Kundenrezensionen von gabiliest





Mama mag keine Spaghetti
von Tessa Hennig
Mit “Mama mag keine Spaghetti” hat die bekannte Autorin Tessa Hennig ein sommerliches, fröhliches Buch vorgelegt, das in eine der schönsten Gegenden Italiens entführt, in die Toskana.
Mamma mia, eine italienische Hochzeit! Da sind Temperament, Verwicklungen und natürlich Amore vorprogrammiert. Julia aus Deutschland will ihren italienischen Freund Lorenzo heiraten. Dumm nur, dass sich kurz vor der Hochzeit herausstellt, dass sie über sein Vorleben kaum Bescheid weiß. So einen Hallodri kann man nicht heiraten - oder doch? Aber es gibt nicht nur ein Beziehungschaos. Julias Mutter Hanna und ihr Vater Michael haben sich kürzlich getrennt. Beide sind zur Hochzeit angereist, der Vater sogar mit neuer Freundin. Da ist die Eifersucht groß und die Begegnungen sind eigenartig bis unangenehm. Zudem hatten Hanna und Michael einen gemeinsamen Lebenstraum: Sie wollten eine Weinhandlung eröffnen. Nun sind beide Konkurrenten – wer wird die besten Weinlieferanten an Land ziehen?
Doch damit nicht genug des Elends, poca miseria (das ist ein Schimpfwort und braucht nicht übersetzt zu werden). Auch Lorenzos Eltern haben Ehekrach. Da kann es sicher gar keine Versöhnung geben- oder doch?
Tessa Hennig hat mit leichter Feder und sehr schwungvoll einen Liebesroman geschrieben, den man selbst gerne am Strand in Italien lesen möchte. Das italienische Temperament, die südliche Lebensfreude und die Lebenslust der Menschen sind gut eingefangen. Jedoch auch die Schwierigkeiten, die sich in einer langjährigen Ehe ergeben, in der die Partner nicht immer gemeinsame Wege gehen.
Die Charaktere der Protagonisten sind passend zum Thema ausgearbeitet. Da ist Hanna, die die Fünfzig schon überschritten hat und sich fragt, ob ein Neuanfang in ihrem Alter möglich ist und die die Freude am Leben und an der Liebe in Italien wiederfindet. Michael, ihr Noch-Ehemann, ist auch in den “besten” Jahren und schmückt sich mit einer zwanzig Jahre jüngeren Freundin, Katrin. Zum Ärger von Hanna und Julia ist Katrin auch noch nett und klug. Julia wird als selbstbestimmte, tüchtige junge Frau beschrieben, die ihre Ansprüche durchzusetzen weiß und die nicht bereit ist, schnell zu verzeihen. Lorenzo liebt Julia, aber war nicht ehrlich zu ihr. Chaos pur, wohin man auch schaut.
Mit “Mama mag keine Spaghetti” hat Tessa Hennig einen lockeren, stimmigen Liebesroman geschrieben, der alle Merkmale aufweist, die ein guter Liebesroman haben sollte. Unter der südlichen Sonne Italiens entfaltet sich ein Familienleben, das Gegenstand einer Tragikomödie sein könnte. Große Gefühle treffen auf Kränkungen, Ehrlichkeit und Treue sind Themen, die die Autorin eindringlich, doch auch sehr witzig behandelt. Und natürlich – es wäre nicht Tessa Hennig, wenn nicht Grande Amore alle Schwierigkeiten überwinden würde. Ich habe beim Lesen dieses Buches nicht nur das südliche Flair genossen, sondern auch eine Geschichte, die durch ihre Lebensfülle auch die Lesenden direkt einbezieht. Mir hat dieser Roman gut gefallen und ich empfehle ihn für entspannende Stunden gerne weiter.





Querfeldein
von Alex Capus
Der preisgekrönte SPIEGEL-Bestseller-Autor Alex Capus schlägt mit seinem neuen Werk “Querfeldein” einen großen Bogen vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bis in die NS-Zeit. Der beeindruckende Buchumschlag, der ein Gemälde des Schweizer Künstlers Hans Emmenegger zeigt, öffnet den Blick in eine weite, offene Landschaft, eben querfeldein.
Arnold ist der Sohn eines Fabrikarbeiters. Als die Zeit kommt, dass auch er in die Fabrik soll, wird ihm sofort klar: In dieses stumpfsinnige, immer gleiche Tun, in dieses Hamsterrad, will er nicht. Arnold hat Glück im Spiel und gelangt zu Reichtum, er kann Land kaufen und den “Gasthof zur Moskau” bauen, nahe an der deutsch-schweizerischen Grenze. Der eigenartige Name des Hauses ist den ständigen Witzen der Dorfburschen geschuldet, denn Arnolds Land grenzt an “Peters Burg“, das verfallene Anwesen eines menschenfeindlichen Bauern.
