Kundenrezensionen von @lust_auf_literatur





Hammerfrau
von Mario Keszner
Ich bin ja einem literarischen Krimi definitiv nicht abgeneigt, und in diesem Fall habe ich zu einem „Kremi“ gegriffen. Mit diesem Kofferword bewirbt der österreichische Verlag Kremayr & Scheriau seine Kriminalromane und True-Crime-Bücher als eigenständiges Genre innerhalb des Programms. Komischerweise muss ich bei der Covergestaltung ständig an das Spiegel-Magazin denken ????.
Meine Wahl fiel auf „Hammerfrau“, den ich nicht als klassischen Krimi bezeichnen würde. Es gibt nämlich keine Suche noch einem Täter, keine Ermittler*innen, kein Miträtseln, was geschehen sein könnte.
Ein Mann verletzt eine Frau schwer mit mehreren brutalen Schlägen mit einem Hammer. Das Opfer überlebt, ist aber von der Tat psychisch und physisch schwer gezeichnet.
Dass der Täter sein Opfer zufällig ausgewählt hat, ist ein weiterer Fakt, der bereits früh bekannt ist. Mario Keszner benutzt Zeitungsausschnitte um die Tat aus der Perspektive der Presse zu beschreiben.
Das eigentlich Besonderes an dem Roman ist, dass Keszner die Geschichte im Wechsel aus der Perspektive des Täters, Thomas, und aus der Perspektive des Opfers, Julia, erzählt. Ich finde, die Perspektive eines Täters oder einer Täterin einzunehmen ist literarisch oft ein schmaler Grat zwischen Verstehen wollen und Verständnis wecken. Ersteres begrüße ich und lese ich gerne, zweiteres ärgert und befremdet mich.
Diesen Grat trifft Keszner, wie ich finde, sehr gut. Er lässt Thomas aus seinem Leben erzählen, von seinem familiären Hintergrund und von der Entwicklung seiner Einstellung gegenüber Frauen.
“Ich denke, dass ich im Laufe der Jahre unempfindlicher geworden bin gegenüber den Empfindlichkeiten anderer Menschen. Ich rege mich nicht mehr so oft auf wie früher.
Sollen mich die Blicke wegen meinem Übergewicht aufregen?”
Der Perspektive von Thomas stellt Keszner Julias Perspektive gegenüber. Sie war vor dem Angriff eine lebenshungrige junge Frau, die ehrgeizig und leidenschaftlich ihr Ziel verfolgt hatte, Opernsängerin zu werden. Nicht ihr Kopf und ihr Gesicht wurde durch die brutalen Hammerschläge kaputtgemacht, auch ihre Träume für die Zukunft haben sich zerschlagen. Keszner lässt Julia von ihren Ängsten und ihrer Wut erzählen.
“Diese Schläge mit dem Hammer haben mein Leben in zwei Teile zerrissen. Das Leben der Hammerfrau. Altes Leben, neues Leben.”
„Hammerfrau“ ist mit „Justizroman“ untertitelt, aber auch das passt nicht wirklich, wie ich finde, weil eigentlich keine Szenen vor Gericht spielen und nicht die Verurteilung oder die Verhandlung im Mittelpunkt steht. Ich finde Keszners Roman ist vielmehr eine Art Psychogramm zweier Menschen, die jetzt mit den Konsequenzen einer Tat leben, für die sich aber nur einer entschieden hat.
Dieses Psychogramm ist in meinen Augen sehr gelungen und liest sich interessant und spannend. Besonders Julias Perspektive fand ich für einen „Krimi“ überraschend einfühlsam. Und auch wenn der Roman schon klar als „Krimi“ und nicht als gesellschaftskritisches und feministisches Literaturstück konzipiert ist, sind Keszner Einlassungen in diese Richtung doch deutlich wahrnehmbar.
Für mich ein richtig toller „Kremi“, sicher nicht der letzte, den ich aus dieser Reihe lesen werde!





Bruchlinien
von Gernot Rainer
Gernot Rainer ist Facharzt für Lungenheilkunde in Wien und hat bereits einige Schreiberfahrung als Kommentator und Sachbuchautor. Mit „Bruchlinien“ hat er jetzt seinen ersten Roman über ein ihm thematisch sehr vertrautes Thema veröffentlicht: die Zeit der Corona-Krise in Österreich.
Und besonders nimmt er das Erleben der Krise im Mikrokosmos Schule in den Blick. Seine Figur Paul ist ein engagierter Lehrer und stets bemüht seine Schüler*innen bestmöglich durch die Schul- und Lernzeit zu begleiten. Er weiß, dass die Eltern ihm das Wichtigste anvertrauen: ihre Kinder.
