Kundenrezensionen von Havers





Sonnenberg
von Brigitte Glaser
Als ich die Verlagsankündigung von Brigitte Glasers neuem Roman „Sonnenberg“ gelesen habe, war er mir sofort klar, dass dieses Buch ein must-read für mich ist, sind doch die Ereignisse rund um das geplante AKW in Wyhl ein wesentlicher Baustein in meiner politischen Biografie. Gleicher Jahrgang wie die Autorin, ähnliches Studienfach (Uni Tübingen) sowie das Hinterfragen gesellschaftlicher Strukturen und familiärer Erwartungen. Herkunft, Klassismus, Rolle der Frau, aufkommendes Umweltbewusstsein, lauter Themen, mit denen viele weibliche Erstsemester konfrontiert wurden. Zwischen HB und Roth Händle, Alice Schwarzer und Jim Morrison standen die Zeichen auf Veränderung.
Brigitte Glaser erinnert an die Wochen Anfang 1975, als die Landesregierung in Ba-Wü beschließt, ein Atomkraftwerk mitten in der ökologisch intakte Landschaft des Kaiserstuhls zu bauen und damit nicht nur die Natur ,sondern auch die Lebensgrundlage der dortigen Winzer und Bauern zu gefährden, ja zu zerstören. Unterstützt von breiten Teilen quer durch die - im Wesentlichen süddeutsche - Bevölkerung formiert sich allmählich der gewaltlose Widerstand der „normalen“ Menschen. Frauen und Männer, quer durch alle Bevölkerungsschichten, besetzen den Platz, werden von der Polizei mit Wasserwerfern und Schlagstöcken vertrieben, kassieren Anklagen wegen Landfriedensbruch, kommen wieder und besetzen erneut, waren doch die Elsässer auf der gegenüberliegenden Seite des Rheins mit ihrem Widerstand gegen das geplante Bleiwerk ebenfalls erfolgreich.
Die Rahmenhandlung für diese Ereignisse bildet die Geschichte der beiden Freundinnen Johanna und Luzie, die sich schlussendlich der Protestbewegung anschließen. Johanna, verantwortungsvoll, mit beiden Beinen auf der Erde und eher zögerlich, Luzie, spontan und flatterhaft, die sich mit einer unüberlegten Aktion erpressbar macht und, um einer Strafe zu entgehen, vom Staatsschutz rekrutieren lässt.
Die Autorin hat, wie wir es von ihr kennen, sehr gute Recherchearbeit geleistet, was auch die Quellenliste im Anhang beweist. Durch das passende Einfügen von Konsumgütern, Markennamen sowie Song- und Filmtiteln mit hohem Wiedererkennungswert ergibt sich zusätzlich ein stimmiges Zeitkolorit, das Leserinnen und Leser auf eine Zeitreise mitnimmt, in der die Anfänge der Umweltschutz-Bewegung gelegt wurden. Sehr empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich für die gesellschaftlichen Veränderungen in unserem Land interessieren.





Septembermord
von Chris Chibnall
Chris Chibnalls „Broadchurch“ habe ich geliebt, die „Seven Dials“ hingegen konnten mich nicht überzeugen, weshalb ich einigermaßen skeptisch war, als ich die Verweise auf diese beiden Miniserien in den Verlagsangaben zu seinem Krimi-Debüt „Septembermord“ gesehen habe. Aber die Verortung der Handlung im westlichen Dorset an der englischen Südküste ist interessant, kenne ich doch die Gegend sehr gut, und auch die Angaben zum Inhalt kündigen eine spannende Story an.
Eine halbnackte, männliche Leiche, festgebunden auf einem Stuhl, mitten auf der Schnellstraße, auf dem Kopf ein Geweih. Mit Schnüren und Klebstoff befestigt. Es stellt sich heraus, dass es sich um den Wirt des „White Hart“, einem Pub im Dörfchen Fleetcombe handelt.
