Kundenrezensionen von Bücherfreundin





Weiterleben
von Patrick Charnley
Der Debütroman "Weiterleben" des englischen Autors Patrick Charnley basiert auf seinen persönlichen Erfahrungen. Er erlitt im Februar 2021 einen 40-minütigen Herzstillstand. Dank schneller Hilfe wurde sein Leben gerettet, aufgrund eines Sauerstoffmangels kam es zu gravierenden Gehirnschädigungen, die ihn auch heute noch beeinträchtigen.
Der 20-jährige Ich-Erzähler Jago Trevarno war 40 Minuten lang tot, sofortige Reanimation und eine darauffolgende Operation am offenen Herzen haben sein Leben gerettet. Seitdem ist nichts mehr, wie es war. Aufgrund von Gehirnschädigungen muss er mit vielen Einschränkungen leben. Er ist vergesslich, leidet unter dem Fatigue-Syndrom, hat Probleme mit den Augen, mit dem Lesen und Schreiben. Freude, Traurigkeit und Langeweile vermag er nicht mehr zu empfinden. Seine Mutter ist vor kurzem infolge einer Krebserkrankung verstorben, den Vater kennt er nicht. Daher lebt Jago seit 5 Monaten bei seinem Onkel Jacob, dem älteren Bruder seiner Mutter. Jacob ist Selbstversorger in Cornwall, er hat zwei Pferde, betreibt eine kleine Rinderfarm und baut Gemüse an. Er kümmert sich sehr liebevoll und fürsorglich um seinen Neffen. Die beiden führen ein ruhiges Leben auf Jacobs Hof, es gibt bis auf die Steckdose für die Gefriertruhe keinen Strom, Öllampen sorgen für behagliches Licht. Die Ruhe der beiden wird gestört, als Jacobs zwielichtiger Nachbar Bill Sligo ihm ein an der Küste gelegenes Grundstück abkaufen möchte und dabei auch vor kriminellen Aktionen nicht zurückschreckt ...
Die Geschichte ist in schöner Sprache sehr ruhig erzählt. Der Autor beschreibt die malerische Küstenlandschaft und das einfache, dabei aber auch harte Leben auf dem Land. Es ist ein langsames, ein achtsames Leben im Einklang mit der Natur. Wir beobachten Jagos und Jacobs Alltag mit seinen Ritualen, das Zubereiten ihrer Mahlzeiten, das sparsam eingerichtete und ordentliche Haus. Sie kümmern sich in einer friedlichen und für Jago heilsamen Atmosphäre um die Versorgung der Tiere und die Gemüsebeete. Die Erzeugnisse verkaufen sie auf dem Markt in St. Ives.
Die sympathischen Charaktere sind authentisch und bildhaft geschildert, der Autor lässt uns tief in Jagos Gedanken- und Gefühlswelt blicken. Seine gesundheitlichen Einschränkungen und die damit verbundenen Probleme und Herausforderungen beschreibt er mit sehr viel Empathie. Meine Lieblingsfigur war der geduldige und ausgeglichene Jacob, für den es selbstverständlich war, seinen Neffen bei sich aufzunehmen. Er gibt ihm Ruhe und Geborgenheit, und er achtet darauf, dass Jago sich bei der täglichen Arbeit auf dem Hof nicht überanstrengt, lange Pausen einlegt und ausreichend schläft.
Der Roman hat für mich nur eine einzige Schwäche: die Geschichte um Bill Sligo. Obwohl durchaus spannend erzählt, fand ich sie entbehrlich und hätte stattdessen lieber mehr über Sophie gelesen. Trotz dieses Kritikpunkts habe ich das Buch mit sehr viel Freude gelesen, es hat mich begeistert, gefesselt und zutiefst berührt. Es regt zum Nachdenken an über das eigene Leben, unsere Gesundheit und unseren hektischen Lebensstil.
Absolute Leseempfehlung für diese hoffnungsvolle und warmherzige Geschichte mit Tiefgang, die gänzlich ohne Sentimentalitäten auskommt und für mich bereits jetzt eines meiner diesjährigen Lesehighlights ist!





