Kundenrezensionen von tinten_fischchen





Sie flogen einen Sommer lang
von Penelope Farmer
“Sie flogen einen Sommer lang", sticht sofort ins Auge. Der poetische Titel, das wunderschöne Cover, alles wirkt sehr hochwertig. Die wunderschönen Illustrationen von Barbara Yelin tun ihr Übriges. Die Geschichte selbst hat schon über 60 Jahre auf dem Buckel, und das merkt man. Die Erzählweise und Figurenzeichnung wirkt teils etwas angestaubt, vor allem im Hinblick der Haushälterin. Mein ältester Sohn fand die Erzählung etwas langweilig, kamen doch keine richtigen Abenteuer darin vor. Meiner Nichte hingegen, die schon etwas älter ist, hat die Geschichte gut gefallen.
Die Probleme und das Lebensgefühl der Kinder wurden gut eingefangen. Auch heutige Kinder können sich noch damit identifizieren. Die kleinen Gemeinheiten, die Banden, die Rivalitäten und Freundschaften sind zeitlose Themen.
Die Geschichte spielt rein aus Sicht der Kinder und da bleiben die Erwachsenen meist blass. Wobei Penelope Farmer auch andeutet, dass Erwachsenwerden auch mit Verlusten verbunden ist. Mir persönlich hat das Ende sehr gut gefallen und ich denke, dass es ein Buch ist, das einen durch die Adolescence begleiten kann.
Auch wenn streckenweise etwas angestaubt, schafft es die Geschichte zeitlos zu bleiben. Durch ihren Realismus und den Fokus auf Psychologie und weniger Action ist sie eher für ältere Leser geeignet.





Fünf Tage im Licht
von Rhiannon Lucy Cosslett
"Fünf Tage im Licht" ist eines der Bücher die zu überraschen vermögen. Aufgrund des Covers und der Inhaltsbeschreibung rechnete ich mit einem leichten Sommerroman. Bekommen haben ich ambivalente Figuren und eine bittere Abrechnung mit unserer Gesellschaft und Zeit. Die Themen Unterdrückung und Ungleichheit und das daraus entstandene Machtgefälle schwingen im Hintergrund immer mit.
Vor allem der erste Teil, die ersten fünf Tage der Geschichte gehen unter die Haut. Langsam, Stück für Stück werden die Figuren und ihre Beziehungen enthüllt. Neben Feministischen und Sozialen Themen kreisen die Gedanken der Hauptfigur um die Themen Mutterschaft und Kunst. Lassen sich beide Pole vereinbaren und wenn ja wie? Kurz angeschnitten wird noch so viel mehr. Und nichts davon arg mit dem Holzhammer, wie es leider bei "Die Wut, die bleibt" von Mareike Fallwickl der Fall ist.
Rhiannon Lucy Cosslett wirkt noch sehr jung. Sie hat sich mit dem Buch viel vorgenommen und nicht alles geht auf. Der Mittelteil, nachdem die Männer gekommen sind, ist etwas langatmig und gefühlt bewegt sich da alles nur im Kreis. Aber auch eine passende Metapher für die Langeweile und Dröge des Sommers auf einer Touristeninsel ist.
Original-Titel und Cover finde ich übrigens um Welten besser und passender.





Wenn kleine Igel mutig sind
von Sandra Grimm
Angst ist normal. Vor der Dunkelheit, vor lauten Geräuschen, vor fremden Situationen. Auch in "Wenn kleine Igel mutig sind" ist Angst ein normales Gefühl. Nicht nur der kleine Igel kennt sie, selbst der Hund und der Leuchtkäfer kennen sie. Wobei es schön gewesen wäre, wenn der kleine Igel auf seiner Reise auch ein richtig großes, starkes Tier getroffen hätte.
Die Geschichte ist recht simpel und kann auch von kleineren Kindern nachvollzogen werden. Im Laufe der Geschichte lernt der Igel die unterschiedlichsten Bewältigungsstrategien kennen und probiert sie auch aus. Nicht jede passt für ihn, nicht alles kann er umsetzen. Erzählt wird dies mit einem Augenzwinkern und Humor.
Die hübschen Bilder zeigen freundliche Tiere. Bei uns waren die Katze und die Glühwürmchen der Hit. Die Bilder sind schlicht und übersichtlich gehalten. Witzige Details findet man kaum. Dadurch eignet es sich sowohl für kleinere Kinder als auch perfekt zum Anschauen vor dem Schlafengehen.
Hilfreich ist auch die Zusammenfassung des "Gelernten" auf den letzten beiden Seiten.
Die hochwertige Verarbeitung, sei es in der Haptik oder in der Gestaltung und den Zeichnungen hat mein Herz als Elternteil höher schlagen lassen. Die gewohnte Ravensburger Qualität, aber trotzdem erwähnenswert. Der einzige Schnitzer: Auf manchen Seiten ist ein schwarzer Text über einen dunklen Hintergrund auf manchen Seiten bei gedimmten Licht etwas schwer zu lesen.