Mit dem Fall wird die erst kürzlich mit Mann und Kind aus Liverpool zugezogene DS Nicola Bridge betraut, die in dieser Gegend aufgewachsen ist. Unterstützt wird sie von DC Harry Ward aka Westlife, einem Neuling, der mangelnde Erfahrung durch Einsatzwillen ausgleicht, sowie temporär von DC Mel Hardiman, einem mürrischen Kollegen und As in Recherche und Datenanalyse. Eine Konstellation, die man in vielen, nicht nur englischen Kriminalromanen findet.
Und noch etwas ist in englischen Krimis nicht selten, nämlich die Beschreibung einer verschworenen Dorfgemeinschaft, ein Sammelsurium seltsamer Typen, wie z.B. Deakins, immer im Clinch mit seinen Nachbarn, aber auch mit den Touristen, die über seine Felder und Wiesen laufen, und von ihm mit einem Gewehr bedroht werden. Misstrauisch gegenüber allen, da er der Meinung ist, dass einem seiner Vorfahren vor hundert Jahren schreckliches Unrecht zugefügt wurde.
Und dann ist da noch das Kind, das sich tagtäglich auf dem Spielplatz versteckt. Shannon, das Mädchen, das unter dem Radar bleibt, sich aus Gründen nicht nach Hause traut, aus seinem Versteck alles beobachtet, was im Dorf geschieht, und unwissentlich die entscheidende Beobachtung macht.
Die Story ist, was zu erwarten war, gut geplottet. Ein bizarrer Mordfall, ein Team, das sich erst finden muss, Dorfbewohner mit Geheimnissen und natürlich jede Menge twists and turns. Man merkt den Profi, kann sich eine Verfilmung durchaus vorstellen, insbesondere da die Bilder, die Chibnallvon dieser ländlichen Gegend mit ihren Eigenheiten zeichnet, anschaulich, atmosphärisch und stimmig sind.
Und ja, der Krimi wurde bereits verfilmt. Die Dreharbeiten in Dorset sind abgeschlossen, aber ein Sendetermin (bei ITV) steht noch nicht fest.
Alles in allem very british, insbesondere die Schilderung des Dorflebens, die mich immer wieder an Beschreibungen erinnert hat, wie ich sie aus den Krimis von Agatha Christie kenne. Detailliert, aber nicht ganz so cosy wie bei der „Grande Dame“ des englischen Kriminalromans.
Eine spannende Ferienlektüre, vorzugsweise für den Urlaub im englischen Südwesten. Wie wäre es statt London mal mit Dorset?





Red Star Down
von D. B. John
Was wusste ich über Nordkorea? Wenig, sehr wenig, und nur das, was in den diversen Zeitschriften und Politmagazinen an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Und auch diese Informationen sind und waren im Wesentlichen Spekulationen, da bis dato nur sehr wenige Menschen dieses Land bereisen durften und ihre Erfahrungen teilten.
Geändert hat sich das vor einigen Jahren als mir 2018 per Zufall D.B. Johns (walisischer Autor, der lange in Südkorea gelebt, aber auch Nordkorea bereist hat) „Stern des Nordens“ in die Hände fiel, ein hochspannender Politthriller, der einen Blick hinter die Kulissen dieses hermetisch abgeschlossenen Landes ermöglicht.
Auch wenn die Nachwirkungen der damaligen Story hier weitergeführt werden, kann man „Red Star Down“ natürlich ohne den Vorgänger lesen, obwohl Jenna, CIA-Agentin und amerikanische Wissenschaftlerin mit koreanischen Wurzeln und eine der Hauptfiguren in „Stern des Nordens“, auch hier eine zentrale Rolle einnimmt. Weiter lernen wir Eric kennen, der zum Team des Präsidenten gehört (Spion, ebenfalls Amerikaner mit koreanischem Hintergrund), sowie Ljoscha (russischer Student), der Putin in einer TV- Sendung eine extrem unangenehme Frage stellt und seither auf dessen Abschussliste steht.
