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Kat
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Das Tränenhaus. Roman
von Gabriele Reuter
In „Das Tränenhaus“ führt Gabriele Reuter uns in eine stille, abgelegene Welt irgendwo in der schwäbischen Provinz. Dort betreibt die Hebamme Frau Uffenbacher ein Heim, in dem unverheiratete Frauen ihre Kinder abseits der Öffentlichkeit bekommen sollen – eine Einrichtung, die mehr mit Wegsperren als mit Fürsorge zu tun hat. In diese Umgebung wird die Schriftstellerin Cornelie Reimann geschickt, die nach einer außerehelichen Affäre schwanger geworden ist. Was als Zuflucht gedacht war, entpuppt sich als Ort der Demütigung und des Zwangs – und zugleich als Labor weiblicher Erfahrung.
Reuter erzählt mit eindringlicher Genauigkeit vom Leben im Schatten gesellschaftlicher Verachtung. Sie kennt den Stoff aus eigener Erfahrung und das merkt man dem Text an. „Das Tränenhaus“ verbindet Beobachtungsgabe mit Reflexion: Neben den knappen, fast dokumentarischen Schilderungen findet sich eine Sprache voller Nachdenken, manchmal pathetisch, aber nie leer. Gerade dieser Wechsel zwischen Gefühl und Analyse verleiht dem Buch seine Intensität.
Cornelie, gebildet, unabhängig und anfangs stolz auf ihre Eigenständigkeit, gerät in eine Umwelt, die mit ihrer Welt nichts gemein hat. Während die anderen Frauen einfache Herkunft, eigene Dialekte und handfeste Überlebensstrategien mitbringen, begegnet Cornelie der Provinz zunächst mit Distanz. Erst allmählich öffnet sie sich – lernt, den Alltag der Mitbewohnerinnen zu verstehen, erkennt in ihnen weniger Fremde als Leidensgenossinnen. Aus Abschottung wird Nähe, aus Scham Solidarität.
Das Heim wird so zum Mikrokosmos gesellschaftlicher Abhängigkeiten. Die männliche Welt bleibt abwesend und taub für das Schicksal dieser Frauen – was bleibt, ist das Mit- und Gegeneinander unter den Zurückgelassenen. Frau Uffenbacher, die das Elend verwaltet, steht dabei exemplarisch für die Macht, die aus Not entsteht: Sie profitiert vom Leid anderer, hält Disziplin aufrecht und verdient an jeder Geburt. Gleichzeitig umgeben die Frauen im Dorf eine fast groteske „Pflegeindustrie“, in der Neugeborene gegen Geld weitergegeben werden – ein System, das das moralische Elend der Zeit bloßlegt.
Doch Reuter geht über Anklage hinaus. In Cornelies Weg liegt etwas Hoffnungsvolles: Sie findet, trotz aller Erniedrigung, zu einer neuen Form von Selbstbewusstsein. Sie entdeckt, dass Unabhängigkeit nicht in Rückzug, sondern in Verbindung liegt – in der Kraft, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Damit wird „Das Tränenhaus“ zu mehr als einem historischen Roman: Es ist eine frühe Studie über weibliche Selbstwerdung und gegenseitige Stärkung.
Der Schreibstil war für mich gewöhnungsbedürftig aber als ich mich einmal eingelesen habe, habe ich diesen Roman als ein ergreifendes Porträt einer Gemeinschaft, die aus Scham geboren ist und in Mitgefühl wächst. Die einzelnen Schicksale haben mich berührt und aufgeregt. Ich danke dem Reclam Verlag, dass er das Buch neu aufgelegt hat denn es ist ein weiteres literarisches Dokument gegen das Vergessen, dass zeigt, wie nah historische Zwänge und aktuelle Fragen nach weiblicher Selbstbestimmung beieinander liegen.
Eternal-Hope
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Das Tränenhaus. Roman
von Gabriele Reuter
„Das Tränenhaus“ wurde von Gabriele Reuter, die auch schon für ihr in den letzten Jahren neu aufgelegtes Werk „Aus guter Familie“ bekannt ist und zu ihrer Zeit eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin war, im Jahr 1908 veröffentlicht. Das somit bald 120 Jahre alte Werk liest sich bis heute sehr unterhaltsam und interessant, gibt einen spannenden Einblick in historische Herausforderungen ungeplant schwangerer Frauen und regt zum Nachdenken über Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Klasse an.
