Kundenrezensionen von BR





Alleinruhelage
von Eva Menasse
Zwischen den Satz "Haus, ich verkaufe dich" auf der ersten Seite und dann abschließend auf der letzten bindet die Erzählerin ihre Lebensgeschichte ein. Als Freizeit-Alternative für die Familie mit Kindern hatten sie vor Jahren eine stillgelegte Kneipe in einem Waldgebiet mit See in der ehemaligen DDR gekauft. In direkter Nachbarschaft gibt es eine alte Wohnsiedlung, die Datschen, deren Bewohner und ihre Argwohn ihr gegenüber ausführlich dargestellt werden. Mit vielen Zeitsprüngen lesen wir von Erlebnissen mit den Kindern, die spätere Trennung, Besuche von Freunden und Zeit mit neuen Partnern die die Erzählerin dort draußen verbracht hat.
Meine Erwartungen an einen unterhaltsamen Roman haben sich nicht erfüllt, dafür haben mich die erzählten Begebenheiten zu wenig interessiert. Und richtig nervend fand ich die ellenlangen, verschachtelten Sätze die sich über viele Zeilen hingezogen haben.





Tage am Fluss
von Jochen Mariss
alles fließt
Sara lebt zurückgezogen auf dem Grundstück ihrer Eltern und hat von ihrem Vater die Aufgabe übernommen, mit der Fähre die Einwohner eines abgelegenen Ortsteils über den Fluss zu bringen. Bei einer letzten Rückfahrt des Tages kommt ein sichtlich erschöpfter und verletzter junger Mann auf ihre Fähre. Uns wird Sara gleich als Einzelgängerin vorgestellt; dass sie keinen einfachen Zugang zu anderen Menschen hat ist offensichtlich. Und so ist ihre Begegnung mit Leon für sie eine schwierige Aufgabe. Da er aber verletzt ist und Hilfe braucht überwindet sie sich dazu ihn bei sich übernachten zu lassen.
Wie vom Leser erwartet wird daraus ein längerer Aufenthalt. Leon kann Sara bei den vielen liegengebliebenen Arbeiten unterstützen und es entwickelt sich ein freundschaftliches Miteinander. Recht unverständlich ist für mich Leons Verhalten. Nachdem zwischen den beiden eine Vertrautheit heranwächst verschweigt er weiterhin zwei sehr wichtige Themen. Seine Ausrede, Seite 258, ist doch sehr dünn "Ich wollte es dir schon die ganze Zeit sagen, aber es ist immer wieder was dazwischengekommen."
Die Geschichte wird ruhig erzählt und lebt von dem vorsichtigen Annähern der beiden. Beide haben aus der Vergangenheit ihre Geheimnisse, haben eine enge Verbindung zur Natur und sorgen sich um die Zukunft.





Die Straße,4 Audio-CD
von Robert Seethaler
Das Hörbuch wird gelesen von Matthias Brandt, ein toller Schauspieler der eine sehr angenehme Lesestimme mit Wiedererkennungswert hat. Inhaltlich hören wir viele einzelne Szenen die sich in der Heidestraße abspielen. Zum Teil wird was eben Beschriebenes von einem anderen Teilnehmer aus seiner Sicht erzählt so dass ein bisschen der Zusammenhang der Ereignisse erkennbar wird.
Es fiel mir recht schwer beim Zuhören zu erkennen wer von den vielen Bewohnern der Straße gerade erzählt. Zum Teil konnte man anhand des Inhaltes leicht deuten dass es der Arzt, der Pfarrer oder der Antiquar war. Aber bei vielen Teilen wo eher banale Alltagsbegebenheiten berichtet wurden blieb man im Zweifel. Im Buch erkennt man wohl eher die Absätze, aber eine klare Definition gibt es dort auch nicht.
Der Umgangston der Bewohner ist eher rauh und unhöflich oder geprägt von Neid, Missgunst und Unzufriedenheit. Ich kann mich im Nachhinein nicht wirklich an was Freundliches, Liebevolles erinnern. Leider konnte ich mit dem Aneinanderreihen vieler Anekdoten und Ereignissen nicht so viel anfangen.





Hope Joanna
von Horst Evers
Sobald ich dieses Buch in die Hand nahm, hatte ich einen Ohrwurm. Da das ein toller Song ist war das aber gut auszuhalten. Ich gehöre zu der Generation die diesen Hit und seine Bedeutung live erlebt hatten.
Schon die Geschichte mit der Namensgebung von Hope Joanna ist ne Wucht und definiert ihre Eltern als typische Berliner mit Herz und Schnauze und viel Humor. Der Fall selbst ist eher skurill aber diese Berliner Schnoddrigkeit, der Wortwitz und der rauhe Umgangston führen uns Leser mitten rein in fremde Welten.
Ich habe mich bei dieser Jagd durch Berlin recht wohlgefühlt und dieses Trio mit Hope, Zecke Neuendorf und die Kommissar-Anwärterin Siri liebgewonnen. Ich kann mir gut vorstellen dass sie weitere Fälle angehen. Zumal direkt in ihrem Umfeld der Kollege Lannert spurlos verschwunden ist und es da wohl was zu ermitteln gäbe.





