Kundenrezensionen von reimon





Alleinruhelage
von Eva Menasse
Eva Menasse formuliert so präzise und zugleich gut lesbar, dass man immer wieder wünscht, eigene Erfahrungen ebenso beschreiben zu können. Auf 200 Seiten haben die LeserInnen viele Gelegenheiten, ihre persönlichen Handlungen und Entscheidungen zu reflektieren.
Der erste Satz „Haus, ich verkaufe dich.“ führt in den genialen Dialog der namenlos bleibenden Erzählerin mit dem Gebäude, das einen großen Teil ihrer eigenen und der deutsch-deutschen Geschichte „miterlebt“ hat. Kurz vor dem - nach langem Überlegen erfolgenden - Verkauf des Hauses, das der inzwischen aufgelösten Familie als geliebtes Feriendomizil diente, reflektiert die Frau ihr Leben, ihre Beziehungen und deren Scheitern und ihr Eindringen als „Fremde“ in die ehemals ostdeutsche Datschen-Kolonie.
Besonders sympathisch sind die Szenen, in denen die beiden polnischen Alleskönner zu ganz praktischen Helfern bei der Bewältigung des Abschieds werden.
Das wunderschöne Cover des Buchs nimmt das Zur-Ruhe-Kommen der Hauptfigur vor ihrem neuerlichen Aufbruch vorweg.





Die Weisheit der Esel
von Andy Merrifield
Vielleicht bin ich gerade einfach zu unruhig für dieses Buch; wahrscheinlich werde ich es später wieder in die Hand nehmen. Die Idee hat mir gefallen, die Geschichte zieht sich aber zu lang hin. Der gezeichnete Esel auf dem Titel gefällt mir sehr, ich habe ihn immer wieder bei den ausgiebigen Beschreibungen angeschaut. Obwohl ich nur einen Teil des Buchs gelesen habe, wurde mir viel Wissen über Esel vermittelt: Wenn der Esel dem Führenden vertraut, geht alles besser. Ein Esel entscheidet, was seinem Instinkt nach für ihn am besten und sichersten ist. Wenn man versteht, warum er so reagiert, empfindet man ihn nicht mehr als „störrisch“. Vor dem, was ihm zu unsicher ist, scheut er zurück und lässt sich durch nichts von der Stelle bewegen. Nichts kann ihn zwingen, weil er selber weiß, was gut für ihn ist. Merrifield ist überzeugt, dass wir Menschen davon lernen können: Oft schlagen wir wider besseres Wissen einen Weg ein, von dem wir im Innersten wissen, dass er nicht unseren Interessen entspricht. Immer wieder zeigt die Menschheitsgeschichte, dass es meist einfacher ist, sich führen zu lassen, als den eigenen Weg zu finden.





Klein aber tot
von Jo Fischler
Das Miniaturwunderland wird lebendig! Fantasieanregend ist die meistbesuchte Touristenattraktion Deutschlands ja. Das Titelbild scheint eine Originalszene dort zu sein. Und als großer Fan der unglaublich detailreichen Miniwelt war dieses Buch für mich eine Pflichtsache.
Der Roman hat mich aber noch nicht so begeistert. Die Idee, einen Krimi dort anzusiedeln, ist gut. Auch die Namen der Protagonisten - Wunder, oh Wunder für den Kommissar und vor allem Buddha für den Hund - sind originell. Das Buch gehört eindeutig in die Kategorie „cosy crime“, es gibt keine brutalen, blutrünstigen Szenen. Allerdings fehlt es mir doch an Spannung.
Die Kapitel sind kurz und lassen sich auch nach einem langen Tag noch gut lesen. Trotzdem ist mir die Geschichte zeitweise etwas bemüht vorgekommen. Vielleicht begeistert mich der sicher zu erwartende zweite Band schon mehr.





Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
von Vea Kaiser
Diesen Roman habe ich sehnsüchtig erwartet, da ich alle Bücher von Vea Kaiser genossen habe. Diesmal orientiert sie sich an einer wahren Geschichte, die sie fantasievoll und „frei erfunden“ erzählt.
Hauptfigur ist die junge Angelika Moser, die mit Leidenschaft ihrem Beruf in der Buchhaltung des Grandhotel Frohner nachgeht. In ihrer Freizeit hängt sie mit KollegInnen im U4 ab und ist auch häufig in „Tschocherln“ zu finden. Zu ihrer Mutter, einer Hausmeisterin im Gemeindebau hat sie ein eher schwieriges Verhältnis, den Vater nennt ihr die Mutter nie.
Von einem erfolglosen Musiker wird sie schwanger. Er entpuppt sich als Niete, bleibt ihr aber stets freundschaftlich verbunden. Für ihren Sohn tut Angelika alles. Sie ist nicht nur eine ausgezeichnete Buchhalterin und wird schließlich zur ersten weiblichen Abteilungsleiterin im Hotel, sondern sorgt für ihren Chef auch immer wieder dafür, dass Ausgaben verschleiert werden. Dabei fällt ihr auf, dass falsche Abrechnungen von den Kolleginnen immer durchgewunken werden. Als sie, auch durch Ausgaben für ihr Kind bedingt, selber in Geldnot gerät, nützt sie das im eigenen Interesse - und veruntreut schließlich insgesamt etliche Millionen.
Die „Täterin“ ist einem da schon so sympathisch und ans Herz gewachsen, dass man Mitgefühl für ihr Handeln empfindet.
Nach ihrer Verurteilung muss sie ins Gefängnis. Das kann sie aber überraschend schnell wieder verlassen. Vermutlich hat ihr Sohn dafür gesorgt, dass sie ihre Schulden zurückzahlen konnte. Beide sind am Schluss unauffindbar.
Es ist schwierig, den Roman aus den Händen zu legen. Die Geschichte könnte gern noch weitergehen.





Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
von Anna Maschik
Der Titel ist keine Metapher: Es beginnt mit einem heimlich geschlachteten Schaf. Wie derzeit sehr viele AutorInnen gibt Anna Maschik einen Einblick ins Innere einer Familie. Tüchtige und skurrile Familienmitglieder kommen uns unter. Die Familiengeschichte beginnt mit der Kriegsgeneration der Groß- und Urgroßeltern, erzählt von Urenkelin Alma. Oft erst aus der Sicht der Nachkommen erklären sich Aktivitäten und Verhalten der Vorfahren. Und wir erkennen auch, wie sich deren Erlebnisse, Zwänge und Lösungen auf die späteren Generationen auswirken. Kann man der Vorbestimmung entkommen? Davon erzählt das Buch in sehr verdichteter und mitreißender Form. Maschik versteht es, manchmal in einem Satz eine ganze Geschichte zu vermitteln. Viele Kapitel sind nicht einmal eine halbe Seite lang. Hier genügt das auch. Ein grandioses Buch!





Die Briefeschreiberin
von Virginia Evans
Sie, Sybil van Antwerp, und wie!
Die kurze Einleitung gibt ein hilfreiches „Bild“ von der Schreiberin, die sich keinesfalls als Schriftstellerin sehen will. Dieses Bild wird durch ihre Schreiben immer bunter. Ist sie eine Besserwisserin? Auf jeden Fall ist sie selbstkritisch und nimmt sich viel Zeit für ihre Formulierungen. Sie schreibt, was sie denkt und bringt ihre Lebenserfahrung mit ein.
Die Sprünge zwischen den verschiedenen AdressatInnen sind manchmal verwirrend, das mag gewollt sein. Viele unterschiedliche Menschentypen und Lebensgeschichten werden zunehmend vertraut — macht der Umgang mit dieser Vielfalt erst einen Menschen aus?
Das Lesen erfordert Konzentration und ist gleichzeitig so spannend, dass ich das Buch kaum weglegen mag. Besonders neugierig macht die Identität der lange unbekannten Empfängerin/des Empfängers des nicht abgeschickten Briefs.
Dieses gelungene Debüt schafft Vorfreude auf weitere Werke von Virginia Evans.
Das Personenverzeichnis am Ende ist sehr notwendig — für das raschere Auffinden wäre ein Lesebändchen (und eins als Lesezeichen) hilfreich.





Ja, nein, vielleicht
von Doris Knecht
Ist die Erzählerin so eine unentschlossene Person? Ja, im Moment der Wiederbegegnung mit dem einst faszinierenden Mann. Nein, sie nimmt sich nach vielen unterschiedlichen Erfahrungen Zeit für ihre Entscheidung; hat gelernt, auf ihr Gefühl zu achten. Vielleicht ein bisschen unentschlossen, das ist in Liebesdingen ja recht verbreitet.
Eine Frau mit einiger Lebenserfahrung (bei einem Mann hieße es hier wahrscheinlich „in den besten Jahren“) beginnt, auch angeregt durch die Wiederbegegnung (s.o.), ihr Leben, ihr Frausein, ihre Zeit mit den heranwachsenden Kindern, die als Partnerin — ihre Entwicklung also — aus der momentanen Sicht zu betrachten.
Der unangenehme Besuch bei der Zahnärztin gleich zu Beginn, die beunruhigende Situation ihrer Schwester, auch diese Schilderungen gehören dazu. Manchmal wirkt die Geschichte dadurch etwas sprunghaft, dann wieder sehr flüssig erzählt. Doris Knecht hat ein anregendes Buch geschrieben, das zur Auseinandersetzung mit der eigenen Entwicklung anregt.





Sing, wilder Vogel, sing
von Jacqueline O’Mahony
Der Roman beruht auf wahren Begebenheiten. 1849 entvölkerte eine durch Missernten und Fehlreaktionen der englischen Herrschaft bedingte Hungersnot die Westküste Irlands und zwang die wenigen Überlebenden, nach Amerika auszuwandern. Der Autorin sind, wie den meisten Iren, diese Ereignisse immer noch sehr präsent. Im Nachwort und im abschließenden Interview erfährt man dazu, dass bereits 1847 ein Stamm indigener Amerikaner Spenden nach Irland geschickt hat und immer noch eine Verbindung zwischen den beiden Völkern besteht.
Diese Tatsachen verbindet O’Mahony zu einer packenden Geschichte, in deren Mittelpunkt Honora steht. Die junge Frau war von Beginn an eine Außenseiterin, die etliche schwere Schicksalsschläge überstehen musste. Ihr Anderssein ist mit einer großen Kraft verbunden, die sie immer wieder überleben und schließlich zu einer selbständigen Entscheidung kommen lässt.