Die Hebamme Frau Uffenbacher, „die Uffenbacherin“, betreibt in der schwäbischen Provinz, abgelegen am Land, das „Tränenhaus“, ein Haus für ungewollt schwangere Frauen. In dieses können sie einziehen, bevor die ledige Schwangerschaft und die damit zu dieser Zeit verbundene Schande für alle öffentlich sichtbar wird, später ihr Kind gebären, es zu Pflegeeltern geben und später in ihr bisheriges Leben zurückkehren und so tun, als sei nichts gewesen.
Die meisten Mädchen und Frauen, die in diesem Haus landen, sind jung, unsicher und oft auch wenig gebildet, wurden von ihrem Liebhaber im Stich gelassen oder gar von einem Fremden vergewaltigt, ihre Familien schämen sich für sie oder wissen nichts davon. Nun ist ihr Selbstwert am Boden, sie haben die urteilende Sichtweise der Gesellschaft auf sie internalisiert und das Gefühl, sich verstecken zu müssen. Niedergeschlagen ordnen sie sich der hausführenden Hebamme und den dort geltenden Regeln komplett unter.
Nicht so Cornelie. Sie ist älter als die meisten anderen Bewohnerinnen, schon in ihren 30ern, intelligent, gebildet und selbstbewusst, hat als Schriftstellerin ihr eigenes Einkommen und ist zwar manchmal voll des Zornes auf den Kindesvater, und auch ihre Mutter soll nicht unbedingt zu früh von ihrer Schwangerschaft erfahren, aber insgesamt ist sie innerlich doch weit davon entfernt, sich zu schämen.
Sie freut sich auf ihr Kind und hofft, es werde ein Mädchen werden (wie ungewöhnlich für die damalige Zeit!) und sie will es behalten und selbst aufziehen. Zuerst einmal fühlt sie sich fremd im Haus der Uffenbacherin und auch den anderen Mädchen und Frauen, die so viel weniger gebildet und reflektiert wirken als sie selbst, kaum verbunden:
„Gewiss – das machte Cornelie zur Hauptbedingung, sie durfte in keinerlei Beziehung zu diesen anderen Damen gebracht werden, sie musste ganz einsam für sich leben können.“ (S. 25)
„Auch eine Welt – auch eine Welt – dachte Cornelie, als sie wachend auf ihrem Bette lag. Und sie hatte geglaubt, etwas vom Leben zu wissen – hatte sich vermessen, Urteile zu fällen, Rätsel zu lösen, Vergleiche zu ziehen. In die Einsamkeit hatte sie zu flüchten gemeint und war, wie in alten Märchen, gleichsam in Schlaf und Traum in ein anderes Leben hinabgesunken…“ (S. 28)
Warum sie sich irgendwelchen für sie unsinnigen Regeln unterordnen sollte, etwa, tagsüber nicht in der schönen Landschaft spazieren zu gehen, damit sie keiner sehe, das kann sie nicht verstehen. Und auch sonst bietet sie der Hebamme und auch den geltenden Sitten ihrer Zeit in vielen Bereichen die Stirn, steht mutig und selbstbewusst für sich und ihr Kind ein und ist damit auch den anderen Mädchen und Frauen ein Vorbild, denen sie sich Schritt für Schritt immer mehr annähert, Gemeinsamkeiten erkennt und sich mit ihnen solidarisiert.
Ich habe diesen wieder aufgelegten Klassiker sehr gerne gelesen. Das Buch ist unterhaltsam und humorvoll geschrieben und insbesondere Cornelie, aber auch einige andere porträtierte Mädchen und Frauen, waren mir sehr sympathisch. Es war interessant, einen so genauen Einblick in die schwierige Lage selbst finanziell einigermaßen gut gestellter ungeplant schwangerer Frauen in dieser Zeit zu bekommen.
Um die Sprechweise und soziale Klasse einiger aus ländlichen Regionen stammenden Bewohnerinnen sowie der Hebamme authentisch darzustellen, sind deren Äußerungen in einem Dialekt wiedergegeben, z.B. „I weiß auch nimmer recht, wie’s kumme is“ (S. 92) oder „Dem Annerle war meistens nit recht extra zumut.“ (S. 129). Ich als aus Österreich stammende Leserin hatte hier keinerlei Verständnisprobleme.
Gleichzeitig war vieles in diesem Buch erfrischend modern: Cornelie mit ihren Ansichten, an denen die anderen sich ein Beispiel nehmen. Aber auch die zunehmende Unterstützung, Verbundenheit und Solidarisierung unter den Frauen war ein schönes Beispiel, auch für die heutige Zeit.