The Artist
von Lucy Steeds
Der junge englische Journalist Joseph Adelaide reist in die Provence zu dem zurückgezogen lebenden Maler Edouard Tartuffe. Dieser ist für die Kunstwelt vollkommen unnahbar und Joseph ist sehr aufgeregt dass er nach vielen Anfragen nun eine Einladung von ihm bekommen hat. Der Maler selbst will mit Joseph nichts zu tun haben und schickt ihn weg. Joseph erkennt dass seine Einladung von der Nichte des Malers stammt, Ettie. Geschickt bietet Ettie ihrem Onkel, Tata, den jungen Mann als Modell für ein geplantes Gemälde an und der Maler nimmt die Gelegenheit wahr. So verbringt Joseph viele Wochen über den Sommer im alten Bauernhaus und lernt die Arbeit und die Eigenheiten des Malers kennen.
Langsam erfahren wir auch die Hintergründe dafür dass Ettie nach dem Weggang ihrer Mutter vollkommen ohne eigenes Leben in der ländlichen Einsamkeit bleibt. Sie war sieben Jahre alt als ihre Mutter fort ging und die Kleine bei ihrem Bruder zurück ließ. Dieser hatte keinerlei Verständnis für die Bedürfnisse und Trauer des Mädchens die darauf hoffte dass die Mutter zurück kommt. Im Gegenteil, er nötigte sie dazu kochen zu lernen und sich um alles im Haushalt zu kümmern.
Besonders ungerecht war Tata zu ihr als er ihr das malen verbat und ihre Pinsel zerbrochen und Stifte weggenommen hat. Es ist schwer auszuhalten dass Ettie so gebunden an dieses Anwesen ist und ihr Leben damit verbringt, alles rund um den Maler zu organisieren, richten und erledigen.
Ich kenne sowohl die Provence als auch die Kunst die dort entstand wie Van Goghs "Brücke von Arles". Diese Kunstszene zum Ende des 19. Jahrhunderts ist in dieses Buch sehr gut eingeflossen. Die trockene Landschaft mit den gelben Feldern, der weite Himmel, die Einflüsse der Düfte und des Lichts sind sehr treffend und bildgewaltig beschrieben. Die Entstehung der Gemälde und Josephs Beobachtungen erzeugten eine Sogwirkung ebenso wie das Miteinander, die Spannungen und die Geheimnisse zwischen den drei Hauptfiguren.
Nicht gefallen hat mir eine Szene in der "Kunstinteressierte" auf dem Hof eingefallen sind und sich benommen haben wie eine offene Hose. Vollkommen überspannt und es hat meiner Meinung nach dem Erzählfluss nicht gutgetan. In der Summe hat mich diese fiktive Geschichte aber beeindruckt.





Noch fünf Tage
von Helena Falke
Lis Castrop ist Weltklasseköchin und hat eine wichtige Stellung in einem Londoner Edelrestaurant. Da Lis aber eine Tochter hat nutzt sie die Chance zu einer Festanstellung bei einer sehr reichen Familie. Beide können bei der Familie Harman wohnen und Cosima wird dadurch eine Top Schulbildung geboten.
An Silvester bereitet Liz in dem Feriendomizil in Davos ein aufwendiges Menü zu. Dabei erliegt die gesamte 4-köpfige Familie Harman einer Vergiftung. Das verwendete Gift ist so hochwirksam dass schnell klar ist dass auch Lis, obwohl sie überlebt hat, daran versterben wird. Es kommt hinzu dass Liz als Köchin selbst im Verdacht steht das Gift angewendet zu haben. Der Leser erlebt mit Liz diese 5 Tagen in einer Luxusklinik in Davos.
Lis nutzt die restlichen Zeit um dem Hintergrund dieser Tat auf die Spur zu kommen. Unterstützt wird sie dabei von der Pflegerin Esme. Mit ihren Gedanken und Recherchen im Internet lernen wir Lis’ Welt in den letzten Jahren kennen. Was sich im Restaurant und später innerhalb der Familie abgespielt hat. Auch Konflikte zwischen Personen, die vielleicht ein Tatmotiv zum Mordanschlag liefern könnten. Bei den Ereignissen in der Vergangenheit hatte ich den Eindruck, dass Lis immer wieder ausgenutzt wurde. Sowohl von den Mitgliedern der Familie Harman als auch ihrem Chef im Edel-Restaurant.
Die Grundidee dass Lis genau weiß dass auch sie an der Vergiftung sterben wird und aus dieser Situation heraus nach dem Täter sucht, fand ich schon sehr originell. Allerdings fand ich die Geschichte trotz der ablaufenden Zeit recht zähfließend.