Falls jemand fragt, wer wir waren
von Eva Kranenburg
In ihrem aktuellen Roman "Falls jemand fragt, wer wir waren" verknüpft die Autorin Eva Kranenburg, die in Dresden lebt und als Psychotherapeutin und Drehbuchautorin tätig ist, die Suche eines jungen Mädchens nach seiner Freundin mit den Geschehnissen des Volksaufstands am 17. Juni 1953 in Halle.
Die 16-jährige Schülerin Mathilde Kersten, genannt Tilla, lebt mit ihrem Vater, einem KZ-Überlebenden, in einer kleinen Wohnung in Halle. Als Tilla die 17-jährige Rena kennenlernt, findet sie in ihr eine Freundin, mit der sie viel Zeit verbringt. Als Rena plötzlich verschwindet, begibt Tilla sich auf die Suche. Zu Ihrer Überraschung muss sie feststellen, dass die Frau, die Rena als ihre Mutter ausgegeben hat, überhaupt keine Kinder hat, und dass das Haus, in dem sie angeblich mit ihrem Vater wohnt, nur eine Fassade ist. Anfangs fühlt sie sich von ihrer Freundin verraten, vermutet dann aber doch einen triftigen Grund für Renas Verhalten. Sie will das Rätsel um Rena lösen und beginnt, nachdem ihre Vermisstenanzeige bei der Polizei keinen Erfolg zeigt, mit eigenen Nachforschungen.
Die aus vier Teilen bestehende Geschichte ist auf zwei Handlungsebenen in der Ich-Form erzählt: die wenigen Wochen mit Rena und die Zeit nach ihrem Verschwinden. Den Höhepunkt des Romans stellen die Geschehnisse während des Volksaufstands am 17. Juni 1953 in Halle dar. Am Ende des Buchs beschreibt die Autorin den historischen Kontext.
Ich habe das packende Buch bis zum für mich stimmigen Ende sehr gern gelesen. Die Autorin skizziert die Protagonisten, ganz besonders die etwas naive Tilla, authentisch und bildhaft. Sie ist eine gute Schülerin, die gern Journalistin werden möchte, glaubt an den Sozialismus und sieht in ihm den einzigen Weg für dauerhaften Weltfrieden. Je länger sie nach Rena sucht, desto mehr Zweifel regen sich in ihr. Sie beginnt vieles zu hinterfragen, wird dabei immer mutiger, und auch ihr Vater muss sich ihren unbequemen Fragen stellen. Sehr gut dargestellt fand ich auch die kämpferische Rena, die furchtlos und zielstrebig ihren Weg geht.
Ich finde es sehr gelungen, wie die Autorin die Geschichte der beiden Mädchen in die politische Situation rund um den 17. Juni 1953 eingebettet hat. Der damalige Zeitgeist ist hervorragend eingefangen, außerdem gibt das Buch einen intensiven Einblick in das Leben und den Alltag in der jungen DDR. Allerdings empfand ich Tillas Entwicklung von der überzeugten Sozialistin zur Widerstandskämpferin als etwas zu schnell und daher nicht ganz realistisch.
Trotz meines Kritikpunktes Leseempfehlung für diesen beeindruckenden und hervorragend recherchierten Roman über ein wichtiges Kapitel der deutschen Geschichte!





Tschikago
von Alexandra Stahl
In "Tschikago", dem aktuellen Roman von Alexandra Stahl, steht neben dem Leben der Großeltern der Autorin das Älterwerden im Fokus.
Nach dem Scheitern ihrer Ehe zieht die Mutter der damals 3-jährigen Ich-Erzählerin Alexandra zu ihren Eltern in ein kleines Dorf in Unterfranken. Fortan wächst das Mädchen in der Nähe der Großeltern auf und erinnert sich Jahre später mit viel Liebe und Humor an die gemeinsame Zeit. Die Großeltern sind noch jung, bei Alexandras Geburt ist ihre Großmutter 46 Jahre, der Großvater 49 Jahre alt. Die Großmutter arbeitet bis zu ihrer Frühpensionierung wegen Schwerhörigkeit in einer Holzfabrik. Sie sammelt Puppen, schaut regelmäßig die Spielshow "Glücksrad", gibt Tupperpartys und füttert zum Leidwesen des Großvaters neben den beiden eigenen auch streunende Katzen. Der Großvater ist als Elektriker in einer Chemiefabrik tätig. Er liest Böll, sieht regelmäßig "Ran" und hortet Steckdosen und Verlängerungskabel. Die Ehe des Paares ist nicht perfekt, häufig gibt es kleine Streitereien, doch am Ende eines jeden Tages "sind sie unzertrennlich".
