Kundenrezensionen von Reiseweise





Die Straße
von Seethaler Robert
In Robert Seethalers neuem Roman stellt er das Leben der Bewohner der Heidestraße in kurzen Absätzen dar. Es geht um Liebe, Verlust, das Altern, das Scheitern, die Veränderung. Alles in sehr kurzen Bruchstücken erzählt, teilweise nur eine Zeile lang. Wo genau diese Straße liegt, wird nicht erwähnt (irgendwo in Österreich, denn es gibt ein Magistrat in der Straße und es werden Buchteln in der Bäckerei verkauft). Wann genau die Geschichten spielen, ist auch unklar (es wird aber noch in Mark und Groschen bezahlt).
Teilweise sind die kurzen Beobachtungen interessant und man möchte gern wissen, wann die erzählenden Personen wieder auftauchen. Oftmals sind sie aber auch belanglos, verworren und verwirrend. Es ist selten klar, wer genau gerade erzählt - bei manchen löst es sich auf, bei vielen aber auch nicht. Viele Erzählstränge bleiben leider offen, was sehr unbefriedigend ist. Insgesamt liest sich der Roman schnell, was aber auch daran liegt, dass man viele Seiten mehr oder minder überfliegt, da die Erzählsplitter einen nicht abholen.





Die Queen von Mayfair
von Alex Hay
Dies ist eine Geschichte von zwei Häusern in London: Eines groß und hässlich, aber an der besten Adresse und bewohnt von einer uralten Adelsfamilie. Das andere ist auch groß (und nicht besonders schön), aber an einer weniger guten Adresse und bewohnt von einer Königin der halblegalen Welt: Quinn. Sie möchte die Adelsfamilie um ihren Reichtum erleichtern, indem sie den jungen Duke heiratet - in fünf Tagen, nach einem festgelegten Ränkespiel. Doch jemand scheint sie daran hindern zu wollen…
Die Geschichte, die Alex Hay hier spinnt, lässt sich bestimmt hervorragend verfilmen. Ein bisschen Bridgerton, ein bisschen Heist Movie, ein bisschen Komödie, ein bisschen Spannung… Die Charaktere sind interessant, die Story allerdings teilweise sehr verworren und etwas unglaubwürdig. Innerhalb eines Tages wird ein Haus umgebaut, innerhalb von zwei Tagen ein Duke verführt, und alles baut darauf, dass der Betrug nicht erkannt wird. Einige Wendungen kamen unerwartet, andere waren sehr vorhersehbar. Insgesamt aber nett.





Verlorene Schäfchen
von Madeline Cash
Die Vorstadtfamilienidylle der Flynns ist keine mehr - Cat Flynn hat die kriselnde Ehe geöffnet, Bud Flynn versinkt in Selbstmitleid und den Takeaway-Kartons in seinem Auto und die drei Töchter machen sowieso, was sie wollen. Die jüngste ist einer Verschwörung auf der Spur, die mittlere bastelt an einem Sprengsatz und die älteste datet Wes, genannt Kriegsverbrecher-Wes. Und dann ist da noch dieser exzentrische Milliardär, und ist an der Verschwörung, der die Jüngste auf der Spurt ist, nicht doch etwas dran…?
Daraus entspinnt sich eine absurde Geschichte, bei der es tatsächlich weniger um die Geschichte geht, sondern mehr um die Wortspiele und verrückten Ideen der Autorin. Die Wortspiele nehmen manchmal etwas überhand, aber meistens ist der Humor absurd-trocken, aber auch die zärtlichen und ernsten Momente sind sehr glaubwürdig und die Charaktere sehr liebenswert. Ein unterhaltsames Buch.