Ein Hund namens Katze
von Tomi Kontio
Vor Jahrzehnten durfte ich einen Vortrag des “Armenpfarrers” Wolfang Pucher beiwohnen. In Erinnerung blieb mir sein Vergleich zwischen “schöner” und “hässlicher” Armut. Während Erstere beispielsweise in Form einer Familie die nach dem plötzlichen Tod eines Elternteiles vor dem finanziellen Ruin steht, uns rührt und zu helfen animiert, verschließen wir uns nur zu gerne vor letztere.
Dichter und Autor Tomi Kontio macht das nicht und schreibt einfach ein Kinderbuch über die, die man sonst gerne aus dem Stadtbild vertreiben möchte. Diesen Mut muss man erst mal haben.
Der titelgebende Hund wurde bereits als Außenseiter in eine dysfunktionale Familie geboren. Schon früh ist er auf sich selbst gestellt. Erst als er auf den stinkenden, schmutzigen Obdachlosen Marder trifft, beginnt er zu begreifen, dass die Welt auch schön sein kann. Dass es so etwas wie Liebe, Freundschaft und einfach nur Akzeptanz gibt.
Das Buch beschönigt nichts. Vor allem die Szene, in der Katze und Marder sich gegenseitig mit den abwertenden Bezeichnungen, die sie von der Gesellschaft immer wieder an den Kopf geworfen bekommen, beschreiben, hat mich mal schlucken lassen.
“Ein Hund namens Katze” ist ein unglaublich mutiges Kinderbuch. Es zeigt, dass die Würde eines Menschen nicht von seiner Herkunft oder seiner Stellung innerhalb der Gesellschaft abhängt. Ein Thema, das man seinen Kindern auch schon zumuten kann.
Andere Rezensenten bekritteln die teils recht harte Sprache, die auch Bezeichnungen wie “Alki” enthält. Aber früher oder später werden Kinder noch weit schlimmeres zu hören bekommen. Wobei die Altersgrenze mit 6 bei manchen Kindern schon etwas optimistisch ist. Mein Älterer hätte es in diesem Alter noch nicht verstanden. Aber das macht nichts, das Buch ist ein Gewinn bis ins Erwachsenenalter.
Natürlich muss ich auch noch die wunderschönen Illustrationen von Elina Warsta erwähnen. Diese machen das Buch zu einem wahren Kunstwerk und Schatz. Warsta schafft es den titelgebenden Katze gleichzeitig verlottert und süß darzustellen. Fast schon zärtlich wird die harte Geschichte dargestellt. Auch feiner Humor blitzt immer wieder durch.





tiptoi® Wieso? Weshalb? Warum? junior - Dinosaurier
von Cee Neudert
Bei dem Dinosaurier-Buch handelt es sich um das erste Buch aus der Wieso-Weshalb-Warum Junior Reihe das wir ausprobiert haben. Für die Altersgruppe haben wir bisher nur mit der "Abenteurer Großwerden" Reihe und den Liederbüchern Erfahrung.
Das erste das ins Auge sticht ist das Format. Das Buchformat ist kleiner als die Bücher der anderen Reihen. Dadurch ist es aber auch leichter zum mitnehmen.
Das Thema ist sowieso eine sichere Bank, auch bei Kleinkindern. Es eignet sich hervorragend für die Phase in der Kinder alles Wissen wollen und viele Fragen stellen. Besonders gut haben mir die Bilder gefallen. Der Illustrator Raimund Frey schafft es die Urzeitwesen süß darzustellen. Auch die Farbgestaltung ist für kleinere Kinder ansprechend.
Inhaltlich ist es der Altersgruppe angemessen. Die Dinosaurier-Sounds sind bei uns auch sehr gut angekommen. Das interaktive Lernen macht den Kindern sichtlich Spaß.
Einziger Wehrmutstropfen: Das Dinosaurier-Lied ist nicht gut angekommen. Dazu ist der Text zu simpel und ein bisschen zu eintönig. Zum Hörspiel kann ich noch recht wenig sagen, mein Kind ist an so langen Hörspielen noch nicht interessiert. Aber dadurch besteht die Möglichkeit dass das Buch uns über Jahre noch Freude bereiten kann.