Handlungshintergrund ist die erste Amtszeit von Donald Trump (2017/2018) und dessen brisante Solo-Meetings sowohl mit Kim Jong-un als auch mit Wladimir Putin. Mit Blick auf die aktuelle politische Weltlage ist diese Mischung aus Fakten und Fiktion, deren Verankerung in der Realität, das, was den besonderen Reiz dieses Spannungsromans ausmacht. Und natürlich bieten auch die Handlungsorte USA, Nordkorea, Russland jede Menge Abwechslung.
Hochspannend und rasant erzählt, weshalb ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Aber Achtung, die Story ist komplex, und so erfordert das Lesen zum einen Konzentration, weil es drei Protagonisten, wechselnde Schauplätze und unterschiedliche Handlungsstränge gibt, deren Verbindungen sich erst allmählich auf den 697 Seiten erschließen. Und last but not least sollte man schon ein gewisses Interesse für die globale Politik mitbringen.
Nachbemerkungen des Autors sowie hilfreiche Buchtipps für all diejenigen, die tiefer in die Materie eintauchen wollen, schließen diesen Spannungsroman ab, den ich nachdrücklich empfehle. Ein Highlight!





Laura Clark ist dann mal weg
von Helen Russell
Laura Clark ist gut organisiert, ist diejenige, die alles im Griff hat. Ehefrau, Mutter und Arbeitskollegin erfüllt sie klaglos tagaus, tagein sämtliche ausgesprochenen und unausgesprochenen Erwartungen, die ihr familiäres und berufliches Umfeld an sie hat. Bis zu dem Tag, an dem sie erwacht und die Reißleine zieht. Verschwindet, einfach so, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
Ihr Mann, ihre Tochter, ihre Freundin, ihr Arzt, aber auch ihre Mutter, sind verblüfft, können sich nicht vorstellen, dass ihr spurloses Verschwinden ihre eigene Entscheidung war. Das passt einfach nicht zu Laura, die all die Jahre sprichwörtlich die Last der ganzen Welt auf ihren Schultern getragen hat.
Viele von uns kennen das. Familie, Mann, Kinder, Haushalt, Beruf. Lauras Geschichte ist kein Einzelfall, sind es doch meistens die Frauen, denen man die Care-Arbeit ungefragt aufbürdet. Mental Load? Klar. Mit der Zeit kaum mehr auszuhalten. Aber geht es nur mir so, oder findet ihr die Story auch etwas weit hergeholt?
Warum hat sie nicht früher rebelliert? Ihre Rollen reflektiert? Das Gespräch, ja, aber auch die Auseinandersetzung gesucht, ihren Standpunkt klar gemacht, denn wer solche Egoisten um sich hat, ihnen nicht Einhalt gebietet, muss sich nicht wundern, wenn sich deren Verhalten im Alltag einschleift.
Sorry Laura, aber weitestgehend bist du selbst für diese Zustände in deinem persönlichen Umfeld verantwortlich. Verantwortlich für den Blick deiner Nächsten auf dich. Verantwortlich dafür, dass sie dich erst dann wahrnehmen, als du verschwunden bist und sie endlich Verantwortung für sich selbst übernehmen müssen. So wie auch du..





Sunshine Man
von Emma Stonex
Achtzehn Jahre sind vergangen, seit Birdies Schwester Providence tot ist. Allerdings ist die damals Fünfzehnjährige keines natürlichen Todes gestorben, sondern wurde erschossen. James „Jimmy“ Maguire, der neunzehnjährige Täter, in schwierigen Verhältnissen groß geworden, wurde deshalb zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Diese hat er mittlerweile verbüßt, seine Entlassung steht bevor, weshalb sich Birdie, mit einer Beretta in der Tasche, auf den Weg macht. Schließlich hat sie hat noch eine Rechnung mit ihm offen…
Emma Stonex, bekannt durch ihren Erstling „Die Leuchtturmwärter“, fragt nach Gründen. Warum wird ein Mensch zum Mörder? Warum wird jemand gut, warum wird jemand böse? Sind es die Erbanlagen? Ist es das Milieu? Was geschieht mit einem Kind, dem die elterliche Liebe fehlt? Um das man sich nur halbherzig kümmert?