Einatmen. Ausatmen.
von Maxim Leo
Einatmen. -
Die Figur der Marlene Buchholz ist schon richtig originell angelegt. Ihr Unverständnis anderen Menschen gegenüber, ihre Konzentration ausschließlich auf die Arbeit und die Tatsache dass sie keinerlei soziale Kontakte sucht. Dies ist nicht ideal für die Führung eines erfolgreichen Konzernes. Und deshalb wird sie auf ein Achtsamkeits-Seminar geschickt. Ich habe interessiert und mit einem Schmunzeln Marlene dabei beobachtet wie sie sich in diesem Seminar zurechtfindet.
Vor Ort hat sie viele skurrile Begegnungen mit Alex Grow, dem Seminarleiter und weiteren Personen rund um die Academy. Ein bisschen versteckt findet sich aber auch Tiefe in dem Miteinander der verschiedenen Figuren.
Mich hat diese humorvolle Geschichte amüsiert. Dabei sollte man Marlenes Entwicklung nicht bierernst nehmen.
- Ausatmen.





Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
von Wencke Mühleisen
Die körperliche Nähe war schon lange aus der Ehe von Erika und Jan verschwunden. Trotzdem kam es für sie sehr überraschend als Jan ihr an einem letzten Urlaubstag offenbarte dass er seit ca. anderthalb Jahren eine Beziehung mit der jüngeren Marie hat.
Mich haben zwei Dinge gestört: Zum einen der Schreibstil mit vielen verschachtelten, langen Sätzen. Ich wollte ein Beispiel zitieren habe dann aber aufgrund der Überlänge nur die Anzahl der Worte gezählt: 94 Worte! (Seite 92/93) Was soll man mit solch einem Satz anfangen?
Und die Hauptperson Erika deren Gedanken die ganze Geschichte tragen blieb mir unsympathisch. Wir lesen die ganze Zeit larmoyante und aggressive Betrachtungen ihrer jetzigen Situation. Besonders ihre Gedanken Marie gegenüber waren derbe und beleidigend.
Es war für mich kein angenehmes Lesen so dass ich froh war dass das Buch weniger als 200 Seiten hatte.





Restsommer
von Kea von Garnier
Die Geschichte wird von dem 16-jährigen Dominik in der Ich-Perspektive erzählt und ich fand seine Gedankenwelt sehr stimmig dargestellt. In diesem Sommer wird ihm bewusst dass die Schule bald endet und er langsam ins Erwachsenenleben startet. Ihn beschäftigen Erwartungen und Zweifel an Zukunft, Freundschaften und erste Liebe wie sicher die meisten in dieser Lebensphase.
Bei ihm kommt erschwerend hinzu dass quasi schon festgelegt ist dass er den Bestatterberuf ergreift um das Bestattungsinstitut seines Vaters fortzuführen. Dies macht ihm richtig Angst denn für ihn würde es wohl bedeuten, dass er nie aus seinem ländlich, dörflichen Umfeld herauskommen würde.
Dies hat mich angesprochen, weil ich vor ca. 30 einen jungen Mann kannte, der genau vor dieser Herausforderung wie Dominik stand. Und ich weiß, dass er inzwischen der Chef des elterlichen Bestattungsinstuts ist.
Hier in der Geschichte hat sich Dominik in diesem schwierigen und ereignisreichen Sommer deutlich weiterentwickelt und ich traue ihm zu dass er seinen Weg finden wird.





Alle glücklich
von Kira Mohn
Beim Titel „Alle glücklich“ in Verbindung mit dem Klappentext wird dem Leser schnell klar dass alles andere als das zutrifft. Die Hauptlast für die Familie trägt wohl die Mutter Nina. Sowohl der Ehemann Alexander als auch der 19-jährige Ben und die 16-jährige Emilia nehmen sie nur in ihrer Organisationsrolle für den Haushalt wahr. Erst als Nina aus dieser Rolle ausbricht bröckeln die Abläufe in der Familie und es gibt Unruhe im Alltag der anderen drei.
Besonders unsympathisch fand ich Alexander, der als Oberarzt überheblich und arrogant rüberkommt. Und das sowohl zu den Kolleginnen in der Klinik als auch gegenüber seiner Ehefrau. Dies zeigt ein Zitat aus dem Kapitel 20 »Was weißt denn du von einem Vollzeitjob? Was weißt du von der Verantwortung, die jeden Tag auf mir liegt? Ein paar Stunden als Sprechstundenhilfe in einer gemütlichen Praxis lassen sich wohl kaum mit einer 60-Stunden-Woche vergleichen!« Dabei hatte Nina genau wie er Medizin studiert aber wegen der ersten Schwangerschaft unterbrochen und die geplante Wiederaufnahme des Studiums scheiterte mit der Geburt ihrer Tochter.
Die Erzählweise jeweils aus der Sicht aller vier Familienmitgliedern hat die Charaktere gut dargestellt. Die Spannungen und das Unverständnis füreinander kam deutlich zum Vorschein und so begleiten wir alle in die recht schmerzhaften Veränderungen.









