Kundenrezensionen von carola1475





Opfer, die wir bringen
von Roman Voosen; Kerstin Signe Danielsson
Der dritte Fall für Jon Nordh und Svea Karhuu hat ein ungewöhnliches Setting. In einer alternativen, anthroposophisch arbeitenden ländlichen Gemeinschaft werden drei halbwüchsige Mädchen erschossen aufgefunden. Angehörige und andere Mitglieder der Kommune sind nicht sehr kooperativ und Jon und Svea sehen sich bei aller Betroffenheit wegen des Todes von drei jungen Menschen, äußerst schwierigen und umfangreichen Ermittlungen gegenüber.
Zu Beginn werden die Hintergründe der beiden Hauptfiguren (nicht nur) für Neueinsteiger in die Serie gut verständlich zusammengefasst. Sveas Privatleben ist durch ihre Angst um ihren Freund aus Furcht vor dem früheren Chef massiv beeinträchtigt und Jon ist mit seinen privaten Recherchen zum tödlichen Autounfall seines Kollegen und Jons Ehefrau nicht weitergekommen, gibt seinen Verdacht aber auch nicht auf. Er ist seit über zwei Jahren verwitwet und als alleinerziehender Vater trotz der Hilfe seiner Schwiegermutter überfordert, ständig erschöpft und ihm unterlaufen bei den Ermittlungen kleine Fehler, auf die ihn sein Team hinweist.
Svea hat mir als Ermittlerin diesmal besser gefallen als Jon, sie ist mit ihrem guten Gespür erfolgreicher als ihr erfahrener Kollege, der ihre Fähigkeiten zu schätzen weiß.
Erzählt wird aus den wechselnden Perspektiven Jons und Sveas und auf zwei Zeitebenen: zweieinhalb Jahre zuvor setzt das Tagebuch eines der erschossenen Teenager ein.
Der Schreibstil der Autoren ist lebendig, atmosphärisch und bildhaft, so dass ich mir Sveas Erlebnisse im unwirtlichen Nordschweden gut vorstellen kann oder auch die Ereignisse auf der kleinen Schäreninsel. Die Figurenzeichnung ist gelungen, auch Nebencharaktere werden glaubhaft beschrieben.
Voosen/Danielsson sprechen auch aktuelle gesellschaftliche Probleme an wie Rechtsradikalismus, Misogynie, grooming, und geben ihrem Thriller trotz des besonderen Settings so einen realitätsnahen Rahmen. Das Verhältnis von Details aus dem Privatleben und den beruflichen Ermittlungen finde ich ausgewogen.
'Opfer, die wir bringen' ist durchgehend spannend und komplex, führt auf falsche Fährten und überrascht mit unerwarteten Wendungen, am Schluss bleiben keine losen Fäden. Die Kapitel enden oft mit Cliffhangern und die gibt es auch im Epilog hinsichtlich Sveas und Jons offenen privaten Fragen – meine Neugier auf den nächsten Band ist auf jeden Fall geweckt. Den werde ich genau so gern lesen wie die ersten drei Bände der 'Tatort Malmö`-Serie.





Tod in heller Sommernacht
von Lisa Sarah Brandstäter
Die Studentin Lina wird in einer Sommernacht auf dem Heimweg brutal mehrfach überfahren. Leena Victor und Sebastian Nyberg von der Mordkommission Helsinki übernehmen die Ermittlungen im Küstenort Parvoo. Bei den Befragungen stoßen sie auf Widersprüche, Ungereimtheiten und auch Lügen. Schnell zeigt sich, dass die Aufklärung des Mordfalls mühsam sein wird.
Obwohl ich den ersten Band der Reihe nicht kenne, hatte ich nicht das Gefühl, es fehle mir Hintergrundwissen. Leenas Geschichte wird zu Beginn gut zusammengefasst, auch von ihren Kollegen kann ich mir schnell ein Bild machen. Leena liebt die Polizeiarbeit, ist hartnäckig und vertraut auf ihre Intuition. Leena und Sebastian sind authentische Charaktere, besonders Leena erscheint nahbar, Sebastian ist zunächst etwas zurückhaltender.