Der Roman ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil lernen wir die Großeltern der Autorin kennen, im zweiten Teil fängt die mittlerweile 29-Jährige nach dem Tod des Großvaters in einem Berliner Seniorenheim als Ehrenamtlerin an. Anfangs besucht sie einmal wöchentlich eine Bewohnerin, später leitet sie eine Biografiegruppe, in der die Senioren ihre persönlichen Erinnerungen miteinander teilen. Im dritten Teil des Buches erinnert die Autorin sich an zurückliegende Besuche bei der Großmutter.
"Tschikago" ist ein Buch über das Älterwerden, die Beschwernisse des Alters und das Abschiednehmen. Alexandra Stahl erzählt die Geschichte ihrer Großeltern in schöner Sprache, die Dialoge im fränkischen, für mich gut lesbaren und verständlichen Dialekt. Mit viel Wärme, Empathie und Humor beschreibt sie das Zusammenleben zweier Menschen, die 57 Jahre eng verbunden waren. Obwohl mir dieser erste Teil des Buches am besten gefallen hat, habe ich auch die teils sehr berührenden Geschichten über die Heimbewohner und ihre Gespräche und Lebensweisheiten, teils im Berliner Dialekt, gern gelesen. Der dritte Teil konnte mich leider nicht überzeugen, er folgt keinem roten Faden und springt zwischen Erinnerungen an die Besuche bei der Großmutter, dem eigenen beruflichen Werdegang und losen Gedankensplittern hin und her.
Ich habe das Buch, das keine durchgehende Geschichte erzählt, gern gelesen. Ich mochte nicht nur die authentisch beschriebenen Großeltern der Autorin, sondern auch ihre ruhige und liebevolle Erzählweise, ihren wunderbaren Humor und die im Dialekt geschriebenen Dialoge.
Leseempfehlung für alle, die sich für das Thema Älterwerden interessieren und bereit sind, sich auf einen fragmentarischen Erzählstil einzulassen.





Fremde
von Belle Burden
In ihrem Debüt "Fremde" erzählt die amerikanische Autorin Belle Burden die Geschichte ihrer Ehe. Das Buch ist im Januar 2026 in den USA erschienen und stand dort monatelang auf der Bestsellerliste der "New York Times".
Die Ich-Erzählerin Belle und ihr Ehemann James beschließen im März 2020, wegen der Pandemie vorübergehend von ihrem Wohnsitz in New York in ihr Ferienhaus auf Martha's Vineyard zu ziehen. Von dort aus werden sie im Homeoffice arbeiten, Belle als Anwältin, James als Hedgefondsmanager. Die beiden gemeinsamen Töchter Carrie und Evie begleiten sie, ihr Sohn Finn bleibt mit seinem Freund und dessen Eltern auf Long Island. Die Familie verbringt harmonische Tage, es wird gemeinsam gegessen, man geht spazieren, nachmittags brennt ein Feuer im Kamin. Wenige Tage nach ihrer Ankunft erhält Belle einen Anruf von einem Fremden, der ihr mitteilt, dass ihr Mann eine Affäre mit seiner Frau habe. Damit konfrontiert, beteuert James, dass er Belle liebe und die Affäre vorbei sei. Am nächsten Morgen eröffnet er seiner Frau, dass er beschlossen habe, sich scheiden zu lassen. Wenig später verlässt er das Haus. Für Belle bricht eine Welt zusammen ...
Belle Burden verarbeitet in ihrem Buch das Ende ihrer Ehe, die 1999 geschlossen wurde, für die Ewigkeit, so schien es damals. Sie passten perfekt zusammen, die drei Wunschkinder werden geboren, und Belle gibt ihren Beruf auf, um sich der Familie zu widmen. Sie ist glücklich als Vollzeitmutter, engagiert sich ehrenamtlich gegen häusliche Gewalt und vertritt jugendliche Einwanderer. James macht Karriere, bald steht für ihn die Arbeit an erster Stelle. Er hat immer weniger Zeit für seine Familie und kommt erst am späten Abend nach Hause.