Rainer zeigt neben Paul noch viele andere Menschen. Katharinas Vater stirbt an einer Coronainfektion und machte die trauernde und verängstigte Tochter zu einer Verfechterin von Masken- und Impfpflicht. Ihr gehen die Schutzmaßnahmen nicht weit genug. Die Schauspielerin Isi wird durch coronabedingte Absagen arbeitslos, sucht frustriert nach Schuldigen und findet sie in den Coronaschutzmaßnahmen. Ihr gehen die Schutzmaßnahmen viel zu weit.
Beide Frauen haben Kinder in Pauls Klasse. Und die beiden gegensätzlichen Pole entzünden sich an seiner Umsetzung der Schutzmaßnahmen in der Klasse.
Rainer beschreibt nachvollziehbar und beispielhaft, wie sich die verschiedenen Beteiligten immer weiter radikalisieren und wie die Schule, die Schüler*innen und Paul in diesem Konflikt zerrieben werden.
“Zwei Lager, zwei Wirklichkeiten. Früher hätte er gedacht, dass man Brücken bauen kann. Heute war er sich nicht mehr sicher.”
Während ich „Bruchlinien“ lese, wird mir klar, wie viel ich mittlerweile aus dieser Zeit vergessen und verdrängt habe. Ich könnte einiges über meine eigenen Erfahrungen aus dieser Zeit erzählen, denn mit meinen Schulkindern habe ich genau die Konflikte und die gegensätzlichen Sichtweisen, die Rainer beschreibt, in meinem Umfeld erlebt.
Corona ist mittlerweile verschwunden, die harten Bruchlinien, die sich durch die Gesellschaft ziehen, sind leider sind geblieben.
Für mich war „Bruchlinien“ eine super lesenswerte Zeitreise in ein Kapitel, das ich am liebsten vergessen würde, das aber so viel unserer heutigen gesellschaftlichen Verwerfungen erklärt und deswegen eigentlich einer andauernden Aufarbeitung bedarf.
Trotz kleinerer Kritikpunkte, wie der an ChatGPT erinnernde, zusammenfassende und verknappte Schreibstils und die etwas schablonenhaften Figuren, möchte ich dir den Roman gerne empfehlen, falls du bereit bist, noch einmal in diese Zeit zurückzukehren.





Partypeople
von Stefan Sommer
Helikopterflüge, Grandhotels mit Infinity-Pools, Champagner. Der Ich-Erzähler in Stefan Sommers neuen, zweiten Roman lebt als erfolgreicher Techno DJ das Jet Set Leben der Super Reichen. Und hinter der Fassade der Partypeople: Designerdrogen, Schmerzmittel und Loneliness.
Ein Setting, das mich in Romanen immer wieder unglaublich anzieht. Wahrscheinlich weil ich weder rich noch lonely bin und meine geilste Dröhnung der KoRo Engergy Ball nach dem Long Run ist.
Die Superstars, genauso wie der Ich-Erzähler in „Partypeople“, haben da ganz andere Vorstellungen von Spaß. Es braucht immer neue und dekadentere Kicks, um die innere Leere zu füllen. Die Beats der Techno Musik müssen mit Drogen verstärkt werden, um noch den letzten traurigen Gedanken aus dem Gehirn zu wummern.
Der Ich-Erzähler versucht es sogar mit einer Beziehung. Als er den durchtrainierten Christian mit der scharfkantigen Jawline kennenlernt, wünscht er sich mehr Verbindlichkeit und Nähe. Aber Christian ist mit einer Frau verheiratet und nicht geoutet, sondern ein Darsteller von performativer Männlichkeit.
“Es ist so sad, wenn Männer sich ihres Selbstwertes durch Desinteresse an ihren Mitmenschen versichern müssen.”
Beide sind Meister im Verdrängen von Gefühlen.
Haben sie eine Chance, sich näher zu kommen?
Stefan Sommers Roman erfindet den Typus des nach Sinn und Liebe suchenden Mannes nicht neu. Ich denke an „Die imaginäre Nacht“ von Hugo Lindenberg, ich denke an „Lauter“ von Stephan Roiss. „Partypeople“ ist super rasant, spannend und kompromisslos auf den Punkt unserer Zeit erzählt. Ich liebe die von ihm zahlreich verwendeten Anglizismen und nutzte sie selbst ironiefrei und viel, da ich in der deutschen Niederlassung einer amerikanischen Firma arbeite.