Obwohl der teilweise auch überraschende Hintergrund vieler Nebenfiguren im Lauf der Handlung offenbart wird, blieb bei mir doch zu den meisten eine Distanz, Gefühle empfand ich eher 'erzählt' als 'gezeigt' und auch das Handeln mancher Charaktere konnte ich nicht immer nachvollziehen.
Die Spannung nimmt mit der Komplexität des Krimis zu, wozu auch wechselnde Perspektiven und Andeutungen an Kapitelenden beitragen. Die ein oder andere Wendung war mir etwas zu konstruiert und auch der Zufall spielt eine Rolle, trotzdem hat es Spaß gemacht, mit zu ermitteln. Lisa Sarah Brandstäter spricht auch gesellschaftliche Probleme an, wodurch die Geschichte realistisch und aktuell wirkt. Der Schreibstil der Autorin ist klar, lebendig und bildhaft, gut gelungen ist die atmosphärische Schilderung des finnischen Sommers am Meer, wo die Natur auch erholsame Ruhe bedeutet. Dazu passt das Cover mit der idyllischen Darstellung eines Stegs am Wasser, allerdings zeigt es auch düstere Wolken bis zum Horizont...
Ich hab den spannenden Krimi um die Aufklärung eines brutalen Mordes, mit seinen vielschichtigen sozialen Beziehungen, überraschenden Geheimnissen und einem ausgewogenen Verhältnis von Privatleben und Polizeiarbeit gern gelesen, er hat mich gut unterhalten.





Keine Angst, Darling
von Vera Buck
Paula und Lea haben sich vor Jahren schon entfremdet und Paula steht Leas Selbstinszenierung als Tradwife äußerst skeptisch gegenüber, aber als sie bemerkt, dass Lea seit Wochen nichts mehr gepostet hat und sie ihre Schwester auch nicht erreichen kann, reist sie kurz entschlossen nach Florida, um nach Lea zu sehen. Aber Lea ist nicht in der Gated Community 'Sancta Familia', sie sei in einem Retreat, behauptet ihr abweisender Mann. Paula begibt sich auf die Suche nach Lea.
Paula erzählt aus ihrer Ich-Perspektive, während Leas Geschichte aus personaler Sicht in Rückblenden, beginnend vor sechs Jahren und sich der Gegenwart annähernd, vor mir ausgerollt wird. Paulas Beschreibung ihres turbulenten Familienlebens ist so authentisch wie humorvoll, doch von Beginn an wird die Sorge um die jüngere Schwester deutlich. Lea macht einen labilen Eindruck und scheint in dem selbstsicheren starken Matt den passenden Partner gefunden zu haben, der ihr Sicherheit bietet. In der abgeschotteten Luxussiedlung entwickelt sie sich, zunächst aus Langeweile, zur Tradwife, einer Hausfrau, die das Jahrzehnte alte Rollenbild der sich dem Mann unterordnenden Ehefrau lebt und bald Millionen Follower ihrer perfekten Inszenierung in den Social Media hat. Eingeschobene Videos, Interviews und von Fans gepostete Kommentare lassen das Leben einer Tradwife lebendig werden und wecken in mir Unbehagen, genau wie die Schilderung des Alltags in der Sancta Familia.
Vera Buck schreibt bildhaft und intensiv, baut gekonnt auf beiden Erzählebenen eine bedrohliche Atmosphäre auf, schildert glaubhaft, wie Frauen sich zu Tradwives entwickeln und macht auch deutlich, wie sehr Männer von diesem Rollenbild profitieren.
Die Figurenzeichnung auch der Nebendarsteller ist gelungen und glaubhaft, wobei Leas Charakterisierung erst nach und nach vervollständigt wird, Lea entwickelt sich.
