Kundenrezensionen von gabiliest





Feine Risse
von Elisa Hoven
Die bekannte und renommierte Autorin Elisa Hoven hat mit “Feine Risse” den zweiten Band über die Strafverteidigerin Eva Herbergen vorgelegt. Wie der Titel schon sagt, sind es oft minimale Unterschiede eines Tatherganges, die den Ausschlag geben, welches Urteil über einen Straftäter gefällt wird. Ebenso feine Unterschiede führen zu einer völlig anderen Sichtweise, wenn man ein Verbrechen vom Standpunkt der persönlichen Moral aus betrachtet. Was ist jetzt Recht- und was ist gerecht?
Die Autorin, selbst Juristin, die Strafrecht an der Universität Leipzig lehrt und Richterin im Sächsischen Verfassungsgerichtshof ist, greift für ihren Roman auf spektakuläre Kriminalfälle zurück, die sie an die Geschichte des Buches anpasst und mit einem fiktiven Ende versieht. So ergeben sich nicht nur Einsichten in die Arbeitsweise der Justiz und der Ermittlungsbehörden, sondern auch die spannende Aufarbeitung von Verbrechen mit all ihren Facetten wie der Berichterstattung in den Medien und der öffentlichen Meinung. Um diesen Roman zu lesen, muss man aber keine Rechtskenntnisse haben, es geht um Taten, die in der Realität begangen wurden und deren Beurteilung durch die Gerichte zu Diskussionen Anlass geben kann.
Elisa Hoven hat als Hauptfiguren für ihren Roman das Ehepaar Herbergen gewählt. Eva ist eine bekannte und gefragte Strafverteidigerin, ihr Ehemann Peter lehrt an der Universität und steht knapp vor dem Ruhestand. So erfahren die Lesenden nicht nur die Sichtweise von Eva über den Gang der Gerichtsverfahren, die Beurteilung der Mandanten, die Zweifel am richtigen Vorgehen der Verteidigung und die Bewertung von Beweisen, sondern Peter bringt auch eine andere, persönliche Meinung zu den Fällen ein. Diese Fälle werden einigen Lesenden bekannt sein: Die Fahrt eines Betrunkenen, der ein Kind niederfährt und Fahrerflucht begeht; der Bergunfall eines Managers, der mit Bergführer eine zu schwere Tour geht oder das entführte Kind, dessen Aufenthaltsort der Entführer nicht preisgeben will. Die Aufzählung ist nur beispielhaft für die sehr gut ausgewählten spektakulären Verbrechen und ihre Aufarbeitung.
Ebenso wichtig ist die schöne, innige und gleichberechtigte Beziehung der Eheleute Eva und Peter, die selbst in ein länger zurückliegendes Kapitalverbrechen verwickelt werden, das Peters Familie betrifft. Während Peter eher zögerlich ist, veranlasst Eva die Auswertung der alten Spuren, das Ergebnis ist schockierend. Soll Eva Peter damit konfrontieren, denn wie wird er sein bisheriges Leben im Licht dieser neuen Erkenntnisse bewerten?
Abseits der Verbrechen beschäftigt sich das Buch mit ernsten, persönlichen Themen. Wie will man das eigene Alter verbringen, wie sich auf den Ruhestand vorbereiten? Soll Eva auch beruflich kürzer treten, wenn Peter in Pension ist? Darf man alten Bekannten vertrauen oder wird dieses Vertrauen missbraucht? Hier geht es nicht um Recht und Gerechtigkeit sondern um wichtige Lebensentscheidungen, um Weichen, die man für das eigene Schicksal stellt.
“Feine Risse” ist ein in gut verständlicher Sprache geschriebener spannender und interessanter Roman, der zwischen Realität und Fiktion changiert, ein Buch, das man am liebsten im einem Rutsch lesen möchte. Die Charaktere aller Protagonisten sind lebensnah ausgearbeitet, die Lesenden fühlen sich direkt in das Geschehen versetzt und beziehen unwillkürlich Stellung zu den jeweiligen Rechtsfragen und Schicksalen. Dieses Buch beeindruckt einerseits durch große Sachkenntnis, andererseits aber auch durch Empathie, sowohl für die Opfer als auch manchmal sogar für die Täter. Für mich war es ein Lesehighlight, ich empfehle es gerne und bewerte es mit fünf Sternen.





The Artist
von Lucy Steeds
1957: Eine Frau steht in der National Gallery in London vor einem Gemälde, sie hat es gemalt. Als einziges hat es ein Inferno überstanden. Doch der Name des Malers auf dem kleinen Schild daneben lautet Édouard Tartuffe.
Südfrankreich 1920: Auf einem einsamen Bauernhof, in einer Landschaft die von Staub und Sonne flirrt, lebt der bekannte Maler Tata, Édouard Tartuffe. Seine Gemälde sind hochpreisig, er, der Schüler Cézannes, gilt als Meister des Lichts. Doch sein Charakter ist dunkel, menschenfeindlich, egoistisch und brutal. Kunst ist alles, mit dem Leben kommt er nicht zurecht. Das organisiert seine Nichte Ettie, die nach dem Tod der Mutter alleine bei ihm wohnt. Ettie hat gelernt, sich unsichtbar zu machen, um Tatas Wut zu entgehen. Doch führt sie, die sich um alles kümmert, im Hintergrund Regie. Als Joseph Adelaide, ein Journalist, auf den Hof kommt, wird er von Tata schroff abgewiesen. Tata gibt keine Interviews. Aber Joseph darf Modell sitzen, Joseph darf bleiben.