Sie lässt sowohl Birdie, die Jimmy quer durchs Land auf den Fersen ist, als auch Jimmy in wechselnden Kapiteln zu Wort kommen, wobei nicht immer die Gegenwart, sondern sehr oft die Vergangenheit im Fokus steht, was nicht nur den Blick der Leser schärft, sondern auch die Grenzen zwischen schuldig und unschuldig verschwimmen lässt.
Natürlich stellt sich die Frage nach dem Wer? und dem Warum?, obwohl die Beantwortung dieser Frage gegen Ende zunehmend in den Hintergrund tritt. Es sind die Bilder, die Stonex erschafft, die eine ganz besondere Atmosphäre kreieren, die sich im Kopf festsetzen. Und sie wirken auch dann noch nach, wenn man das Buch längst zugeklappt hat.





Die Toten von morgen - Thriller (Berliner Schattenwelt 2)
von Kim Koplin
Aktuell gibt es ganz genau drei deutsche Autoren, die mit entlarvendem Blick die Schattenseiten Berlins jenseits von Mitte, Grunewald und Prenzlauer Berg zeigen: Johannes Groschupf, Clemens Murath und Kim Koplin aka Edgar Rai, was Koplin bereits in dem genialen Vorgänger „Die Guten und die Toten“ unter Beweis gestellt hat.
Nun also „Die Toten von morgen“, die gelungene Fortsetzung der Geschichte um Nihal, Kommissarin in spe, und Saad, dem syrischen Flüchtling, immer noch auf der Flucht vor dem Marseiller Drogenkartell und Leila, seine kleine Tochter, die Nihal lieb gewonnen hat und in ihr eine Ersatzmutter sieht.
Der Tote in Charlottenburg aus Nihals neuestem Fall ist der Aufhänger für den Drogenkrieg, der die Handlung dominiert, die uns in die Berliner Parallelwelt mit ihren dunkelsten Seiten katapultiert, knallhart und dreckig. Mit jeder Menge Ironie vom Autor beschrieben, so dass man sich stellenweise das Schmunzeln nicht verkneifen kann.
Ein gut konstruierter, stimmiger Plot, spannende Handlung mit jeder Menge Tempo, getrieben von kurzen Kapiteln aus unterschiedlichen Perspektiven – alles vorhanden, was einen guten Thriller auszeichnet und damit jede Menge Lesespaß garantiert. Versprochen!





Alles ihre Schuld
von Andrea Mara
Der Albtraum jeder Mutter und sogleich ein Hinweis darauf, wer die Zielgruppe dieses Thrillers ist: Ein vierjähriges Kind verschwindet nach einem Playdate spurlos. Natürlich schellen dann alle Alarmglocken. Eine hektische Suche beginnt, Verzweiflung macht sich breit, schlimmste Vermutungen drängen sich auf. Und alle sind verdächtig.
Aber listen wir mal alle Fakten auf: Die Verabredung wird per Textnachricht festgezurrt. Marissa, die betroffene Mutter, kennt den familiären Hintergrund des anderen Kindes nicht, weiß noch nicht einmal, wo, mit wem und wie es lebt. Die Verantwortung für „das andere Kind“ liegt einzig und allein bei dessen Kindermädchen. Tut mir leid, aber unter diesen Umständen würde ich mein Kind nicht aus der Hand geben.
Und natürlich werden dann auch im Verlauf der Suche nach dem vermissten sämtliche Kind die „dunklen Geheimnisse“ aller Beteiligten ans Licht gezerrt. Oh je!