Offen und ehrlich beschreibt die Autorin nicht nur die Jahre mit James, sie lässt neben ihrer eigenen Vergangenheit auch die ihrer Eltern in das Buch einfließen. Sie stammt aus einer wohlhabenden New Yorker Familie, ist die Tochter eines Politikers und einer Stadtplanerin. Kurz vor ihrem 50. Geburtstag steht sie vor den Trümmern ihrer Ehe. Ein schmerzhafter Prozess der Loslösung von dem Mann, den sie zu kennen glaubte, beginnt. Während James' Familie sich von Belle lossagt und den Kontakt zu ihr abbricht, stehen ihre Freundinnen, ihre Mutter und die Stiefmutter fest an ihrer Seite. Anfangs am Boden zerstört, sich ständig nach dem Warum fragend und ohne jegliches Selbstwertgefühl, gelingt es der schüchternen Belle nach und nach, sich mutig der neuen Situation zu stellen. Sie kämpft für ihre Rechte und gewinnt ihre Identität und ihr Leben zurück.
Ich habe das fesselnde Buch sehr gern gelesen, es ging mir unter die Haut und hat mich zutiefst berührt. Belles Verzweiflung, ihren Schmerz und ihre Trauer konnte ich gut nachempfinden. Ich habe ihr gewünscht, dass sie es bald schafft, sich innerlich von dem Menschen zu lösen, der sie nach 20 scheinbar glücklichen Ehejahren völlig emotionslos verlassen hat.
Es hat mich erschüttert, dass James auf das Sorgerecht für die Kinder verzichtete und den Kontakt zu ihnen auf ein Minimum reduzierte. Ein Treffen pro Woche reichte ihm. Nie durften sie bei ihm übernachten, nie machte er Urlaub mit ihnen.
Verwundert hat mich Belles Naivität im Zusammenhang mit dem auf James' Wunsch hin geänderten Ehevertrag. Sie übersah erste Warnsignale und überließ ihrem Mann sämtliche finanziellen Angelegenheiten.
Gut gefallen hat mir, dass die Autorin ihre Geschichte mit viel Empathie, dabei aber auch vollkommen sachlich und ohne Schuldzuweisung erzählt.
Absolute Leseempfehlung für dieses großartige und mutige Buch, das in Kürze mit Gwyneth Paltrow als Produzentin und Hauptdarstellerin verfilmt wird.





Tage am Fluss
von Jochen Mariss
Im Mittelpunkt von "Tage am Fluss", dem Debütroman von Jochen Mariss, steht die alleinstehende Sara Harmsen. Die fast Fünfzigjährige lebt zurückgezogen mit ihrer Hündin Luna, sieben Hühnern und drei Schafen auf einem abgelegenen Hof. In vierter Generation betreibt sie eine kleine Personenfähre, die das Dorf Erlengrund mit der Stadt verbindet. Eines Tages kommt ein junger Mann an Bord, er ist verletzt und erinnert sie an ihren jüngeren Bruder. Sie nimmt ihn mit nach Hause und behandelt seine Wunden. Leon möchte bei ihr bleiben und bietet ihr als Gegenleistung handwerkliche Dienste für ihr über die Jahre vernachlässigtes Anwesen an. Sara, anfangs wenig begeistert von Leons Anwesenheit, stellt bald fest, dass sie beide die Natur lieben und ihnen der Klimaschutz am Herzen liegt. Während sie und Leon sich langsam einander annähern, erfährt sie, dass der junge Mann ein von der Polizei gesuchter Klimaaktivist ist ...
Die Geschichte ist in schöner Sprache und in ruhigem Tempo erzählt, sie liest sich sehr flüssig. Wir lernen die menschenscheue und schroffe Selbstversorgerin Sara kennen, die ihre Tiere und Bücher liebt. Ich fand es interessant, Sara in ihrem Alltag zu begleiten, ihr bei ihren zahlreichen Tätigkeiten auf der Fähre und dem Hof über die Schulter zu schauen. Sie sorgt sich um die Existenz ihres Fährbetriebs, da der Bürgermeister plant, eine Brücke über den Fluss zu bauen. Leon macht sich Sorgen wegen seiner Zukunft, er hat sein Studium abgebrochen und sich einer Gruppe angeschlossen, die für den Erhalt des Uhlendorfer Forsts kämpft. Neben der Handlung um Sara und Leon bilden die wichtigen Themen Umweltschutz und Klimawandel einen weiteren Schwerpunkt des Romans.