Im Rahmen eines Online-Bloggerinnen- und Buchclub Treffens mit dem sympathischen Autor habe ich von ihm erfahren, dass er im Rahmen der Recherche viele Interviews mit DJs geführt hat und die Szene gut kennt, weil er selbst als DJ aufgelegt hat. Auch das Milieu und die teilweise grotesken Dialoge der Superreichen sind nicht etwa überzeichnet, sondern basieren zum Teil auf realen, dokumentierten Aussagen von Zuckerberg und Co.
Auch das der Ich-Erzähler mit seiner getriebenen Hatz um die Welt an das traurige Schicksal von Avicii erinnert, ist kein Zufall, sondern basiert auf Sommers gründlicher Recherche. Das beeindruckt mich sehr und führt zu einem absolut glaubhaften und authentischen Hintergrund, vor dem der Ich-Erzähler seine Geschichte erlebt. Gleichzeitig zeigt Sommer damit gesellschaftskritisch das Gesicht einer vermeintlich gesellschaftlichen Elite, die sich ihre Welt nach ihrem Willen formen kann und bestätigt gleichzeitig die alte Wahrheit, dass man auch mit Geld nicht alles kaufen kann. Oder?
Mich hat „Partypeople“ super gut unterhalten und empfehle dir den Roman gerne weiter, wenn auch du von dekadenten Settings magisch angezogen wirst.





LAHEA
von Lisa-Viktoria Niederberger
Fantasy-Romane und ich haben eine weit zurückreichende Vergangenheit. Sie waren mir in meiner Jungend ein vielbesuchter Zufluchtsort. Heute greife ich allerdings nur sehr, sehr selten zu Romanen, die nicht in unserer Welt spielen.
Als ich dann auf den ersten Seiten von “Lahea” die Karte der Insel Ebria entdeckt hatte, wie es oft bei Fantasy-Romanen zur Orientierung üblich ist, war ich mir nicht sicher, ob der Roman überhaupt etwas für mich ist.
Aber überraschenderweise hatte ich mit dem Romandebüt der Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin Lisa-Viktoria Niederberger eine richtig gute Zeit.
Niederberger entwirft auf der abgelegenen Insel Ebria ein feministisches Utopia. Die von Frauen geführte und gelenkte Gemeinschaft lebt in Friede und Harmonie auf mehrere Städte verteilt auf der Insel. Ressourcen sind ausreichend vorhanden, da die Insel reich an Nahrung und Baumaterial ist, und angespültes Treibgut aus der übrigen Welt ergänzt die Bestände.
Es gibt keine Ehe oder Besitzansprüche, freie Liebe und polyamore Beziehungen werden zwischen allen Geschlechtern gelebt. Alle leben im Einklang mit der Natur und sich selbst, der Kapitalismus und patriarchale Denkmuster scheinen überwunden.
Ich würde sagen, die Beschreibungen des Lebens auf der Insel lesen sich wie ein wokes Paradies, in dem ich auch gern leben würde.
Die titelgebende Protagonistin Lahea ist eine junge Frau und Mutter und soll bald das Amt der Dorfvorsteherin übernehmen. Sie begibt sich dafür auf eine Reise in die Hauptstadt, um anschließend alle Städte und Regionen der Insel kennenzulernen.
Natürlich (!!) ist nicht alles so nice, wie es auf den ersten Blick scheint, denn eine dunkle, längst überwunden geglaubte, toxisch maskuline Bedrohung baut sich auf…oder anders gesagt …Incels are coming!
Mir hat an dem Roman vor allem das fantasievolle und detailreich ausgestalte Worldbuilding von Ebria gefallen, das tendenziell vielleicht etwas zu utopisch, aber in sich sehr stimmig ist. Es hat mir viel Freude gemacht, die Schauplätze der Handlung auf der Landkarte zu verfolgen und mit Lahea auf ihre Heldinnenreise zu gehen.
Die Figuren sind liebevoll angelegt und einwandfrei moralisch orientiert (bis auf die Bösen versteht sich).
Niederberger greift in ihrem Roman aktuelle feministische Diskurse auf und denkt sie weiter. Sie zeigt sehr deutlich auf, dass eine lebenswerte Gesellschaft nur im Miteinander entstehen kann und immer wieder neu diskutiert und justiert werden muss.
Wie oft bei Fantasy Romanen kommt für mich auch in „Lahea“ das Ende nach dem sorgfältigen Aufbau und der Hinführung etwas zu kurz und zu wohlfeil. Aber der Weg dahin hat mich sehr gut unterhalten und aus der Realität entführt.
Eine willkommene Auszeit, die ich allen empfehle, die einem kleinen fantastischen Abenteuer nicht abgeneigt sind.