Ich erzähle von meinen Beinen
von Cornelia Travnicek
Cornelia Travnicek verarbeitet in diesem Buch wie sich das Leben mit Neurodivergenz anfühlt. Selbst beim Lesen des Buches fühlt sich das anstrengend an.
“Ich erzähle von meinen Beinen” ist ein faszinierendes Werk. Der Inhalt der Geschichte hat vermutlich auf einen Bierdeckel Platz. Der Rest spielt sich nur im Kopf der ich-Erzählerin ab. Ein langer Monolog, oder sind es mehrere? über das Leben, ihre Beziehung, Mutterschaft, Mental Load, Social Anxiety. Über alles was ihr in dem Sinn kommt. Unnützes Wissen, Stammtisch Philosophische Betrachtungen und viel Blödsinn. Erzählt wird die Geschichte so nebenbei. Es gibt Foreshadowing, die Erzählung macht wilde Sprünge, Abschweifungen, noch mehr Ausufernde Abschweifungen und die eigentlichen Sachen passieren im Hintergrund. Nein, auf den Punkt kommt die Erzählerin nicht. Sie verliert sich ständig in Nebensächlichkeiten, prokrastiniert und verliert mehr und mehr den Halt. Den es für sie nie gab.
Das macht Spaß beim Lesen, ist aber auch anstrengend. Aber nicht so anstrengend wie die Ich-Erzählerin. Ich sags ehrlich: Ich würde es mit einem solchen Menschen nicht aushalten.
Und kann verstehen, dass die Ich-Erzählerin sich eigentlich auch nicht aushält.
Wobei viele ihrer Gedanken und Probleme natürlich relatable sind. In vielen habe ich mich selbst auch erkannt.
Das dürfte von der Autorin natürlich gewollt sein. Sprachlich fein herausgearbeitet wird das schwierige Thema auf spannende Weise behandelt. Kein normaler, gewöhnlicher Roman. Und genau deshalb auch so stark. Wobei ich manchmal der Ich-Erzählerin aufgrund ihrer Wortwahl die 40+ nicht wirklich abnehmen konnte





Prep
von Curtis Sittenfeld
Prep von Curtis Sittenfeld ist ein handwerklich toll gemachtes Buch. Die ersten beiden Kapitel hab ich nur inhaliert. Ich sehe auch schon die Netflix-Serie vor mir. Jede Folge ein Kapitel.
In acht ausführlichen Kapiteln begleiten wir Hauptprotagonistin Lee Fiora durch ihren Schul- und Internatsalltag auf der prestigeträchtigen Kader-Schmiede Ault. Lee ist eine der wenigen Schüler, die sich den Weg in Ault nicht erkauft haben.
Doch es ist nicht nur das finanzielle, das Lee zur Außenseiterin werden lässt. Meist steht sie sich selbst im Weg. Sie ist zwar in vielen releatable aber gleichzeitig auch null likeable. Curtis Sittenfeld erschafft eine Figur, die sich eigentlich während der ganzen Geschichte kaum weiterentwickelt und über die ich nach der Lektüre nichts positives mehr weiß. Im Grunde ist Lee wahrscheinlich eh nett und möchte nur dazugehören, aber ihre Unsicherheit, ihr Selbsthass und ihr egozentrisches Verhalten machen es einem echt schwer. Als Leser ertappte ich mich so ab Mitte des Buches bei der Frage was mit der Autorin nicht stimmt. Ja, sie schafft es extrem schmerzhafte Facetten, die man an sich selbst auch nicht gern hat, in ein Licht zu rücken. Zudem psychologisch glaubwürdig. Gleichzeitig habe ich nicht das Gefühl, dass Sittenfeld selbst nicht mal versucht Lee zu mögen. Es gibt viele Fremdscham und WTF-Momente.
Als Internatsgeschichte taugt Prep dadurch nur bedingt. Wobei man auch immer wieder kurze Einblicke in das Internatsgefüge und die hierarchische Gesellschaft bekommt. Das Buch ist zudem überraschend vielschichtig und bietet viel Platz für Reflexionen. Ein intensives, nachwirkendes Leseerlebnis.