Besonders spannend fand ich, dass auch das in der heutigen Zeit so aktuelle, aber damals ungewöhnliche Thema der Vereinbarkeit eines anspruchsvollen Berufs mit den körperlichen und psychischen Veränderungen, die mit Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett einhergehen, am Beispiel von Cornelie und ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, mit der sie sich und ihr Kind auch finanziell versorgen kann, schon in diesem Buch Raum bekommt. Hier spürt man auch, dass mit Gabriele Reuter eine Frau schreibt, die weiß, wovon sie spricht: auch sie hat im Alter von 38 Jahren ledig eine Tochter bekommen und diese als Alleinerzieherin groß gezogen.
Bemerkenswert auch, wie viel Kraft Cornelie letztendlich aus der transformativen Erfahrung des Mutter-Werdens auch für ihre schriftstellerisch-schöpferische Tätigkeit ziehen kann und mit welchem Selbstbewusstsein sie als Mutter und Autorin in die Welt geht:
„Ihr Denken war reicher, ihre Erfahrungen tiefer, ihr Empfinden voller und reiner geworden in diesen Monaten der Erwartung, sie empfand es mit dem tiefen Glück, mit dem jeder starke Mensch sich wachsen fühlt. Nun legte das Bewusstsein der gewonnenen Kraft ihr eine Verpflichtung auf, der sie sich nicht mehr zu entziehen dachte. Nicht in die Einsamkeit galt es zu fliehen. Nein – dort, gerade dort, wo man sie früher gekannt, wo sie früher gelebt und gewirkt hatte, dort wollte sie mit ihrem Kinde weiterleben, arbeiten und wirken. Zeugnis musste sie ablegen für sich und für die anderen, denen sie sich durch unzerreißbare Bande verbunden fühlte. Zwingen musste sie die Menschen zur Achtung vor dem selbsterwählten Lebenslos, zu einer Anerkennung, die auch ihren verfolgten Schwestern zugutekommen sollte.“ (S. 171)
Insgesamt kann ich das Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen: natürlich allen Frauen, insbesondere jenen, die sich für die Themen Schwangerschaft und Mutterschaft interessieren oder selbst davon betroffen sind.
Aber auch für Männer könnte diese spezifisch weibliche Thematik sehr interessant und vielleicht auch in manchen Bereichen augenöffnend sein, auch noch für die heutige Zeit, in der sich die Bedingungen ungeplant Schwangerer zwar in vielen Bereichen sehr verbessert haben und in unserer Weltengegend damit keine solche Schande mehr verbunden ist, aber dennoch nach wie vor Frauen die Hauptlast ungewollter Schwangerschaft tragen und viele Alleinerziehende (mehrheitlich Frauen) mit ihren Kindern unter der Armutsgrenze leben.
Danke, Gabriele Reuter, für dieses überzeugende Plädoyer für weibliche Kraft und Solidarität und für dieses Aufzeigen der unglaublichen Stärke, die eine selbstbestimmte Frau auch angesichts herausfordernder Umstände in sich tragen kann und sich von niemandem nehmen lassen muss. Danke an den Reclam Verlag dafür, dieses tolle Werk neu aufgelegt zu haben! Von dieser großartigen Autorin möchte und werde ich sicher noch mehr lesen.
Kwinsu
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Das Tränenhaus. Roman
von Gabriele Reuter
Cornelie ist schwanger, doch da sie nicht verheiratet ist, bedeutet das für sie: Schande. Auch ihr gebildeter Hintergrund unterscheidet sie nicht vor den gesellschaftlichen Werten, die tief im Patriarchat verwurzelt sind. Und so zieht sie in das "Tränenhaus", eine Einrichtung, geführt von einer strengen Regentin, in der unverheiratete Frauen ihr Kind im Geheimen zur Welt bringen. Erst ist Cornelie zurückhaltend, will ihre Ruhe, ist sich ihrem Stand gewiss, doch bald schon sieht sie die Gleichheit und die tiefe Solidarität, die sie mit den anderen Frauen verbindet, wird zu einem starkem Band des Zusammenhalts.
"Das Tränenhaus" ist ein erstaunlich feministischer Roman aus dem Jahr 1908, der viele fortschrittliche Gedanken aufzeigt, die man so nicht unbedingt erwarten würde. Die Autorin Gabriele Reuter war ihrer Zeit weit voraus und versuchte selbst, ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen. All das verarbeitete sie in diesem von Reclam neu herausgegebenen Buch. Die Protagonistin äußerst Gedankenwelten, die einem für diese Zeit nicht nur fortschrittlich, sondern teilweise auch gefährlich erscheinen. Sie will sich nicht unterordnen, will sich an keinen Mann binden, ist überzeugt davon, es auch alleine zu schaffen. Cornelie philosophiert über ihre Selbstermächtigung, steht den anderen Frauen bei, ist stark und emotional zugleich, wirkt in ihrer Rolle als bildungsbürgerliche Frau authentisch und doch so anders als erwartet.