Das Buch, in dem es auch um eine schwierige Kindheit, um Schuldgefühle und deren Auswirkungen auf das ganze Leben geht, hatte intensive Momente, die mich sehr berührt haben. Leider wurden einige Themen nur oberflächlich angerissen und nicht weiter verfolgt, manches war vorhersehbar, manches unrealistisch und überzogen. Die Klimathematik nahm für mein Empfinden etwas zu viel Raum ein. Dennoch habe ich den Roman bis zum stimmigen Ende gern gelesen und mich gut unterhalten gefühlt.





Wildboden
von Constantin Lieb
In seinem Debütroman "Wildboden", der im Insel Verlag erschienen ist, erzählt Constantin Lieb die Geschichte einer außergewöhnlichen Liebe.
Ernst Ludwig Kirchner, einer der wichtigsten Vertreter des Expressionismus, und seine Lebensgefährtin Erna Schilling leben seit 15 Jahren zurückgezogen in Frauenkirch, einem Ortsteil der Gemeinde Davos. Der Künstler wünscht sich sehnlichst, dazuzugehören, doch die Bewohner des Ortes begegnen ihm und Erna immer noch mit Skepsis. Nur wenige interessieren sich für Kirchners Kunst. Erna leidet unter Depressionen, sie fühlt sich einsam und hat Heimweh nach Berlin. Kirchner ist traumatisiert von Ereignissen während des Ersten Weltkriegs und seitdem immer wieder abhängig von Medikamenten. Seine Welt bricht zusammen, als er erfährt, dass in Deutschland seine Werke als entartete Kunst bezeichnet werden und er von den Nationalsozialisten aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen wurde. Freunde, Sammler und Unterstützer wenden sich von ihm ab, er verkauft keine Bilder mehr. Auch die sich zuspitzende politische Situation belastet den Künstler zunehmend, er hört Stimmen und wird von Wahnvorstellungen gequält ...
Der Roman ist in ganz wunderbarer Sprache ruhig erzählt und liest sich sehr flüssig. Wir tauchen ein in die beiden letzten gemeinsamen Jahre eines Paares, bei dem die Rollen klar verteilt sind. Während Kirchner sich ganz seiner Kunst widmet, hält Erna ihm den Rücken frei, kümmert sich um den Haushalt und alles Geschäftliche. Bereits vor ihrem Umzug von Berlin in die Schweiz war sie ihm eine unverzichtbare Mitarbeiterin.
Das Buch ist keine leichte Kost, es hat mich gefesselt und zutiefst berührt. Der damalige Zeitgeist ist hervorragend dargestellt, die Zeichnung der Charaktere authentisch und bildhaft. Der Künstler ist schwierig und egozentrisch, er behandelt Erna des Öfteren mit verletzender Herablassung und demütigt sie. Das Paar hat eine Abmachung, die besagt, dass "das Werk über allem steht", für Kirchner ist Erna in erster Linie eine Kameradin. Ich hatte oft Mitleid mit Erna, die nicht nur gegen ihre eigenen Depressionen kämpfte, sondern auch verzweifelt Kirchner zu retten versuchte.
Constantin Liebs beeindruckender Roman über Kunst und Liebe, Abhängigkeit und Verlust basiert auf über 3500 Briefen und Postkarten, Tagebüchern, Fotografien und auch den Werken Ernst Ludwig Kirchners. Ich habe die Geschichte, die die historischen Begebenheiten geschickt mit literarischer Fiktion verwebt, sehr gern gelesen und empfehle sie nicht nur Kunstinteressierten!





