Kundenrezensionen von jori1020





Alleinruhelage
von Eva Menasse
Was zunächst wie die Geschichte eines Wochenendhauses klingt, wird bei Eva Menasses 'Alleinruhelage' schnell zu einer vielschichtigen Erzählung über Abschied, Beziehungen, Heimat und die Frage, was von einem vergangenen Leben eigentlich bleibt. Die namenlose Ich-Erzählerin steht nach dem Ende ihrer Ehe vor der Entscheidung, sich endgültig von dem Haus in Brandenburg zu trennen, das sie gemeinsam mit ihrem damaligen Mann nach der Wende gekauft und über Jahre hinweg renoviert hat. Beim Ausräumen kommen nicht nur allerlei kuriose Hinterlassenschaften zum Vorschein, sondern vor allem Erinnerungen an die Familie, vergangene Lieben, Konflikte und Neuanfänge.
Besonders gelungen ist dabei die besondere Erzählweise. Die Protagonistin spricht das Haus immer wieder direkt an und lässt sich von einer Erinnerung zur nächsten treiben. So entsteht ein mäandernder Gedankenstrom, der gelegentlich assoziativ von einem Gedanken zum nächsten übergeht und gerade dadurch sehr lebensnah wirkt. Menasse verbindet dabei Melancholie und Nachdenklichkeit mit einem feinen, teilweise wunderbar trockenen Humor. Gerade die Episoden rund um die Renovierung und die beiden polnischen Handwerker Alla und Bolek sorgen für einige amüsante Momente.
Überhaupt lebt der Roman weniger von einer großen Handlung als von Beobachtungen, Erinnerungen und den Gedanken seiner Protagonistin. Dabei geht es um das Ende einer Ehe, Familie und das Älterwerden, aber auch um Fremdsein, Heimat und die deutsch-deutsche Geschichte. Besonders interessant fand ich den Blick einer Österreicherin auf das Leben in Ostdeutschland und die damit verbundenen Erfahrungen von Zugehörigkeit und Ablehnung.
Nicht alles hat mich dabei gleichermaßen überzeugt. An manchen Stellen verliert sich die Erzählerin etwas in ihren Gedankengängen, und auch einige politische Ausführungen waren mir persönlich etwas zu ausführlich. Gleichzeitig ist gerade diese Abschweifung Teil des besonderen Erzähltons des Romans.
Insgesamt hat mir 'Alleinruhelage' vor allem sprachlich sehr gut gefallen. Eva Menasse erzählt klug, pointiert und mit einem wunderbaren Gespür für die kleinen Absurditäten des Lebens. Ein ruhiger, melancholischer und zugleich humorvoller Roman über das Loslassen und darüber, dass manche Orte eben doch viel mehr sind als nur Häuser.





Der Betrachter
von Judith Fanto
Für mich ist dieses Buch definitiv eines der Highlights in diesem Sommer. Selten habe ich eine Geschichte gelesen, die so bedrückend und gleichzeitig so eindrücklich und atmosphärisch von einem dunklen Kapitel der Vergangenheit erzählt. Besonders mitreißend fand ich, wie Fanto die einzelnen Figuren und ihre Veränderungen zeichnet und zeigt, wie diese auch die Dynamik innerhalb der Freundesgruppe beeinflussen. Insbesondere Béla ist mir dabei als Leser ans Herz gewachsen.
Eine intensive und nachhallende Geschichte, die mich sehr berührt hat. Ein ganz tolles Buch, das auf jeden Fall eine hohe Platzierung in den Bestsellerlisten verdient hätte!





Popóm
von Johanna Sebauer
Stell dir vor, du stehst nichtsahnend eines Abends an der Kasse eines Kiosks – und plötzlich siehst du dich selbst. Er sieht anders aus, ist zwanzig Jahre älter als du, und trotzdem bist du dir sicher: Das bist du. Genau das passiert Hendrik Popóm, dem titelgebenden Protagonisten, der eines Tages seinem älteren Ich begegnet.
