Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
von Anna Maschik
€ 24,70
Hardcover
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Roman - Die Entdeckung einer großen literarischen Stimme
2025 Luchterhand Literaturverlag
240 Seiten
221 mm x 143 mm
Sprache: Deutsch
978-3-630-87814-0
Hauptbeschreibung
Was verbindet uns mit denen, die vor uns kamen?
Mit einem heimlich geschlachteten Schaf beginnt der Blick in die Innereien einer Familie. Hier rührt die Urgroßmutter das Blut für die Würste, der Großonkel schläft fünfzehn Jahre lang, und die Großmutter stiehlt nachts die Ziegel vom Dach. Am Ende steht die Urenkelin Alma und fügt die Einzelteile der Familiengeschichte zusammen: vom kargen Alltag auf einem Bauernhof an der Nordsee über den Krieg und den Neuanfang fern der Heimat bis in die Gegenwart, in der die Großmutter ins Heim muss und Alma versteht, dass sie das letzte Glied in der familiären Kette ist.
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Hardcover
Roman - Die Entdeckung einer großen literarischen Stimme
2025 Luchterhand Literaturverlag
240 Seiten
221 mm x 143 mm
Sprache: Deutsch
978-3-630-87814-0
Weitere verfügbare Ausgaben:
Autor
Anna Maschik, 1995 in Wien geboren, studierte Sprachkunst/Literarisches Schreiben und Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien und Leipzig. Sie arbeitete als Produktionsleitung eines Theaterfestivals und unterrichtet Deutsch und Spanisch an einem Wiener Gymnasium. Sie hat Kurzprosa und Lyrik in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. »Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten« ist ihr erster Roman.
Hersteller: Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH
Neumarkter Straße 28, 81673 München DE
E-Mail: produktsicherheit@penguinrandomhouse.de




Melodisch
2025-12-19 15:27:00
Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten, ist ein Roman der Schriftstellerin Anna Maschik.
Der Titel hat mich eigentlich etwas abgeschreckt. Die Sprache des Romans hat einen melodischen Klang.
Es geht um eine Familiengeschichte über hundert Jahre.
Es geht hauptsächlich um die Frauen der Familie.
Die Autorin flicht magische Passagen ein.
Die Mischung ist ihr perfekt gelungen.
Es ist ein Roman den ich gerne gelesen habe und auch weiter empfehle.




Was für ein Debut!
2025-11-26 18:38:00
Was für ein Debut, das die junge österreichische Autorin Anna Maschik, Jahrgang 1995, hier vorgelegt hat. So ungewöhnlich und originell wie der Titel ist der gesamte Text.
Der titelgebende erste Satz legt den Ton und das Setting des Romans fest, führt er doch in eine archaisch anmutende Welt.
Es beginnt mit einer illegalen Hausschlachtung während des Zweiten Weltkriegs auf einem Bauernhof in Norddeutschland. Wer hier ganz allein ein Schaf schlachtet ist Henrike, die Urgroßmutter von Ich- Erzählerin Alma. Ehemann Georg und Sohn Benedikt sind an der Front, aber wenn sie heimkehren will die Bäuerin Fleisch und Würste für sie bereithalten. Ein Schwein heimlich töten wäre zu gefährlich, denn „Schweine verraten dich mit ihrem entsetzlichen Geschrei, die Schafe aber sterben still.“
Dass Tod und Geburt eng beieinanderliegen, nicht nur in diesem Roman, macht die Autorin gleich mit dem nächsten Abschnitt deutlich. „Wir betreten die Geschichte durch die Innereien eines Schafes und wie auch ich die Welt betreten habe: durch einen Schnitt im Unterleib. Die Nabelschnur hat sich dreimal um meinen Hals gewunden wie ein Strick, und so schneidet die Hebamme, ihr Name ist Anna, meiner Mutter einen lachenden Mund in den Bauch, holt mich heraus und näht ihr das Lachen zu einem schiefen Lächeln zu. Ich möchte mich vorstellen: ich bin Alma und meine Erzählung ist eine Eingeweideschau…“
Alma fungiert als allwissende Erzählerin und sie geht weit zurück in der Genealogie ihrer Familie.