Die Autorin schafft es, mich auf falsche Fährten zu locken und untermauert meine Vermutungen scheinbar im weiteren Verlauf der spannenden Geschichte, bis ich bemerke, dass ich auf dem Holzweg bin.
'Keine Angst, Darling' hat mich mit seinen überraschenden Wendungen und der fesselnd erzählten, eskalierenden Handlung rund um ein aktuelles Thema bestens unterhalten. Sehr aufschlussreich und interessant ist für mich das Nachwort, hier geht Vera Buck ausführlich ein auf die Strukturen und Muster, die häusliche Gewalt und das Phänomen der Tradwives gemein haben.





Die Villa
von Markus Heitz
Doreen ist seit ihrer Kindheit fasziniert von einer Villa im Leipziger Stadtteil Gohlis und kann ihr Glück kaum fassen, als sie bei der Zwangsversteigerung den Zuschlag für die vernachlässigte Villa im Poetenweg erhält. Obwohl ihre pubertierende Tochter Marina sich zuerst sträubt, ziehen die beiden schnell im Poetenweg ein. Den beiden Frauen geht es gut in der Villa, Wünsche werden wahr und besonders Marina ist glücklich mit dem neuen Zuhause und macht engagiert bei der Renovierung mit.
Mit der Beschreibung der Zwangsversteigerung und der realistischen Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Doreen und Marina beginnt der Roman vermeintlich harmlos, doch in der Villa herrscht von Anfang an eine geheimnisvolle Atmosphäre.
In einem zweiten Erzählstrang hadert Ethan Ryce in London mit dem plötzlichen und gleichzeitigen Tod seiner Mutter und ihrer langjährigen Freundin. Er versteht die Todesumstände nicht und beginnt, anhand von alten Fotos in der Familiengeschichte zu recherchieren, andere Möglichkeiten hat er nicht.
Erzählt wird aus den wechselnden Perspektiven der Hauptfiguren, Cliffhanger an Kapitelende tragen zur Spannung bei. Bildhaft und anschaulich schildert Markus Heitz die Ereignisse in der Villa und während Ethans Nachforschungen, die zu Mitgliedern einer alten okkultistischen Loge führen. Sehr interessant, wenn auch nur kurz erwähnt, fand ich, wer damals dazu gehörte und auf Fotos im hinteren aufklappbaren Umschlag zu sehen ist. (Auch der vordere Umschlag ist gelungen und zeigt schön schaurig eine wichtige 'Figur' der Handlung.) Ebenfalls spannend war es, über das in der Vergangenheit real existierende Cabaret Du Néant zu lesen, dessen Nachfolgeetablissement Ethan in Paris aufsucht.
Nicht gefallen hat mir die vulgäre Sprache in zwei, drei Szenen. Das fand ich überflüssig, weil der übernatürliche Horror auch nonverbal deutlich wird.
Markus Heitz beweist seine einfallsreiche Fantasie beim düsteren Horror im Poetenweg, der immer mehr eskaliert, und packend bleibt bis zum Schluss die Frage, wer noch sterben muss und ob Doreen und Marina überleben werden.





The Shell House Detectives
von Emylia Hall
Ally und Jayden treffen am Strand aufeinander, wo ein junger Mann von den Klippen gestürzt ist. Ally ist sehr betroffen, als sie erkennt, dass es Lewis Pascoe ist, der am Vorabend bei ihr geklopft und Hilfe von ihrem verstorbenen Mann angefragt hatte. Ally und Jaydon sind beide mitgenommen durch den Vorfall, verstehen sich auf Anhieb und beschließen, zusammen aufzuklären, was es mit dem Sturz auf sich hatte, um so mehr, als am gleichen Morgen Allys Nachbarin Helena Hunter nicht vom Joggen zurück kommt und spurlos verschwunden scheint.
Ally Bright ist verwitwet, einsam, und lebt außerhalb von Porthpella in den Dünen. Das Meer gibt ihr Kraft, sie läuft jeden Tag am Strand und sammelt Treibgut und Plastikabfall, den sie zu beeindruckenden Collagen verarbeitet.