Angst vor Männern
von Nicole List
Als ich den großen Spiegel-Artikel mit dem Interview von Collien Fernández las, in dem sie erzählt, warum sie jetzt eine Klage gegen ihren zukünftigen Exmann Christian Ulmen eingereicht hat, war ich entsetzt. Und gleichzeitig nicht überrascht. Schon lange weiß ich, was Männer Frauen antun können, nicht obwohl, sondern weil sie sich in ihrem direkten Umfeld befinden und manchmal sogar in einer Liebesbeziehung.
Und ich habe Angst davor.
Als ich dem Mann, der mir am nächsten steht, von dem Artikel und den Presseberichten erzählte und nach seinen Gedanken dazu fragte, hatte er noch gar nichts davon mitbekommen.
In seiner Welt gehören solche Meldungen zur Yellow Press und sind nichts, was ihn persönlich betrifft. Er liest „richtige“ Nachrichten, wie Börsenkurse etc.pp.
Und genau da liegt irgendwo ein Problem. Nicht meine Freunde, oder meine Arbeitskollegen lesen den Essay „Angst vor Männern“ von Nicole List, sondern ICH. Wobei fair enough: Meine Feunde und Arbeitskollegen lesen einfach vermutlich gar nicht, außer Aktionkurse und Bundesligatabellen, siehe oben.
“Dieses ganze Buch handelt davon, ist im Grunde ein einziges Lehrwerk für Männer, endlich die beschissene Situation zu verstehen, in der man als Frau so oft steckt.”
Nicole List erzählt darin sehr persönlich und auch anekdotisch von ihrer Angst vor Männern, die sie mit ihren Freundinnen teilt. Von den vielen Situationen als Frau, die einzeln genommen vielleicht gar nicht so schlimm oder alltäglich wirken, in ihrer Summe aber Frauen* immer wieder klar machen, in wessen Welt sie sich bewegen.
List adressiert dabei direkt die Lesenden und fordert sie auf, diese Realität und Angst von Frauen endlich anzuerkennen.
Das Ding ist nur, ich glaube wirklich, es interessiert Männer einfach nicht. Es ist ja nicht so, als hätten wir noch nie darüber geredet und als gäbe es keine Zahlen, Fakten und Statistiken darüber.
Meine persönliche Einstellung zum Leben, Lieben und Arbeiten mit Männern ist zynisch und pragmatisch und ich fürchte, anders als der Abschluss von Lists Essay, mit wenig Hoffnung auf Veränderung.
Ich begrüße jede Veröffentlichung und jede Stimme, die das ausdrückt und Worte dafür findet, was viele wahrscheinlich viele so Menschen empfinden, sich aber nicht trauen , auszusprechen, oder vielleicht gar zu denken.





Fuckgirl
von Bianca Jankovska
Fuckgirl hat eigentlich alles, was sich eine junge, moderne und feministische Frau nur wünschen kann (und sollte?):
Einen super coolen und kreativen Job und einen einfühlsamen Mann (ist verheiratet sein immer noch das Top Goal?), der die komplette Care Arbeit zu Hause übernimmt.
Und nicht nur das, der Mann übernimmt nicht nur die ganze physical and mental load des Haushalts, er ist auch besorgt, dass Fuckgirl sexuell nicht ausreichend befriedigt wird, weswegen er einer offenen Ehe zugestimmt hat. Nur für Fuckgirl offen wohlgemerkt. Und so kann sich die Ich-Erzählerin noch ausgiebig mit wechselnden Sexpartnern amüsieren.
Denn ihr Mann ist zwar super praktisch und gemütlich wenn frau von der Arbeit nach Hause, aber so richtig hot läuft es im Bett nicht mehr wirklich.
Jankovska beschreibt mit Fuckgirls Beziehungs- und Lebensmodel ein Verhalten, das von der Gesellschaft eigentlich eher Männern zugeschrieben wird und in umgekehrter Rollenverteilung der Geschlechter nicht als ungewöhnlich gelten würde. So aber scheint es als provokant und progressiv zu gelten.
Nur merkt die Ich-Erzählerin, dass die casual Sex Dates, die erfreulicherweise recht explizit beschrieben werden, auch auf die Dauer irgendwie anstrengend und kompliziert sind. Schließlich trifft sie sich mit Männern. Der eine ist dann doch verheiratet und hat eine Frau mit Neugeborenem zu Hause sitzen, das andere Sex-Interest steht auf Kinks, die Erzählerin nicht so ganz teilt.
Mehr Frust als Lust?
