Kundenrezensionen von Pusteblümchen





Das Knistern im All
von Stephan Lohse
Das Buch hat mich von der ersten Seite an in meine Jugendzeit zurückversetzt, da der Autor, die Atmosphäre, die während einer Klassenfahrt zwischen den Schülern entsteht, von Beginn an zum Leben erweckt.
Der fünfzehnjährige Matti erleidet während der gemeinsamen Tage mit seinen Schulkameraden auf Amrum einen psychischen Zusammenbruch. Der Autor beschreibt feinfühlig, wie unterstützend die Heranwachsenden ihm zur Seite stehen.
Es gerät schnell in Vergessenheit, aber es ist keine einfache Sache erwachsen zu werden. Hier werden die vielen unterschiedlichen Themen gelungen aufgegriffen. Es geht um die erste Liebe, Zusammenhalt, psychische Gesundheit und Freundschaft. Dabei wird hier eine Freundschaft beschrieben, die sich vermutlich jeder Jugendliche genau so wünscht. Dennoch wirkt es nicht romantisiert, sondern sehr authentisch.
Es ist ein sehr kurzes, aber auch ein sehr aufwühlendes Buch. Ich hätte mir mehr Seiten und damit auch mehr Tiefe in der Handlung gewünscht, aber als Jugendbuch und Coming-of-Age-Roman finde ich es so perfekt.





Frag nach Susan
von Souvankham Thammavongsa
Die zweiundvierzigjährige Protagonistin Ning war früher Boxerin. Inzwischen ist sie dafür zu alt und arbeitet in einem Nagelstudio. Die dortige Kundschaft interessiert sich jedoch kaum für die Identität der Angestellten: Für sie heißen alle Mitarbeiterinnen dort schlicht „Susan“. Ning weiß genau, worauf es in diesem Job ankommt: Es geht nicht allein um gemachte Nägel, sondern um das Zuhören und dass für die Kundschaft alles schön einfach für sie ist.
Ich fand es schwierig Zugang zu Ning zu bekommen, aber ich denke, dass die Autorin diese Distanz ganz bewusst schaffen wollte. Sie gibt nicht viel über sich Preis, stattdessen ist sie diejenige, die alles über andere Menschen erfährt. Ihre Kunden haben keine Geheimnisse und reden sich in wenigen Minuten ihre Last von der Seele.
Mit ihrem Buch gibt die Autorin einen interessanten Einblick in eine der vielen Dienstleistungsbranchen, von denen jeder von uns die ein oder andere in Anspruch nimmt.
Es ist ein eindringlicher Roman, über Vorurteile, Klischees und Machtverhältnisse, der bewegend aber auch ein wenig skurril anmutet. Gleichzeitig wird einem bewusst was hinter einigen Selbstverständlichkeiten unseres Lebens steckt und wie die andere Seite aussieht.
Es ist ein leiser, aber tiefgründiger Roman, der den Blick auf die Menschen schärft, die in unserem Alltag oft unsichtbar bleiben.





FIVE - Das Ticken der Zeit
von Ilona Bannister
Ilona Bannister beschreibt in ihrem Thriller ein unglaublich beklemmendes Szenario.
Du stehst auf dem Bahnhof, der Zug fährt ein und in wenigen Augenblicken wird ein Mensch sterben.
Die fünf Protagonisten kennen sich bisher nicht und stehen gemeinsam auf einem Bahnsteig in London. Sie alle tragen düstere Geheimnisse und eine schwere Vergangenheit mit sich herum.
Sympathieträger sucht man hier vergeblich, aber genau das macht die Dynamik so faszinierend.
Neben den Protagonisten gibt es einige ebenfalls gut ausgearbeitete Nebencharaktere. Insgesamt ist die Anzahl der Figuren jedoch angenehm überschaubar, wodurch die Atmosphäre nochmals dichter wirkt.
Die Autorin seziert die letzten fünf Minuten vor der Einfahrt des Zuges in Echtzeit. Es sind Schilderungen wie in einem Film. Während die Sekunden verstreichen, hatte ich das Bedürfnis, immer schneller zu lesen, um diesen nachzukommen.
Die Autorin stellt mit ihrem Werk das klassische Thriller-Genre komplett auf den Kopf.
Wer psychologische Tiefe gepaart mit einem mörderischen Tempo sucht, den dürfte dieses Buch begeistern.





