romans werden dann aber mehr und mehr Hinweise gestreut, die das Setting deutlicher werden lassen (Münztelefone in Bars, Kassetten im Auto, alle rauchen immer und überall…).
Insgesamt ein Buch, das mir gut gefallen hat und das ich trotz seiner 350 Seiten wirklich schnell gelesen habe – es hätte sogar noch dicker sein dürfen ????.





Goldrichtig
von Nora Imlau
Ich hatte mich sehr auf das Buch gefreut, da ich Nora Imlau sehr schätze, einige ihrer Bücher gelesen habe und ihr auch in den Sozialen Medien folge.
Und ich glaube fast, damit bin ich leider genau NICHT die Zielgruppe für dieses Buch, denn die Texte waren für mich nichts Neues.
Sie transportieren die unglaubliche Wertschätzung und undogmatischen Hilfestellungen der Autorin ganz wunderbar und liefern tolle Impulse zum Innehalten und Einordnen im trubeligen Alltag. Aber genau das tun ihre Stories auf Instagram auch und dadurch hatte ich keinen wirklichen Mehrwert durch das Buch.
Dennoch ist es wunderschön gestaltet und die Texte sind toll zu lesen. Ich werde das Buch weiterschenken an jemanden, der noch nicht vertraut mit Noras Arbeit ist und kann mir gut vorstellen, dass es dann viel intensiver wirkt. Vorher werde ich allerdings noch den tollen Duftkuchen backen - der hat es mir angetan und ich werde den ersten richtigen Herbsttag damit zelebrieren!
Fazit: ein wirklich schönes Buch, das in mir nur leider die falsche Rezipientin hatte.





Der Schlaf der Anderen
von Tamar Noort
Der Schlaf der anderen von Tamar Noort dreht sich um zwei Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen nachts wach sind: Sina kann einfach nicht mehr (ein)schlafen und Janis schiebt Nachtdienste im Schlaflabor. Als Sina eine Schlafanalyse machen lässt, lernen die beiden sich kennen und es entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft, die jedoch durch eine Grenzüberschreitung noch vor dem Ende der Nacht bedroht wird.
Im Folgenden lernen wir die beiden Frauen, ihre Sehnsüchte, Probleme, Beziehungen, etc. kennen. Dabei erfahren wir über die Lehrerin Sina meines Erachtens wesentlich mehr als über die ehemalige Pflegerin Janis, was ich als etwas unausgeglichen empfunden habe. Es werden viele Aspekte angesprochen, die im Leben der beiden (stellvertretend für viele Frauen) Stressfaktoren darstellen und zu psychischer Belastung führen. Grundsätzlich finde ich es richtig, wichtig und gut, wenn darüber gesprochen und geschrieben wird, aber hier konnte es mich nicht überzeugen.
Dabei finde ich noch nicht einmal die Kennenlerngeschichte unglaubwürdig – ich kann nachvollziehen, dass es Menschen gibt, mit denen es einfach passt und zu denen man gleich eine tiefe Verbindung spürt. Aber die Handlungen danach sind für mich oft nicht schlüssig und es gibt weitere Grenzüberschreitungen, die nicht kommentiert werden. Ein bisschen ging es für mich in Richtung Bingobuch, bei dem wichtige Elemente nicht erfolgreich verknüpft oder zu Ende gedacht wurden.
Ich habe das Buch anfangs ganz gerne gelesen, aber so richtig hat es mich eben nicht fesseln können und am Ende habe ich es nur weitergehört in der Hoffnung, dass noch irgendwas Spannendes passiert (tat es nicht…). Ich habe mich vor allem die ganze Zeit gefragt, warum Sina sich nicht krankschreiben lässt, wenn die Schlafprobleme doch so massiv Einfluss auf ihren Alltag haben. Dadurch hatte ich das Gefühl, das Problem wird künstlich am Leben erhalten, nur für den Plot, wenn es doch eine logische Handlungsalternative gäbe (natürlich ist das nicht die Lösung aller Probleme, aber es wäre ein notwendiger erster Schritt gewesen). Insgesamt also eher keine Empfehlung von mir.