Eines Tages reitet Betty über die verschneiten Felder in den Hof – und Betty bleibt. In wenigen Sätzen gelingt es Alex Capus, die intime und innige Beziehung des Paares darzustellen, diese absichtslose Freude aneinander, die ihr Glück ausmacht. In der Ehe werden acht Kinder geboren, Betty erkennt sehr bald, dass die älteste Tochter, Clara, Schwierigkeiten machen wird. Schon als kleines Kind stromert sie querfeldein, in der Natur bewegt sie sich sicher, in geschlossenen Räumen linkisch. Übergriffige Burschen bekommen nicht nur Claras Zynismus, sondern auch ihre kleinen Fäuste zu spüren. Dann verliebt sich Clara in einen tschechischen Burschen, der Zucker nach Deutschland schmuggelt.
Doch dort hat sich die Welt verändert, man schreibt das Jahr 1933, dort patrouillieren SS-Schergen. Was nun geschieht, bringt nicht nur Clara, die weder Furcht noch Scham kennt, gegen die Obrigkeiten diesseits und jenseits der Grenze auf. Das ganze Dorf sorgt dafür, dass sich zwischen Deutschland und der Schweiz unvorhersehbare diplomatische Verwicklungen ergeben.
“Querfeldein” ist ein Roman, der nicht nur durch seine Handlung, sondern auch durch seine einfache, starke und pointierte Sprache begeistert. Kurze Sätze bringen die Erzählung prägnant voran, schildern den Alltag oft trivial – im Alter bekommen die Zehennägel Rillen, die zu nichts gut sind –, doch immer schwingt im Hintergrund der Wunsch mit, die persönliche Freiheit zu bewahren und den Zwängen des Daseins zu trotzen. Arnold versteht das, stellt keine Fragen und wartet, wie sich die Dinge entwickeln. Seine freundliche und kluge Sichtweise auf das Leben ermöglicht es ihm, Verständnis für Betty und Clara zu zeigen. So nimmt sich Betty ihre Freiheit, ohne zu fragen und ohne sich rechtfertigen zu müssen, denn auch für sie kommt der Moment, in dem sie ihre Ehe und die täglichen Pflichten als Hamsterrad empfindet.
Im folgenden Szenario ist unklar, wo die Realität aufhört – immerhin handelt es sich um ein historisch belegtes Geschehen – und die Fantasie beginnt. In verschiedenen Erzählpanoramen stellt der Autor Vermutungen und Überlegungen zum weiteren Verlauf des Schicksals der Protagonisten an und die Lesenden sind eingeladen, es ihm gleich zu tun.
Mein Fazit:
“Querfeldein” ist hervorragende Literatur, die auf subtile Weise das Schicksal und die Möglichkeit thematisiert, es zu bewältigen oder ihm ein Schnippchen zu schlagen. Neben einer innigen Liebesgeschichte und lapidaren Schilderungen des Alltagslebens beschreibt Alex Capus eine Welt im Umbruch, zwischen Bürokratie und Fanatismus. Dennoch bietet der Roman skurrile Szenen, die den politischen Herausforderungen der Zeit geschuldet sind. ”Querfeldein” war für mich ein Lesehighlight; wer Romane mag, die auf realen historischen Ereignissen beruhen und dennoch eine unvergleichliche Geschichte bieten, hat hier sicher zum richtigen Buch gegriffen.





Trauma und Gehirn
von Isabella Sarto-Jackson
Isabella Sarto- Jackson, die Präsidentin der Austrian Neuroscience Association, bietet in ihrem Fachbuch “Trauma und Gehirn- Wie soziale Erfahrungen die Hirnentwicklung prägen” eine wissenschaftlich fundierte Zusammenschau über die Entwicklung des Gehirns, das sich besonders in der Kindheit und im Jugendalter neuroplastisch verändert. Hier hinterlassen alle erlebten Ereignisse Spuren, die im späteren Leben sowohl für das Individuum selbst, in Beziehungen zu Partnern und Kindern als auch allgemein im Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt wesentlich sind. Zudem bezieht die Autorin die Anlage- Umwelt- Debatte sowohl aus faktischer Sicht als auch in der Darstellung der Lehrmeinungen mit ein. Hauptthema des Buches ist, dass das Gehirn auf alle sozialen Reize reagiert und durch sie verändert wird, wobei die Auswirkungen ganzkörperlich und natürlich auch im Verhalten des Individuums spürbar sind.
So schädigen Traumata, in welcher Form sie auch entstanden sind und erlebt wurden, das Gehirn. Stress, Vernachlässigung und Gewalt in jeder Form prägen eine schwierige Kindheit, was es den Betroffenen oft unmöglich macht, die durch diesen Stress verursachten Situationen zu bewältigen. Unter den vielen herausragenden Erklärungen fand ich den Aspekt besonders interessant, dass hier Anpassungsreaktionen an die Situation entstehen, die jedoch verhindern, dass das Individuum Angst tatsächlich verlernt. Selbst kleinste Reize können zu einem Flash-Back und zu einem erneuten Erleben des Traumageschehens führen. Aufschlussreich ist zudem, dass hohe Cortisolspiegel und damit ein hohes Stresslevel das gesamte weitere Leben prägen. Sehr intensiv behandelt die Autorin die unbedingte Notwendigkeit fester sozialer Bindungen und von Zugehörigkeit, besonders zwischen Mutter und Kind. Hier zeigt sich über Generationen hinweg, wie Vernachlässigung und lose Bindungen das Verhalten von Müttern prägen und damit maßgeblich das Leben des Kindes beeinflussen, das keinen sicheren Bindungsstil erleben durfte.