Gib mir alles
von Alexandra-Maria Pipos
Mich haben die ersten Seiten direkt mitgerissen. Der Job der Protagonistin Ioana ist fordernd und sie kann sich gedanklich nur schwer davon lösen. Gleichzeitig ist da ihre Familie, von der ein Teil noch in Rumänien lebt, während sie mit ihren Eltern ausgewandert ist. Nachdem ihr Großvater gestorben ist und die Beerdigung ansteht, zieht es sie zurück. Damit bricht sie aus ihrem bisherigen Leben aus und steckt stattdessen in einem Leben voller Familie und Erinnerungen.
Eigentlich ist mir das Leben von Ioana eher fremd. Da die Story aber aus ihrer Perspektive geschrieben ist, fiel es mir leicht, mich in die Gedanken und Gefühle der Protagonistin hineinzubegeben. Das Leben steckt voller Herausforderungen, wir müssen jeden Tag unzählige Entscheidungen treffen und genauso geht es auch Ioana. Gleichzeitig steckt sie im Alltagswahnsinn zwischen zwei Kulturen.
Diese Situation hat die Autorin gekonnt und unterhaltsam in Worte gepackt.
Damit zeichnet sie ein realistisches Bild ihrer Protagonistin, die zwischen Leistungswahnsinn und Selbstoptimierung und auch noch zwischen zwei Kulturen steht.
Ich habe das Buch gerne gelesen und es hat mich nachdenklich zurückgelassen.





Der Einsiedlersommer
von Anne Sverdrup-Thygeson
Der Eremitenkäfer gilt als ausgestorben, wurde aber in einem alten Eichenwald in Norwegen gesichtet. Die Biologin Eva Wist erhält den Auftrag, nach diesem zu suchen. Für sie ist es nach einer Fehlgeburt eine willkommene Auszeit, um ihre Gefühle aufzuarbeiten.
In dem Eichenwald lebt auch Olga, eine Einsiedlerin, der Evas Anwesenheit zunächst wenig gefällt, da sie allen Menschen gegenüber misstrauisch und skeptisch ist.
Eva und Olga freunden sich trotz des großen Altersunterschiedes an und zwischen den ungleichen Frauen entsteht eine wirklich tiefe und einzigartige Beziehung, die auf der Liebe zur Natur und deren Schutz sowie der Erfahrungen eines Verlustes basiert.
Die Autorin schreibt bildhaft und flüssig. Dabei beschreibt sie die Natur so lebendig und fesselnd, dass ich alles direkt vor Augen hatte.
Wer die Natur liebt und wem diese wichtig ist, der wird sicherlich auch gefallen an diesem Buch finden. Dabei merkt man, dass Anne Sverdrup-Thygeson sich beruflich mit Naturschutz beschäftigt.
Insgesamt ist „Der Einsiedlersommer“ ein lehrreicher Roman, der den Blick für Natur und Umwelt schärft und dabei gleichzeitig gut unterhält. Wer die Natur liebt und wem ihr Schutz am Herzen liegt, der wird an diesem Buch große Freude haben.





Das Projekt
von Annie Lord
Liebe und Beziehungen sind immer ein schwieriges Thema. Hier ist die Autorin dem Ganzen auf eine ungewöhnliche Weise nachgegangen.
Daisy ist eine Protagonistin, die wirklich direkt aus dem Leben gegriffen ist. Ich hatte von Beginn an das Gefühl, sie zu kennen. Ihre Gedanken und Gefühle und die damit verbundenen Enttäuschungen, den Drang, etwas zu verändern, das alles konnte ich total nachvollziehen. Dabei steht im Grunde nur ein Gedanke im Vordergrund: Sie möchte nichts weiter, als geliebt zu werden.
Gemeinsam mit ihrer Freundin Maya ruft sie das titelgebende Projekt ins Leben.
Nach vielen Dates, die immer wieder in einer Enttäuschung endeten, wollen sie Männer so umerziehen, dass sie zum perfekten Partner werden.
Annie Lord hat hier eine außergewöhnliche Liebesgeschichte verfasst, die immer wieder zwischen urkomischen, hoffnungsvollen und romantischen Momenten schwankt. Sie passt in kein Trope und genau das, macht sie in meinen Augen lesenswert, da es sich um etwas Neues, noch nicht Dagewesenes handelt, das erstaunt, verwundert und mitfühlen lässt. Für mich war es aus diesem Grund eine der besten Liebesgeschichten, die ich seit Langem gelesen habe.





Mädchen allein zu zweit
von Daniela Dröscher
Die beiden Protagonistinnen Issa und Grace wachsen in Familien auf, in denen das Geld chronisch knapp ist. Während es in Issas Familie existentielle Geldprobleme gibt, hat Grace ein ganz anderes Problem. Sie leidet unter ihren großen Brüsten und den Bemerkungen ihrer Umwelt.
Die beiden verbindet eine innige Freundschaft, sie teilen alles und machen alles gemeinsam.
Daniela Dröscher ist es gut gelungen, die Gefühlswelt ihrer beiden fünfzehnjährigen Protagonistinnen darzustellen. Die beiden sind sehr reif für ihr Alter, nehmen ihre Probleme in die Hand und können sich gut behaupten. Leider werden sie vielfach nicht richtig ernst genommen, was mich sehr nachdenklich gestimmt hat.
Es geht um aktuelle Probleme unserer Zeit: soziale Unterschiede, Oberflächlichkeit, Freundschaft, Liebe, Unsicherheiten Heranwachsender, Selbstbestimmung, Freiheit, moralische Grauzonen und vieles mehr.
Der Roman ist intensiv und keiner, der einfach nur unterhält. Es ist ein Buch, das kritisch auf unsere Gesellschaft blickt und die Sorgen Heranwachsender ernst nimmt. Gleichzeitig nimmt die loyale Freundschaft zwischen Issa und Grace sehr viel Raum ein, wodurch sich die ernste Thematik spürbar aufhellt und dem Leser ein hoffnungsvolles Gefühl mitgibt.