Die preisgekrönte britische Autorin Lucy Steeds hat mit “The Artist: Die Farben des Lichts” einen Roman vorgelegt, der in kurzen Kapiteln ein Gesamtbild erschafft, so wie an einem Gemälde immer ein Stück weitergearbeitet wird. Durch die beschreibende, dichte und atmosphärische Sprache stehen die Lesenden beobachtend am Rand der Geschichte, die Joseph und Ettie abwechselnd aus der Ich- Perspektive erzählen.
In dieser einsamen Szenerie begegnet man einsamen Menschen. Tata, der nur für seine Kunst lebt, hat schon lange kein Gemälde mehr gemalt, auf dem Menschen zu sehen sind. Er ist besessen von seinem Schaffensdrang und unfähig zu jeder sozialen Beziehung. Ettie, die sich mit einem unfreien, kleinen Leben arrangiert hat, wollte als Kind selber malen. Doch hat Tata ihre Gemälde zerrissen- es kann nur einen Künstler geben! So wird Ettie zu einem Geschöpf der Nacht, in der ihr eigentliches Leben abläuft. Langsam findet sie an Joseph Gefallen, langsam näheren sich die beiden an. Auch Joseph hat eine kurze Kunstausbildung und doch- Ettie erkennt klar, dass Joseph nicht richtig “sehen” kann. Spät wird Joseph Etties Geheimnis lüften, denn Ettie hat Tata bei seiner Arbeit ganz genau beobachtet, Ettie hat gelernt, auch wenn sie keine Kunstschule besuchen durfte.
Geprägt sind die Figuren von den Auswirkungen ihrer Zeit. Der zweite Weltkrieg ist kaum zu Ende, die Autorin lässt Ettie in einem Lazarett Verwundete pflegen und sich das erste Mal verlieben. In infernalischen Bildern schildert Lucy Steeds die Zustände im Lazarett, die Schmerzen und Verzweiflung. In diesem der Kunst gewidmeten Roman findet sich ein schreckliches und erschütterndes Kriegsbild. Daneben hat Tata begonnen, Essen zu malen, jedoch erst, wenn die Speisen in Verwesung übergehen- auch diese Gemälde ein Bild der Endlichkeit und Zerstörung, wenn auch durchflutet von wunderbarem Licht. Joseph möchte mit Ettie weggehen, doch kann sie Tata, den sie liebt und gleichzeitig hasst, alleine lassen? Als Tata die Beziehung von Ettie und Joseph herausfindet, sind seine Schreie von Tierlauten nicht zu unterscheiden. Doch in der Ferne leuchtet ein roter Schein, Ettie ist im Atelier verschwunden.
London 1957: Eine Frau steht in einer Kunstgalerie in London, ihre Bilder sind ausgestellt. Doch eines ihrer Bild hängt in der National Gallery, denn nur dieses eine wurde damals nicht vernichtet. Damals, als ein roter Schein Tatas Atelier erfüllte.
So gehen die Lesenden von Kapitel zu Kapitel, wie man in einem Museum von Saal zu Saal flaniert und bestaunen die mit Worten geschaffenen Bilder dieses außergewöhnlichen Romans, der historische Fakten und Fiktion vermischt, wunderbar zu lesen und zurecht preisgekrönt ist.





Leserabe Vor-Lesestufe - Eine kleine Katze für Anton
von Katharina E. Volk
In der beliebten Leserabe- Reihe hat die bekannte Autorin Katharina E. Volk ein neues Buch für die Vor-Lesestufe vorgelegt. Schon das fröhliche, bunte und liebevoll gestaltete Hardcover zeigt Anton, dessen Herzenswunsch eine Katze ist- aber dieser Wunsch ist schwierig zu erfüllen.
Anton zieht mit seinen Eltern in eine neue Stadt, wo er niemanden kennt. Anton ist unglücklich. Doch in der Wiese neben dem Haus sitzt ein Kätzchen. Ob Anton es behalten darf? Leider geht das nicht, sein Papa ist allergisch gegen Tierhaare. Und Mama meint, dass das Kätzchen sicher jemandem gehört. Tatsächlich meldet sich eine Familie mit zwei Kindern, die ganz in der Nähe wohnen. So findet Anton Freunde und kann das Kätzchen immer besuchen. Nun fühlt sich Anton nicht mehr fremd.
Diese kindgerechte Geschichte ist hervorragend geeignet für Kinder, die die Vorschule besuchen oder Leseanfänger sind, denn die Hauptwörter sind im Buch als Bilder dargestellt. So können sich die Kinder aktiv beteiligen, ein Leseerlebnis, das schnellen Erfolg bringt und zum Weiterlesen ermutigt. Dadurch wird das Lesen von Anfang an als positiv empfunden und die Scheu, diese für Kinder schwierige Aufgabe zu bewältigen, verschwindet. Sarah Garbers hat das Buch phantasievoll illustriert. Die kurzen Kapitel, die große Schrift und die großzügige Seiteneinteilung erhalten die Lesefreude. Das Buch ist hochwertig ausgestattet, das dicke Papier ermöglicht, dass man es problemlos oft zur Hand nehmen kann, denn diese Geschichte möchten die kleinen (Mit)-Lesenden sicher öfter hören. Am Ende des Buches finden sich lustige Rätsel und eine Wörterliste zum Ausklappen.