Jayden Weston ist nach einem traumatischen Ereignis aus dem Polizeidienst ausgeschieden und mit seiner hochschwangeren Frau in deren Heimatort Porthpella in Cornwall gezogen.
Emylia Hall schreibt im Präsens, die Geschichte ist einfach und angenehm zu lesen, klar und anschaulich beschreibt Emylia Hall die abwechslungsreiche Küste Cornwalls mit ihren Dünen und malerischen Orten und die Faszination, die das Meer auf viele Menschen ausübt.
Durch wechselnde Perspektiven lerne ich viele Charaktere kennen, die nicht immer die Handlung voran bringen, aber zum Setting gehören. Die Figuren machen sich viele Gedanken, erinnern auch die Vergangenheit, aber meist nur für sich, es gibt wenig Austausch mit anderen. Es wird für meinen Geschmack zu viel erzählt und zu wenig gezeigt, entgegen dem Grundsatz „show, don't tell“.
Bei den Ermittlungen erweist sich Jayden als scharfsinnig und Ally ist beharrlich und intuitiv. Beide sind sympathisch und entwickeln sich im Lauf ihrer Nachforschungen.
Und es gibt noch mehr Protagonisten, deren Leben sich in diesen drei Tagen verändert. Trotz einiger Wendungen und falscher Fährten hat mir 'The Shell House Detectives' auf Figurenebene besser gefallen als auf Krimihandlungsebene, da fehlte es mir auch an Tempo. Insgesamt habe ich den atmosphärischen Cosy Crime-Roman gern gelesen.





So kalt die Nacht
von Marika Neitz
Mehrere ältere Menschen finden einen grausamen Tod, indem sie versteckt und gefesselt dem Verdursten überlassen werden.
Kriminalhauptkommissarin Anna Melcher soll den Fall aufklären. Anna ist alleinerziehend und ihr pubertierender Sohn sorgt für reichlich Stress, darüber hinaus machen ihr auch Panikattacken das Leben schwer. Der neue Kollege Frieder Tann, operativer Fallanalytiker, ist pedantisch, hat offensichtlich eine Störung im Autismus-Spektrum und nervt Anna anfangs sehr. Aber die Zusammenarbeit mit Tann läuft gut, er trägt zu den Ermittlungsergebnissen bei und hat umfangreiches Wissen. Anna lernt ihn zu schätzen und zu mögen und auch Tann mag Anna trotz des Chaos im Büro (bevor Tann dort mit einzog), da sie ihm unvoreingenommen begegnet.
Es gibt keine Gemeinsamkeiten der Mordopfer und der Täter hinterlässt keine verwertbaren Spuren, und so konzentrieren sich die Ermittlungen auf die Vergangenheit, die bei allen Toten zum Kölner Stadtteil Chorweiler führt.
Erzählt wird aus wechselnden Perspektiven und es gibt Rückblenden zum Chorweiler Jugendamt Mitte der 1980er Jahre. Marika Neitz schreibt lebendig und bildhaft, angenehm zu lesen und vermittelt glaubhaft und nachvollziehbar die Gefühle der verschiedenen Protagonisten.
Die Figurenzeichnung ist sehr gelungen, auch Nebencharaktere erscheinen realitätsnah und glaubwürdig. Situationen und Dialoge zwischen den so unterschiedlichen beiden Ermittlerpersönlichkeiten sind humorvoll und schaffen willkommene Atempausen von der ab dem Prolog bedrückenden Atmosphäre der spannenden Krimihandlung.
Die Autorin legt falsche Fährten und konnte mich mit der ungewöhnlichen Auflösung überraschen. Besonders tragisch finde ich, wodurch die Mordserie ausgelöst wurde. Marika Neitz hat einen durchdachten, überzeugenden und durchgehend fesselnden Krimi geschrieben, der mir sehr gut gefallen hat.