Erst spät geht die Autorin auch auf die wichtige Bindung zum Vater ein, dem eine andere Rolle – die des Spielpartners– im Familiengefüge zugestanden wird. In den letzten drei Kapiteln des Buches wird mehr Praxisbezug hergestellt, dennoch sollten die Lesenden keine Handlungsanleitungen erwarten. Neben der genauen Beschreibung, welche Spuren Traumata im Gehirn hinterlassen, erklärt Isabella Sarto- Jackson die furchtbaren Auswirkungen von Deprivation, Armut und Vernachlässigung. Besonders betont wird die Einbettung von Jugendlichen in familiäre und Peer- Groups, vor allem in die Gruppe von Gleichaltrigen, da soziales Verhalten nur auf diese Weise gelernt werden kann. Zurück zu den Wurzeln kommt die Autorin im Zusammenhang mit der Maslowschen Bedürfnispyramide, wo am Beispiel der amerikanischen Ureinwohner gezeigt wird, wie es möglich ist, Heranwachsenden Selbstwirksamkeit, soziales Mitgefühl, Entscheidungsfähigkeit und Resilienz zu vermitteln. So kann das Buch als Aufforderung an die Gesellschaft und die Politik verstanden werden, vor allem die Situation von Kindern und Jugendlichen zu verbessern.
Besonders bewegend sind die Passagen über Viktor Frankl, der als Opfer der NS- Diktatur vorgelebt hat, dass man trotz der furchtbarsten Erlebnisse einen Sinn im Leben finden kann.
Mein Fazit:
Ich habe “Trauma und Gehirn” mit den Augen eines interessierten Laien gelesen, bringe jedoch Erfahrung in der Jugendarbeit und im strafrechtlichen Kontext mit. Das Buch ist fachlich ausgezeichnet geschrieben, wer jedoch nur mangelhaftes Grundlagenwissen aus Medizin und Psychologie mitbringt, wird hier Geduld und Ausdauer brauchen. Erst die letzten drei Kapitel des Buches bieten für diese Gruppe der Lesenden konkretere Beispiele, die dazu anregen, sie in die eigene Arbeit zu integrieren. Für Fachleute sei auf das ausführliche Literaturverzeichnis und auf die zahlreichen begleitenden Fußnoten verwiesen. Für die leichtere Lesbarkeit hätte ich mir eine bessere Strukturierung des Textes gewünscht.
Ich empfehle dieses Fachbuch, das Schnittstellen zu Medizin, Pädagogik, Justiz und Psychologie bietet, besonders Fachkräften gerne weiter. Interessierte Laien werden jedoch Geduld und Ausdauer brauchen – die das Buch zweifellos verdient.





Das Hotel am Rande des Zusammenbruchs
von Theresa Prammer; Joseph Prammer
Reichenau an der Rax, einst mondäne Sommerfrische für Adel, Geldadel und Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur, ist heute ein eher beschauliches Örtchen, durch das man schnell – aber nicht zu schnell, Achtung, Radar – durchfährt, um zur Raxseilbahn zu gelangen. Doch Schluss mit der wohligen Gemütlichkeit: Statt zu kuren und Kultur zu genießen gibt es Verbrechen, mehrere Morde sind geschehen.
Die bekannten Autoren und Schauspieler Theresa und Joseph Prammer haben mit “Das Hotel am Rande des Zusammenbruchs” einen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur eine undurchsichtige Handlung, sondern auch viele sehr witzige Szenen enthält. Ich hätte mir erhofft, dass die Verbrechen nicht nur im Hotel stattfinden, sondern auch in luftiger Höhe; schließlich ist die Raxseilbahn die älteste Seilbahn Österreichs.
Leider nein, das wäre wohl auch schwierig auf die Bühne zu bringen gewesen, denn der Roman entstand in Anlehnung an ein Theaterstück, das bei den Komödienspielen Neulengbach mit großem Erfolg aufgeführt wurde. Doch auch ohne alpines Gelände bietet die Geschichte viel: Einen Hotelbesitzer, Felix Perfekt, der das ist, was man in Österreich als “Ungustl” bezeichnen würde, also ein sehr unangenehmer Mensch, der seine Angestellten schikaniert und nicht bezahlt und dem Buddhas betende Hände zum Verhängnis werden; einen Hotelkoch, der ohne mit der Wimper zu zucken eine kopflose Leiche in der Kühlkammer lagert, zwischen den Erdbeeren oder dem Gulaschfleisch, Hauptsache das Blut fällt nicht auf; Sophie, die als Masseurin im Hotel arbeitet und diverse Geheimnisse hat. Sie ist nicht nur mordverdächtig, sondern überlebt auch selbst knapp mehrere Mordanschläge; ein tüddeliges Seniorenpaar, das erstaunlich fit ist, wenn man hinter seine Maske schaut; einen Arzt, der wissenschaftliche Ergebnisse fälscht; ein Zimmermädchen, das nicht nur spanisch spricht, sondern auch erotische Qualitäten hat; eine Verwechslungskomödie vom Feinsten, die auch große Vorbilder wie die “Pension Schöller” nicht zu scheuen braucht. Das alles findet in einem Hotel statt, das seine besten Zeiten längst hinter sich hat, egal, was die den einzelnen Kapiteln vorangestellten Wellnesstipps suggerieren.