Die Känguru-Rebellion
von Marc-Uwe Kling
Dieses Buch - oder Hörbuch, wer es von Marc-Uwe Kling selbst vorgelesen hören will - ist für Fans des Känguruhs und der allgemeinen Kleinkunst einfach gut wie immer. Die Charaktere sind bekannt und unterhaltsam wie immer, das Geplänkel und die Running Gags zwischen Beuteltier und Kleinkünstler sind gut wie immer, und die Sprache ist gut wie immer. Inzwischen wird jeder wissen, ob man das mag oder nicht - und für Fans ist es genau das richtige Buch / Hörbuch. Man fühlt sich wie immer bestätigt in seinen eigenen Ansichten und freut sich, dass das mal endlich jemand so eloquent mitteilt und lacht über die neuesten Ideen - endlich eine gute Begründung, warum der zweite Todesstern bei Star Wars gebaut wurde!
Insgesamt also eine gute Ergänzung für die bekannte Reihe und nicht nur ein Abklatsch der alten Ideen, das ist erfreulich und unterhaltsam.





Ich möchte zurückgehen in der Zeit
von Hermann Judith
In ihrem neuen Buch macht sich die Autorin auf den Weg nach Radom in Polen, um etwas über ihren Großvater, der bei der SS war und den sie nie kennen gelernt hat, herauszufinden. Ihre Mutter hat ihr kaum etwas über ihn erzählt und sie empfindet dies als eine große Leerstelle in der Familiengeschichte, die sie gerne schließen möchte.
Im Laufe der Recherchen muss sie aber feststellen, dass sie diese Lücke nicht schließen können wird - zu viel wurde vergessen, zu wenige Informationen haben überdauert und zu viel bleibt offen. Dies nimmt sie zum Anlass, um darüber nachzudenken, wie Erinnerungen in Familien funktionieren und was und wie erinnert wird. Sie reist weiter zu ihrer Schwester nach Neapel und sinniert darüber, wie sich selbst Geschwister manches erzählen und manches verschweigen.
Insgesamt ein sehr nachdenkliches Buch, in dem man der Autorin auf ihrer Sinnsuche folgen kann und selbst ins Nachdenken gerät, wie Erinnern in der eigenen Familie funktioniert (oder nicht). Nachdenklich und besonnen!





Der letzte Sommer der Tauben
von Khider Abbas
Noah ist vierzehn, lebt im Irak und sein größtes Hobby ist das Züchten von Tauben - sein Onkel ist Vorsitzender des Taubenzüchtervereins und Noah verbringt viel Zeit auf dem Dach seines Hauses und kümmert sich um die Tauben. Doch dann übernimmt der IS die Herrschaft in der Stadt - das Kalifat hat jetzt die Macht und für Noah stellt sich die Frage, ob das Taubenzüchten nun überhaupt noch erlaubt ist. Außerdem beobachtet er, wie sich die verschiedenen Menschen unterschiedlich mit den Mudschaheddin arrangieren oder leisen Widerstand leisten.
Abbas Khider erzählt in kurzen - manchmal sogar sehr kurzen - Kapiteln davon, wie es ist, wenn sich eine totalitäre Herrschaft über eine Gemeinschaft legt. Manche arrangieren sich, andere kollaborieren, manche leisten leisen oder lauten Widerstand, Grausamkeiten wie Hinrichtungen werden zu etwas Alltäglichem, manchmal finden sich aber auch unerwartete Verbündete und aus Freunden können Feinde werden. Sehr berührend und hochaktuell!





Ich, die ich Männer nicht kannte
von Jacqueline Harpman
Der dystopische Roman von Jacqueline Harpman liegt nun in neuer Übersetzung und mit neuem Cover (und Titel) auf Deutsch vor, nachdem er bei BookTok und in der Online-Community international sehr erfolgreich war. Die Geschichte selbst ist schnell umrissen: In einem Keller werden vierzig Frauen von anonymen Wärtern festgehalten, bis diese plötzlich eines Tages verschwinden und die Frauen den Kerker verlassen können - und sich in einer einsamen Einöde zurechtfinden müssen. Ich-Erzählerin und Protagonistin ist die namenlose „Kleine“, die als Einzige noch ein Teenager ist und das Leben vor dem Keller nicht kennt.
Die Geschichte ist eine typische Dystopie wie aus dem Lehrbuch - Anklänge an die heutige Zeit, unklares zeitliches Setting in der Zukunft, Vertrautes, mit dem gebrochen wird. Die Atmosphäre ist beklemmend, einsam und düster und man liest die ganze Zeit weiter, um endlich eine Antwort auf die vielen Fragen zu erhalten - befinden sich die Frauen überhaupt auf der Erde? Wer hat sie eingesperrt und warum? Wo sind alle anderen? Das Ende lässt einen ratlos zurück. Die Autorin hat auf jeden Fall den Mut aufgebracht, den Leser mit sehr vielen offenen Fragen unbefriedigt zurückzulassen. Oder es ist alles eine Metapher, die sich nicht ganz erschließt…