Die Romanidee wirkte auf mich zunächst ziemlich schräg. Nachdem mich Johanna Sebauers Debütroman Nincshof jedoch so begeistert hatte, wollte ich auch diesem Roman eine Chance geben – und wurde nicht enttäuscht.
Sebauer gelingt es erneut, aus einer ungewöhnlichen Prämisse einen mitreißenden, witzigen und zugleich nachdenklich stimmenden Roman zu machen. Mit ihrer ganz eigenen Sprache entwickelt sie ein Gedankenexperiment, dem man sich kaum entziehen kann. Immer wieder wirft der Roman philosophische Fragen nach Identität, Schicksal und den Entscheidungen auf, die unser Leben prägen, ohne dabei jemals belehrend zu wirken.
Besonders gelungen sind auch diesmal die Figuren. Sie sind eigenwillig, liebenswert und so lebensnah gezeichnet, dass man ihnen nur allzu gern durch die Geschichte folgt. Immer wieder ertappt man sich bei dem Gedanken: Ja, genauso könnte es tatsächlich passieren.
Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Metapher und realistischer Fiktion. Und am Ende bleibt dieses wunderbare Gefühl zurück, dass die verrückteste Idee vielleicht doch gar nicht so unmöglich ist. Fast glaubt man, irgendwo da draußen könnte tatsächlich ein zweites Ich herumlaufen – und man ist ihm bisher nur noch nicht begegnet.





Wirf einen Schatten
von Elena Fischer
Nach ihrem Debütroman Paradise Garden, der eher im urbanen Milieu spielte, führt Elena Fischer ihren neuen Roman Wirf einen Schatten nun hinaus aufs Land. Schauplatz ist ein kleines Bergdorf, in dem Joseph weit abseits jeglicher Zivilisation den Hof seiner Eltern weiterführt.
Sein Leben ist nicht nur körperlich entbehrungsreich, auch persönlich lastet vieles auf ihm. Mehrere Schicksalsschläge sowie der Weggang seiner Frau Lis und des gemeinsamen Sohnes Samuel haben tiefe Spuren hinterlassen. Als alles zunehmend aussichtslos erscheint, tritt Birdie in sein Leben und stößt eine Entwicklung an, die neue Seiten an Joseph freilegt und seinem Dasein eine unerwartete Richtung gibt.
In Rückblenden, die sich mit der Gegenwartshandlung abwechseln, erfahren wir nach und nach mehr über Josephs Vergangenheit. Einzelne Erlebnisse und Brüche fügen sich dabei Stück für Stück zu einem Gesamtbild zusammen.
Was besonders hervorsticht, ist das große sprachliche Talent der Autorin. Immer wieder finden sich wunderbare Formulierungen, die eine dichte, eindringliche Atmosphäre schaffen und einen tief in diese raue Welt hineinziehen. Dadurch verzeiht man auch eher, dass manche Entwicklungen etwas abrupt wirken und nicht jede Veränderung der Figuren vollständig nachvollziehbar erscheint.
Wirf einen Schatten ist ein sprachgewaltiger, atmosphärischer Roman über Verlust, Einsamkeit und die Möglichkeit eines Neuanfangs – und ein Buch, das in Erinnerung bleibt.





Die Auster
von Yael Inokai
Selten hat mich ein Klappentext so in die Irre geführt wie bei diesem Roman. Gerechnet hatte ich mit einer atmosphärisch dichten, vielleicht auch humorvoll angehauchten Kriminalgeschichte, einem Kammerspiel im Mikrokosmos eines Kaufhauses. Bekommen habe ich etwas völlig anderes. Vielleicht lag es an meinen Erwartungen, ganz sicher aber auch am literarisch anspruchsvollen und stellenweise recht vertrackten Aufbau, dass mich das Buch am Ende eher ratlos als begeistert zurückgelassen hat.
