Kundenrezensionen von Emmmbeee





Der Club der Unbeugsamen
von Kathryn Stockett
Zwei Frauen erzählen ihre Geschichte, stellverstretend für viele andere Betroffene. Ich dachte zuerst, die beiden hätten nichts miteinander zu tun. Doch nach und nach zeigen sich Querverbindungen, auch zu anderen Hauptpersonen.
Amerika, das sich so gern fortschrittlich und überaus modern gibt, ist in Wahrheit noch weit hinten, was die Menschen, ihre Würde und ihr Recht betrifft. Stammen sie etwa nicht allesamt von Einwanderern ab? Längst ist es zum Land der begrenzten Möglichkeiten geworden.
Es ist die Zeit der Prohibition, der großen Weltwirtschaftskrise, und es geht um Entschlossenheit, Mut, Zusammenhalt, Festigkeit. Weitere Stichworte wären Freundschaft, Trauer, Verbundenheit, Gemeinsamkeit, Selbstbestimmung und Identität. Birdie, Frances, das Mädchen Meg, Mrs. Tartt und Charlie sind die Charaktere, um die es hauptsächlich geht.
Das harte Leben, besonders für Schwarze und Menschen am Rand der Gesellschaft, prägt während der 1930erjahre den Alltag in Mississippi. Frauen gelten nicht viel, Reiche haben immer mehr das Sagen. Wären da nicht verzweifelte Menschen, die nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen haben, würde die Schere wohl immer weiter auseinanderklaffen, würde das Leben immer noch schwieriger.
Kathryn Stockett verfügt über einen Schreibstil, der begeistert und seine Leser sofort mit sich reißt. Spannung herrscht von Beginn an, erzählt wird plastisch, farbig, fließend, mit Blick aufs Detail. Wichtige, ernste, ja schwierige Themen greift die Autorin auf, doch durch eine unterhaltsame und federleichte Verarbeitung werden sie so behandelt, dass sie nicht allzu schwer „im Magen liegen“. Stockett erzählt in anschaulicher, plastischer Sprache, und gerade in der wörtlichen Rede hat sie aufmerksam den Menschen auf den Mund geschaut.
Das Cover zeigt einen auffliegenden Vogel, der für mich ein Symbol für die Freiheit, aber auch für neue Hoffnung, eine neuartige Lebensform und Selbstvertrauen ist. Sehr passend, finde ich.





Leuchtende Schatten
von Iris Wolff
Hier haben wir Erinnerungen an eine Zeit mitten im Zweiten Weltkrieg, als die Faust des NS-Regimes mit seiner Judenverfolgung zwar über allen involvierten Ländern hing, aber dennoch weniger zupackend war. Anders hätte es nicht sein können, dass Ella, die erzählende Hauptperson aus Siebenbürgen, mit dem jüdischen Mädchen Harriet eng befreundet war. Zwar wussten es einige Leute, aber Harriet durfte in die Schule gehen. Die Menschen sind sächsische Deutsche, die Männer werden zur Wehrmacht „ins Reich“ einberufen oder melden sich freiwillig, um nicht in einem rumänischen Heer kämpfen zu müssen.
Es geht um Freundschaft und Zuneigung über alle Hindernisse hinweg, aber auch um eine Familie, in der man am liebsten selbst aufgewachsen wäre. Da ist ein Zusammenhalt, eine Stärke, eine Gradlinigkeit, an der andere sich aufrichten können. Es gibt gerade bei einem Krieg, der sich seinem Ende zu bewegt, große Einschränkungen und schmerzhafte Verluste zu beklagen, doch bietet diese Großfamilie sich gegenseitig Trost und Halt.
Ich frage mich, wie weit der Stoff autobiografisch ist. Schon der Name (Elisabeth bzw. Ella, auch Iris ist eine Form davon) legt das nahe. Diese Figur hat sofort meine Sympathie gewonnen. Natürlich auch Harriet mit ihrer zurückhaltenden, aber bald liebevollen und zugewandten Art.