Also was dann?
Jankovska lässt ihre Erzählerin anfangs als selbstbewusste Frau auftreten, die in jedem Lebensbereich genau weiß, was sie will. Sie will auch anderen Frauen helfen, ihnen die Augen über die Männer öffnen und sie aus ihren spießigen und monogamen Beziehungen zu befreien. Damit sie sie ein cooles und freies Leben führen können, so wie Fuckgirl.
Aber ist das wirklich so? Im Laufe des Romans kommen der Erzählerin immer mehr Zweifel, ob ihr Lebensmodel wirklich so erstrebenswert ist.
Ich dachte mir öfters, während ich den Roman las, dass ich feministisch schon ganz schön abgefuckt bin (um im Sprachgebrauch zu bleiben), weil ich mir irgendwie mehr erhofft hatte, als die trivialen Erkenntnisse, die sich meiner Lesart nach allmählich in Fuckgirls Gehirn herauskristallisieren. Wahrscheinlich hatte der Begriff „female revenge“ eine ungerechtfertigte Erwartungshaltung in mir geweckt. Ich dachte sofort an Eliza Clarks „Boy Parts“, in der Female revenge extrem drastische und wesentlich radikalere Ausmaße annimmt.
Ich fand Jankovskas Debütroman besonders in den Passagen stark, die mich mehr an feministische Essays erinnert haben und gar nicht unbedingt mit der fiktiven Romanhandlung zu tun hatten.
“Frauen zu mögen scheint viele Männer eine große Überwindung zu kosten. Es fällt ihnen schwer, Bücher von Frauen zu lesen, Podcasts von Frauen zu hören oder Serien zu konsumieren, die von Frauen geschrieben wurden.
Es ist ihnen unangenehm, sich mit den Memoiren einer Frau in die U-Bahn zu setzen, wo kämen wir da hin, wenn sich Männer uneigennützig mit den Büchern von Frauen auseinandersetzen würden, mit ihrem Innenleben, ihren Bedürfnissen, ihren Meinungen.”
Um es kurz zu machen, der Plot und Figurenentwicklung von Fuckgirl konnte mich nicht überzeugen, die feministischen Ideen und Gedanken dahinter umso mehr. Außerdem freue ich mich immer, wenn Frauenfiguren in Romanen nicht so handeln wie ich mir es wünschen würde, sondern sich eine gewisse Unberechenbarkeit und Ambivalenz bewahren.
Oder um die Autorin selbst zu zitieren:
“Gerade jetzt, wo uns ein zunehmend rechtes Regime konservative Ideale aufbürdet, ist es umso wichtiger, progressive Romane mit unkonventionellen Protagonistinnen zu publizieren und zu vertreiben.”





Sicheres Haus
von Marina Vujcic
Nach dem Beenden dieses Romans hatte ich einen dicken Kloß im Hals. Ladas Geschichte, die sie sich selbst aus dem Gefängnis heraus erzählt und somit auch mir, hat mich sehr bewegt und unendlich traurig gemacht.
Denn Lada erlebt in ihrer Ehe viele Jahre partnerschaftliche Gewalt und sie ist nicht in der Lage, sich zu trennen. Das ist die Geschichte vieler Frauen und sie finden in zu vielen Fällen ein gewaltsames Ende. Die Zahl an Femiziden ist in Kroatien, dem Heimatland der Autorin Vujčić, so hoch, dass das Land den Femizid als eigenständigen Straftatbestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen hat. Anders als bis jetzt in Deutschland.
Doch in „Sicheres Haus“ verhindert Lada ihren Femizid, indem sie ihren Mann in Notwehr tötet. Dafür sitzt sie jetzt mehrere Jahre im Gefängnis und kann ihre kleine Tochter nicht aufwachsen sehen.
Ihre Mutter und ihre Schwester haben sich angesichts dieser ungeheuerlichen Tat von ihr abgewendet.
„Normalerweise ist die Frau das Opfer, aber sie ist nur dann das Opfer, wenn sie tot ist.“
Vujčić arbeitet diese Ungeheuerlichkeit deutlich heraus. Lada wird von der Gesellschaft, ihrer Familie und letztendlich auch vom Gericht dafür verurteilt, dass ihre Geschichte nicht wie üblich geendet hat und ihr Mann, ein angesehener Universitätsprofessor, jetzt tot ist.
Auch Lada selbst empfindet ungeheurer Schuldgefühle und geht in Gedanken in ihrer Ehe zurück, an den Beginn der Gewalt.