Ein weiterer erstaunlicher Aspekt ist die Charakterschärfe, die die Autorin all den fiktiven Figuren zukommen lässt. Keine ist wie die andere, die eine naiv, die andere verzagt, doch die gemeinsame Ausgrenzung schweißt sie zusammen. Die Charaktere wirken so authentisch und andererseits bildhaft gestochen scharf, dass man stellenweise glaubt, man sehe eine Dokumentation über diese Frauen. Ein besonderes Stilelement ist der schwäbische Dialekt, der einigen der Figuren in den Mund gelegt wird - spielt das Geschehen doch in der schwäbischen Provinz. Dementsprechend weist das Buch auch etliche humoristische Tendenzen auf, die das Leseerlebnis umso erfrischender machen. Verschwiegen darf allerdings nicht werden, dass die Sprache der Autorin ziemlich schwülstig und deshalb oft schwer verständlich ist, für mich zumindest.
Es ist nicht verwunderlich, dass Macht, Klassismus, Ausbeutung, Missbrauch, Gier und Frauenverachtung eine zentrale Rollen spielen, das Buch ist wie ein Spiegel der Zeit um die Jahrhundertwende. Das Patriarchat ist eine Bürde, das sowohl die Autorin, als auch ihre Protagonistin Cornelie nicht so einfach hinnehmen wollen. So fließt viel fortschrittliches und feministisches Denken in den Roman, auch wenn dieses beinahe ausschließlich der bildungsbürgerlichen Hauptperson zugeschrieben wird. Außerdem ist Cornelie eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin, die europaweite Erfolge mit ihren Schriften über die Psyche der Frauen feiert. Bezeichnend, dass auch die Schriftstellerin Gabriele Reuter zu ihrer Zeit höchst populär war und im Zuge der männlich fokussierten historischen Literaturwissenschaften aus dem kollektiven Gedächtnis gedrängt wurde. Die Männerwelt bekommt zurecht ihr Fett weg, allerdings gibt es auch positive und ebenso fortschrittliche Männermodelle. Diese Differenziertheit im Gesamten überrascht, lässt eine aber auch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, denn wie dieser Roman zeigt: Utopien zu träumen, kann auch durchaus realistisch sein. Auch wenn es seine oder ihre Zeit dauert.
Mein Fazit: Das Tränenhaus ist ein erstaunlich fortschrittlicher Roman aus dem Jahr 1908, der Augen öffnen, in so vieler Hinsicht. Es ist ein Hohelied auf die weibliche Solidarität und den unbeirrbaren Glauben daran, dass sich eine Gesellschaft zum Positiven, zur Gleichheit hin entwickeln kann. Wir müssen nur daran festhalten.
DoraLupin
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Das Tränenhaus. Roman
von Gabriele Reuter
Da das Buch bereits 1908 erschienen ist, kann man schon fast von einem Klassiker reden, jedoch ist der Inhalt immer noch so interessant und aktuell, dass mir das Lesen dieser Geschichte richtig Spaß gemacht hat!
Inhaltlich führt und das Buch in die schwäbischen Provinz, hier führt eine patente Hebamme ein Frauenheim. Wer diskret ein Kind zur Welt bringen will, findet hier Unterschlupf. Auch die Schriftstellerin Cornelie Reimann zieht sich hierhin zurück. Nur zeigt die Fassade bald Risse, rohe Schikanen nehmen ihren Lauf – und Cornelie erkennt den hohen Preis ihres Wunsches, eine selbstbestimmte Mutter zu sein.
Da das Buch im letzten Jahrhundert erschienen ist, musste ich mich erst ein wenig an den Schreibstil gewöhnen. Er ist zwar nicht unbedingt sonderlich kompliziert zu lesen, aber man liest das Buch auch nicht nebenbei, es erfordert schon Konzentration. Wenn man aber erst reingefunden hat, bekommt man hier eine richtig tolle Geschichte, die in Teilen immer noch aktuell ist und die ich sehr gerne gelesen habe, vorallem weil ich auch aus der Gesundheitsbranche komme.
Wen das Buch interessiert, der sollte auf jeden Fall zugreifen und keine Angst haben vor dem ursprünglichen Erscheinungsdatum, es lässt sich auch heutzutage noch sehr gut lesen.