Erzählt wird in einem teils jugendlich-übermütigen und teils wehmütigen Ton. Sofort fand ich mich mitten im Geschehen, als wäre ich unmittelbar dabei. Daran sind die eingestreuten farbigen Details nicht ganz unbeteiligt. Ich habe das Buch regelrecht verschlungen und in zwei Tagen ausgelesen.
Das Cover weist auf die ländliche Umgebung, was eigentlich genügen sollte, und ist in frischen Farben gehalten, mit (trotz allem) positiv stimmenden Kirschen.





Verlorene Schäfchen
von Madeline Cash
Die Familie Flynn: Bud, Catherine, die Töchter Abigail, Louise und Harper macht gerade eine Krise durch. Es geht so weit, dass der Vater im Auto schläft und die Töchter entwicklungsgemäße Phasen durchlaufen: die Liebe, gesehen werden wollen, Positionskämpfe etc. Die Mutter wiederum meint die Rettung in einer geöffneten Ehe zu finden. Bud flüchtet sich zu einer Selbsthilfegruppe und halbreligiösen Gemeinschaft, die sich „Verlorene Schäfchen“ nennt und entdeckt dort eine neue Liebe.
Bei allen Hauptpersonen spukt irgendwo in ihrem Tagesablauf ein gewisser Paul Alabaster, Tech-Milliardär, herum, der erst allmählich Konturen annimmt. Und noch einer, nämlich Wes, der angeschwärmte Freund von Abigail, der ausgerechnet bei Alabaster arbeitet und Einblick in so manches hat. Alabaster erweist sich als eine Art Heilsbringer, der seine Finger in allen Machenschaften hat, aber unangreifbar und es mit allen gut zu meinen scheint.
Lange habe ich nicht in den Roman hineingefunden. Zu viele Personen geben sich die fortlaufenden Kapitel in die Hand, und ich habe mich lange gefragt, was das Ganze eigentlich soll. Es kommen immer neue dunkle Machenschaften ans Licht, und der Leser weiß nicht recht, ob er nicht selber an der Nase herumgeführt wird, falls er nicht an Verschwörungen glauben will. Ich habe bis zum Schluss gelesen, weil ich annahm, dass sich am Ende doch noch ein Sinn daraus ergibt. Dass Mr. Alabaster die jungen Hauptpersonen nicht umlegen lässt, da ja seine Machenschaften von ihnen aufgedeckt wurden, finde ich unwahrscheinlich und unglaubhaft.
Mir war das alles ein zu großes Durcheinander, mehr als einmal habe ich mich gefragt, was das soll. Sicher, die unfreiwillige Komik und die schrägen Dialoge haben etwas für sich. Aber genossen habe ich dieses Chaos nicht und werde den Roman auch nicht weiterempfehlen. Tut mir leid.





People in Love
von Claire Daverley
In Noras Leben passt eigentlich alles. Der Job als Gastgeberin in ihrem Café, das eben erst gegebenen „Ja!“, als ihr langjähriger Partner Robin ihr einen Antrag macht.
Doch nun ist Bren zur Beerdigung seines Vaters zurückgekommen, ihre Jugendliebe, nach dem sie immer Sehnsucht hatte und der nun sogar ihr Trauzeuge sein will – um womöglich nach der Hochzeit mit ihr durchzubrennen? Die junge Frau ist zwischen zwei Männern hin- und hergerissen. Mit dem einen verbindet sie eine bewährte, ruhige Beziehung. Der andere hat ihre Gefühlswelt sofort wieder zum Lodern gebracht. Noras Herz ist völlig aufgewühlt.