Was als Liebesgeschichte begann, wird schnell zu einer Beziehung, in der nur noch einer Kontrolle und Macht ausüben kann. Am Anfang ist es nur die Kleidung, die Lada nicht mehr selbstständig auswählen darf, später gibt sie ihren Beruf auf, der ihrem Mann Grund für Eifersucht gibt. Wenn Lada sich nicht den Wünschen ihres Partners fügt, verleiht er seinen Worten auch mit körperlicher Gewalt Nachdruck. Mehrmals versucht Lada, ihn zu verlassen, aber niemand glaubt ihr, dass hinter dem freundlichen Gesicht des Professors auch ganz andere Seiten stecken.
Mit dreisten Lügen und schließlich einer Schwangerschaft hält er Lada fest in seinem Griff und die Spirale aus Kontrolle, Demütigungen und Gewalt spitzt sich immer mehr zu.
Ich finde die Schilderungen dieser Ehe sehr nachvollziehbar und bedrückend und auch Lada erkennt im Rückblick viele der Manipulationen und des Missbrauchs. Sie schwankt zwischen Selbstvorwürfen und Rechtfertigungen und findet Trost und Gemeinschaft bei den anderen inhaftierten Frauen.
Sie fragt sich oft, ob es einen anderen Ausweg gegeben hätte.
“Denn wenn du das Szenario, dass du ein totes Opfer hättest sein können, gegen das abwägst, dass du eine Mörderin geworden bist, gibt es kein gutes und kein gerechtes Ergebnis.”
Vujčić hat für ihren neuen Roman Täter- und Opferbilder in der medialen Darstellung untersucht und unter anderem mit Frauen im Strafvollzug gesprochen.
Das Ergebnis ist ein äußerst eindringlicher und auch fesselnder Roman, den Vujčić nicht nur als literarischen Fall betrachtet wissen will, sondern als Realität, die uns alle betrifft.





Wer möchte nicht im Leben bleiben
von Helene Bukowski
Ich fand schon „Die Kriegerin“ von Helene Bukowski gut, ihr neuer Roman allerdings „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ war ein richtiges Highlight für mich.
Bukowski erzählt darin die (teilweise fiktionalisierte) Lebensgeschichte der jungen Pianistin Christina, die sich 1984 in der Wohnung ihrer Eltern aus dem Fenster stürzt und sich so das Leben nimmt. Bukowski erfährt von ihrem Schicksal über die Bekannte ihrer Großmutter, die ihr auch entsprechende Dokumente, Kassetten und Briefe zur Verfügung stellen kann. Ebenfalls als Quelle und Grundlage für den Roman dient ihr eine umfangreiche Chronik, die Christinas Vater nach ihrem Tod aufgezeichnet hatte.
Bukowski besucht die wichtigen Orte und Schauplätze von Christinas kurzem Leben und versucht, die Gedanken und Gefühle der jungen Frau nachzuspüren. Sie erzählt chronologischn von Christinas Kindheit und Jugend, die schon sehr früh vom harten Drill ihres Vaters geprägt war. Christinas Eltern sind selbst Musiker und der Vater möchte seine Tochter zu einer der besten Klavierspielerinnen machen.
Bukowski ahnt hinter dem fügsamen und ruhigen Kind eine tiefe Wut und ein Aufbegehren, das es aber zu unterdrücken lernt.
Später wird Christina auf ein musikalisches Internat geschickt und wird als Jugendliche von der DDR nach Moskau zum Klavierstudium delegiert. Aus dieser Zeit geben hunderte ihrer Briefe an Eltern und Freundinnen Einblick in ihren streng disziplinierten Alltag.
Raum für jungendliche Unbeschwertheit gibt es wenig. Auch beim Klavierspielen bleibt ihr wenig Spielraum für Kreativität, die stilistischen Vorgaben ihrer Lehrer*innen sind streng.
Mich zieht Christinas Lebensgeschichte komplett in ihren Bann. Das liegt an der spannenden Erzählform, die Bukowski gewählt hat. Sie spricht Christina durchgehend in der zweiten Person Singular mit „Du“ an und erzeugt dadurch eine unglaubliche Nähe. Ich bin mit Bukowski direkt als Beobachterin in Christinas Leben dabei, möchte mit Bukowski eingreifen, dem jungen Mädchen Trost spenden und sie in den Arm nehmen.
Es schmerzt, dass nichts davon mehr möglich ist, die Zeit der Optionen unwiderruflich verstrichen ist, dass Christina schon lange tot ist.