In diesem menschlichen Biotop begleiten die Lesenden die Protagonisten von einer Panne zur nächsten, jeder ist verdächtig und keiner traut dem anderen. Neben der Beseitigung von Leichen und toten Tieren ist das Hotelpersonal damit beschäftigt, einen vermeintlichen Investor bei Laune zu halten, der das marode Gebäude vielleicht kaufen will. Doch der Geldgeber reist inkognito. Zu allem Überfluss schneidet ein schlimmes Unwetter das Haus von der Außenwelt ab, ein Geheimgang stürzt ein und zwei weibliche Teenager kommentieren das Geschehen mit typischem Jugend- Sprech.
In diesem Konglomerat aus Intrigen, Missverständnissen und Geheimnissen finden sich die Lesenden, die lange miträtseln können, wer die Taten begangen hat. Denn blutüberströmte Leichen gibt es genug. Die Geschichte ist spannend, abwechslungsreich und leicht erzählt, die Charaktere sind manchmal skurril, manchmal liebenswert, aber immer prägnant dargestellt. Ich habe mich sehr gut unterhalten und kann das Buch gerne weiterempfehlen. Doch muss ein Krimi immer mit der Verhaftung des Täters oder der Täterin enden? Das, liebe Mitlesende, müssen Sie selbst herausfinden.





Ein unerhörter Wunsch
von Ann Packer
Die bekannte, vielfach preisgekrönte amerikanische Autorin Ann Packer hat mit ihrem Roman “Ein unerhörter Wunsch” ein bewegendes Buch über die Endlichkeit des Lebens und die Zumutung der Sterblichkeit geschrieben. Das stimmungsvolle Hardcover täuscht, hier wird keine idyllische Strandszene abgebildet, sondern der letzte Wunsch einer Sterbenden, das Meer noch einmal zu sehen.
Claire hat Krebs im Endstadium, sie ist austherapiert. Schon Jahre lang kümmert sich ihr Mann Eliot liebevoll um sie, begleitet sie durch unsagbare Schmerzen und durch einen Alltag, der unbeeindruckt von einzelnen Schicksalen unerbittlich weiterläuft. “Drei bis sechs Monate” hat die Frau vom Hospiz gesagt, aber wer weiß das schon? Eliot würde gerne die ihnen noch verbleibende Zeit abschätzen können, wissen, wie lange das Leiden noch dauert und wie lange er noch in der Pflegesituation durchhalten muss. Doch Claire hat einen unerhörten Wunsch: Sie will ihre letzten Tage nicht mit Eliot, sondern mit ihren Freundinnen Holly und Michelle verbringen.
Ann Packer beschreibt die Situation der Protagonisten feinfühlig und empathisch, aber immer unspektakulär. Die Autorin beobachtet, doch die Lesenden werden trotzdem in dieses furchtbare Geschehen verstrickt. Claire, die immer schwächer und schwächer wird; Eliot, der sich in seinem eigenen Haus nicht mehr willkommen fühlt, der daran zweifelt, ob seine Pflege bisher gut war oder doch nur zufriedenstellend; dessen Umgebung Claires Wunsch nicht verstehen kann und der selbst nur ein Ziel hat: die Zeit, die noch bleibt, mit Claire zu verbringen und sie zu beschützen. Doch Eliot sei ein gutmütiger Klops, sagen Claires Freundinnen. Claire flieht vor seiner Fürsorge, denn damit erlaubt er ihr aus Furcht nicht mehr die letzten kleinen Freuden, die sie noch genießen könnte. Claire wünscht sich eine weibliche, fürsorgliche Sterbebegleitung, die auch ein Lachen ermöglicht. Wie soll Eliot mit dieser Einstellung umgehen?
“Ein unerhörter Wunsch” ist ein Roman, bei dem man weinen darf, vielleicht über das Schicksal Claires, vielleicht darüber, dass man selbst einen geliebten Menschen verloren hat, und über die Unausweichlichkeit des Todes. Der unaufhaltsame Verfall der todkranken Claire bestürzt, ihre unerträglichen Schmerzen machen tief betroffen. Während des Lesens hätte ich mir für Claire gewünscht, dass das unausweichliche Ende schneller gekommen wäre, dass sie nicht alle Stadien des Verfalls hätte durchmachen müssen. Doch ist oft Claire die Starke, die versucht, über ihr Leben zu bestimmen und Eliot trotz seiner unverbrüchlichen Liebe zu schonen. Viele Gedanken drängen sich auf: Soll Eliot noch einmal heiraten? Claire, die das zur Sprache bringt, ist unsicher. Was wird Eliot ohne Claire machen, wie wird er sein Leben ausfüllen, wie einen neuen Sinn finden?