Im Mittelpunkt steht die 73-jährige Leonora Bloch, die seit 45 Jahren als Reinigungskraft für Dr. Bronstett, den Geschäftsführer eines Berliner Nobelkaufhauses arbeitet. Eines Morgens findet sie ihren Arbeitgeber tot in seiner Wohnung. Nach einer kurzen Befragung durch die Polizei beginnt Leonora, auf eigene Faust Nachforschungen im Umfeld des Verstorbenen anzustellen. Gleichzeitig wird sie von dessen Tochter gebeten, auch noch die Trauerfeier zu organisieren.
Der Einstieg hat mir richtig gut gefallen. Leonora ist eine ungewöhnliche Protagonistin und die ersten Kapitel versprechen einen ebenso eigenwilligen wie spannenden Kriminalroman. Doch je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr entfernt sie sich vom eigentlichen Fall. Stattdessen rücken Erinnerungen an vergangene Zeiten, Gerüchte und zwischenmenschliche Beobachtungen in den Mittelpunkt. Das ist literarisch durchaus reizvoll, ließ mich aber zunehmend den roten Faden vermissen. Die Auflösung empfand ich schließlich als recht abstrus und nur bedingt nachvollziehbar.
Sprachlich gibt es dagegen wenig auszusetzen. Yael Inokai schreibt präzise, literarisch anspruchsvoll und mit vielen feinen Zwischentönen. Vieles spielt sich zwischen den Zeilen ab, lebt von Andeutungen und unausgesprochenen Gedanken. Genau das macht den Roman interessant, verlangt den Leser*innen aber auch einiges ab. Mir blieb diese Distanz letztlich etwas zu groß, sodass ich emotional nie richtig in die Geschichte hineingefunden habe.
Wer Freude an literarisch anspruchsvollen Romanen hat, die sich klassischen Genregrenzen entziehen und mehr Fragen aufwerfen als beantworten, wird an diesem Buch vermutlich Gefallen finden. Wer hingegen – so wie ich – einen atmosphärischen Kriminalroman erwartet, sollte sich darauf einstellen, etwas völlig anderes zu bekommen.





Ist doch schön hier
von Miriam Burdelski
Das Motiv ist kein neues: Eine Protagonistin begibt sich auf die Spuren ihrer eigenen Familiengeschichte, reist in die ehemalige Heimat ihrer Vorfahren und versucht dort, Familiengeheimnisse zu ergründen. Das kennen wir aus der jüngeren Vergangenheit unter anderem aus 'Elbland' von Christina Rikl oder 'Die Verlorene' von Miriam Georg. Auch Miriam Burdelskis Romandebüt 'Ist doch schön hier' greift dieses Motiv auf und erzählt daraus eine ebenso berührende wie atmosphärische Geschichte.
Im Mittelpunkt steht Liesel, die Anfang zwanzig ist und versucht, ihr Leben neu zu ordnen. Auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln macht sie sich gemeinsam mit ihrer demenzkranken Großmutter Emmi und Jasha, einem Mitarbeiter des Pflegeheims, auf den Weg nach Ostpreußen, in Emmis alte Heimat. Auf diesem ungewöhnlichen Roadtrip vermischen sich Emmis verblassende Erinnerungen an Flucht und Vertreibung im Jahr 1945 mit der Gegenwart. Liesel versucht dabei, die Traumata und verschwiegenen Geheimnisse aufzudecken, die sich über drei Generationen von Frauen ziehen – bis ein Anruf alles verändert.
Mich hat der Roman schon im Vorfeld sehr interessiert, da auch meine Großeltern aus dem ehemaligen Ostpreußen stammen. Umso mehr hat es mich gefreut, dass das Buch meine Erwartungen erfüllen konnte.
