Kundenrezensionen von HEYN Leserunde Manfred Angerer





Im ersten Licht
von Gstrein Norbert
Norbert Gstrein schildert in seinem Roman sehr subtil tiefe Spuren von Kriegen jenseits von historisch harten Fakten; zB. für die jungen Kavaliere der Wiener jeunesse doree am Ende der Monarchie, die sich mit der Kavallerie für Kaiser, Volk und Vaterland in die Schlachten werfen durften, als körperliche und seelische Krüppel zurückgekommen sind und keinen Platz in der Gesellschaft mehr gefunden haben; für die verdiente Familie aus dem Wiener Geldadel, die wegen ihrer Herkunft einfach verschwunden ist; für den jungen begeisterten Anhänger einfacher völkischer Ideen, der als gebrochener Mensch den Krieg überlebt hat und letztlich untergeht; für die Schwester jenes englischen Soldaten, der – zu unrecht? – im Schlachtgetöse standrechtlich erschossen worden ist, und die ihr Leben lang versucht, ihn zu rehabilitieren.
Gstrein erzählt dies aus der Perspektive des Adrian, geboren 1901, vom eigenen Vater mit einem Axthieb in den Unterschenkel kriegsuntauglich gemacht, dem die Mutter eines Kavalleristen die Ausbildung zum Lehrer ermöglicht und der sich Zeit seines Lebens als Lehrer im Salzburgischen aus der Distanz mit Kriegen und Schlachten beschäftigt und dabei nicht daran denkt, sein eigenes Leben zu leben.
Der Roman ist keine „leichte Kost“. Die eher nüchterne Sprache passt meiner Meinung nach gut zu den teils düsteren und bedrückenden Schilderungen. Der Spannungsbogen erlaubt es dennoch nicht, das Buch einfach für eine Zeit wegzulegen, sondern motiviert zum Weiterlesen bis zum Ende.
Und, der Roman erzählt auch einen Teil unserer Geschichte vom Kaiserreich bis zu dem Bundespräsidenten mit subjektiven Erinnerungsschwierigkeiten, allerdings aus der Perspektive eines leicht autistisch geprägten Eigenbrötlers.
Sehr empfehlenswert für alle, die sich mit Auswirkungen von Kriegen, die über die rein journalistisch-historischen Schilderungen hinausgehen, beschäftigen wollen und vielleicht auch nachfühlen wollen, was sich in den Köpfen und Seelen unserer Vorgängergenerationen abgespielt haben könnte. Denn mein Großvater war Jahrgang 1903.





Die Passantin
von Nina George
Eine geniale Idee, den (tatsächlichen) Absturz eines Flugzeuges damit zu verknüpfen, dass eine Passagierin aus einem Impuls nicht einsteigt, um ihrem Leben als berühmte Schauspielerin einen neuen Sinn zu geben, damit die Chance erhält, als tot zu gelten und somit die bisherige Existenz zu verlassen und eine neue Identität aufbauen zu können.
Diese Grundlage ist der Einstieg in eine spannende und präzise Erzählung über bestürzt machende Frauenschicksale, einen Ort der Zuflucht, der von Frauen für derart gedemütigte und verletzte Frauen geschaffen wurde, bis hin zur Schaffung neuer Existenzen für etliche dieser Frauen.
In mancher Hinsicht liest sich der Roman, wie eine Sammlung von Schilderungen über Misshandlungen und massive Repressalien an Frauen, die in Frauenhäusern Schutz gesucht und gefunden haben. Durch die Einbindung in einen Roman wirken diese Schilderungen aber viel stärker und regen hoffentlich viele Leserinnen und Leser zum Nachdenken an. Für Spannung ist jedenfalls gesorgt.
Und das Ende ist sehr überraschend und – obwohl ein bisschen Blut fließt – auch irgendwie befriedigend, in Anbetracht von aufgestauten Rachegefühlen..
Jedenfalls sehr empfehlenswert, nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer, obwohl die im Roman genannten nur schlecht wegkommen. Deshalb nur 4 Sterne, denn es sind nicht alle Männer so, wie die im Roman gezeichneten.