Ann Packer hat mit “Ein unerhörter Wunsch” einen großartigen Roman geschrieben, der beim Lesen schmerzt, der berührt und mit seiner klaren Sprache tief beeindruckt. Der Übersetzung aus dem Englischen durch Patricia Klobusiczky ist es gelungen, Empathie und Leid auf eine Weise in die deutsche Sprache zu übertragen, dass die bedrückende Atmosphäre, die Hilf- und Hoffnungslosigkeit, die gelebte Trauer und die große Liebe der Eheleute zueinander spürbar und erlebbar werden. Das Buch steuert von Anfang an auf ein bitteres Ende zu, das die Lesenden als Zuschauer auch mit dem Herzen begleiten. Dieser Roman, der so eindrücklich das Verlöschen des Lebens thematisiert, verdient eine besondere Leseempfehlung und eine Bewertung mit fünf Sternen.





Love Letter Agency
von Janina Lorenz
“Love Letter Agency” - das ist ein schöner Liebesroman der bekannten Autorin Janina Lorenz. “Öffne den Blick” sagt das stimmungsvolle Cover, den Blick auf die Liebe in all ihren Facetten.
Emma ist Schriftstellerin mit Schreibblockade, doch was tun? Ein Buch schreiben, in dem ein Alpaka vorkommt, wie ihr Agent meint? Oder auf eine andere zündende Idee warten? Da kommt ihr der Zufall zu Hilfe: Ihr Bruder bittet sie, einen Liebesbrief für ihn zu schreiben. Als das den gewünschten Erfolg bringt ist die Love Letter Agency geboren.
Der Roman handelt von zwei Frauen, die bisher schlechte Erfahrungen mit der Liebe gemacht haben. Emmi und Naomi, die eine KITA für Kinder von Alleinerziehenden leitet, erzählen aus der Ich-Perspektive von ihren gescheiterten Ehen. Beide Male sind die Männer gegangen, beide Male fast ohne ein Wort des Abschieds. Und beide Frauen glauben nicht mehr an die Liebe. Aber versuchen kann man es ja. So meldet sich Naomi auf Druck ihrer Freundin Sara bei einem Internetportal an. Elias meldet sich, bald entspinnt sich eine heftige Romanze. Ungetrübtes Glück? Nein, denn ein Foto von Elias’ Ex-Frau macht Naomi stutzig, von einer Frau, die professionell Liebesbriefe schreibt, da muss man doch nachhaken! Emma soll einen Liebesbrief für Elias schreiben. Verbindet Emma vielleicht noch etwas mit ihm?
Emma, die mit ihrer Agentur erfolgreich ist, ist verwundert, wie vielen unterschiedlichen Menschen sie Briefe schreiben soll. Eltern und Kindern, Partnern und Verflossenen, ein evangelischer Pfarrer, Luis, möchte einen Brief, um sich an die Liebe zu seinem Beruf zu erinnern. Emma ist fasziniert, nicht nur von der Aufgabe, sondern auch von dem Mann. Doch zuerst trifft sie sich mit Naomi, ahnungslos und bitter aufgewühlt, als sie erkennt, für wen dieser Brief sein soll. Kann Emma ihre Vergangenheit hinter sich lassen und Naomi ihrer neuen Liebe vertrauen?
Janina Lorenz hat einen stimmigen und warmherzigen Liebesroman geschrieben, der gelebte Trauer genau so abbildet wie tiefgreifende Verletzungen, die Beziehungen zerstört haben. Dennoch schwebt über allem die Sehnsucht nach einer neuen Liebe, nach Halt und Intimität, nach Verständnis und Leidenschaft. Sowohl Naomi wie Emma sind starke Frauenfiguren, die sich ihr Leben alleine eingerichtet haben, beide zielstrebig und sympathisch. Doch beide mit Wunden aus der Vergangenheit, die zwar vernarbt sind, aber immer noch schmerzen. Und die Männer? Elias und der Pfarrer Luis sind beide Workoholics. Haben sie aus der Vergangenheit gelernt, dass die Partnerschaft ein wichtiger Teil des Lebens ist, den man nicht der Arbeit opfern darf?
Janina Lorenz hat viele Ausprägungen der Liebe beschrieben. Warmherzig und gefühlvoll gibt sie den Frauen eine starke Stimme, manchmal witzig und sprühend vor Glück, manchmal enttäuscht und unglücklich. Ihr Roman erzählt mit leichter Hand vom Leben, jedoch gibt es tiefgründige und nachdenklich machende Abschnitte, die man als Lesende so nicht erwartet hätte. Sprachsensibel und doch positiv begleitet Janina Lorenz ihre Figuren durch einen Lebensabschnitt, der letztlich zur Liebe führt, zur hinreißenden Liebe und zum Happy End, das die Lesenden lächelnd und zufrieden zurücklässt. Ich habe Emma und Naomi gerne durch alle Liebes- und Lebenswirren begleitet, daher eine klare Leseempfehlung von mir für diesen gelungenen Roman.