Kaltes Versprechen
von Katharina Peters
Kommissarin Rebekka Just ist sehr betroffen, als die Kriminalpsychologin Hannah Jakob in ihrem Haus tot aufgefunden wird. Sie kannte und schätzte Hannah und glaubt von Anfang an nicht, dass der tödliche Treppensturz ein Unfall war. Doch die umfassenden Ermittlungen der Hamburger Mordkommission bleiben ohne Ergebnis und schließlich ermittelt nur noch Rebekka in dem Fall. Hilfe bekommt sie überraschend von Krølle, einem Undercover-Agenten, der im Verborgenen arbeitet, dem keine Grenzen gesetzt sind und der Hannah Jakob seit Jahren kannte.
Es handelt sich um den ersten Band einer neuen Reihe und mir gefällt, wie die verschiedenen Figuren, einschließlich der Kolleginnen und Kollegen, eingeführt und beschrieben werden. Die Charaktere sind vielschichtig und zeigen auch glaubhafte Emotionen. Besonders berührt hat mich Kommissar Elmo Bruhn, der an einem anderen ungelösten Mordfall zu zerbrechen droht.
Die Fallanalytikerin Rebekka Just ist nach Stationen in Hannover und Berlin noch nicht lange in Hamburg. Sie ist direkt, zielstrebig, scharfsinnig und gründlich. Krølle ist ein geheimnisvoller Mann, radikal tierlieb und seit einiger Zeit verunsichert, er traut seinem inneren Kompass nicht mehr wie früher. Hier hätte ich gern mehr erfahren, zu der Entwicklung kam es wohl in einem anderen Krimi der Autorin, den ich nicht gelesen habe.
Katharina Peters Schreibstil ist angenehm zu lesen, lebendig, bildhaft und atmosphärisch. Die Autorin erzählt vorwiegend aus Rebekkas oder Krølles Perspektive und beschreibt realitätsnah die komplexen Ermittlungen, bei denen Rebekka sich innerhalb des Behördensystem bewegen muss, im Gegensatz zu Krølle. Immer mehr Nebenschauplätze tun sich auf und es sind sehr viele Figuren involviert, ich musste konzentriert lesen, um den Überblick zu behalten. Allmählich werden Hintergründe und Zusammenhänge klarer und die letztendlich ermittelte Tragweite des Verbrechens ist erschreckend.
Mir hat der spannende, clever konzipierte Thriller mit seinem passenden, düsteren Cover mit dem auffälligem Schnitt gut gefallen und ich freue mich auf weitere Fälle für Krølle und Rebekka Just.





Seltsame Sally Diamond
von Liz Nugent
Als ihr Adoptivvater stirbt, verbrennt Sally Diamond seinen Körper wie den Hausmüll, so wie er vorgeschlagen hatte. Dass das nur ein Scherz war, hatte sie nicht verstanden. Sally ist 42 und hat abgesehen von ihre Eltern ohne soziale Kontakte gelebt, sie weist autistische Züge auf, sie ist anders, aufmerksam, aber emotionslos, in Gesprächen ist sie unverblümt und geradeheraus. Ihre Erinnerungen reichen nicht weiter zurück als bis zu ihrem siebten Lebensjahr.
Durch hinterlassene Briefe ihres Vaters erfährt Sally die Geschichte ihrer Kindheit und ab dem zweiten Teil des Buchs kommt mit Peters Perspektive eine weitere Erzählebene hinzu, die Jahrzehnte vorher einsetzt und ebenfalls Einzelheiten aus Sallys Vergangenheit offenbart.
Liz Nugent schreibt aus Sallys und Peters Ich-Perspektiven, ihr Schreibstil ist eindringlich und fesselnd, ihre Beschreibungen sind nüchtern und nicht wertend. Besonders der Handlungsstrang der Vergangenheit ist spannend, teilweise verstörend, emotional und bedrückend sind beide Perspektiven.