Trotz dieser Nähe zeigt Bukowski aber auch immer die Grenzen der Fiktionalisierung auf. Wir können heute trotz der umfangreichen Dokumente und Hinterlassenschaften nur vermuten, wie es in Christina wirklich aussah, wie sie ihre Karriere und den Druck des Vorspielens wirklich empfunden hat. Und ob sie ihre Unfreiheit als solche gespürt hat.
“Ich bin überrascht, bringe deine Unordentlichkeit nicht mit dem Bild zusammen, das ich bis dahin von dir hatte.
Du grinst mich an, »Hast du wirklich geglaubt, alles über mich zu wissen?«”
Spannend ist auch die Frage, wie sehr die Chronik des Vaters, in der er auch die letzten Wochen mit Christina vor ihrem Tod genau beschreibt, von eventuellen Schuldgefühlen und Rechtfertigungen eingefärbt ist. Würde eine Chronik von Christinas Mutter vielleicht ganz anders aussehen? Es gibt keine Antworten mehr auf die viele offenen Fragen, wie immer wenn ein Mensch nicht mehr da. Und auch keine Antwort auf die größte Frage, die nach oft nach einem Suizid bleibt: auf das Warum.
Ich finde, Helene Bukowski ist mit „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ ein außerordentlich mitreißender, wundervoller und trauriger Roman gelungen, der zeigt dass die Berliner Schriftstellerinnen meiner Meinung nach mit Recht zu den Virtuos*innen ihrer Zunft gezählt werden kann.
Zweifellos eine große Leseempfehlung!





Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
von Wencke Mühleisen
Okay, zuerst müssen wir über dieses Cover reden. Nie im Leben hätte ich mich dieses Design gereizt, den Roman in die Hand zu nehmen. Die Farben, die Fonts, die Frauengestalt, alles daran weckt in mir sofort Assoziation a die „Junge-Frauen-Romane“ aus den 70er, die ich aus Mangel an Alternativen lesen musste. Auch der Titel ist meiner Meinung nach denkbar wenig vielversprechend. Nun gut, zum Glück gibt es Leseproben und in diesem Fall hatte sie mich gleich überzeugt.
Ja, es geht um eine ältere Frau über 60, die ihr Leben neu sortieren muss, aber auf wesentlich weniger betulichere Art, als das Cover vermuten lässt. Gerade in Hinblick auf Sex und weibliches Begehren wird Mühleisen oft erfrischend deutlich und kommt komplett ohne blümerante Umschreibungen aus.
“Ich bin mit Marie zusammen.”
Das eröffnet Erikas Mann ihr am letzten Abend des Italienurlaubs, gerade als sie ihm vorschlagen will, die Beziehung zu öffnen. Wenckes Ich-Erzählerin Erika fehlt schon länger der Sex und die Intimität in ihrer langjährigen Ehe und sie erhoffte sich vom Öffnen der Ehe neue sexuelle und persönlichen Impulse.
Turns out, ihr Mann holt sich das alles schon länger bei einer 15 Jahre jüngeren Frau, nämlich bei Marie.
Erika, die selbst vor 20 Jahren eine außereheliche Affäre hatte, stürzt das Bekenntnis ihres Mannes zu seiner neuen Freundin in eine tiefe Krise. Sie fühlt sich nicht nur um die körperliche Nähe betrogen, die ihr ihr Mann schon so lange verweigert, sondern sie stellt die ganzen letzten Jahre, nein, sogar die ganze Dauer ihrer Ehe in Frage.
Außerdem quält sie der Liebeskummer und das Bedürfnis, sich ganz fest an ihren Mann zu klammern, dem sie nur aus Gründen der Selbstachtung nicht nachgibt.
Ich mochte die Erzählerin und den Roman sehr gerne, vor allem weil Mühleisen, die sich als Schriftstellerin mit Themen wie Gender Sexualität, Feminismus und Politik beschäftigt, eine ordentlich Portion davon in ihren Roman einfließen lässt.
“Ich schämte mich dafür, dass ich eine dieser Frauen war, die ständig herummeckerte, eine echte Zicke. Dass wir fast wie ein Schatten unserer Eltern in den 1950er Jahren waren. Unerträglich.”
Dabei ist Erika durchaus eine Frau ihrer Generation. Für jüngere Leser*innen mag es irritierend sein, mit welche wenig schmeichelhaften Worte Wenckes betrogene Protagonistin für die in ihren Augen wenig attraktive jüngere Geliebte ihres Mannes beschreibt. Vor allem deren Gewicht ist in Erikas Augen ein Beweis ihrer moralischen Verdorbenheit, das Wort „dick“ taucht immer wieder auf, wenn Erika a die jüngere Frau denkt.