Waschbär Willi Wunderquatsch - Die Erfindung der Trompetenwurst und weitere verrückte Abenteuer
von Markus Hennig
Waschbär Willi Wunderquatsch von Markus Hennig, illustriert von SaBine Büchner, ist ein lustiges Kinderbuch mit sieben witzigen Geschichten und ein paar Zwischenkapiteln mit Hintergrundinfos zu den Charakteren.
Schon das Cover hat meinen Sohn zum Lachen gebracht und dann ging es gleich weiter. Die Geschichten sind lustig, grenzen an albern, aber sind noch auf der guten Seite angesiedelt, sodass es auch für Erwachsene Spaß macht, sie vorzulesen. Besonders das Waschbär-Frosch-Wörterbuch hat hier für kugelige Lachanfälle gesorgt, die selbst nach der Lektüre immer wieder aufflammen. Was will man mehr?
Die Zeichnungen sind toll und helfen dabei, das Interesse der Kids noch zu steigern, da dort schöne Details zu finden sind.
Der pädagogische Gehalt ist bei diesem Buch jetzt nicht so im Vordergrund, aber das macht meiner Meinung nach gar nichts - es darf auch einfach mal komisch sein und die Lust am Lesen und an der Sprache fördern.
Alles in allem ein wunderbar gelungenes Buch, das wir sicher mehrmals lesen werden.





Anna oder: Was von einem Leben bleibt
von Henning Sußebach
Anna oder: Was von einem Leben bleibt. Die Geschichte meiner Urgroßmutter. ist ein Buch von Henning Sußebach, in dem er versucht, das Leben seiner Vorfahrin anhand einiger weniger Anhaltspunkte aufzudecken.
Was mir gut gefallen hat, war, dass das Buch viele Einblicke in die damalige Zeit gibt, in die geschichtlichen und sozialen Hintergründe. Hier hat der Autor meiner Meinung nach eine gute Auswahl getroffen.
Leider konnte mich das Buch ansonsten eher wenig überzeugen. Der Autor schreibt hier „die Geschichte [s]einer Urgroßmutter“ und dafür ist es mir ehrlich gesagt viel zu distanziert. Ich wusste nie genau, was dieses Buch eigentlich sein will, ein Roman, eine Hommage, eine Biographie, ein geschichtliches Werk? Dazu kommt die Fiktionalisierung, die mich an einigen Stellen irritiert hat. Durch Formulierungen wie „ich lasse…“ zeigt der Autor hier deutlich seine Einmischung in die Story (was grundsätzlich ok ist, hier aber weiter Verwirrung schafft). Teils wird hier ein Leben romantisiert (z.B. wenn es um die Geburt geht), wobei ich mich schon frage, wie gut der Autor sich in die damalige Zeit und die Situation der Frauen versetzen kann.
Es gibt immer wieder Einmischungen im Sinne einer Leserleitung („man muss das natürlich einordnen“, „aus heutiger Perspektive“, …), aber an den wichtigen Stellen fehlt genau das: es werden Passagen aus Schulbüchern von früher zitiert, in denen es um Rassenlehre geht, und das wird an dieser Stelle nicht einmal kommentiert. In meinen Augen ist das sehr problematisch (vor allem, wenn man bedenkt, wie oft der Autor sich sonst einmischt).
Ich habe das Buch als Hörbuch gehört und obwohl ich die Sprecherin sehr mochte, war es doch irritierend, ein Buch, das offensichtlich von einem Mann erzählt wird, von einer Frau vorgelesen zu bekommen. Das war vielleicht ein weiterer Grund, warum ich mit dem Ganzen nicht so wirklich warm geworden bin.