Die Namen
von Florence Knapp
Das ist glaub ich, das erste Mal, dass ich meinen Leseeindruck mit einer Triggerwarnung versehe. Aber dieses Mal muss es sein. Anders als der Cover-Text vermuten lässt, zeigt das Buch nicht, wie ein Name und seine Erwartungen ein Leben beeinflussen. Sondern wie eine fast alltägliche Handlung eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang bringen kann. Hinter der Bezeichnung “herrischer Männer” im Klapptext versteckt sich Sadismus, häusliche Gewalt, psychischer und psychischer Missbrauch. Auch das Thema Femizid kommt vor.
Florence Knappt packt viele Themen ins Buch und die unterschiedlichen Lebensläufe. Für mich das spannendste Buch, das ich in diesem Jahr bisher lesen durfte. Die Geschichten zeigen wie unsere Umgebung, unsere Eltern, ihre Erwartungen an uns, uns prägen. Durch die knapp 350 Seiten ist man schnell durch, da das Buch ein Pageturner ist. Wobei man manchmal auch Pausen braucht, da die Geschichten immer wieder mit emotionaler Wucht zuschlagen.
Dem schnellen Lesefluss hilft es auch, dass die Erzählung und Figuren alles andere als subtil ausgefallen sind. Dinge werden teilweise auch unnötig breit getreten. Unglücklich fand ich auch die Vermischung zwischen Mord und Totschlag. Keine Ahnung, ob diese der Übersetzung geschuldet ist.
Interessant auch der Anhang, in der auf die Kunst und KünstlerInnen die das Buch inspiriert haben eingegangen wurde. Schade, dass die deutsche Ausgabe nicht über die Illustrationen von Sam Scales verfügt.
Trotz einiger Schwächen hat das Buch mir sehr gut gefallen. Neben dem faszinierenden Gedankenexperiment glänzt Florence Knapps Debutroman vor allem durch seine emotionale Dichtheit und den Figuren die einem ans Herz wachsen.





Gamechanger Abnehmspritze
von Gerald Jahl; Herbert Hirschler
Die Abnehmspritze ist in alle Munde. Ständig ließt man über sie, erfährt welcher Star dank ihrer Hilfe abgenommen hat. Und auch die Nebenwirkungen sind medial überrepräsentiert.
„Gamechanger Abnehmspritze“ ermöglicht einen fundierten Überblick zum Thema, wenn man mehr als nur Schlagzeilen wissen möchte. Dazu wird auch viel auf die Themen Übergewicht und Abnehmen eingegangen. Sehr hilfreich auch für Leute die nicht adipös sind. Der Autor schafft es, das teils doch recht trockene Thema spannend zu erklären.
Faszinierend fand ich die Einblicke in die moderne Medizin. Was allein in der Diagnostik heute schon alles möglich ist. Oder möglich wäre. Der Autor macht keinen Hehl daraus, das eine gute Diagnostik teuer ist. Und wer sich das nicht leisten kann oder will durch die Finger schaut. Ufff. Als Leser merkt man schnell, dass die oft gescholtene Zwei-Klassen Medizin noch viel schlimmer ist als gedacht. Und das man vieles am Gesundheitssystem hinterfragen kann.
Ab und an liest sich das Buch wie Werbung für die Abnehmspritze. Man darf natürlich nicht vergessen dass Dr.Dr. Jahl damit gutes Geld verdient. Daher ist es nicht verwunderlich, das sich der Teil über die Nebenwirkungen fast wie ein Werbetext liest.
Fairerweise muss man aber auch sagen, dass das Buch den Leser auch die Wichtigkeit eines gesundes Gewichts und Körpers vor Augen führt. Und das die Arbeit von DDr. Jahl wichtig ist.
Dazu passte der Weg von Herbert Hirschler, der es schaffte durch die Gewichtsreduktion chronische Erkrankungen abzuschwächen und teils sogar los zu werden. Sehr schön ist auch, dass der Autor immer wieder zeigt, dass man sich nicht nur auf die Spritze verlassen darf und dass das Abnehmen ganzheitlich betrachtet werden muss.





Schleifen
von Elias Hirschl
Eine kurze Liste der Dinge die ich während des Lesens über den Autor und das Buch recherchiert habe:
Punkt 1: Elias Hirschl ist ein ehemaliger Mathematik-Student
Punkt 2: Elias Hirschl hat Philosophie studiert. Eventuell im Wien. Das würde das Vorkommen des Wiener Kreises im Buch erklären
Punkt 3: Das Buch entstand aus einer Fülle an Kurzgeschichten die erst später mit einer Rahmenhandlung verknüpft wurden
„Schleifen“ liest sich so, wie es die oben genannten Punkten vermuten lassen würden. Das Buch ist speziell, im besten Sinne. Absurd, kreativ, humorvoll aber auch voll brutaler, roher Schönheit. Ein wilder mix aus Sprachtheorie, Wissenschaft, Philosophie, Geschichte, Kunst. Ein wenig Mathematik ist auch dabei. Selbstreflexiv. Teilweise auch kindisch, fast schon dumm. Einmal Lesen reicht vermutlich nicht, um alle Feinheiten entdecken zu können. Reale Figuren werden mit fiktiven vermischt. Biblische Geschichten neu gedeutet. Raum und Zeit neu vermessen.
Kein einfaches Buch für nebenbei. Aber ein Buch, das Spaß macht, wenn man sich darauf und die verrückten Ideen, die darin durchgekaut werden, einlassen kann. Ich habe es geliebt, weiß aber, dass das Buch alles andere als Mainstream ist.