Die Reise ans Ende der Geschichte
von Magnusson Kristof
Jakob Dreiser ist erfolgreicher Dichter - nicht nur irgendeiner, sondern jung und ein Dichter der Wendezeit, wo sich nun alles zum Guten wendet und Ost und West endlich zusammenwachsen. Aber das langweilt ihn auch irgendwie. Er schlägt sich von Gartenparty zu Gartenparty und auf dem Empfang der russischen Botschaft im schönen Rom wird er von einem Geheimdienstmitarbeiter angeworben - und nun beginnt eine ungewöhnliche Reise, die ihn nach Kasachstan und St. Petersburg bringt.
Dies ist eindeutig eine Spionagegeschichte, kein Spionagethriller oder auch nur Krimi. So richtige Spannung wird auch nicht aufgebaut, aber die Geschichte lebt von ihren skurrilen Figuren. Die allerdings auch sehr skurrile Namen tragen (Fishbowl, Aquatone), was mich etwas gestört hat. An manchen Stellen wirkte die Geschichte glaubwürdig, an anderen nicht, das Ende kam recht abrupt. Insgesamt aber nett zu lesen.





Obacht!
von Kerstin Hau
Diese kleine, nette Bildergeschichte ist wirklich sehr hübsch anzuschauen - auch wenn ich mich ehrlich frage, ob die in stylischen Orange- und Schwarztönen gehaltenen (aber wirklich sehr süßen) Zeichnungen wirklich für Kinderaugen so sehr geeignet sind oder ob hier nicht doch eher die Eltern angesprochen werden sollen, denn die Optik ist doch eher für Erwachsene gemacht. Das Buch macht sich sicherlich auch gut auf dem Coffee Table… Die Geschichte ist nett und nicht allzu pädagogisch aufgezogen: Da liegt ein riesiges Tier vor der Stadt und schlummert vor sich hin. Aber wie soll man nun in die Stadt gelangen? Die kleinen Einwohner haben kreative Ideen und bauen eine Brücke, eine Umgehungsstraße, holen eine große Decke um das Tier zuzudecken - nur auf die naheliegendste Idee, das Tier zu bitten, etwas Platz zu machen, kommt keiner.





Alexander
von Schirach Ferdinand von
In Ferdinand von Schirachs erstem Kinderbuch widmet sich der bekannte Autor ähnlichen Fragen, wie in seinen Büchern aus dem Thema Recht - auf eine kindgerechte Art und Weise. Um zu verhindern, dass in der antiken Stadt Kaliste jemals wieder ein Tyrann die Herrschaft übernimmt, wird der kleine Alexander losgeschickt, gerechte Gesetze zu finden. Er begegnet verschiedenen verschrobenen Persönlichkeiten, von denen er aber wichtige Dinge lernt. Geschickt lässt der Autor etwas griechische Historie (Tyrannenherrschaft), Mythologie (die Sphinx), politische Theorie (Rawls Schleier des Unwissens) in die Geschichte einfließen, um auf die grundlegenden Menschenrechte zu kommen - Gleichheit trotz Unterschiedlichkeiten, Menschenwürde, Meinungsfreiheit, und andere wichtige Konzepte. Diese können anhand des Buchs Kindern gut erklärt werden.