Alleinruhelage
von Eva Menasse
In ihrem neuen Roman "Alleinruhelage" beschreibt die Wiener Schriftstellerin Eva Menasse den Abschied einer Frau von ihrem in den Wäldern Brandenburgs an einem See gelegenen Wochenendhaus. Das Haus hat viel gesehen, die Ehe der namenlosen Ich-Erzählerin und das Aufwachsen der Kinder miterlebt und ist später Zeuge des Scheiterns der Ehe und diverser Neuanfänge geworden. Die Protagonistin hat bereits vor über 10 Jahren dreimal versucht, es zu verkaufen, und dreimal hat sie den Verkauf wieder gestoppt. Doch nun ist es so weit: Das Haus wird verkauft. Während sie die letzten Dinge aus dem Haus räumt, erinnert sie sich an das Familienleben mit den drei Kindern, an vergangene Lieben und Kümmernisse.
Die Geschichte ist in intelligenter Sprache mit viel Humor erzählt und liest sich sehr flüssig. Es hat mir viel Lesefreude bereitet, den Gedankensprüngen der Ich-Erzählerin zu folgen. Das Haus war in früheren Zeiten eine Waldschänke, ehe die Protagonistin und ihr Mann es nach der Wende kauften und fortan zwischen Berlin und Vogelsang pendelten. In unzähligen Arbeitsstunden und mit Hilfe eines Nachbarn entstand ein Zuhause, in dem sich die Familie wohlfühlte. Das Haus war nicht nur das Wochenendhaus der Familie, sondern auch immer wieder ein Rückzugsort für die Protagonistin oder ihren Ehemann. Einmal im Jahr wurde dort mit Freunden so fröhlich gefeiert, dass sich die Bewohner der benachbarten Datschen beschwerten.
Ich habe die Geschichte, in der es neben dem Abschiednehmen auch um Probleme mit der Tochter, den Besuch bei einem Hellseher, um Heimat, Fremdheit und Ablehnung geht, sehr gern gelesen. Auch die besondere Erzählweise - die Protagonistin spricht ihr Haus ganz direkt an - hat mir gut gefallen. Eva Menasses feiner Humor durchzieht den ganzen Roman, die Schilderung der Renovierungsarbeiten durch die beiden polnischen Helfer Alla und Bolek fand ich besonders amüsant. Ich mochte aber auch die ernsteren Töne des Buches: die Gesellschaftskritik, die Ausführungen über die deutsch-deutsche Geschichte und die Beschreibung, wie es ist, als Österreicherin in Ostdeutschland zu leben.
Absolute Leseempfehlung für diesen unterhaltsamen Roman!





Die Straße
von Robert Seethaler
Ich habe mich sehr darüber gefreut, als ich gelesen habe, dass Robert Seethaler ein neues Buch geschrieben hat. Nach seinem grandiosen Bestseller "Ein ganzes Leben" habe ich "Café ohne Namen" gelesen, beide Bücher haben mich begeistert.
In "Die Straße" begleiten wir über den Zeitraum eines Jahres zahlreiche Personen, die in der Heidestraße, einer Straße in einem nicht benannten Ort, leben. Anders als in den anderen Romanen des Autors haben wir es nicht mit einer sich fortlaufend entwickelnden Handlung zu tun. Wir lernen die Bewohner der Heidestraße durch kurze Momentaufnahmen kennen. Es gibt einen jungen Mann, der ein kleines Ladenlokal anmietet, um dort ein Antiquariat mit 17.000 Büchern einzurichten. Eine Blumenhändlerin schreibt Liebesbriefe an ihren Angebeteten und wird sie nie absenden, eine Pflegedienstleiterin in einem Altersheim bekämpft ihre Einsamkeit mit Naschereien aus der Bäckerei, eine Nichte bezieht die Wohnung ihrer Tante, die nun im Pflegeheim lebt. Es gibt einen neuen Pfarrer, der den alten abgelöst hat, und da ist der Polizist, der über zu wenig Personal verfügt.
Die Themen des Buchs sind vielfältig, es geht um Alter und Tod, Liebe und Schmerz, Obdachlosigkeit und Kriminalität, Glauben und Vorurteile. Neben dem Straßenfest, bei dem nicht alles glatt läuft, sind Kündigungen von Mietverhältnissen, ein Brand und mehrere Todesfälle weitere Schwerpunkte.