Robin oder Bren? Verstand oder Herz? Welches ist die richtige Entscheidung? Was wird Nora später bereuen? Wird die Sehnsucht nach Bren sie ihr Leben lang quälen, wenn sie sich für die Heirat mit Robin entscheidet? Oder ist eine sichere, ausgeglichene Zukunft mit Robin nicht vorzuziehen?
Die Geschichte wird aus der Sicht der drei Hauptprotagonisten beleuchtet, sodass man Einsicht in das Denken von Nora, Robin und Bren erhält. Beim Lesen war mir, als steckte ich mittendrin im Geschehen, so als wenn ich selbst von Noras Zwiespalt angesteckt worden wäre. Ich möchte nicht an ihrer Stelle sein und entscheiden müssen, so zerrissen wie sie war zwischen den zwei Männern. Wo mir selbst doch keiner von beiden richtig sympathisch war, soll heißen: ich hätte weder Bren noch Robin für mich gewählt. Bis zum Schluss habe ich gehofft, dass es eine gute Lösung gibt. Doch hundertprozentig klar scheint der Ausgang auch auf den letzten Seiten des Buches nicht zu sein.
Die Personen sind sehr gut herausmodelliert, auch wie sie sich im Lauf der Handlung weiterentwickeln. Die Nebenfiguren bringen zusätzlich Leben und Farbe ins Geschehen. Den Schreibstil finde ich lebendig, flott und fließend, der Text zieht sich aber stellenweise recht in die Länge, da habe ich quergelesen.
Das Cover zeigt sofort eine Dreiecksbeziehung, um die es vordergründig geht, die Farbgestaltung macht es auch recht ansprechend. Auf dem Büchertisch animiert es dazu, die Hand nach dem Buch auszustrecken.





Tschikago
von Alexandra Stahl
Was Alexandra Stahl in zwei Teilen beschreibt, sind lauter alltägliche Dinge: das Leben ihrer Großeltern und damit ihre eigene Kindheit bei ihnen, und die Begegnung mit Senioren im Heim, deren Biografie Gruppe sie leitet. Liebevoll lenkt sie unseren Blick auf verschiedene charakteristische Episoden, und in beiden Teilen bestätigt sich: „Was sich neckt, das liebt sich“, zumindest im Geheimen.
Und doch ist jede kleine Geschichte für sich einzigartig, so wie jeder Mensch seinen ganz persönlichen Hintergrund hat, seinen eigenen Charakter. Es ist halt so, Dinge passieren, wie es schon als Motto vorangestellt wird.
Die Autorin erzählt nicht nur, wie sie es gesehen und erlebt hat, sondern auch noch mit einem Schreibstil voller Leben, Zuneigung, Spannung. Durchwegs findet der Leser seine eigene Umgebung, Familienmitglieder, ja sich selbst in den geschilderten Figuren. Und genau das ist mir so nahegegangen.
Es hat mich jedoch etwas Mühe gekostet, die Mundarteinschübe (fränkisch und berlinerisch) zu verstehen, die waren eine Lesebremse. Doch wie Farbkleckse tauchen immer wieder humorvolle Stellen auf.
Altern ist als Lesestoff-Thema eigentlich nicht so beliebt, genauso wenig wie der Tod. Jeder will alt WERDEN, aber niemand alt SEIN. Dennoch gehört beides zum Leben, und es hat keinen Sinn, davor die Augen zu verschließen. Alexandra Stahl greift Alter und Sterben beherzt auf und behandelt sie unsentimental, aber keineswegs nüchtern.
Ich bin zuallererst aufgrund des Covers auf das Buch aufmerksam geworden. Im Lauf eines Leserlebens kann man von der Umschlaggestaltung darauf schließen, ob einem der Lesestoff gefallen wird oder nicht. Und dieser orange Hintergrund mit dem Schwarzweißbild zweier Senioren hat sein Versprechen (zumindest bei mir) gehalten.
Ich empfehle das Buch allen, die pragmatisch den letzten Teil ihres Lebens angehen.





