Kundenrezensionen von HEYN Leserunde, Irmgard Gstettner





Die Namen
von Florence Knapp
Ein Sohn bekommt 3 Namen. An sich nichts Ungewöhnliches. Doch in der Familie, in die er hineingeboren wird, herrscht Gordon, der Vater mit brutaler Gewalt vor allem über seine Frau, aber auch über die Kinder. In seiner Familientradition erhält der Sohn den Namen des Vaters. Cora, seine Mutter will ihm einen anderen Namen geben, der keine Assoziationen mit der Gewalt des Vater weckt.
Dies ist der Ausgangspunkt des Romans von Florence Knapp, in dem sie drei Lebenswege des Kindes aufzeigt, die sie den Namen zuordnet.
Geht es dabei wirklich um die Bedeutung der Namen oder sind es nicht vielmehr die Erwartungen, Befürchtungen und Vorurteile die das Leben eines Menschen prägen und beeinflussen? In dieser Familie handelt es sich um Traumatisierung ,Hilflosigkeit, Unterordnung , aber auch um die Möglichkeit sich aus der Familie zu befreien und die Traumata auf verschiedene Weise zu heilen.
Eine spannende Geschichte, sehr gut erzählt, erschreckend und berührend zugeleich. Noch lieber hätte ich das Buch gelesen, wären die Erzählstränge nicht so verflochten gewesen.





Im ersten Licht
von Norbert Gstrein
Norbert Gstreins Buch ist ein Leseerlebnis. Es umspannt die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit 2 Weltkriegen und wird aus dem Blickwinkel eines Mannes erzählt, dem in seiner Jugend vom Vater eine Verletzung am Bein zugefügt wird, damit er kriegsuntauglich ist. So nimmt er an keinem der Weltkriege teil. Aus dieser Außenseiterposition entwickelt sich ein spannender innerer Prozess, der ihn duch Phasen der Beschönigung, Romantisierung, Distanzierung und der abstrakten Beschäftigung mit dem ersten Weltkrieg führt. Dem allen setzt er nichts entgegen und erkennt erst spät , dass er dadurch Schuld auf sich lädt.
Am Ende seines Lebens kann er die obsessive Beschäftigung mit dem Krieg aufgeben, indem er die Frau, die er liebt durch einen tiefen Trauerprozess begleitet.
Norbert Gstrein hat sich wieder als exzellenter und kluger Erzähler erwiesen.





Die Passantin
von George Nina
Die spannende Story, die in vielen kurzen Kapiteln zwischen 2015 und 2019 spielt, erzählt von der gefeierten Schauspielerin Jeanne Partou, die beim Germanwings-Absturz, bei dem es keine Überlebenden gab, als tot gemeldet wurde, sich aber nicht an Bord befand. Sie ergreift spontan die Möglichkeit, ihrem bisherigen angepassten und abhängigen Leben zu entkommen und abzutauchen. In ständiger Auseinandersetzung mit ihrem bisherigen angepassten und ihrem neu entstehenden Ich , sowie mit den Frauen, deren Geschichten sie im Laufe ihres Neubeginns und ihres Emanzipationsprozesses erfährt, entdeckt sie sich selbst und neue Wege, bis sie sich letztendlich wieder zu erkennen gibt.
EIne durchaus lesenswerte Geschichte, die die Situationen in denen Frauen leben bzw. glauben leben zu müssen, beleuchtet, wäre da nicht von allem etwas zu viel. Es scheint, als hätte Nina George nicht darauf vertraut, dass ihre Geschichte auch ohne raschen Szenenwechsel, immer wieder wechselnde Rückblicke und ab und zu deftige Sprache die Aufmerksamkeit der Leserin/ des Lesers bis zum Ende aufrecht hält.
Insofern der abgewandelte TItel von Richard David Prechts Buch: Wer bin ich- und wenn ja, zu viele?