“Eine kleine Katze für Anton” zeigt, dass ein Neuanfang auch etwas Gutes haben kann und ermutigt die Kinder, Freundschaften zu knüpfen. Auch wenn sich Wünsche nicht gleich erfüllen lassen findet sich doch oft eine passende Lösung. Viele Kinder werden sich in diesem Buch wiederfinden, denn fast jedes Kind hätte gerne ein Haustier.
Ich habe das Buch mit meinem Enkel gelesen, der bald seinen fünften Geburtstag feiert. Er mochte die Geschichte, fand Anton nett und meinte, er würde auch gerne mit ihm befreundet sein. Und ein Kätzchen wünscht mich mein Enkel schon lange- daher war es für uns genau das richtige Buch, das wir gerne allen großen und kleinen Leseratten empfehlen.





Feindbild Frau
von Ingrid Brodnig
Die durch ihre fundierten Analysen von digitalen Entwicklungen bekannte Autorin Ingrid Brodnig hat sich mit ihrem neuen Buch “Feindbild Frau” der Aufgabe gestellt, an Hand von Interviews mit Politikerinnen zu beleuchten, welchen Beleidigungen, Verfemungen und sexistischen Kommentaren Frauen ausgeliefert sind- natürlich vor allem dann, wenn sie sich auf öffentlicher Bühne bewegen.
In den geführten Interviews zeigen die Betroffenen sehr ehrlich, welchen negativen Einfluss auf ihr privates und berufliches Leben, ihren Gemütszustand und ihr Selbstbild Hasskommentare haben.
Die Autorin gibt Posts wieder, die Frauen auf Grund ihres Geschlechtes herabsetzen, sie obszön bedrohen und demütigen und - gerade für die interviewten Politikerinnen sehr wesentlich- ihnen die Kompetenz absprechen. So werden sie nicht nur persönlich, sondern auch fachlich diskreditiert. Dadurch wird der Transport politischer Botschaften schwierig, das Darstellen komplexer Sachverhalte fast unmöglich. Neben Drohungen gegen Leib und Leben schrecken Hassposter auch vor der Bedrohung der Familie nicht zurück. Betroffene überlegen, sich zurückzuziehen, eine Einengung des öffentlichen Diskurses und der Meinungsbildung ist die Folge.
Die Autorin empfiehlt Strategien, wie man solchen Hetzkampagnen in Internet begegnen kann und soll, von der Prüfung des eigenen Sicherheitslevels bis zum Vorgehen gegen Plattformen und Klagen vor Gericht. Hier möchte ich anmerken, dass die Frauen, die im Buch Raum bekommen, einerseits das Schicksal vieler anderer Frauen teilen, die in Sozialen Medien verbaler Gewalt ausgesetzt sind, andererseits den Politikerinnen sicherlich mehr Mittel und Unterstützung zur Verfügung stehen, auf die andere Frauen nicht zurück greifen können. Allerdings ist der Beruf der Politikerin besonders exponiert. Fake News, verkürzte oder polemisch dargestellte Sachverhalte im Internet können, vor allem wenn sie auch von den Printmedien aufgegriffen werden, das Karriereende bedeuten.
Besonders interessant fand ich, welche Rolle Ingrid Brodnig dem Humor zuschreibt. Humor kann und soll belustigen, wenn er jedoch auf Kosten anderer Menschen geht, ist er oft bösartig und kränkend. Besonders betroffen sind hier Menschen mit Migrationshintergrund oder nicht heterosexueller Orientierung sowie vulnerable Gruppen. Die Autorin nimmt auch Memes als Beispiele für die wiederkehrende Verunglimpfung, dafür, wie mit Bildsprache herabsetzende Inhalte transportiert werden.
“Feindbild Frau” wirft die Frage auf, ob es eine universale moralische Achtung gäbe. Würde sich unter dieser Annahme der Ton im Netz verändern? Meine persönliche Meinung dazu ist, dass ich diese universale Moral nicht sehe. Moral ist immer eine subjektive Norm und damit zu unterscheiden von Rechtsnormen. Hier bietet die Autorin den Ansatz, Opfer von Hass im Netz solidarisch zu unterstützen und zeigt dazu auch die Möglichkeiten auf. Viele Politikerinnen haben Social Media Abteilungen, um nicht direkt mit Hasspostings konfrontiert zu werden. Als “normale” Nutzerin könnte man jemand um Hilfe bitten, dem man vertraut. Und natürlich sollte man alle rechtlichen Möglichkeiten ausnutzen. Dazu und zu Ansprechstellen, die Hilfe bieten, finden sich eigene Anhänge im Buch. Ebenso findet sich im Anhang ein ausführliches Verzeichnis von Quellen und Anmerkungen.