Seit Freida McFadden scheint es offenbar momentan in Mode zu sein, übersichtliche und eher dünne Stories mit jeder Menge aus dem Hut gezauberten Twists aufzupeppen. Und natürlich speisen diese sich meist aus völlig unvorhersehbaren Quellen und Umständen, deren Hintergründe natürlich auch nicht offensichtlich sind.
Come on, das geht doch wahrlich besser.





Breakup Season
von Sophie White
Der irischen Autorin Sophie White ist mit „Breakup Season“ (im Original „Such a good couple“) ein unterhaltsamer Sommerroman gelungen, der nicht mit ernsten Zwischentönen spart. Sie wirft darin einen entlarvenden Blick auf die Langzeitbeziehungen und Lebensumstände dreier Freundespaare, die seit Collegezeiten miteinander befreundet sind:
Clara und Ollie, 3 Kinder, verkörpern die „Normalen“. Das Häuschen ist eng, das Geld ist ständig knapp. Es ist Clara, die durch Alltag, Job und Familie kaum mehr Land sieht. Und dann ist da auch noch das nagende Gefühl, seit sie die Nachricht auf dem Handy Ihres Mannes gesehen hat…
Annie und Conor, ungewollt kinderlos, waren auch ohne Trauschein glücklich, bis Annies Sehnsucht nach einem Kind, die Beziehung an den Abgrund führt.
Maggie und Fionn, das Glamourpaar, 2 Kinder. Seit Fionns Schauspielkarriere zu Geld gekommen, das sie bereitwillig mit ihren Freunden teilen. Sie machen ihnen teure Geschenke und finanzieren diesen gemeinsamen Luxusurlaub auf Cape Cod. Einst von der Kritik als „frische, vielversprechende Stimme“ als Drehbuchautorin gefeiert, wird sie von Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen, angefeuert durch Meldungen der Klatschpresse, geplagt, was sie schließlich in verhängnisvolle Muster ihrer Vergangenheit zurückfallen lässt.
Aber der Scheintrügt. Viele Jahre wurden bei allen drei Paaren die Probleme unter den Teppich gekehrt, bis sie im Urlaub schließlich implodieren, und plötzlich ist nichts mehr, wie es war.
Sophie White legt den Finger in die Wunden, hat ein ganz besonderes Talent dafür, diese bekannten Muster der Paarbeziehungen mit der richtigen Dosis Humor zu beschreiben, scheut sich aber auch nicht, uns vor der Tragik, die hinter den Einzelschicksalen steht, zu verschonen. Und das ist stellenweise hochemotional und rührt das Innerste ihrer Leserinnen an.
Eine Story zum Lachen und Weinen. Für alle, die einen unterhaltsamen, aber auch zu Herzen gehenden „summer read“ jenseits von Sonnenschein und Schirmchendrinks suchen. Große Leseempfehlung!





Vega Varg – Das Schweigen der Insel
von Åsa Hellberg
„Das Schweigen der Insel“ ist der Auftaktband einer neuen Reihe, in der Vega Varg die zentrale Rolle spielt.
Schon das Cover unterscheidet sich deutlich von dem, was man üblicherweise bei skandinavischen Krimis gezeigt bekommt. Kein farbenfrohes Häuschen am strahlenden blauen Wasser, sondern eine abgerockte Bretterbude in the Middle of nowhere. Gelb-braun-schwarze Düsternis.
Und auch Vega Varg, die Polizeichefin von Koster (zwei dünnbesiedelte Inselchen zwischen Schweden und Norwegen), unterscheidet sich deutlich von den Ermittlern/Ermittlerinnen, mit denen man es üblicherweise in den skandinavischen Krimis zu tun hat. Keine durchtrainierte Superwoman, sondern eine 62jährige Frau mit scharfem Verstand, die wenig Wert auf Äußerlichkeiten legt und mich schon nach den ersten Seiten an Ann Cleeves „Vera“ erinnert hat, obwohl Vega wesentlich empathischer mit ihren Mitmenschen umgeht.