Besonders lebt der Roman von seinen Figuren, die ich vom ersten Moment an ins Herz geschlossen habe. Vor allem der Umgang von Liesel und Jasha mit Emmis Demenz ist unglaublich einfühlsam erzählt. Daraus entstehen viele berührende, aber auch überraschend humorvolle Momente. Mal musste ich schmunzeln, wenn Emmi mit ihrer ganz eigenen Logik auf die Welt blickt, mal schlucken, wenn ihre Erinnerungen an Flucht, Verlust und unerfüllte Träume wieder an die Oberfläche kommen. Das Buch ist eine echte Gefühlsachterbahn und hat mir mehr als einmal Tränen in die Augen getrieben.
Auch atmosphärisch konnte mich der Roman vollkommen überzeugen. Beim Lesen spürt man förmlich die Weite der Landschaft, hört das Rauschen der Birkenalleen und meint den Flügelschlag der Störche über den Feldern wahrzunehmen. Für meinen Geschmack hätte es die ein oder andere recht abrupt wirkende Wendung gar nicht gebraucht, die den Roman stellenweise etwas überladen wirkt, dennoch fügt sich am Ende alles zu einer schlüssigen und stimmigen Auflösung zusammen.
'Ist doch schön hier' ist ein warmherziger und bewegender Roman über Erinnerung, Familie und die Frage, wie sehr die Vergangenheit unser heutiges Leben prägt. Für mich eine absolute Leseempfehlung und ein Highlight dieses Bücher-Sommers.





Fünf, sechs, sieben, acht
von Ewald Arenz
Nach 'Der große Sommer' und spätestens nach 'Alte Sorten' bin ich ein großer Ewald-Arenz-Fan. Umso größer war die Vorfreude auf seinen neuen Roman 'Fünf Sechs Sieben Acht'. Leider konnte er mich diesmal nicht vollends überzeugen.
Sein neuer Roman handelt vom Älterwerden, vom Loslassen und von der Schwierigkeit, genau das zu akzeptieren. Es ist eine Geschichte über Familie, über die Liebe an sich und über eine längst verloren geglaubte große Liebe – und über die Gewissheit, dass diese, wäre sie gelebt worden, vielleicht die bessere gewesen wäre.
Die Themen sind spannend und typisch Arenz. Auch sprachlich erkennt man ihn sofort wieder. Seine poetische, bildhafte Sprache schafft eine besondere Atmosphäre und enthält viele schöne Formulierungen. Manchmal wusste ich beim Lesen allerdings nicht so recht, ob ich sie gerade wunderbar poetisch oder doch eher kitschig und kalenderspruchartig fand.
Was mich noch mehr gestört hat, war die Handlung. Gerade der Grund für Jos Verschwinden wirkte auf mich recht konstruiert und nicht immer ganz nachvollziehbar. Insgesamt hatte ich außerdem das Gefühl, dass der Roman seinen Leser*innen sehr viel vorgibt. Vieles wird erklärt und ausformuliert, sodass für eigene Interpretationen nur wenig Raum bleibt.
'Fünf Sechs Sieben Acht' ist sicherlich kein schlechtes Buch und behandelt viele berührende Themen. An die erzählerische Kraft und Leichtigkeit von 'Alte Sorten' oder 'Der große Sommer' reicht der Roman für mich jedoch leider nicht heran. Schade.





Guten Morgen, schönes Wetter heute
von Tanja Kokoska
Es gibt Bücher, bei denen gar nicht das eine große Ereignis im Mittelpunkt steht, sondern die vielen kleinen Momente dazwischen. Genau so ein Buch ist 'Guten Morgen, schönes Wetter heute' von Tanja Kokoska.