Honey und Blondie
von Ubin Eoh
Honey, das Kind koreanischer Einwanderer, und Blondie, eine kleine taffe Berlinerin, merken bereits zu ihrer Kindergartenzeit, dass sie gegenseitig ihre Körper wechseln und quasi in die Haut der anderen schlüpfen können. Das zeigt sich erstmals in einer Notsituation und das machen sie im Lauf ihres Lebens öfter, nämlich dann, wenn es notwendig ist, der anderen die eigene Kraft zu leihen.
Während der kommenden Jahre begegnen sie den unterschiedlichsten Menschen, auch viel Rassismus und Gewalt, schlagen verschiedene Berufswege ein, leben oft weit voneinander entfernt, sind sich aber immer nahe. Und dann ist die eine schwer krank, die andere schwanger, und die Frage stellt sich: Kann Honey Blondies Leben retten, wenn sie, vielleicht zum letzten Mal, die Körper tauschen?
Auch wenn der Leser genau weiß, dass es sich um Fiktion handelt und es nicht wahr sein kann, ist man gleich gefesselt. Die Geschichte hat einen starken Sog, es geht rasant voran, die Notsituationen und ebenso die enge gegenseitige Verbindung sind ergreifend, manchmal erschütternd. Man atmet nach dem Überstandenen auf, man lebt mit, liest vergnügt die Namensverdrehungen und Koseworte der beiden und verfolgt den schriftlichen Austausch mit Freude. Gut gefallen mir auch die Charaktere der beiden Mütter, jede besitzt meine Sympathien, wenn auch für unterschiedliche Wesenszüge.
Eine rasant erzählte Geschichte, voller Zeitgeist, Farben und Gerüche, kulinarischer, hauptsächlich koreanischer Eindrücke (wenn ich sie auch extra nachschlagen musste). Die Erzähl-Person wechselt immer wieder, viele spezielle Ausdrücke, die zu kennen ich mit meinen 76 Jahren viel zu alt bin, mischen den Text auf. Ebenso eine große Portion Humor. Angenehm sind die kurzen Kapitel, die wie Appetithäppchen daherkommen und einem ein längeres Lesen leicht machen.
Das Cover zeigt die Hinterköpfe von zwei Frauen, dunkelhaarig und blond, in enger Umarmung. Genauso stelle ich mir die Freundinnen vor. Ein herrliches Buch, das ich weiterempfehlen werde. Von dieser Autorin wünsche ich mir mehr.





Querfeldein
von Alex Capus
Ein junger Mann gewinnt auf kaum glaubliche Art eine Masse Geld am Spieltisch und kann sich in seinem neu eröffneten Gasthof außerhalb des Dorfes erstaunlich schnell behaupten. Als ihm dann auch noch die richtige Frau hoch zu Roß wie auf dem Silbertablett serviert wird, ist das Märchen eigentlich komplett. Denn wie ein Märchen liest sich der Hergang. Doch man gesteht Capus so viel dichterische Freiheit zu. Denn was er nun Seite für Seite bietet, liest sich vergnüglich. Ein Pageturner erster Güte, finde ich.
Dass der Autor einen Wirt als Hauptprotagonisten wählt, scheint mir nur folgerichtig, betreibt er doch selbst eine Bar in Olten und steht einmal pro Woche persönlich hinterm Schanktisch. Er weiß also genau, wovon er schreibt. Man könnte auch meinen, er habe sich mit dem Geschäft des Häuserbauens näher befasst, so minutiös schildert er die Vorgänge. Und schon, wie er den Anblick einer Ebene schildert, passt ganz zu seinem Stil.
Alex Capus schreibt in all seinen Romanen sehr wirklichkeitsnah. Genauso, wie das Leben eben abläuft, und das ist meist unvorhergesehen. Was ich an seinen Büchern auch so schätze, ist der Blick aufs Detail. Sein Narrativ ist volkstümlich, ganz genauso wie einfache Menschen eben sprechen, immer wieder durchsetzt mit einzelnen Helvetismen.