“Feindbild Frau” ist ein hervorragendes Sachbuch, das mahnt, die Gesprächskultur im Netz zu hinterfragen und, wenn notwendig, Beiträge auch zu sanktionieren. Wenn Meinungen durch Falschinformationen, Drohungen oder Hass aus den öffentlichen Debatten verschwinden, Menschen sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung herausnehmen, hat das auch demokratiepolitische Konsequenzen. Ingrid Brodnig stellt in ihrem Buch das Wissen bereit, dagegen anzukämpfen.





Seven Rules For A Perfect Marriage
von Rebecca Reid
Die bekannte Autorin Rebecca Reid hat mit ihrem Roman “Seven Rules For A Perfekt Marriage” erstmals ein Buch auf Deutsch vorgelegt. Wer jetzt denkt, einen Beziehungsratgeber gefunden zu haben, wird enttäuscht sein, wer jedoch einen modernen, heiteren, aber doch tiefgründigen Liebesroman erwartet hat genau zum richtigen Buch gegriffen. Das humorvolle Cover zeigt bereits, wie schwierig es ist, in einer Ehe den richtigen Weg zu finden um schließlich am Ziel, einer gelungenen Langzeitbeziehung, anzukommen.
Als Jack und Jessica heiraten, ist die Liebe groß und das Einkommen klein. Das ändert sich, als Jessica beginnt, auf ihren Social- Media- Kanälen Beziehungsratschläge zu geben und die sieben Regeln für eine perfekte Ehe zu promoten. Die Zahl der Follower steigt, Werbedeals folgen und ein Verlag bringt den Beziehungsratgeber “Seven Rules For A Perfekt Marriage” heraus. Jack und Jessica sind zu einer Marke geworden. Doch was ist mit der Liebe?
Jessica ist glücklich mit ihrer Arbeit und über ihr hohes Einkommen. Allerdings versucht sie schon lange, schwanger zu werden, aber es klappt nicht. Das belastet auch ihre Ehe. Jack ist unglücklich, er ist kein Instragram- Husband sondern sehnt sich zurück in seinen Journalistenberuf bei der BBC. Jessicas Arbeit hält er für oberflächlich, spät wird er erkennen, dass er sich getäuscht hat. Jessica findet, dass Jack sie nicht genug unterstützt. Doch was ist mit der Liebe?
Rebecca Reid lässt in ihrem Roman die beiden Protagonisten abwechselnd in der Ich- Form erzählen, Rückblenden zeichnen den Werdegang des Paares nach. Aus der Marke “Jack und Jessica” wird ein Paar, das unterschiedliche Lebensziele verfolgt. Jack betet Jessica an, aber hat das Gefühl, nie genügen zu können, ein Minderwertigkeitskomplex, der aus seiner Kindheit herrührt. Jessica verfolgt diszipliniert ihre beruflichen Ziele und leidet furchtbar unter ihrer Kinderlosigkeit. Denn was würde man von einem “Vorzeigeehepaar” mehr erwarten, als die Krönung ihrer Liebe durch ein süßes Baby. Vielleicht bringt ein Paar- Retreat Hilfe, den der Verlag veranstaltet und an dem auch fremde Paare teilnehmen. Doch dort macht Jack seiner Seele Luft- leider vor der falschen Person und mit unabsehbaren Folgen.
Rebecca Reid hat einen Liebesroman geschrieben, der auf authentische Weise schildert, wie Schwierigkeiten in einer Ehe entstehen, wenn beide Partner unterschiedliche Zukunftsvorstellungen haben, aber trotzdem an ihrer Liebe festhalten. Helfen die sieben Regeln, die Jessica und Jack aufgestellt haben wirklich, eine glückliche Ehe zu führen oder sollte man diese Regeln überdenken?
So versuchen Jessica und Jack, aus einer verfahrenen Situation, in der Eifersucht und Unehrlichkeit eine Rolle spielen, wieder zu einander zu finden. Auch wenn der Roman in seiner Tonalität heiter ist, hat die Autorin durchaus ernste Probleme ins Visier genommen. Es zeigt sich, wie belastend ein unerfüllter Kinderwunsch sein kann. Die Familien der beiden machen das Leben nicht leichter, denn ihre Ansichten sind grundverschieden. Und doch, kann Liebe all diese Hindernisse überwinden?
“Seven Rules For A Perfekt Marriage” ist mit locker- leichter Hand geschrieben und macht Spaß beim Lesen. Die Charaktere der Protagonisten sind sympathisch und gut ausgearbeitet, so nehmen die Lesenden unwillkürlich an den Problemen des Ehepaares teil und wünschen ihnen, eine Lösung zu finden. Rebecca Reid erzählt eine warmherzige Geschichte, die von großer Liebe und großen Herausforderungen handelt. Reichen sieben Regeln für das Glück? Um eine Antwort zu finden, empfehle ich gerne dieses romantische und unterhaltsame Buch.





The Rainshadow Orphans
von Naomi Ishiguro
Die bekannte britische Autorin Naomi Ishiguro hat mit ihrem epischen Fantasyroman “The Rainshadow Orphans” den ersten Band einer Trilogie von vorgelegt. Dystopische Szenarien treffen auf den Kampf um Gerechtigkeit und das Gute im Menschen. Der farbenfrohe und phantasievoll entworfene Buchumschlag sowie der exklusive dreiseitige Motivfarbschnitt zeigen den Bezug zu japanischer Mythologie. Das Buch ist hochwertig ausgestattet, zum besseren Verständnis trägt eine Karte von Rainshadow Island am Buchanfang bei.