Schauplatz ist die Siedlung „Am Kastanienbaum“, ein ganz gewöhnlicher Wohnkomplex mit Menschen, die zwar Tür an Tür leben, sich aber kaum kennen. Da ist die alleinerziehende Ina, die sich Sorgen um die Zukunft macht, Herr Bello mit seiner verborgenden Leidenschaft für Frauenkleider und Tanzen, Frau Arslan, die Gedichte von Rainer Maria Rilke liebt und diese auf ganz besondere Weise mit anderen teilt oder Baggerfahrer Paco, der immer von einem besonderen Fund träumt und eines Tages bei Bauarbeiten einen Blindgänger entdeckt. Während die Evakuierung der Siedlung vorbereitet wird, geraten die unterschiedlichsten Menschen miteinander in Kontakt und ihre Lebenswege beginnen sich nach und nach zu kreuzen.
Besonders gelungen ist, wie es der Autorin gelingt, aus vielen einzelnen Geschichten ein stimmiges Ganzes entstehen zu lassen. Anfangs scheint jede Figur für sich zu stehen, doch mit jeder Begegnung wächst das Gefühl, dass diese Menschen mehr verbindet, als sie selbst ahnen. Dadurch entwickelt der Roman eine angenehme Ruhe und gleichzeitig eine große Wärme. Man begleitet die Bewohner durch ihren Alltag, lernt ihre Sorgen, Hoffnungen und kleinen Eigenheiten kennen und schließt viele von ihnen schnell ins Herz.
Auch sprachlich hat mir der Roman sehr gefallen. Er erzählt unaufgeregt und mit viel Feingefühl, findet dabei aber immer wieder humorvolle Momente und berührende Szenen, ohne jemals kitschig zu werden. Besonders die wiederkehrenden Rilke-Zitate setzen schöne Akzente und verleihen der Geschichte zusätzliche Tiefe. Erwähnenswert ist außerdem das farbenfrohe Cover, das die Vielfalt der Bewohner wunderbar widerspiegelt.
Ich habe das Buch als Hörbuch, erschienen im Audio Verlag, gehört. Ulrike Kriener als Sprecherin ist dafür eine ausgezeichnete Besetzung. Mit ihrer ruhigen und warmen Stimme verleiht sie den Figuren viel Persönlichkeit und transportiert die besondere Atmosphäre der Geschichte hervorragend.
'Guten Morgen, schönes Wetter heute' ist ein warmherziger Roman über Einsamkeit, Zufälle und die Kraft des Miteinanders. Er erinnert daran, wie viel entstehen kann, wenn Menschen anfangen, nicht nur nebeneinander, sondern miteinander zu leben. Ein Buch, das einen mit einem Lächeln und einem etwas aufmerksameren Blick auf die Menschen im eigenen Umfeld zurücklässt.





Freunde fürs Leben
von Fredrik Backman
Fredrik Backman hat schon viele gute Bücher geschrieben. Sein neuester Roman 'Freunde fürs Leben' gehört für mich leider nicht dazu. Weder Handlung noch Figuren oder Sprache konnten mich wirklich überzeugen.
Zunächst zu der Handlung, die auf zwei Zeitebenen spielt: In der Gegenwart begleiten wir die 18-jährige Louisa, die in ihrem jungen Leben bereits einige Schicksalsschläge verkraften musste und Halt in der Kunst findet. Insbesondere ein bestimmtes Gemälde zieht sie in seinen Bann. Als dieses versteigert wird, nutzt sie die Gelegenheit, diesem einmal ganz nahe zu sein. Durch verschiedene schicksalhafte Fügungen trifft sie schließlich den Maler des Bildes – wobei von „treffen“ kaum die Rede sein kann. Auf der Flucht vor der Auktion läuft sie ihn schlicht über den Haufen. Innerhalb weniger Sekunden erkennt er angeblich ihr großes Talent für Kunst, hält sie für eine Seelenverwandte und beschließt kurzerhand, dass einer seiner letzten Wünsche es ist, das Louisa sein Kunstwerk besitzen soll. So weit, so realistisch. Oder eben auch nicht.