Botanik des Wahnsinns
von Leon Engler
Am Beispiel der psychischen Erkrankungen der Vorgängergenerationen des Protagonisten bringt der Autor eine Einführung in die Krankenbilder gängiger psychischer Erkrankungen. Er verbindet dies mit einem Sprachwitz und nimmt damit dem Ernst und der Tragik des Themas viel an Belastung, ja er rückt so manche psychische Erkrankungen in ein anderes, eher lockeres Bild.
Verbunden werden die Schilderungen der einzelnen Krankheitsbilder durch die Erzählungen über die Herkunftsfamilie des Protagonisten, seine Kontakte zu auch nicht ganz einfachen Menschen und seine Arbeit in einer psychiatrischen Anstalt.
Mir hat das Buch sehr gefallen, weil es psychiatrische Erkrankungen ziemlich locker darstellt und gelegentlich auch Fragen aufwirft, was denn nun normal ist. Zur Entspannung trägt auch bei, dass die fachspezifischen Schilderungen in eine Erzählung eingebettet sind, die durchaus alltäglich sein könnte. Auf der anderen Seite ist dieses Buch weder ein spannender Roman noch ein wissenschaftliches Sachbuch, sondern eine ein bisschen holprige Mischung aus beidem. Und gerade deshalb hat es mir als Leser einen ziemlich unbeschwerten Einblick in die verschiedenen psychopathologischen Krankheitsbilder ermöglicht; dies oftmals garniert mit pfiffigen Bemerkungen, die für mich als Laien das Thema wesentlich erleichtert haben.





Wie Risse in der Erde
von Clare Leslie Hall
Eine durchaus berührende, wiewohl aber angenehm vorhersehbare Liebesgeschichte der Protagonistin zwischen 2 Männern und in 2 Gesellschaftsschichten. Allerdings mit dem in meinen Augen Manko, dass die unzähligen Zeitsprünge in viele kleine Sequenzen mir die Freude am Lesen zeitweise verdorben hat, weil der Erzählfluss und somit der emotionale Aufbau in der Geschichte immer wieder unterbrochen waren.
Ansonsten eine gemütliche und berührende Sommerlektüre in schöner Sprache und zeitweilig phantasievollen Wendungen.





Wild wuchern
von Köller Katharina
Marie flüchtet aus dem goldenen Käfig ihrer Ehe zu ihrer Cousine Johanna, die auf einer entlegenen Alm als Eremitin lebt, nachdem sie selbst in ihrer Jugend zur Außenseiterin gestempelt worden war.
Das Leben von Marie, geprägt von Karrieregedanken, Modeströmungen, Abhängigkeiten vom Ehemann, Erkennen der Enge im goldenen Käfig, findet einen Bruch in einer tätlichen Auseinandersetzung mit dem Ehemann. Mit ihrer Flucht auf die entlegene Alm hat sie sich zwangsläufig den Kräften und Auswirkungen der Natur unterzuordnen, quasi ein Wechsel von der Fremdbestimmung durch den Ehemann samt goldenem Käfig hin zur unbedingten Unterordnung in den Lauf der Natur. Das gibt Raum zur Reflexion, und vor allem auch zum zaghaften und vorsichtigen Austausch zwischen den beiden Cousinen.
Ein sehr berührendes Buch, das zeigt, wie die tägliche überlebensnotwendige Auseinandersetzung mit den Kräften der Natur Weite und Erfüllung und Distanz zur vormaligen Enge in einem goldenen Käfig schaffen kann.
Die Erzählung findet keinen klassischen Abschluss, sondern lässt viel Raum für die eigene Fantasie oder - vielleicht? - einen daran anknüpfenden Roman.