Rainshadow Island ist eine zweigeteilte Insel. Im wohlhabenden Abschnitt ist der Palast von Kaiserin Asayo Soramoto, die zusammen mit der Verbrecherorganisation der Lucky Crows über die Insel herrscht. Im durch einen elektrisch geladenen Stacheldrahtzaum von der Stadt abgetrennten Teil wohnen die Kinder des Hüters, eines Kindgottes, bettelarm und ausgebeutet. Dort lebten auch die drei Wahlgeschwister Mei, Toshiko und Jun Kawakami. Als Waisenkinder wurden sie von Tante Reiko aufgenommen. Der Anführer der Lucky Crows, Ken Saito, hat Tante Reiko ermordet. Seitdem leben die Geschwister im Verborgenen in der Stadt, um sich an Saito und den Crows zu rächen.
Bei einem Fest stiehlt Toshiko Ken eine Drachenperle, die übernatürliche Kräfte hat. Auch der kleine Haru, Sohn der Kaiserin, scheint diese Fähigkeiten zu haben, denn er kann Sonnengeister sehen und ist fest entschlossen, die Perle den Drachen, denen sie gestohlen wurde, zurückzugeben. Doch die Sensei, die Anführerin der Crows und selbst magisch begabt, scheut keine Brutalität, um die Perle zu erhalten. Denn sie und die Kaiserin planen, menschenähnliche Bots zu erschaffen. Dazu brauchen sie den Halbmond des Hüters, den armen Teil der Stadt. Nur Haru und die mutigen Bewohner scheinen das Blatt wenden zu können, es gibt fürchterliche Kämpfe. Doch dann taucht plötzlich ein Drache aus dem Meer auf..…
Naomi Ishiguro hat einen beeindruckenden Roman geschrieben, der nicht nur alternative Welten schafft, sondern auch Bezug zur Realität hat. So wird die Ausbeutung des armen Teils der Bevölkerung, ihre Angst und Not überzeugend dargestellt. Die absolute Herrscherin nützt ihre Untergebenen aus, die kaiserliche Garde und die Kriminellen bedrohen immer wieder das Leben der Menschen. Die Verflechtung mit einer Verbrecherorganisation, die enormen Einfluss gewonnen hat, ist nicht nur spekulative Fiktion sondern zeigt, welche gesellschaftlichen Entwicklungen absolute Herrschaft hervorbringen kann. Besonders hervorzuheben ist die stimmige Zeichnung der Charaktere der drei Geschwister. Mei ist ein Computergenie, als Hackerin gelingt es ihr immer wieder, die Kommunikationswege der Crows zu stören. Toshiko ist eine furchtlose Kämpferin, die nie aufgibt. Jun ist ein Heiler. Alle drei übernatürlichen Gaben sind unverzichtbar, um die Herrschaft der Kaiserin und das Elend der Hüterskinder zu beenden. Auch der kindliche Kaiser Haru, der Sonnenwesen liebt und bereit ist, ein gerechter Herrscher zu werden, ist einfühlsam dargestellt. Doch ist auch die Sensei besiegt? Wie eng liegen Loyalität und Verrat beisammen?
Mein Fazit:
Der Roman steht für phantastische Welten, bevölkert von magischen Wesen. Bittere Armut und Entrechtung stehen Menschen, die ihre Macht und Herrschaft missbrauchen, gegenüber. Nur mit Mut und Zusammenhalt gelingt es, dieses Joch und den Einfluss krimineller Organisationen abzuschütteln und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Verlustreiche Kämpfe bringen den Tod, aber auch Freiheit und den Glauben an eine bessere Zukunft. Dennoch ist das Böse noch nicht besiegt.
“The Rainshadow Orphans” ist ein bis zur letzten Seite spannender, ideenreicher und in bildhafter Sprache geschriebener Fantasyroman, auf dessen Fortsetzungen ich mich freue. Dieser erste Teil der Trilogie hat mir sehr gut gefallen und ich bewerte ihn mit fünf Sternen.





Meine schrecklich chaotische (Alb-)Traumfamilie
von Heike Abidi
Mit “Meine schrecklich chaotische (Alb-) Traum- Familie” hat die SPIEGEL- Bestseller- Autorin Heike Abidi ein fröhliches Buch über das verwirrende Leben in einer Patchworkfamilie geschrieben. Wie schon das bunte Hardcover des Buches beweist, kann diese mit Bonuseltern und Bonusgeschwistern ergänzte Familie nicht nur schwierig, sondern auch vielfältig und lustig sein. Bezeichnenderweise trägt der erste Band dieser neuen Reihe den Titel: “Der Schlamassel beginnt”.