Henrike, die Urgroßmutter, kommt mit dem neuen Jahrhundert zur Welt. Sie ist die Älteste von fünf Geschwistern und sie ist dreizehn, als die Mutter stirbt. Nun muss sie sich um den Haushalt und die jüngeren Brüder kümmern. Der Vater fällt im Ersten Weltkrieg und Henrike braucht einen Mann für die viele Arbeit auf dem Hof. Das erste Kind, Sohn Benedikt, „ ein verwunschenes Kind“, kommt schlafend zur Welt und wird erst als junger Mann aufwachen. Tochter Hilde hält nichts auf dem Hof. Sie wird schwanger von einem österreichischen Soldaten und folgt diesem nach dem Krieg in seine Heimat. Dort kommt als drittes Kind Miriam zur Welt, die Mutter von Alma.
Anna Maschik braucht nicht viele Seiten für ihre vier Generationen umspannende Familiengeschichte. Das gelingt ihr, indem sie sich auf wenige prägende Ausschnitte beschränkt. Vieles steht zwischen den Zeilen.
Und vieles wiederholt sich. Das Schweigen zwischen den Figuren, die Bevorzugung einzelner Kinder, die Liebe zur Natur.
Anna Maschik macht ihre Geschichte vorrangig an den Frauenfiguren fest. Jede hat Schwierigkeiten mit ihrer Rolle als Mutter und jede möchte es anders, besser machen. Trotzdem, oder gerade vielleicht deshalb, verfallen sie in die gleichen Muster.
Die einzelnen Episoden werden durch Listen ergänzt, so z.B. eine knappe Aufzählung der Mahlzeiten, die die Großmutter kocht, aber auch solche:
„Dinge, die hängen:
Das Schaf am Haken
Die Schinken in der Räucherkammer
Der Urgroßvater am Balken
Die Puppen an der Deckenlampe
Das Kind an der Nabelschnur“
Eine weitere Besonderheit des Romans sind die magischen Elemente, die sich neben den realistischen Beschreibungen des Alltäglichen, zuhauf finden lassen. So wird das Gemüse im Garten blass angesichts des Todes, ein Kind verschläft viele Jahre seines Lebens, ein anderes erscheint dem Bruder als ein Stück Holz, Menschen werden zu Pflanzen usw.
Und zwei alterslose Figuren durchziehen den ganzen Roman, sind nicht gebunden an Ort und Zeit. Das ist zum einen Anna, die Hebamme des Dorfes, die bei jeder Geburt den Müttern zur Seite steht, aber auch bei unerwünschten Kindern Abhilfe weiß. Und am Ende eines Lebens erscheint Nora, die Leichenfrau, die unter ihrem schwarzen Kleid bunte Farben trägt. Tröstlich auch die Vorstellung, dass auf die Verstorbenen schon ihre Vorfahren warten, die vorangegangen sind.
Obwohl ich ansonsten kein Freund von surrealen Texten bin, so fügen sich hier die phantastischen Elemente hervorragend in das Gesamtkonzept des Romans.
Anna Maschik hat mich mit ihrem Debut mehr als überzeugt. Ihr Gefühl für Rhythmus und Magie, ihre poetische Sprache und ihre eigenwillige Erzählform wirken lange nach.




Außergewöhnliche Geschichte über vier Generationen, voll von Symbolik und magischem Realismus
2025-11-12 13:15:00
Henrike, die Urgroßmutter der Ich-Erzählerin Alma, gelingt es so immer wieder mal, heimlich ein Tier zu schlachten und alle Teile davon zu verwerten, um dem Gatten und Sohn auf Fronturlaub besondere, nahrhafte Köstlichkeiten anbieten zu können. Dieses Buch wäre aber nicht, was es ist, wenn es sich nicht lohnen würde, auch noch auf anderen Ebenen über diesen Satz nachzudenken: über das Leben und Sterben, über das Schlachten, über die, die im Verborgenen getötet werden.
Geboren-Werden und Sterben sind zwei wichtige Säulen, die dieses Buch tragen und beide von Frauen symbolisiert werden: da gibt es die tüchtige Hebamme Anna, die so vielen Kindern ins Leben hilft, während der Kriegszeit verweigert, eine illegale Abtreibung durchzuführen (und doch die ungewollt Schwangere auf den früh blühenden Weizen verweist, dessen Mutterkorn Fehlgeburten auslösen kann) und später doch solche durchführt, die manchmal gelingen und manchmal nicht.