Für Polina
von Würger Takis
Eine wunderschöne Geschichte über Hannes und Polina von ihrer Geburt bis ………, ja das bleibt zum Glück ein bisschen offen.
Und dazwischen: die Schilderung der Entwicklung zweier junger Menschen mit all ihren Wirrungen und Verwicklungen, Missverständnissen, Unausgesprochenem, die so gar nichts heldenhaft-romantisches an sich haben, sondern von ihren eigenen „Defiziten“ (oder besser: besonderen Fähigkeiten) geprägt sind. Und als roter Faden zieht sich Klaviermusik als Ausdruck von Gefühlen, Sehnsucht und Freude durch das ganze Buch.
Besonders gefallen hat mir die Sprache. Takis Würger gelingt es, mit wenigen Worten Bilder, ja oftmals ein ganzes Kopfkino zu erwecken, wie ich es nur selten erlebt, besser: erlesen, habe.
Grandios von der ersten bis zur letzten Seite!





Malnata
von Salvioni Beatrice
Das Buch zu lesen ist sehr empfehlenswert, führt es uns doch ein in die Welt von Mädchen am Wandel zur Frau in der Zeit des Faschismus in Italien, noch vor dem 2. Weltkrieg.
Die Welt war eindeutig geordnet in patriarchalischen Strukturen und kritikloser Verehrung des Führers (duce). Frauenrechte waren klein geschrieben, vor allem für diejenigen, die in die „schlechte“ (malus) Seite der Gesellschaft geboren (natus) waren und somit als Außenseiter primär zu Verursachern alles Bösen und Unpassenden abgestempelt wurden, weil sie eben „ungezogen“ (malnata) waren.
Der Roman erzählt aus der Sicht der Francesca, die eigentlich eine „bonnata“ ist, ihren Wandel zur jungen Frau, ihrer Bewunderung für, ihrer Freundschaft und Erlebnissen vor allem mit Maddalena, einer Malnata. Die Klarheit der Sichtweisen von Maddalena, das Unverständnis der Mutter, die Ehrlichkeit und Bedrücktheit des Vaters, die (auch sexuelle) Grenzüberschreitungen der Söhne offenbar des sehr einflussreichen Herrn Colombo und Etliches mehr verpackt die Autorin in ein wirklich beeindruckendes Erstlingswerk. Garniert wird alles durch beeindruckend knappe und präzise in die Erzählung eingearbeitete gesellschaftspolitische und psychosoziale Aspekte.
Dennoch, das Buch hat mich leider nicht „gefesselt“, irgendwie hatte ich am Beginn der Abschnitte Abschnittes klare Vorahnungen über die weitere Entwicklung , auch fehlt mir die eine oder andere Vertiefung zu anderen Personen.. Enttäuscht bin ich vom Ende, das zwar dramatisch aufgebaut wird, aber dann mitten in der emotional aufgeheizten Stimmung im Gemeindesaal vollkommen offenlässt, ob das Engagement von Francesca für Maddalena zielführend war oder nicht.
Noch ein Aspekt: Das Alter der beiden Protagonistinnen entspricht ungefähr dem damaligen Alter meiner Mutter. Was hat sie in dieser Zeit erlebt? Ist Malnata vielleicht auch ein Roman, der Aspekte der Erlebnisse von Müttern der ersten Nachkriegsgeneration widerspiegelt? Denn ich glaube, der damalige Faschismus in Italien hat sich nicht wesentlich von dem bei uns unterschieden.
Eindeutige Leseempfehlung, dennoch „nur“ 4 Sterne, weil die Geschichte mich nicht fasziniert hat und für mich zu abrupt endet, ohne die Schlussszene aufzulösen oder eine solche Auflösung klar erahnen zu lassen.