In all seinen Romanen gefallen mir die liebevoll skizzierten Figuren. So auch hier: die Witzbolde, der Schriftenmaler Sepp, Frau und Tochter Betty und Klara samt zahlreichen Charakteren rund ums Geschehen. Alle farbig, pulsierend, dass man meint, sie agieren jetzt grad neben uns.
Bei manchen Ausdrücken habe ich mich aber schon gefragt, ob man in einem Dorf Anfang des vorigen Jahrhunderts bereits Anglismen im täglichen Sprachschatz benutzte. Auch wirkt die Schilderung der rundum prügelnden Klara recht unwahrscheinlich. Doch hat mich das nicht groß gestört, denn unterhaltsam, voller Leben und leicht zu lesen ist der Text allemal.
Unterhaltende Literatur, die ich gern weiterempfehle.





Luft nach unten
von Tamara Štajner
Seit ein, zwei Jahren sind viele Romane veröffentlicht worden, welche damit beginnen, dass ein Familienmitglied jüngst gestorben und darum ein Angehöriger in seine alte Heimat zurückgekehrt ist. So auch bei „Luft nach unten“, nur dass es diesmal um ein totes Kindermädchen geht. Auch dieser Teil Europas taucht nun häufiger in der Literatur auf: der Balkan.
Frauen aus verschiedenen Generationen treffen aufeinander, deren Leben ganz unterschiedlich verläuft. Aber immer bemühen sie sich, das Möglichste zu tun, um sich in den neuen Ländern von Ex-Jugoslawien zu behaupten. Auch die einzelnen Mutter-Tochter-Beziehungen, und es werden mehrere geschildert, unterscheiden sich voneinander und sind sich doch stets ähnlich in ihrer Struktur.
Mir gefällt bereits der Einstieg mit etlichen kleinen Geschichten, versetzt mit Skurrilität und Humor. Daneben läuft gleich zu Beginn der SMS-Streit zwischen Iva und ihrem Mann, der seine Samenprobe im Labor abgeben sollte. Die Protagonistin versuchte bisher vergeblich, schwanger zu werden. Nun möchte sie es mit künstlicher Befruchtung versuchen, was ihrem Felix nicht sehr behagt.
So laufen zwei Handlungslinien nebeneinander, was einen locker-fröhlichen Ablauf bewirkt. Außerdem ist da noch Gabriel, von dem lange Zeit nicht recht klar wird, was für eine Rolle er in Ivas Leben spielt.
Dazwischen immer wieder eine stumme Ansprache an die Mutter, der Iva sich offenbar anders nicht mehr nähern kann. An einer Stelle schien es mir sogar, dass sie sich an ihr bisher noch ungezeugtes Kind wendet. Dann wieder wird in der 3. Person erzählt.
Im Text sind viele slowenische Spracheinschübe. Es hätte mich interessiert, was nun genau gesagt wurde, aber eine Übersetzung oder ein Glossar fehlt. Der Sprachstil passt sich der jeweiligen Situation an, das Narrativ präsentiert sich denn auch teils fröhlich, teils dramatisch, teils äußerst aggressiv.
Weniger stimmig finde ich das Cover, das mit etwas Fantasie an umherschwimmende Spermien erinnert. Es suggeriert Wasser, das – nun ja – in der Handlung zwar bei einem Fall von Ertrinken vorkommt, aber etwas bemüht wirkt. Auch der Titel scheint mir nicht schlüssig.
Alles in allem ein Roman, der zum Nachdenken über eigene Beziehungen anregt und den persönlichen Horizont in mehrfacher Hinsicht erweitert.