Nelly ist zwölf Jahre alt, ihre Eltern haben sich getrennt. Heute ist der gefürchtete Tag, Nelly wird umziehen, eine Woche zu ihrer Mutter mit neuem Partner Florian, eine Woche zu ihrem Vater mit neuer Partnerin Romy. Doch das wäre noch nicht das Schlimmste, als Draufgabe gibt es viele Bonusgeschwister. Da muss sich Nelly bei ihrer besten Freundin Antonia ausheulen. Dumm nur, dass Antonia jetzt in Neuseeland lebt, am anderen Ende der Welt. Aber es gibt ja Videochats, so kann Nelly ihr Herz ausschütten: Da ist Annabell, vierzehn Jahre alt und gemein, Nevio, genau so alt und besserwisserisch, neunjährige Zwillinge und Gianna, die Nelly anhimmelt. Aber eigentlich hat niemand Nelly gefragt, ob sie das alles möchte. Also Schlamassel vorprogrammiert! Doch da gibt es plötzlich einen ganz süßen Jungen, Lounis. Vielleicht sollte Nelly ihre Pläne, nach Neuseeland auszuwandern, doch noch einmal überdenken!
Heike Abidi beschreibt humorvoll, aber durchaus realitätsnah, welche Gefühle dieses Familienchaos in Nelly auslöst. Einerseits möchte sie ihrer Mutter, die ständig versucht, ein harmonisches Familienleben zu schaffen, keine Sorgen machen. Andererseits aber erzählt Nelly niemandem, wie schwierig die Situation wirklich für sie ist. Als Einzelkind plötzlich so viele neue Geschwister zu haben ist einfach herausfordernd. Die Eltern haben wenig Zeit, an ihre neuen Zimmer muss sich Nelly erst gewöhnen. Und da ist auch noch die verflixte Pubertät. Glücklicherweise gibt es Großeltern, bei denen man Trost finden kann. Und Opa Kurt macht sogar mit Nelly angesagte Retro- Musik.
Die Autorin hat tolle Charaktere geschaffen und das Gefühlsleben der Kinder nach der Trennung der Eltern gut beschrieben. Einerseits wünscht sich Nelly, dass ihre Eltern wieder zusammenkommen, andererseits ist klar, dass das nicht funktionieren wird. Die Bonusgeschwister begegnen Nelly anfangs mit Abneigung oder übergroßer Begeisterung. Erst spät gelingt es Nelly, sich mit ihrer Mutter über ihre Gefühle auszutauschen und der neuen Familiensituation auch etwas Positives abzugewinnen. Denn eigentlich sind ihre Bonusgeschwister gar nicht so übel. Und Lounis ist einfach wunderbar. So ist Nelly inmitten des familiären Chaos einfach schockverliebt. Hier beschreibt Heike Abidi mit großem Einfühlungsvermögen die Unsicherheit dieser ersten jungen Liebe und das langsame Herantasten an die schwierige Welt der Erwachsenen, die mit der Liebe auch nicht immer klar kommen. Besonders schön fand ich, dass es auch eine kleine Liebesgeschichte für die ältere Generation gibt, oft ein Tabuthema, das in diesem Jugendbuch jedoch wie selbstverständlich mitbehandelt wird.
“Meine schrecklich chaotische (Alb-) Traum- Familie” ist ein gelungenes und warmherziges Jugendbuch, in dem die manchmal schwierige Situation in einer neuen Patchworkfamilie zwar locker- leicht, jedoch trotzdem mit großer Sensibilität beschrieben wird. Das Buch wird ab zehn Jahren empfohlen, aber auch Eltern und Großeltern werden manches ihrer Lebensrealität wiederfinden. Am Beginn des Buches gibt es ein Personenverzeichnis, in dem man auch die familiären Verflechtungen nachlesen kann. Also gelingt es gut, in diesen anfangs schwer durchschaubaren Familienkosmos einzutauchen, ein Abenteuer, das wirklich lesenswert ist. Daher gibt es von mir gerne eine Leseempfehlung und fünf Sterne für dieses witzige und kluge Buch.





Wiener Wedding Killer
von Franziska Waltz; Claus Schönhofer; Norbert Peter
Nach ihren zwei Themenkrimis über fröhliches Morden in der Weihnachtszeit und im Sommer haben die drei bekannten Autoren Franziska Waltz, Claus Schönhofer und Norbert Peter nunmehr den dritten Band vorgelegt. Neun Hochzeitskrimis sollen von der Gefährlichkeit des angeblich schönsten Tages im Leben überzeugen, der im schlechtesten Fall auch der letzte Tag für mindestens einen der an dieser Feier Beteiligten sein wird.
In diesen Kurzkrimis fehlt es nicht an unterschiedlichen Motiven, Eifersucht und Geld werden gerne genommen, allerdings kommt es auch zu katastrophalen Missverständnissen, denn wer würde damit rechnen, dass ein Häufchen Mehl den Tod bringt. Gemordet wird an allen schönen Wiener Locations, die Szenerie gibt einen phantastischen Hintergrund für familiären Hass, missverstandene Liebe und ungewöhnlich endende Polterabende.
Die Autoren empfehlen, das Buch gerne zur Hochzeit, Scheidung oder einem ähnlich freudigen Anlass zu verschenken. Das kann ich mir gut vorstellen, zusammen mit einem kleinen Hackebeilchen hübsch verpackt, macht es sicher viel her- Entschuldigung, jetzt ist gerade das goldene Wienerherz mit mir durchgegangen, ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Auf jeden Fall sollten die so Beschenken Humor haben und über zumindest rudimentäre Kenntnisse des Wiener Dialekts verfügen, der manchmal charmant klingt, manchmal aber einfach nur ordinär ist. Natürlich gibt es in Wien auch heute noch die “Bassena-Sprache”. Für Unwissende sei erklärt: Bassena war die einzige Wasserentnahmestelle am Gang eines Stockwerks in einem Substandardmietshaus. Dort trafen sich die Frauen und der gute Ton war ein so seltener Gast wie unser Herr Bundespräsident in einem Strizzicafé (Strizzi= Kleinganove).