When Dealing With Dragons. Drachengold
von Dana Swift
Die bekannte Autorin Dana Swift erschafft in ihrem neuesten Buch “When Dealing With Dragons, Drachengold” eine fantastische Welt, in der Drachen und Menschen zusammenleben. Auf dem schönen Hardcover überzeugen die beiden Hauptfiguren James und Farren, doch der Schein trügt: In einer metallisch kalten Welt werden Drachen, deren Körper sich bei Gefahr mit unterschiedlichen Metallen panzern, für Drachenrennen ausgebeutet und entsetzlich gequält, wenn ihnen die Menschen aus Habgier die metallischen Schuppen vom Körper scheren.
Die Gesellschaftsordnung in diesem brutalen Universum richtet sich nach der Wertigkeit der Metalle, die die Menschen bearbeiten, um sie damit für ihre Zwecke einzusetzen – sei es als Waffe oder zur Heilung von Krankheiten. James entstammt einer ranghohen Silberschmied-Familie. Farren, die Tochter des Drachentierarztes, hält ihn für arrogant und kann ihn nicht ausstehen. James ist vollkommen auf seinen Erfolg als Drachenreiter fokussiert, denn sein brutaler Vater würde ein Versagen niemals dulden. Auch sieht er in Farren eine Rivalin um ein Stipendium der Drachenheilkunde.
Als James bei einem Drachenrennen schwer verletzt und von Farren gerettet wird, verbringt er mit seinem verletzten Drachen den Sommer auf dem Gnadenhof von Farrens Eltern, in einer sehr liebevollen Familie. So kommen James und Farren einander langsam näher, doch zeigen dürfen sie ihre Liebe nicht, denn Farren hütet ein Geheimnis, das große Umwälzungen auslösen könnte. Dadurch brächte sie nicht nur ihre Familie und Freunde, sondern auch sich selbst in höchste Gefahr, ebenso ein wundervolles Wesen, dessen Schutz sie ihr Leben gewidmet hat. Wird James ihr Geheimnis ergründen und Farren unterstützen?
Dana Swift überzeugt mit einer warmherzigen Romantasy, die die Unsicherheit der beiden Protagonisten, Farren und James, gut einfängt. Beide sind sich ihrer Gefühle und vor allem der Gefühle des anderen nicht sicher; immer wieder schwanken sie zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Doch der Schutz der Drachen steht stets an erster Stelle. Farren und James haben Kämpfe gegen Wilderer zu bestehen, James’ Familie versucht brutal, die beiden jungen Menschen auseinanderzubringen. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht. In einem furiosen Showdown entscheidet sich, ob die Liebe zwischen Farren und James Bestand haben kann.
“When Dealing With Dragons, Drachengold” ist ein dichtes und atmosphärisches Jugendbuch. Magische Welten, große Gefühle, Intrigen und Hass werden die Lesenden immer wieder fesseln. Es lebt von tollen Ideen, die eine oft wunderbare, jedoch manchmal auch eine sehr bedrohliche Atmosphäre schaffen. Durch einen unerwarteten Twist verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Habgier, die Ausbeutung der Natur und Lügen sind an der Tagesordnung. Dem gegenüber überzeugt eine sich langsam und intensiv entwickelnde Liebesbeziehung zwischen James und Farren, deren Beschreibung genau auf die Zielgruppe ab vierzehn Jahren abgestimmt ist.
Mein Fazit:
Mir hat “When Dealing With Dragons, Drachengold” sehr gut gefallen. Die Geschichte ist spannend, liebevoll und flüssig erzählt und sehr romantisch, hier entsteht sofort großes Kopfkino. Ein besonderer Stellenwert gebührt natürlich diesen wunderbaren Geschöpfen, den Drachen. Wer romantische Gefühle mag und Drachen liebt, hat hier sicher zum richtigen Buch gegriffen.





Tanz der inneren Kinder
von Susanne Vömel
Fragen Sie sich, warum sie immer wieder denselben Typ als Partner:in wählen, einen Menschen, mit dessen Eigenschaften sie schon vorher schlechte Erfahrungen gemacht haben? Gehören Sie damit zu den beneidenswerten Personen, die denselben Fehler zweimal machen können, ohne nervös zu werden? Die Klinische Psychologin und bekannte Autorin Susanne Vömel zeigt in ihrem Buch “Tanz der inneren Kinder”, dass im Hintergrund, im Unbewussten, immer wieder Muster ablaufen, die auf unsere Kindheit, oft auf eine ganz frühe Phase, zurückgehen und die auch im Erwachsenenleben dazu führen, dass man wiederholt mit den selben Schwierigkeiten in Beziehungen zu kämpfen hat.
Schon in der Geschichte zeigt sich, dass Manschen stets nach ihrer idealen zweiten Hälfte gesucht haben. In der ersten Verliebtheit scheint der Partner perfekt, doch wenn sich diese euphorische Phase legt, kommen unsere kindlichen Anteile zum Tragen, die stabil und zeitlos sind. Oft erinnern wir uns nicht, an zu wenig Zuwendung, an Herabwürdigung, an Vernachlässigung oder auch an erdrückende Überversorgung, die es nicht erlaubt haben, ein stabiles Selbstbild aufzubauen. Die Autorin beschreibt, wie alle frühkindlichen Episoden unsere neuronalen Netzwerke verändern, daher fühlen wir uns zu Menschen hingezogen, die uns aus der Kindheit vertraute Wesensmerkmale aufweisen. Wofür wir Bewältigungsstrategien als Kind gefunden haben ist bekanntes Terrain und wir erinnern es unbewusst bei Paarkonflikten.