Eine Leiche wird gefunden. Es ist Fredde, ein Kindheitsfreund ihrer beiden Söhne (beide auch bei der Polizei), der als Kind regelmäßig bei ihnen am Tisch saß, wenn es in seinem Zuhause mal wieder dicke Luft war. Und dann verschwindet auch noch eine Person aus der Gruppe derjenigen, die den Toten gefunden haben, was zur Folge hat, dass Unterstützung aus Oslo anrückt. Lepold Posse, nicht nur Kollege sondern auch bester Freund...
Ja, es dauert etwas, Åsa Hellberg lässt sich Zeit mit ihrer Geschichte, was aber bei einem Reihenauftakt nicht ungewöhnlich ist, muss der Leser/die Leserin doch sowohl die Personen als auch das Setting erstmal kennenlernen. Ihre Erzählweise ist völlig unaufgeregt, fast schon entspannt, und dass sie Routine hat, merkt man. Hat sie ja bereits erfolgreich bewiesen.
Gelungen sind die Perspektiven der verschiedenen Beteiligten, die zur besseren Unterscheidung mit dem jeweiligen Namen kenntlich gemacht sind, was Zuordnungschaos vermeidet. Aber auch die Familienkonstellation Vegas ist interessant, denn wann hat man das schonmal, dass eine ganze Familie bei der Polizei beschäftigt ist und sich der Verbrechensaufklärung widmet?
Ich lese seit Jahrzehnten Krimis und freue mich immer wieder, wenn mich ein/e Autor/in mit Wendungen überrascht, die ich nicht vorhersehen konnte. Und auch die Perspektiven der verschiedenen Beteiligten, die zur besseren Unterscheidung mit dem jeweiligen Namen kenntlich gemacht wurden, fand ich gelungen, weil damit das Zuordnungschaos vermieden wird.
Gut gemacht, Frau Hellberg, und ich freue mich schon auf weitere Fälle mit Vega Varg!





Insel der Ratten
von Jo Nesbø
Wenn alle Gesetze ihre Gültigkeit verloren haben und der Kampf um die Ressourcen auf der Zielgeraden ist, was geschieht dann? Werden wir in einer Welt enden, in der jeder gegen jeden kämpft? Wo Egoismus und Rücksichtslosigkeit für das Überleben unabdingbar sind, das Recht des Stärkeren gilt? In der der Mensch des Menschen Wolf ist?
Die Pandemie und das große Sterben sind vorüber. Jetzt geht es drunter und drüber in der Stadt ohne Namen: Brennende Autos, Maschinengewehrsalven, angsterfüllte Schreie, Sirenen, marodierende Banden. Ein Dschungel, beklemmend aktuell, weil vor dem inneren Auge sofort Bilder aus den amerikanischen Megacitys aufploppen. Nicht umsonst hat Nesbø die Westküste Amerikas zum Handlungsort gewählt, verbindet man doch gerade mit Kalifornien Wohlstand, Easy Living und Toleranz. Nichts davon zu sehen. Und es wird noch furchterregender, weil die niedersten Instinkte der Menschen an die Oberfläche drängen.
Nesbø arbeitet mit zwei Perspektiven. Zum einen Colin, steinreicher Unternehmer, der bereits das Weite gesucht hat, zum anderen Will, ehemals Anwalt und sein Freund, dessen Tochter von Colins Sohn entführt wurde. Und ja, es ist vorhersehbar, dass es zwischen diesen beiden zum Showdown kommen wird…
Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der die alten Werte und Regeln ihre Gültigkeit verloren haben, Anarchie die Oberhand gewinnt und der der Kampf ums Überleben die Gesetze des Zusammenlebens außer Kraft setzt? Das ist die Frage, die man sich stellt, wenn das schmale Büchlein zuklappt.
Rau, und mehr als drastisch in den Beschreibungen, konfrontiert uns Nesbø mit dieser Frage und lässt uns damit auch in unser Innerstes blicken.