Die Wiener Polizei ermittelt durchaus kompetent, allerdings führt sie Leibesvisitationen auch gerne in den eigenen Reihen durch. Dumm nur, wenn so ein Schäferstündchen durch einen Mord gestört wird und man wieder an die Arbeit gehen muss. Dennoch haben die Autoren interessante und manchmal sogar sympathische Charaktere geschaffen- abgesehen von den Mördern natürlich.
Daher bietet “Wiener Wedding Killer” einen heiteren Zugang sowohl zur großen Liebe wie zum abgrundtiefen Hass. Durch die kurzen Geschichten eignet sich das Buch gut, um zwischendurch einmal hineinzulesen. Ob man das entspannend findet, hängt wohl davon ab, ob man gerade Hochzeitspläne schmiedet. Dann sollte man vielleicht das Bild auf dem Cover kritisch betrachten und überlegen, ob man wirklich mit dem Ehegespons die Hochzeitstorte anschneiden möchte. Unterhaltsam aber ist diese Lektüre auf jeden Fall.





Du hast noch einen Sommer, sagt der Tod
von Marie-Kristin Hofmann
Er ist immer da, auch wenn wir ihn ignorieren. Aber normalerweise spricht er nicht. Ganz anders ist das in dem romantischen Liebesroman der bekannten Autorin Marie-Kristin Hofmann, denn dort redet der Tod mit Alba in Gestalt einer Steckdose. Einer Steckdose, ernsthaft? Ja, ernsthaft, meint der Tod.
Alba ist Soziophobikerin, wenn sie Menschen sieht, läuft sie davon. Natürlich hat sie daher keine Beziehung und nur eine gute Freundin, Rei. Der kann sie doch nicht erzählen, welches Ultimatum ihr der Tod gestellt hat. Fünf Aufgaben muss Alba lösen, sonst wird sie am Ende des Sommers sterben. Die erste davon ist, ein Date zu haben. Da ist Rei sofort begeistert und meldet Alba auf Tinder an. Tatsächlich möchte Marlon, ein Yogalehrer, ein Treffen mit Alba, das erst klappt, als er sie in dem Busch gefunden hat, in dem sich Alba versteckt hat. Doch dann gewinnt Marlon mit seiner ruhigen Art Albas Vertrauen, so dass sie sich mit ihm an Aufgabe zwei wagt. Nun werden die Aufgaben immer schwieriger, Alba muss sich den schlechten Erfahrungen ihrer Kindheit stellen, den berühmten Eltern, die sie jedoch nie ermutigt haben und ihrer Schwester, die sie seit jeher ignoriert. Denn Alba hatte schon als Kind einen Traum: Sie wollte auf der Bühne stehen und Musik machen.
Marie-Kristin Hofmann begleitet auf unterhaltsame, aber dennoch tiefgründige Art Alba bei ihrer Entwicklung. Immer mehr traut sich Alba zu, immer mehr wagt sie sich ins Leben. Zwischen den Aufgaben erscheint wieder der Tod, in wechselnden Gestalten und eher witzig und freundlich als furchterregend. Eigentlich beneidet er die Menschen, die lieben können. Das würde er auch gerne, oder zumindest ein bisschen beim Sex zuschauen. Obwohl Albas Beziehung mit Marlon intensiver wird, empfindet sie das als No Go. Dennoch, nie weiß man, wo der Tod gerade steckt. Alba genießt den Sommer mit Marlon auf seinem Berliner Hausdach, lernt seine Freunde kennen und will eines nicht- sterben. Denn Marlon hat Angst, einen Menschen zu verlieren, wie er schon seine Schwester an den Tod verloren hat. Soll Alba Marlon sagen, dass sie bald sterben könnte?
“Du hast noch einen Sommer, sagt der Tod” ist eine gelungene romantische Komödie, die jedoch auch Ernsthaftigkeit zulässt. Die Autorin zeichnet mit viel Einfühlungsvermögen die Charaktere der Protagonisten und gibt ihnen somit ein glaubhaftes Profil. Schon am gelungenen Cover dieses Romans sieht man das Fensterbrett in Albas Wohnung, von dem aus sie die Menschen auf der Straße beobachtet. Wird sie je vor ihnen singen und damit ihren Traum leben? Kann sie den Tod dazu bringen, ihr mehr Zeit zu geben? Marlon ist als ihr Freund und Liebhaber geduldig, nicht fordernd und akzeptiert Albas Sichtweise. Dennoch ermutigt er sie immer wieder, sich mehr zuzutrauen. Rei ist die beste Freundin ever, die Alba in allem unterstützt und alles unternimmt, um Albas Traum wahr zu machen.