Magdalena E.
empfiehlt:





Das Tränenhaus. Roman
von Gabriele Reuter
„Das Tränenhaus“ von Gabriele Reuter wurde bei seinem Erscheinen vor beinahe 120 Jahren zum Skandal. Seither hat sich vieles verändert, besonders auch die Situation von unverheirateten Müttern. Dennoch ist das Buch hochaktuell, denn es befasst sich nicht nur mit dem Schicksal ungewollt schwangerer Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sondern auch mit zeitlosen Fragen zu Mutterschaft und der Rolle von Vätern, mit Fragen nach Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Verantwortung und darüberhinaus mit dem literarisch-künstlerischen Schaffensprozess. Es ist ein modernes Werk, das zu Unrecht vergessen wurde.
Im Gegensatz zum Inhalt mag die sprachliche Gestaltung für den Geschmack vieler Lesender heute ungewohnt und herausfordernd sein, mich stört dies jedoch nicht. Ich finde vielmehr, dass sie die Atmosphäre des Buches unterstreicht - und den Kontrast verdeutlicht zwischen dem, was wir als Frauen und Gesellschaft nach Außen hin erreicht haben, und der noch immer unerfüllten Forderung der Autorin nach weiblicher Solidarität. Die berührenden Schilderungen der verschiedenen Frauenschicksale verleihen dieser Forderung deutlichen Nachdruck.
„Solche Macht und Gewalt könnten die Frauen bekommen, wenn sie sich nicht länger um eines Dogmas willen gegenseitig hassen, verachten und verfolgen würden.“
Bücherfreundin
empfiehlt:





Das Tränenhaus. Roman
von Gabriele Reuter
Seit 2024 legt der Reclam Verlag in seiner Reihe "Reclams Klassikerinnen" Werke bedeutender und oft vergessener Autorinnen neu auf. Diese überarbeiteten Neuauflagen sind auch optisch so schön und modern gestaltet, dass sie in jeder Buchhandlung Beachtung finden und mancher Leser sich beim Lesen des Klappentextes wundert, dass es sich um wiederentdeckte Werke handelt.
Gabriele Reuter war bekannt als Autorin realistischer und sozialkritischer Romane, ihr größter Erfolg war das 1895 erschienene Buch "Aus guter Familie". 1908 veröffentlichte sie ihren Roman "Das Tränenhaus", in dem sie die damalige Doppelmoral in der Gesellschaft beschrieb und damit einen Skandal auslöste.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die junge Autorin Cornelie Reimann, die ledig ist und ein Kind erwartet. Sie ist von zuhause geflohen und hat sich ein Zimmer in einem einfachen Wirtshaus genommen, um dort in Ruhe ihr Buch fertigzustellen. Die Tantiemen sollen die Versorgung ihres Kindes sicherstellen, da sie damit rechnet, die Geburt nicht zu überleben. Bald zieht sie in ein Frauenheim um, das von Frau Uffenbacher, einer resoluten Hebamme, geführt wird. Sie bietet ledigen Frauen einen Zufluchtsort, um ihre unehelichen Kinder fernab von ihren Familien zur Welt zu bringen. Cornelie zieht sich zu Beginn ihres Aufenthaltes auf ihr Zimmer zurück. Als sie erkennt, dass die übrigen Bewohnerinnen des Geburtshauses von Frau Uffenbacher schlecht behandelt werden, ergreift sie Partei für die Frauen und schließt Freundschaft mit ihnen.
Die Autorin erzählt die berührende Geschichte, in der es um ungewollte Mutterschaft und die harten Lebensbedingungen der betroffenen Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts geht, in der Sprache der damaligen Zeit. Viele Dialoge sind im schwäbischen Dialekt verfasst, was meinen Lesefluss anfangs etwas bremste. Die Charakterzeichnung ist Gabriele Reuter hervorragend gelungen, ich konnte mich gut in die einzelnen Frauen hineinversetzen, die in ihrer Not und aus Angst vor der Schande Zuflucht in der Anonymität eines Geburtshauses suchten. Es war spannend, Cornelies Entwicklung und die ihrer Mitbewohnerinnen zu verfolgen, und ich habe mich darüber gefreut, dass die ungleichen Frauen ein Gemeinschaftsgefühl entwickelten und sich gegen die Schikanen der Hebamme auflehnten.
Ebenso lesenswert wie der Roman ist auch das 12-seitige Nachwort der Literaturwissenschaftlerin Annette Seemann, in dem sie viel Wissenswertes über die Autorin, die ihre eigenen Erfahrungen in ihr Buch hat einfließen lassen, erzählt. Sehr interessant fand ich auch die Zeittafel am Ende des Buches, die Gabriele Reuters Lebensstationen aufzeigt.
Leseempfehlung für dieses mutige Buch!