Wirkt das Buch zuerst wie eine recht normale österreichisch-deutsche Bauerngeschichte, so zeigt auch diese Figur, dass mehr dahinter ist: Anna ist ein Archetyp, keine reale Figur, denn sie scheint jenseits von Zeit und Raum an ganz unterschiedlichen, weit voneinander entfernten Orten und zu verschiedenen Zeiten aufzutauchen. Genauso wie ihre Kollegin Nora, die die Menschen gemeinsam mit den schon vorangegangenen Ahnen über die Schwelle aus dem Leben und ins Jenseits begleitet. Gekleidet ist sie an der Oberfläche in schwarz, für die trauernden Hinterbliebenen, doch darunter trägt sie alle bunten Farben, die immer wieder mal an der einen oder anderen Stelle schillernd hervorblitzen.
Oft treten die beiden gemeinsam auf, denn nicht so selten liegen Geboren-Werden und Todesgefahr ganz nah beieinander: wenn eine misslungene Abtreibung dazu führt, dass das Baby, das schließlich Miriam, das ungeliebte dritte Kind und später die Mutter der Ich-Erzählerin Alma, sein wird, doch geboren wird. Oder auch, noch viel mysteriöser, wenn Henrike als erstes Kind einen Sohn gebärt, der viele Jahre nur schlafen wird und bei dem selbst der Pfarrer rät, dafür zu beten, er möge von seinem Leiden erlöst werden - und der dann auf einmal, fast schon erwachsen, plötzlich die Augen öffnet und ein fast normaler junger Mann wird, als hätte er im Schlaf alle nötigen Fähigkeiten dazu erworben, aber zeitlebens blind bleibt für so vieles.
Geschichten über das bäuerliche Österreich habe ich schon viele gelesen, aber noch keine, die mit diesem subtil und geschickt eingewobenen magischen Realismus und der punktgenauen, poetischen Sprache dermaßen zum Nachdenken anregt. Szenen des bodenständig-pragmatischen Alltags im ländlichen Umfeld wechseln sich mit magischen Einschüben ab und die Leserinnen und Leser sind angehalten, mit ihrer Aufmerksamkeit voll bei diesem Buch zu bleiben, um überhaupt zu bemerken, wann es wieder zu einem Wechsel zwischen den Welten kommt. Oder sind die beiden Welten, die bodenständig-pragmatische und die surreal-mystische, immer zutiefst miteinander verbunden und wir merken es nur nicht?
Hier zur Illustration noch ein paar ausgewählte Zitate aus diesem besonderen Buch:
"Sie weiß, dass sie auf dem Wochenmarkt zwölf Eier für eine Mark und ein Kilogramm Rindfleisch für drei Mark verkaufen und damit einen Tagelöhner bezahlen kann, um den Stallmist zu streuen. Sie weiß, wie man ein Fieber senkt, eine Wunde verbindet und eine Tinktur gegen Husten braut. Was sie nicht weiß, ist, wie man den Geschwistern die Mutter ersetzt." (S. 14)
"Schlafende sind mir nicht geheuer. Sie sind freiwillige Tote, die mich allein hier zurückgelassen haben. Wohin sie sind, kann ich nicht folgen und das verzeihe ich ihnen nicht." (S. 57)
"Nora zieht die Tür des Schlafzimmers hinter sich zu, darin ist es angenehm warm mit einem Geruch nach feuchter, dunkler Erde. Sie legt ihr schwarzes Kleid ab, darunter trägt sie heimlich bunte Farben. Das Schwarz ist wichtig für die Lebenden, doch sie ist sich sicher, dass die Toten ihr die Farben nicht verübeln. Nora mag ihre Arbeit, es ist das Einzige, wofür sie eine Begabung hat. Wenn sie über die Schwelle eines Hauses tritt, weiß sie sofort, ob hier ein Sterbender oder ein Toter liegt. Es ist ihr lieber, wenn sie nicht zu früh gerufen wird, wenn sie den Pfarrer und die Familie fortschicken und in Ruhe beginnen kann." (S. 199)
Leseempfehlung für alle, die sich auf eine besondere Erzählweise österreichisch-deutscher, bäuerlich geprägter Familiengeschichte unter der Linse des magischen Realismus einlassen können, der in diesem Buch gegen Ende zunehmend mehr Raum einnimmt, wodurch es sich immer weiter von der uns als bekannt angenommenen Realität entfernt, dadurch allerdings auf sehr interessante Art und Weise bisher Bekanntes aufbricht und mit seinen Metaphern neue gedankliche Wege anregt.