Abhängig von unseren Erfahrungen unterscheiden sich unsere Bindungsstile. Hier geht Susanne Vömel genau und gut verständlich darauf ein, auf welchen Erlebnissen unseres inneren Kindes sich unser Beziehungsstil gründet, ob Verlustangst, Vermeidung oder Desorganisation die Partnerwahl unbewusst beeinflussen. In vielen sehr praxisnahen Beispielen verdeutlicht das Buch, wie wichtig es ist, diese unbewussten Anteile an unserer Persönlichkeit zu erkennen, um letztlich zu Selbstregulation und Selbstberuhigung zu finden.
In erwachsenen Beziehungen kristallisiert sich oft heraus, dass man einen Partner sucht, der die Ängste und Sorgen des inneren Kindes heilen kann, oftmals auch ein Partner, der dieselben Probleme wie man selbst aus seiner Vergangenheit mitbringt. Je nachdem, ob man eine passive, also kindliche Rolle oder aktive, also erwachsene Rolle in der Partnerschaft annimmt, werden sich die Paare wie im Tanz um ihre Problemkreise bewegen, ohne sich des eigentlichen Grundes für ihre Schwierigkeiten bewusst zu sein. Auch die Lesenden werden hier wahrscheinlich Wesens- und Charakterzüge wiedererkennen, die sie bisher nicht beachtet haben, die aber eine Erklärung für Paarkonflikte bieten. Erst wenn es gelingt, sich liebevoll den eigenen und den Defizienten des Partners zuzuwenden, die inneren Kinder mitfühlend an der Hand zu nehmen, um sie aus der früher erlebten schwierigen Situation beschützend herauszuführen, ist Entwicklung in der Partnerschaft möglich.
Susanne Vömel hat ein wissenschaftlich fundiertes, sehr praxisnahes und gut verständliches Buch geschrieben, das es mit vielen Beispielen ermöglicht, innezuhalten und die Schwierigkeiten und Muster in der eigenen Partnerschaft zu hinterfragen. Dieses Buch sollte die Aufmerksamkeit bekommen, die es zweifellos verdient, denn man sollte sich als Laie die Zeit nehmen, manche Passagen auch zweimal zu lesen und zu überlegen. Für vertiefende Beschäftigung mit dem Thema gibt es ein umfangreiches Quellenverzeichnis.
Ich habe “Tanz der inneren Kinder” interessant und bereichernd gefunden, manches Wiedererkennen in den geschilderten Fallkombinationen hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich kann das Buch allen, die den Hintergrund ihrer Partnerschaft näher beleuchten möchten, gerne empfehlen.





Mein großes Schulstartbuch mit Rabe Linus
von Dorothee Raab
Viele Eltern machen sich Gedanken, wie man einem Kind, das mit der Schule beginnt, einen guten Start ermöglichen kann. Der renommierte DUDEN Verlag hat dafür ein umfangreiches Übungsbuch herausgebracht mit einem netten Begleiter für die ersten Schritte, Rabe Linus.
Das umfangreiche und großformatige Übungsheft bietet viel Abwechslung, eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass das Lernen auch Spaß macht. Überdies überfordert es die Kinder nicht, dann neben dem Lernen und Üben des Alphabets in Blockbuchstaben und des Zahlenraumes bis zehn gibt es viele Bilder, die das Kind ausmalen kann und Suchrätsel, die Konzentration und Aufmerksamkeit erfordern. So kann jedes Kind nach seinem Leistungsniveau arbeiten und sich spielerisch verbessern. Hervorzuheben ist die farbenfrohe Gestaltung der einzelnen Aufgaben sowie die kindgerechten, phantasievollen Illustrationen und natürlich Rabe Linus, der immer wieder im Heft auftaucht.
Damit fördert das Übungsheft, das für Kinder ab sechs Jahren empfohlen wird, sowohl die manuelle Geschicklichkeit wie das logische Denkvermögen. Viele Schwungübungen und einzelne einfache Rechenaufgaben bringen schnelle Erfolgserlebnisse und ermutigen, weiter zu machen. Natürlich gibt es auch eine Belohnung für fleißige Kinder: Am Ende des Buches findet man Sticker, die das Kind auf jede bearbeitete Seite einkleben kann. Ebenso gibt es Lösungen, so dass das Kind selbst kontrollieren kann, ob alles richtig gemacht wurde. Seiten, die man heraustrennen und als Alphabetposter aufhängen kann, vervollständigen dieses gut durchdachte Übungsbuch. Möglicherweise möchten die Eltern ja noch Aufgaben zur Raumlage ergänzen, dafür findet sich auf jeder Übungsseite genug Platz.