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Die Grundidee des Buches, eine Straße und ihre Bewohner in kurzen Kapiteln zu porträtieren, hat mir gut gefallen. Leider ist es nicht einfach zu lesen, es gibt sehr viele, sehr kurze Abschnitte mit ständig wechselnden Personen, knappe Dialoge, Monologe, Briefe, Dienstpläne und Beschreibungen. Der Handlung zu folgen, ist eine Herausforderung, zumal nur die Namen einiger Personen genannt werden und sämtliche Protagonisten als Ich-Erzähler auftreten. Es bedarf einiger Geduld, erst nach und nach werden die einzelnen Fragmente zusammengefügt und Zusammenhänge erkennbar.
Ich mag die Sprache des Autors sehr, und ich mochte die Episoden um den Antiquar, die Pflegedienstleiterin und ihr Personal sowie die Heimbewohner. Das Buch ist sicherlich von hoher literarischer Qualität, dennoch bin ich mit Robert Seethalers neuem, für mich recht ungewöhnlichen Erzählstil nicht richtig warm geworden, der Roman vermochte mich leider weder zu fesseln noch zu begeistern. Ich wünsche mir, dass der Autor in seiner nächsten Geschichte wieder zu seinem gewohnten Stil zurückkehrt.
Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich auf einen außergewöhnlichen Erzählstil einzulassen.





Ein weites Leben
von M. L. Stedman
Die australische Schriftstellerin M. L. Stedman hat nach ihrem im Jahr 2014 erschienenen erfolgreichen Debütroman "Das Licht zwischen den Meeren", der in 45 Sprachen übersetzt und mit Michael Fassbender und Rachel Weisz in den Hauptrollen verfilmt wurde, nun mit "Ein weites Leben" ihren zweiten Roman veröffentlicht. Mehr als zehn Jahre hat sie sich Zeit genommen, um ein Buch über das Leben und Leid einer Familie zu schreiben, die auf einer Schaffarm in Australien lebt.
Seit Generationen bewirtschaftet die Familie MacBride ihre riesige Schaffarm Meredith Downs im Westen des Landes. Wir schreiben das Jahr 1958, als die drei Männer der Familie, der Vater Phil und seine beiden Söhne Warren und Matt, mit dem Lastwagen unterwegs sind. Bei einem Ausweichmanöver wegen eines Kängurus kommt es zu einem tragischen Unfall, bei dem Phil und der 22-jährige Warren ums Leben kommen. Der 17-jährige Matt überlebt das Unglück mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma. Seine Mutter Lorna trägt nun die Verantwortung für die Farm, gemeinsam mit Matts Schwester Rosie hält sie den Betrieb mithilfe von Nachbarn und Miles Beaumont, einem adeligen Praktikanten aus England, aufrecht. Nach Matts Klinikaufenthalt folgt eine lange Rehamaßnahme. Während einer kurzen Rehaauszeit kommt es zu einem Ereignis, das sein ganzes Leben beeinflussen wird ...
Auf 526 Seiten erzählt die Autorin die Geschichte einer Familie, deren Leben sich durch ein schreckliches Unglück vollkommen verändert. Zurück bleiben die Mutter, ihre Tochter Rosie und ihr schwerverletzter Sohn, der nur langsam ins Leben zurückfindet. Schon bald muss die Familie einen weiteren Schicksalsschlag verkraften.
Die Geschichte ist in schöner, eingängiger Sprache flüssig erzählt, die Charaktere sind authentisch beschrieben, ganz besonders der innerlich zerrissene Matt, die rebellische Rosie und der Kängurujäger Pete, der ein Geheimnis hütet. Lornas Enkel Andy, der mit Hingabe Steine sammelt, habe ich sofort in mein Herz geschlossen. Wir begleiten die Figuren über mehrere Jahrzehnte, ihre Entwicklung fand ich überzeugend und glaubhaft dargestellt.
Die Autorin beschreibt die Kargheit des Landes und das entbehrungsreiche Leben der Menschen im australischen Outback sehr beeindruckend. Sie leben unter extremen klimatischen Bedingungen und sind den Naturgewalten ausgesetzt. Die detaillierten Ausführungen über die harte Arbeit auf einer Schaffarm, die aus Haltung und Zucht sowie aus der Produktion von Wolle besteht, fand ich sehr interessant.
Ich habe das Buch, in dem es um Schuldgefühle und Geheimnisse, Verzicht und Einsamkeit geht, sehr gern gelesen, es hat mich trotz einiger Längen gefesselt und berührt. Es gibt überraschende Wendungen und mehrere Nebenhandlungen, das Ende ist stimmig und hoffnungsvoll. Ich habe mir für die Lektüre Zeit gelassen, zahlreiche Nebenfiguren und häufige Zeitsprünge erfordern konzentriertes Lesen.