Das andere Tal
von Howard Scott Alexander
Wer hat sich noch nie gewünscht, im Nachhinein seine Vergangenheit und damit das bisherige Leben zu ändern, als Basis für andere Erwartungen an die eigene Zukunft? Und wäre es nicht besonders faszinierend, sich und sein Umfeld dabei selbst beobachten zu können? Und wer könnte etwas dagegen haben? Und wie könnte ein Staatsgefüge unter solchen Prämissen "funktionieren"?
In diesem Roman schildert Scott Alexander Howard zu diesen Fragen die Fiktion der Konzentration von Gegenwart mit Vergangenheit und Zukunft in 3 angrenzenden Tälern, die durch Tagesmärsche zu Fuß erreichbar sind. Jede Änderung in der Vergangenheit hat unmittelbare Auswirkungen auf die Gegenwart und die Zukunft, oder, wie im Buch bezeichnet, würde einen Teil der Gegenwart zum Erlöschen bringen. Somit bedarf es einer sehr rigiden Staatsgewalt zur Kontrolle (oder besser: Verhinderung) des Wechsels von Bürgern zwischen den Zeiten. Sehr gekonnt baut Howard am Beispiel der am Beginn 16 jährigen Protagonistin langsam die Beschränkungen durch die Staatsgewalt auf und führt nach dem Wechsel zur dann 36 jährigen Protagonistin zu einem Bild der Überwachung und Kontrolle, das Erinnerungen an den "Eisernen Vorhang" oder auch an den Roman "Das geraubte Leben des Jun Do" von Adam Johnson weckt. Und das Ende des Romanes - in meinen Augen genial. Die vielen Bilder, die dieser Roman in mir mit der Story und den vielen philosophischen Nebenbemerkungen kreiert hat, werde ich wohl noch eine ganze Weile mit mir herumtragen und das Eine oder Andere noch einmal lesen.
Großartig und unbedingte Leseempfehlung.





Die Entflammten
von Meier Simone
Eine sehr ansprechende "Kulturgeschichte" aus dem vorletzten Jahrhundertwechsel mit interessanten Blicken hinter die Kulissen der nun berühmten Maler, vor allem Vincent van Gogh. Gleichzeitig auch etwas enttäuschend, denn meine Erwartung war, mehr über Van Gogh zu erfahren und nicht unbedingt über die Liebesgeschichte zwischen seinem Bruder Theo und der Protagonistin, seiner Schwägerin Jo. Das Buch gibt aber einen sehr feinen Einblick in das damalige Alltagsleben einer gewissen begüterten Schicht und entzaubert vermutlich verschiedene Geschichten über die damalige Zeit.





Trophäe
von Gaea Schoeters
Grandios die Erzählung über die Empfindungen des Protagonisten beim Ausleben seines Jagdtriebes, im Geschäftsleben und in der Tierwelt.
Grandios die Beschreibungen aus der Welt der Stammesbewohner, deren Kenntnis über die Natur, ihre Sicht der Zusammenhänge zwischen den Lebewesen, und ihre eigene Gelassenheit, resultierend aus ihrem Glauben an ihre Götter, ihren Platz in der Natur und in ihrem Stammesgefüge mit ihren spirituellen Ritualen.
Grandios die Beschreibung von Fauna und Flora in den afrikanischen Landschaften, die fantastische Bilder in meinem Kopf entstehen haben lassen.
Grandios vor allem aber das subtile Hinführen zu dem, was ich als Kern des Romanes zu erkennen glaube; nämlich die (moralische) Frage, ob oder inwieweit es gerechtfertigt ist, das Töten einzelner Lebewesen zu „verkaufen“, um die Population dieser Lebewesen zu stärken. Wenn ja, wo liegt die Grenze für die (lukrative) Befriedigung des Jagdtriebes eines Einzelnen? Beim „Kauf“ von Großwild, um (nach Abzug von „Schmiergeld“) Mittel für den Schutz der restlichen (Tier)Population vor Wilderern zu lukrieren? Bei der Vereinbarung der Jagd auf einen einzelnen Menschen, um damit seiner Dorfgemeinschaft als Gesamtes Mittel zur Aufrechterhaltung der eigenen Lebensweise und für Einzelne aus dieser Gemeinschaft ein besseres Fortkommen zu ermöglichen?
Gaea Schoeters gelingt es grandios, in mir konstant das Spannungsverhältnis zwischen der Abscheu vor dem, was ich als Nächstes vermute, und der Neugier auf das, was dann tatsächlich kommt, aufrecht zu erhalten und dabei – mit den subtilen Erklärungen - ein Verständnis für die jeweiligen Handlungsstränge zu wecken; dies bis zu den letzten Zeilen.