Louisa und Ted, der Freund des Malers, begeben sich daraufhin mit dem Bild im Gepäck auf eine gemeinsame Zugreise. Während dieser erzählt Ted die Geschichte des Bildes und damit die Geschichte von vier Freunden und einem schicksalhaften Sommer. Das geschieht allerdings in kurzen Episoden, die oft sehr fragmentarisch wirken. Vieles wird mehrfach angedeutet, wiederholt oder aus leicht veränderter Perspektive erneut erzählt. Mehr als einmal denkt Ted über dieselben Erinnerungen nach, stellt dann fest, dass er Louisa davon ja noch gar nichts erzählt hat, und erzählt ihr dieselbe Geschichte noch einmal. Das soll vermutlich Spannung erzeugen, bei mir führte es eher zu Ermüdung. Einen klaren roten Faden habe ich über weite Strecken vermisst.
Mit keiner der Figuren wurde ich wirklich warm. Louisa ist zwar 18 Jahre alt, erinnerte mich aber häufig eher an eine schlecht erzogene Zwölfjährige. Sie weint ständig, behauptet regelmäßig, Ted würde sie entführen und macht gefühlt auf jeder zweiten Seite Witze übers Furzen. Warum dieses Thema derart präsent sein musste, hat sich mir bis zum Schluss nicht erschlossen. Ted wiederum ist noch keine vierzig, wird aber dargestellt wie ein Mann im Rentenalter. Über mehrere Seiten hinweg erfährt man ausführlich von seinen Blasenproblemen und sonstigen Gebrechen. Informationen, die für die Handlung komplett irrelevant sind. Alles wirkte irgendwie überspitzt und kein bisschen authentisch. Auch die Nebenfiguren bleiben über mehr als 500 Seiten erstaunlich eindimensional: Joar scheint keine Begegnung zu haben, ohne sich zu prügeln, der Künstler definiert sich fast ausschließlich über seine schwere Depression und Ali wird ständig als verrückt dargestellt.
Leider konnten auch die Sprache und die vielen pseudo-philosophischen Passagen mich nicht wirklich erreichen. Was tiefgründig wirken soll, erschien mir oft eher bemüht.
Insgesamt war das Buch für mich deutlich zu langatmig. Statt berührt oder mitgerissen zu werden, habe ich mich eher 'durchgelangweilt'.
Schade.





Pina fällt aus
von Vera Zischke
Warmherzig, witzig und emotional, so erzählt Vera Zischke die Geschichte von Pina, einer alleinerziehenden Mutter, die sich seit zwanzig Jahren aufopferungsvoll um ihren Sohn Leo kümmert. Als sie plötzlich zusammenbricht und ins Koma fällt, ist Leo auf sich allein gestellt. Denn Leo lebt in seiner ganz eigenen Welt, zu der bislang scheinbar nur Pina wirklich Zugang hatte. Aus der Not heraus übernimmt die Hausgemeinschaft kurzerhand seine Versorgung. Dabei gelingt Leo etwas Erstaunliches: Er bringt in den Menschen um sich herum die besten Seiten zum Vorschein. Nach und nach wächst eine Gemeinschaft zusammen, die sich gegenseitig trägt und verändert.
Zischke erzählt diese Geschichte mit einer solchen Wärme und Menschlichkeit, dass sie einem beim Lesen wirklich unter die Haut geht. Mit einer feinen Balance aus Humor und Emotionalität findet sie genau den richtigen Ton und schafft einen Roman, der berührt, ohne jemals zu kitischig zu werden.
Ich bin nur so durch die Seiten geflogen und habe die Figuren schnell ins Herz geschlossen. Am Ende bleibt vor allem ein Gedanke: Wie schön wäre es, wenn die wirkliche Welt manchmal genauso viel Platz für Menschlichkeit, Zusammenhalt und unerwartete Happy Ends bereithielte wie dieses Buch.
Bitte unbedingt lesen!