Honey und Blondie
von Ubin Eoh
Ich habe dieses Buch direkt aus zweierlei Gründen geliebt.
Es hat mich zum einen direkt in die 1990er Jahre zurückversetzt – eine für mich herrlich unbeschwerte Zeit –, und es hat zum anderen von einer so tiefen und innigen Freundschaft erzählt, die sich wohl jeder von uns wünscht.
Die Protagonistinnen Honey und Blondie sind in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen und berichten abwechselnd. Dabei sind die Kapitel mit Schlagworten überschrieben, die den damaligen Zeitgeist perfekt einfangen und machen deutlich, aus wessen Sicht die Ereignisse geschildert werden.
Obwohl die beiden aus total unterschiedlichen Familien kommen, können sie sich perfekt ineinander einfühlen. Honey lebt mit ihren koreanischen Eltern und Geschwistern zusammen, während Blondie von ihrer Mutter alleine großgezogen wird.
Zwischen den beiden entsteht von ihrer ersten Kindergartenbegegnung an eine unglaubliche, regelrecht magische Empathie. Wenn eine von ihnen Angst hat, spürt die andere diese Emotionen am eigenen Körper. Diese tiefe Bindung macht ihre Freundschaft aus, lässt sie miteinander verschmelzen und einander gegenseitig den Rücken stärken.
Es sind nicht nur die unbeschwerten Momente, die Honey und Blondie miteinander teilen, sondern wirklich alles, was das Leben bereithält. Als Blondie schwer erkrankt, wird die Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Damit greift die Autorin auch schwierige Themen auf, verpackt sie aber in leichte und berührende Worte, so dass sich das Buch mit großer Leichtigkeit liest.
Ich habe die Freundschaft der beiden innerlich regelrecht gefeiert. Jeder Mensch sollte solch einen Seelenmenschen treffen und mit diesem durch das Leben gehen dürfen. Ein wirklich tolles Debüt!





Laura Clark ist dann mal weg
von Helen Russell
Wer kennt es nicht. Man arbeitet für die Familie, im Job, engagiert sich für die Nachbarschaft und wird dennoch nicht wahrgenommen. Genauso geht es Laura Clark. Sie ist eine Frau, die sich um alles und jeden gekümmert hat, aber nie wirklich gesehen wurde. Nun ist sie weg und das wird gesehen, beziehungsweise auf schmerzhafte Weise bemerkt. Der selbstverständliche Komfort, für den Laura gesorgt hat, kommt vielen Menschen zum Fehlen.
Die Autorin versteht es bestens, das Leben einer Frau, die sich immer und überall für andere eingesetzt hat, auf den Punkt zu bringen. Dabei schlägt sie einen so unterhaltsamen Ton an, dass ich immer wieder vor mich hin lachen musste, obwohl der Hintergrund eigentlich ein sehr ernster ist.
Es ist ein toller Roman, mit viel Wärme und Humor, für alle Frauen, die vergessen haben, an sich selbst zu denken und immer alles und alle anderen in den Vordergrund stellen.
Ich habe dieses Buch geliebt und werde mich nun nach weiteren Büchern der Autorin umschauen.





Querfeldein
von Alex Capus
Ich habe schon einige Bücher von Alex Capus und auch in diesem ist der Schreibstil unverkennbar, obwohl es thematisch wieder einmal ganz anders ist als sein vorherigen Werke. Seine Sprache ist unaufgeregt, ruhig, oftmals poetisch, aber auch amüsant und einfach schön zu lesen.
Dieses Mal geht es um das Leben einer Wirtsfamilie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem Schweizer Dorf an der Grenze zu Deutschland wohnt. Im Vordergrund steht der Wirt Arnold, der sein Wirtshaus bewusst am Rand des Dorfes im Niemandsland an der Staatsgrenze eröffnet, um den Bauern, Deppen und Dorfbonzen, die ihm schon sein Leben lang das Leben schwer machten, aus dem Weg zu gehen.
Wieder einmal legt der Autor den Fokus auf seine Charaktere. Diese beschreibt er authentisch und facettenreich. Er versteht es, in einer historischen Atmosphäre seine Figuren lebendig werden zu lassen.
Es ist ein ruhiger Roman, der seine Leser*innen in das Leben an der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland vor über hundert Jahren eintauchen lässt und dabei unterhält, sowie zum Schmunzeln einlädt. Für mich ein echtes Lesehighlight für gemütliche Stunden.
Kurz gesagt: eine kurzweilige Geschichte mit authentischen, fiktiven Charakteren und historischen Bezügen.