Ich freue mich schon darauf, mit meinem Enkel mit dem Üben zu beginnen. Da er im nächsten Jahr in die Schule kommt, werde ich ihm dieses Buch zu Weihnachten, zusammen mit einem Abakus, schenken. Allen Eltern, Großeltern oder Betreuern kann ich das große Schulstartbuch mit Rabe Linus empfehlen, denn damit macht das Üben und das Lernen Freude.





Pardon, aber da schwimmt eine Leiche in der Schokolade
von Angelika Hager
Bereits vor Jahrzehnten hat die bekannte Autorin und Journalistin Angelika Hager ihre Kunstfigur Polly Adler erschaffen. Doch erstmals darf Polly in einem Krimi mitermitteln.
Der Wiener Opernball geht zu Ende, ein Bienenvolk im Tanzparkett hat für einen Eklat und Panik gesorgt. In einem typischen Wiener Biotop, am Würstelstand, steht eine derangierte Polly, die nicht nur mit ihrer Kleiderfrage, sondern auch mit der Unsicherheit ihrer zukünftigen Existenz konfrontiert ist, denn ihr Zeitungsverlag wurde dicht gemacht. Also auf ins noble Hotel Kranzler, zu ihrer Freundin Iris, die unerschüttert von allen Katastrophen das Hotel führt. Jetzt allerdings ist Feuer am Dach, denn im Schokoladebottich liegt eine Leiche, Coco Kaputt, eine ehemalige Sportsgröße, jetzt Social Media Star und Opernball- Ehrengast der Interimskanzlerin Sissi Kogelnik.
Die Polizei ermittelt, doch Polly kennt Cocos wahre Geschichte, die von ihrem geschönten Lebenslauf erheblich abweicht. Polly ist auch bereit, sich mit einem alten Feind aus Journalistentagen zu treffen, der im Netz ein Fake-News Blatt mit politischen Hintergedanken betreibt. Um zur Falllösung beizutragen trifft Polly ihren Ex- Liebhaber, Hauptkommissar Gerry Sturz vom BKA, abgebrüht in seinem Job und herzkrank, wieder. Ob es zwischen den beiden noch einmal prickeln könnte? Gemeinsam durchleuchten sie eine Bussi- Bussi Gesellschaft, in der sich betuchte Frauen zur Entspannung gerne einen Callboy gönnen und in der Vitamin B, Eifersucht und Intrige genau so wie politische Interventionen zur Tagesordnung gehören.
Angelika Hager hat einen Kriminalroman geschrieben, der das typische Wiener Flair einfängt und das goldene Wienerherz nachzeichnet. Dazu verwendet sie eine Sprache, die wienerischer nicht sein könnte, genau auf den Punkt geschrieben, die eine Szenerie von Prominenten und solchen, die es gerne wären, beschreibt. Lustvoll wird in der Wiener Politszene gewildert, Ähnlichkeiten mit bekannten Personen erscheinen nicht zufällig. Die Opernballmutter mit einem Faible für die Farbe rosa, die junge Talente und besonders die eigene Nichte fördert, steht für ein Abbild der Wiener Verhältnisse, wie es sein könnte- oder doch, wie es ist?
Immer wieder bietet die Autorin den Lesenden elegante Persiflage, feine Ironie und bissige Satire. So werden die Opernballcrasher, eine Gruppe, die gegen den Kapitalismus demonstriert und sich Extinction Injustice nennt, von der Polizei in einer Nobelvilla aufgegriffen. Die Nichte der Opernballmutter war bei Sexspielchen mitten im Geschehen, in einer Pressekonferenz aber hat sie plötzlich mitgeholfen, die Gruppe zu zerschlagen. Das zeigt, dass man die Wahrheit schon sehr genau kennen muss, um sie glaubhaft zu verdrehen.
Und natürlich ist die Liebe ein wichtiges Motiv, gerade in Wien, wo in einem Wienerlied die Bäume im Prater so schön blühen. Sowohl Interimskanzlerin Sissi als auch Hotelchefin Iris teilen sich den selben Callboy. Doch für die Frauen ist das nicht nur ein Geschäft, sie glauben, Intimität kaufen zu können und investieren zunehmend Gefühle. Jedoch ganz umsonst, denn der Callboy, Künstlername De-licious, ist unsterblich in Coco verliebt und untröstlich, als sie ermordet wird. Da ist Polly, die als ehemalige Journalistin wie ein Trüffelschwein begeistert die Verhältnisse umgegraben hat, mitten drin in diesem Gefühlschaos, löst aber dann doch diesen ungewöhnlichen Kriminalfall.
Angelika Hager hat einen spannenden Kriminalroman geschrieben, in dem es richtig menschelt. Wer jetzt denkt, mit den wienerischen Ausdrücken oder den vielen Anglizismen, dem typischen Politsprech, nicht zurecht zu kommen, kann beruhigt sein, denn es gibt Fußnoten zur Erklärung. Natürlich würde ich gerne wissen, wie es mit Polly weiter geht und hoffe auf eine Fortsetzung. Ich habe mich bei diesem Krimi köstlich amüsiert und lege ihn gerne anderen Lesenden ans Herz, und das muss gar nicht das “goldene Wienerherz” sein.