“Jans Wahl seiner Geliebten hatte etwas zutiefst Verstörendes.”
Mühleisen zeigt meiner Meinung nach damit gut, wie internalisierte Misogynie funktioniert und gegen wen sie sich richtet. Spoiler: natürlich nicht gegen die Herren der Schöpfung, die sich außerhalb des Machtbereichs von Frauen* befinden und auch auf Grund von Abhängigkeitsverhältnissen für Kritik nicht adressierbar sind.
Der Roman erreicht, wie ich finde, nicht die Reflexionstiefe von beispielsweise des autobiografischen „Ein Versuch ,meine Liebe zu ordnen“ von Christien Brinkgreve, dazu baut er zu sehr auf Unterhaltung. Dennoch freue ich mich über die feministische Ausrichtung und den Stellenwert von Sex und körperliche Intimität in dem Roman. Das ist nicht selbstverständlich und leider auch heute noch ziemlich selten, gerade bei Protagonistinnen über 60.
Ich würde jetzt gerne auch noch „Alles, wovor ich Angst habe, ist schon passiert“ von der norwegischen Autorin lesen, ein weiterer auf Deutsch vorliegender Roman, den ich aber ebenfalls vorschnell wegen des Covers für mich ausgeschlossen hatte.





Schleifen
von Elias Hirschl
Du liest gerade meine Leseeindrücke zu dem neuen Roman von Elias Hirschl. Diese Leseeindrücke sind in Sätzen geschrieben und dieser Satz wird gerade von dir gelesen. Der vorherige Satz wird jetzt gerade nicht von dir gelesen, weil du stattdessen diesen Satz hier liest.
„Dieser Satz enthält kein ö, außer das ö, das darauf aufmerksam machen soll, dass dieser Satz kein ö enthält, sowie die sechs anderen ö (insgesamt also sieben ö), die darauf aufmerksam machen sollen, wie viele ö in diesem Satz sind, um darauf aufmerksam zu machen, dass kein ö in diesem Satz ist.“
Wenn es dir Spaß macht, solchen Sätzen und wahren wie unwahren Absurditäten zu folgen, dann ist „Schleifen“ von Elias Hirschl ein Roman für dich. Ich hatte wirklich kolossalen Spaß und große kafkaeske Verwirrung beim Lesen. Oder hatte ich … klangwirres Lesen, dunkel kolossal, kafkaesk funkelnd?
Es ist eigentlich kaum möglich, von einer Handlung zu sprechen. Für die, die es konkret wollen, versuchen wir es mal so: Hirschl erzählt quasi den Lebenslauf von Franziska Denk nach. Die Sprachwissenschaftlerin ist auf der Suche nach einer Universalsprache, die nicht tot sein soll, sondern die lebendig und fluide ist und sie soll ihre eigene Bedeutung selbst verändern können. Und eigentlich träumt sie davon, die Sprache selbst und die damit einhergehenden Verwirrungen und Missverständnisse zu überwinden. Gewünscht wird die postsprachliche Utopie. Zeitweise wird sie dabei vom Mathematiker Otto Mandl unterstützt.
„Zur Frage, ob Denk und Mandl jetzt gefickt haben oder nicht, gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Dr. Anke Fiszank von der Kieler Christian-Albrechts-Universität geht davon aus, dass die beiden gefickt haben. Azsad Kernfink vom Germanistikinstitut der Universität Wien vertritt hingegen die These, dass die beiden nicht gefickt haben.“
Nur leider, leider werden die Nonverbalisten um Franziska Denk dann zu einer Art Terrorgruppe und es eskaliert ein bisschen.
Nichts an dem Roman ist Zufall: nicht die Namen, nicht die Geschichten, nicht die Referenzen (oder doch?). Es ist unmöglich, alle Eastereggs und MacGuffins (!) zu erkennen. „Schleifen“ ist ein Wunderhorn der absurden und surrealen Geschichten, auf jeder Seite erwarten mich neue Kuriositäten und Spielereien. Eine Metabene in der Metaebene in der Metaebene in der Möbiusschleife, die natürlich beim Zsolnay Verlag erschienen ist.
Ich bin schon seit „Salonfähig“, das bist heute eine meiner liebsten und abgefahrensten Politsatiren ist, begeisterte Leserin des österreichischen Schriftstellers, der mich mit mit seinem genialen Ideenreichtum und der intellektuellen Stimulans in seinem neuen Roman aus meiner Comfortzone bombt. Diese Art der permanenten geistigen Überforderung und des ungläubigen Staunens beim Lesen kenne ich sonst nur von Raphaela Edelbauer.