Die Träume, die wir hatten
von Christiane Hoffmann
Das war schwere Lese-Kost! Die liebste Freundin gestorben, wenige Stunden, bevor der Krieg zwischen Russland und der Ukraine beginnt. Als Motto ein Gedicht von Anna Achmatova. Schmerz, Trauer, Erinnerungen in viel Moll und wenig Dur. Dazu die Schilderungen der gemeinsamen Studentenzeit, die Armut und Unfreiheit, die Eingeschränktheit, Ost und West, universale Politik und das persönliche Leben: ein großes, umfassendes Requiem. Auf einen Menschen, aber auch auf eine vergangene Epoche.
Wie eng wir mit dem Weltgeschehen verbunden sind, zeigt einmal mehr dieses erschütternde Buch. Die Geschichte, das sind wir, das waren unsere Großeltern und Vorfahren. Keine Geschichte ohne die Menschen, die sie machen oder welche in der betreffenden Zeit leben (müssen). Zwischen Gegenwart und Vergangenheit spielt sich die Handlung ab. Doch auch die Frage nach der Zukunft, nach einer Zukunft möglichst in Frieden und lebenswerten Umständen drängt sich auf.
Durchtränkt von Zuneigung und Liebe, Freundschaft und Zukunftsträumen erzählt Christiane Hoffmann, sehr poetisch. Und das drückt sich bereits in der Form und im Layout aus.
Mir haben besonders die lyrischen Einschübe, hauptsächlich Gedichte von Anna Achmatova, und die eindrucksvollen, kurzen Sätze gefallen. Dass die Autorin so viel von ihren Gedanken und Gefühlen offenbart, führte mich noch mehr in das Buch hinein.
Das Cover finde ich stimmig: ein teilweise überschatteter Weg, der in eine Zukunft führt, die sehr im Ungewissen liegt, aber keineswegs düster. Auch wenn mir einiges bereits aus Büchern bekannt war, hat mich diese Lektüre zutiefst berührt und betroffen gemacht. Ich würde dieses Werk nur sehr gefestigten Personen empfehlen.





Brombeerblaue Tage
von Simone Veenstra
Elisa erhält von ihrem Vater, der bisher in ihrem Leben kaum präsent war, die Nachricht, vorübergehend zu seinem Haus auf Rügen und dem Hund zu schauen. Er müsse zu einer Untersuchung aufs Festland. Die Landschaftsarchitektin macht sich denn auch auf den Weg zur Insel, nur um ihren Vater knapp zu verpassen. Überhaupt häufen sich die Missverständnisse zu Beginn des Romans, und in der Folge kommt alles ganz anders als vorgesehen.
Die junge Frau arbeitete bisher in Berlin, wo natürlich alles ganz anders ist, besonders, was die Natur (und der Umgang mit ihr) betrifft. Doch Elisa hat auch die Gene ihrer gärtnernden Großmutter in sich, und bald ist sie begeistert in die Inselwelt eingetaucht. Der Leser wird mit viel Wissen über Pflanzen beschenkt und damit auch über die Farben, die sich aus ihnen gewinnen lassen, sowohl für tierische wie pflanzliche Fasern.
Mir gefiel, wie Elisa den Kontakt zu den Nachbarn aufbaut und hält, obwohl diese zu Beginn sich teils nicht sehr einladend geben. Auch die Zusammenarbeit, das nachbarschaftliche Zusammenhalten ging mir nahe, das gemeinsame Lösen von Problemen, das Zusammenhelfen für die Genesung von Elisas Vater. Und da ist auch noch der Hund, der die Verbindung zwischen allen Personen hält.
Das Cover gefiel mir schon beim ersten Blick darauf, so fruchtig-frisch und appetitlich. Zwischen den Kapiteln immer wieder eine Graphik zu einer Blume und die genaue Klassifizierung und Beschreibung. Der Schreibstil ist flott fließend, die Sinne ansprechend, manchmal schon fast haptisch. Etliche Themen, die Natur betreffend, werden angesprochen, auch psychische und medizinische nicht zu knapp.