Himmel ohne Ende
von Engelmann Julia
Auch wenn ich meine Pubertät schon vor vielen Jahrzehnten erlebte, empfand ich einen Nachklang beim Lesen dieses einfühlsamen, mit Verständnis und Poesie geschriebenen Buches. Es handelt sich ja um ein zeitloses Thema, obwohl sich die äußeren Verhältnisse geändert haben.
Charlie, schwankend zwischen Zurückgezogenheit und Sehnsucht nach Anerkennung und Freundschaft erlebt Zweifel, Kränkungen und Unsicherheit. Doch sie kann auch a in einigen Situationen klar ihre Bedürfnisse verteidigen.
Durch die Freundschaft mit Pommes, der ein schweres Familientrauma zu bewältigen hat, erkennt sie, dass es auch andere junge Menschen gibt, die vor Herausforderungen stehen und sie trotz Angst mutig zu bewältigen versuchen.
Pubertät ob gestern oder heute vollzieht sich trotz verschiedener äußerer Bedingungen im inneren Kampf um Sebsterkenntnis und im Suchen nach dem angemessenen Platz in der Welt nicht ohne Wachstumsschmerzen.





Botanik des Wahnsinns
von Engler Leon
Wie kann man sich davor schützen, eine Familientradition von psychischen Krankheiten, Unglück und falschen Entscheidungen weiterführen zu müssen? Der junge Erzähler widmet sich mit Selbstreflexion und zunehmendem Verständnis den Lebensgeschichten seiner Vorfahren und erfährt durch sein Psychologiestudium und die Erfahrungen in der Psychiatrie, dass Patienten nicht ihre Krankheiten sind, sondern ihre Krankheiten haben und die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität durchaus fließend sind.
Letztendlich gelingt ihm, mit Empathie und klarem Blick sich auch seinen eigenen Ängsten zu stellen.
Diese Lektüre war für mich interessant und zugleich aber immer wieder bedrückend. Witz habe ich selten registriert.





Wie Risse in der Erde
von Clare Leslie Hall
Ein solch leidenschaftliches erstes Liebeserlebnis, getragen von gegenseitigem Verstehen, Kreativität und Leichtigkeit , doch auch ernsthaft und unvergesslich, wer würde sich das nicht wünschen? Beth und Gabriel sind leidenschaftlich ineinender verliebt, teilen das Interesse für Literatur und wollen Schriftsteller/in werden. Sie sind aber noch zu jung, abhängig von der Meinung der Eltern , unsicher und stolz, um ihre Liebesbeziehung zu bewahren.
Als sie sich nach mehreren Jahren wieder begegnen, ist Gabriel frisch geschieden und Beth verheiratet mit dem verlässlichen und liebevollen Frank. Gabriel ist
inzwischen ein bekannter Schriftsteller geworden und Beth lebt in einem kleinen Dorf und bewirschaftet mit Frank und seinem Bruder einen Bauernhaf.
Sowohl Gabriel als auch Beth haben Fehlentscheidungen und einen schweren Verlust zu verkraften.
Doch sie können nicht anders, als ihre leidenschaftliche Beziehung wieder aufzunehmen.
Aus diesem Konflikt , der daraus entstehenden Tragödie und ihrer Schuld speist sich der Roman von Clare Leslie Hall.
Obwohl klischeehafte Figuren und Situationen gezeichnet, obwohl Gefühle und Erlebtes zu dick aufgetragen werden, obwohl manches zu konstruiert scheint, gibt es Stellen, die mich sehr berührt haben. Und dass es möglich scheint, mit schwierigsten Geschehnissen konstruktiv und beherrscht umzugehen, hebt das Buch von so mancher modernen Literatur ab, in der Heldinnen narzistisch um sich kreisend, ihr Schicksal beklagen.
Warum dann nur 2 Punkte? Weil weniger mehr gewesen und der künstlich überdehnte Spannungsbogen nicht notwendig gewesen wäre.