Ich kann mir "Ein weites Leben" gut als Vorlage für eine Verfilmung vorstellen und empfehle das Buch sehr gern weiter.





Ein unerhörter Wunsch
von Ann Packer
In ihrem aktuellen Roman "Ein unerhörter Wunsch" erzählt die amerikanische Autorin Ann Packer die Geschichte von Claire und Eliot. Die beiden sind in den Sechzigern, seit 35 Jahren glücklich verheiratet und haben zwei Kinder und zwei Enkel. Während ihre Tochter Abby als Kinderärztin arbeitet, verheiratet ist und bereits zwei Kinder hat, versucht ihr Sohn Josh, als Musiker Karriere zu machen und verdient seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten.
Claire ist seit fast 9 Jahren krebskrank, und der Besuch beim Onkologen ergibt, dass sie austherapiert ist und sich nun in ihrer letzten Lebensphase befindet. Eliot, der sich liebevoll um seine Frau kümmert, ist vorzeitig in den Ruhestand gegangen, um für sie da zu sein. Er weiß, dass er in wenigen Monaten allein sein wird und ist vollkommen erschüttert, als Claire ihm eröffnet, dass sie ihre letzten Wochen nicht mit ihm, sondern mit ihren engsten Freundinnen Holly und Michelle verbringen möchte. Eliot muss nun entscheiden, ob er Claires Wunsch erfüllen oder darauf bestehen soll, bis zu ihrem Ableben an ihrer Seite zu bleiben.
Die Geschichte ist in sehr schöner Sprache und teilweise feinem Humor aus Eliots Sicht mit viel Empathie erzählt und liest sich sehr flüssig. Die Charakterzeichnung ist der Autorin hervorragend gelungen, die Figuren sind authentisch dargestellt, und sie lässt uns tief in Eliots Gefühls- und Gedankenwelt blicken. Ich konnte gut verstehen, dass Claires Wunsch ihn zutiefst verletzt hat und hatte wenig Verständnis für Claires in meinen Augen recht egoistisches Bedürfnis, die letzten Wochen nur ihre Freundinnen um sich haben zu wollen. Ich mochte Abby und Josh, doch meine Lieblingsfigur war der fürsorgliche Eliot, der immer für Claire da war. Er versorgte und pflegte sie hingebungsvoll, und er tat alles, um ihr das Leben zu erleichtern.
Ich fand die Lektüre herausfordernd, Claires Wunsch hat mich verärgert, und ich habe auch ihre Freundinnen nicht verstanden. Statt ihren Ehemann einfach beiseite zu schieben, hätte Claire versuchen können, einen Kompromiss zu finden. Ich habe Eliots Geduld bewundert und mich gefragt, wie ich an seiner Stelle reagiert hätte. Hätte ich den Freundinnen kampflos das Feld überlassen oder darauf bestanden, die Claire noch verbleibende Zeit mit ihr zu teilen? Mich hat auch die Frage beschäftigt, ob man einem Sterbenden jeden Wunsch erfüllen muss. Hat ein Sterbender das Recht, einen anderen Menschen mit seinem letzten Wunsch zu verletzen?
Ann Packer beschreibt den Verlauf von Claires Krankheit glaubhaft und romantisiert auch ihre letzte Lebensphase nicht. Claire tat mir von Herzen leid, ihre Kräfte ließen zunehmend nach, und sie litt unter unbeschreiblichen Schmerzen. Ich hatte auch tiefes Mitgefühl für Eliot, der über viele Jahre an Claires Seite war, sie pflegte und es nicht verdient hatte, aus dem gemeinsamen Haus ausquartiert und aus dem Leben seiner Frau ausgeschlossen zu werden.
"Ein unerhörter Wunsch" hat mir bis zum stimmigen Ende sehr gut gefallen, die Geschichte hat mich aufgewühlt und erschüttert, gefesselt und zutiefst berührt. Sie wird mich noch lange beschäftigen.
Absolute Leseempfehlung für diesen großartigen Roman!