Marie-Kristin Hofmann hat einen fein konstruierten Roman geschrieben, der mit leichter Hand und witzig Albas Weg zurück ins Leben erzählt, aber auch spüren lässt, dass der Hauch der Ewigkeit immer präsent ist. Daher ermutigt die Geschichte, neue Wege zu gehen, das Leben auszukosten und seine Träume nie aufzugeben. Passend zu Albas Traum findet sich am Beginn des Buches eine Playlist. Das Thema dieses Buches und seine Umsetzung haben mir sehr gut gefallen, denn die Autorin hat eine wirklich schöne und stimmige New Adult Romance vorgelegt, einen perfekten Sommerroman mit Witz und Tiefgang, den ich gerne weiterempfehle.





Léon und die Frau im blauen Kleid
von Alexander Oetker
Der SPIEGEL Bestseller-Autor Alexander Oetker hat mit “Léon und die Frau im blauen Kleid” eine neue Krimireihe über Commissaire Léon de Cavallier und seine Kollegin Nadia Bentaleb begonnen. Schon das sonnige und einladende Cover führt nach Nizza in den Kreis der Reichen, Schönen und Gelangweilten. Dort nimmt das Unheil seinen Lauf.
Die Leiche einer jungen Frau wird am Strand angespült. Kann die Frau von einem Schiff gefallen sein? Wurde sie gestoßen? Ist sie ertrunken? Léon und Nadia nehmen die Ermittlungen auf, die schnell in das Milieu der Superreichen, zwischen Nizza und Monaco, führen. Angeblich war kein Schiff unterwegs, aber kann man der Brigade maritime vertrauen? Ihr Leiter lebt weit über seine Verhältnisse. Letztlich stellt sich heraus, dass die Frau, eine Osteuropäerin, ermordet wurde. Drogen, Alkohol und sexueller Missbrauch lassen sich nachweisen. Cavallier und Bentaleb suchen nicht nur in illustren Kreisen nach Verdächtigen, sondern auch in der Banlieue von Nizza, in der eigene Gesetze herrschen. Zwei verschiedene Welten und zwei Ermittler, die aus diesen verschiedenen Welten kommen.
Commissaire Léon der Cavallier ist nicht nur Leiter der Brigade criminelle von Nizza, sondern auch adelig, anmaßend, arrogant, unfreundlich und beleidigend. Das Letzte, das er brauchen kann, ist eine Kollegin, die aus der schlimmsten Banlieue von Paris stammt und von Champagner keine Ahnung hat. Doch genau das ist Nadia Bentaleb, mit Migrationshintergrund und dunkler Hautfarbe. Sie hat schnell innerhalb der polizeilichen Hierarchie Karriere gemacht, denn sie hat in Paris spektakuläre Verbrechen aufgeklärt. Der Snob und die tätowierte Frau in der Lederjacke, Ferrari versus Kawasaki, kann das gut gehen?
Alexander Oetker führt in seinem Roman in eine Welt, in der Geld keine Rolle spielt, in der Beziehungen zählen und der schöne Schein unter allen Umständen gewahrt werden muss. Junge Menschen, die sich noch nie in ihrem Leben um ihr Fortkommen sorgen mussten, leben in einer Blase zwischen Party und Langeweile, die nur durch immer wildere Ausschweifungen Sinn ergibt. Junge Frauen dienen sich den reichen Männern an, mit ihnen kann man viel Spaß haben. Auch die Tote, Katarzyna, war auf einer Party, auf einem Schiff. Immer stärker deuten die Indizien auf den Söhne reicher Familien. In diesem Milieu hat Léon keine Hemmungen, seine Ermittlungen voranzutreiben. Allerdings braucht er auch Nadia, denn die Drogendealer leben in der Banlieue.
Vielleicht mag es erstaunen, dass Commissaire Cavallier in diese berüchtigte Banlieue mit seinem Ferrari fährt, gekleidet in einen maßgefertigten Smoking. Nur durch die Erfahrungen von Bentaleb in diesen Milieu bekommen die Kriminalisten Informationen, wobei Nadia illegale Verhörtaktiken anwendet. Cavallier wird als naiv und mit den Herausforderungen der Vorstadt absolut nicht vertraut dargestellt. Das ist verwunderlich, denn als Leiter der Brigade criminelle hat er sicher viel in dieser Gegend tun, da dort die Verbrechensrate besonders hoch ist. Inkompetenz würde ihn hier für seinen Job disqualifizieren. Zudem war Léon früher Soldat und an den Krisenherden der Welt als Kommandant im Einsatz. Planloses Vorgehen ist daher von ihm nicht zu erwarten. Hier hätte ich mir ein stringenteres und glaubwürdigeres Persönlichkeitsprofil von Léon gewünscht, auch wenn verständlich ist, dass der Autor Nadia Bentaleb eine Bühne bieten wollte.
“Léon und die Frau im blauen Kleid” ist ein spannender und gut geschriebener Kriminalroman, in dem die Unterschiede von Einkommen und Vermögen immer wieder, auch ironisch, thematisiert werden. Ebenso kommt das Flair an dieser wunderschönen französischen Küste nicht zu kurz. Am Ende des ersten Bandes dieser Reihe erweist sich, dass sowohl Léon wie Nadia ein Geheimnis haben und gegenseitige Hilfe benötigen werden. Doch dann fällt ein Schuss, soviel Blut! Ist Léon tot? Diese Frage beantwortet dieses gelungene Buch, das ich gerne empfehle.