Wild wuchern
von Köller Katharina
Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann besinnt sich Maria auf ihre Cousine , die als Eremitin in einer Almhütte in den Tiroler Bergen lebt.
Die kraftvolle Johanna, naturverbunden und schweigsam, ist in allem das Gegenteil ihrer hübschen, modischen Cousine, die ein angepasstes Leben als Schuhdesignerin nach Aufenthalten in New York ,Paris und London in Wien lebt.
Das Zusammenleben gestaltet sich für Johanna und Maria schwierig, denn unterschiedlicher könnten sie gar nicht sein.
Den Schlüssel zu ihrer Verständigung finden sie letztendlich in ihrer Kindheit, wobei Maria erkennt, dass die abgelehnte, aus dem gesellschaftlichen Rahmen gefallene Johanna eine Stärke entwickelt hat, um die sie sie beneidet.
Wortgewaltig, wuchtig und oft bis zur Grenze verdichtet zeichnet Katharina Köller Charaktere und Situationen, die Oberflächlichkeit und den Verlust der Eigenständigkeit im Gegensatz zur Mühe und Ernsthatftigkeit aber auch Schönheit des Lebens in der Natur.
An mehreren berührenden Stellen nimmt mich der Roman gefangen und lässt mich so hautnah miterleben, wie sehr Maria unter der Kälte leidet, dass ich aus dem Bett aufstehe, um mir einen Schal zu holen!
Ein Buch zum warm Anziehen.





Für Polina
von Würger Takis
Selten habe ich in den letzten Jahren eine Liebesgeschichte gelesen, die mich so berührt hat. Was ich in modernen Romanen oft vermisse, finde ich hier: einfühlsame Sprache, hoffnungsvolle Zuversicht, Anteilnahme an Menschen, die nicht der Norm entsprechen, Freundschaft, die sich bewährt und Liebe, die sich nicht beirren lässt . Vor allem aber Musik, die das ganze Buch erfüllt.
Man legt es beglückt zur Seite und wünscht sich mehr davon.





Honey
von Victor Lodato
Schon nach den ersten Seiten entpuppt sich Honey als außergewöhnliche alte Dame, die ihre Aufmerksamkeit vor allem darauf richtet, ihre Lebensgewohnheiten und ihren Stil so gut wie möglich beizubehalten. Mit Schönheit, Reichtum und Charme gelingt es ihr, auch das Alter zu überlisten. Doch unter dieser glanzvollen Oberfläche verbergen sich nicht nur die unvermeidlichen Auswirkungen des Alterns, sondern auch die Tragödien ihres Lebens.
Mit Leichtigkeit, Witz und erstaunlicher Kraft stattet Victor Lodato seine Hauptfigur aus. Durch amüsante, berührende, skurrile Situationen begleiten wir Honey in ihren letzten Lebensjahren, wobei sie auf viele Probleme der modernen Gesellschaft reagieren muss und letztendlich auch ihrer gewaltbereiten Mafiafamilie vergeben kann.
Liebenswert und originell, das ist Honey auf jeden Fall und doch ist ihre Geschichte zu ausufernd und manchmal redundant, so dass ich das Buch auch etwas anstrengend fand. Deshalb: Ein bißchen zu viel honey.





Sing, wilder Vogel, sing
von OMahony Jacqueline; pociao; de Hollanda Roberto
In diesem aufwühlenden Roman verdichtet Jacqueline O'Mahony die Geschichte der irischen Hungersnot von 1849 und ihrer Auswirkungen im Schicksal der Protagonistin Honora O'Neill.
Schon bei ihrer Geburt mit einem abergläubischen Fluch belegt, wächst Honora mutterlos und vom Vater abgelehnt in freier, wilder Natur auf und erlangt so besondere Unabhängigkeit , Stärke und einen unbändigen Freiheitswillen. Sie überlebt den Hungermarsch von Doolough, wandert zu Fuß an die Westküste und es gelingt ihr als blinde Passagierin nach Amerika zu gelangen.
Aber dort führt sie ein Leben der Ausbeutung und Unfreiheit zu weiterer Flucht RIchtung Westen. Letztendlich eröffnet sich ihr nach Jahren der schweren Arbeit und Bedrohung eine Zukunft in Freiheit.
Der leicht lesbare Text hat mich von der ersten Seite an sehr berührt, stellenweise konnte ich mir nicht vorstellen, wie eine Frau, vom Hunger geschwächt, ausgenützt, verraten und misshandelt überleben konnte ohne ihre innere Kraft zu verlieren.
Ein sehr empfehlenswertes Buch, durch das die Geschichte der Hungersnot Irlands greifbar wird und die Verbindung zu dem indigenen nordamerikanischen Volk der Choctaws, die Hilfsgüter an die hungernden Iren schickten, eine neue Erkenntnis für mich ist.