Unbeugsam wie die See
von Emilia Hart
Unbeugsam wie die See von Emilia Hart (Original: The Sirens, Ü: Julia Walther) hat mich als erstes aufgrund des schönen Covers angesprochen. Dann habe ich den Klappentext gelesen und auch das klang vielversprechend, also hab ich mich in die Lektüre gestürzt.
Die Handlung findet auf drei Zeitebenen statt: 1801 überqueren die Zwillinge Mary und Eliza als Gefangene das Meer von Irland nach Australien. 1999 navigiert Jess die Untiefen des Teenagerdaseins, was jedoch durch eine ominöse Wasserallergie verkompliziert wird. Und zwanzig Jahre später, 2019, flieht deren Schwester Lucy zu ihr, nachdem sie beim Schlafwandeln ihren Freund gewürgt hat.
Klingt abenteuerlich? Nunja, so richtig viel Abenteuer und Spannung war für mich leider nicht dabei und einige Passagen – vor allem in der ersten Hälfte des Buches – haben sich sehr gezogen. Die beiden großen Enthüllungen habe ich leider schon relativ früh vorhergesehen, sodass irgendwann wirklich die Luft raus war. Die Verbindung der verschiedenen Ebenen und einige Plotelemente finde ich sehr konstruiert und nicht immer glaubwürdig.
Darüber hinaus hat mich die Sprache davon abgehalten, tiefer in den Roman einzutauchen. Ob es die Übersetzung ist, oder der Text auch im Original teils unrund klingt, vermag ich nicht zu sagen. Insgesamt sind mir durchaus einige Stellen aufgefallen, an denen zumindest nicht idiomatisch übersetzt wurde. Das hat mich dann immer wieder aus der Lektüre gerissen und der Lesefluss war weg.
Die Idee des Romans gefällt mir nach wie vor gut, aber sie wurde für mich nicht überzeugend umgesetzt. Vielleicht habe ich auch einfach etwas anderes erwartet (mehr Fantasy, weniger Drama). Ich kann mir vorstellen, dass es durchaus Lesende gibt, die das Buch zu schätzen wissen, und auch, dass man es sehr gut als Hörbuch hören kann.
2,5/5





Lázár
von Nelio Biedermann
Lázár von Nelio Biedermann, das auf den ersten Blick wie eine Familiensaga daherkommt, ist so unheimlich vielschichtig, dass ich nach der Lektüre lange gebraucht habe, um meine Gedanken zu sortieren (und vielleicht auch immer noch dabei bin).
Zum einen geht es natürlich schon um die Geschichte der Familie Lázár, um die Einzelschicksale, um die Bedeutung von Familie, um die Unterschiede zwischen den Generationen und gleichzeitig die Bewahrung von Tradition. Besonders die Männerfiguren sind dabei sehr tragisch angelegt und müssen sich der Frage nach Schuld und Verantwortung stellen.
Eine zweite Ebene ist die historische Entwicklung der KuK-Monarchie und der Geschehnisse rund um die beiden Weltkriege. Die Auswirkungen werden hauptsächlich am Beispiel der Baronenfamilie gezeigt, was ich sehr gelungen finde, da es für mich die Problematik der Verhältnismäßigkeit oder Vergleichbarkeit von Leid aufzeigt. Immer wieder habe ich großes Mitleid mit der Familie empfunden, obwohl mir gleichzeitig deren Privilegien und Fehlverhalten durchaus bewusst waren. Spannend!
Und dann gibt es noch eine symbolische Ebene, die sich vor allem aus religiösen und teils auch literarischen Referenzen speist. Ich bin mir sicher, dass ich hier nicht alle Verweise bemerkt bzw. verstanden habe, aber ein paar, wie zum Beispiel das Gleichnis von Lazarus oder die Anspielung auf Prousts Suche nach der verlorenen Zeit, sind dann doch offensichtlich genug.
Was mich an diesem Buch am meisten begeistert hat, ist die Sprache, mit der Nelio Biedermann vielleicht sogar noch eine vierte Ebene schafft. Sie ist bildgewaltig, ohne dabei so lyrisch zu sein, dass sie gekünstelt oder kitschig wirkt. Sie ist aber stellenweise auch kompliziert, nutzt Schachtelsätze und komplexe Konstruktionen, und durchbricht damit auch immer wieder die Illusion der Nostalgie.
Insgesamt ist es ein Buch, das mich in seinen Bann gezogen hat und auch nach der Lektüre noch stark nachwirkt. So viele Themen werden hier gekonnt miteinander verbunden und ich hätte gerne mehr geschrieben, zu den Schicksalen der jüdischen Bevölkerung, der Frauen, der Intellektuellen, oder auch einfach zu den einzelnen Figuren.
Am Ende bleiben leider ein paar Fragen offen, auf deren Auflösung ich hingefiebert habe und dann etwas enttäuscht war, als ich keine Antworten bekam. Selbst nach diversen Recherchen und viel Nachdenken bleibt es mir ein Rätsel, was in der Ruine passiert ist. Auch zu Imre oder den Schatten hätte ich mir mehr gewünscht. Dennoch ein starkes Buch, das ich absolut empfehle!
4,5/5