Sally erfährt Unterstützung und Hilfe nach dem Tod des Vaters, sie bemüht sich und beginnt, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und zu vertrauen. Sie wird in ihrer Entwicklung aber auch wieder zurückgeworfen, wenn ihre Vergangenheit sie einholt. Die Autorin beschreibt diesen Prozess glaubhaft und nachvollziehbar.
'Seltsame Sally Diamond' beschreibt eine tragische Geschichte und zeigt eindrücklich, wie Grausamkeit und Manipulation Traumata verursachen, die beschädigte Menschen schaffen und Leben zerstören. Der tiefgründige Thriller hat mich sehr bewegt und Sally Diamond lässt mich auch nach Beenden des Buchs noch nicht los.





Ein unglücklicher Tod
von Peter Grainger
Detective Sergeant Smith ist seit 30 Jahren im Dienst und kehrt nach einer Woche Freistellung in Folge einer umfangreichen internen Ermittlung zur Arbeit zurück. Seine Vorgesetzten hatten gehofft, er würde sich jetzt in den Ruhestand verabschieden, aber der unbequeme Mitarbeiter bleibt. Smith gilt als schwierig, er arbeitet akribisch und ermittelt unkonventionell. Zunächst soll er den Routinefall eines ertrunkenen Teenagers abschließen, der dann jedoch eine unerwartete Entwicklung nimmt. Und man drückt ihm den jungen Chris Waters zur Einarbeitung aufs Auge. Erfreulicherweise ergänzen die beiden Ermittler einander und arbeiten gut zusammen.
Smith hat eine gute Menschenkenntnis, er ist zugewandt und ehrlich, gleichzeitig geschickt bei Befragungen. Der erfahrene Detective ist desillusioniert, seine Loyalität gehört Opfern und ihren Angehörigen, während er am britischen Strafjustizsystem Kritik übt. Der Autor schafft mit DC Smith eine komplexe, interessante Figur, über die ich im Lauf der Geschichte immer mehr erfahre, wobei manches überrascht. Auch Nebenfiguren erscheinen authentisch, die Charaktere haben eine Geschichte, die sie nahbar und realistisch macht.
Dank Smiths Können entwickeln sich die Ermittlungen spannend und dem Autor gelingt es, auch reale politische Hintergründe glaubhaft in die Geschichte zu verweben.
Peter Grainger schreibt lebendig, unaufgeregt und humorvoll, besonders bei Smiths Dialogen. Der gewitzte Detective Sergeant neigt dazu, jede Kritik seiner Vorgesetzten an sich abprallen zu lassen und schlagfertig darauf zu antworten. Smith ist ein überzeugender Protagonist, so beeindruckend wie einnehmend. Der gut durchdachte Krimi mit dem atmosphärischen, zum Fall passenden Cover ist angenehm zu lesen, lässt mich eigene Vermutungen über den Fall anstellen und macht Spaß.
Bereits 2013 wurde das Buch im Selbstverlag veröffentlicht und war bei Lesern wie Kritikern schnell erfolgreich. Der Autor hat inzwischen 17 Bände um DC Smith geschrieben und zu meiner Freude wird schon im September 2026 der zweite Band auf deutsch bei Diogenes erscheinen.





Home Story
von Cleo Konrad
Anwältin Eva wird von ihrer Ziehschwester Blossom um Hilfe gebeten, als neben dem Steingruberhof eine Tote gefunden wird. Zum ersten Mal seit 13 Jahren und mit gemischten Gefühlen kehrt Eva auf den Hof zurück, auf dem auch sie aufgewachsen ist. Die Bewohner des Hofs bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, sind Aussteiger oder haben wegen Problemen mit der Welt hier Zuflucht gefunden und sind Eva und ihren Fragen gegenüber zurückhaltend.
Aus verschiedenen, abwechselnden Perspektiven lerne ich das arbeitsreiche Leben auf dem Hof kennen, auch gemeinschaftliche Gewohnheiten werden beschrieben, Sorgen und Erinnerungen verleihen den Figuren Tiefe. Wobei Wilma, Evas Mutter, gleichzeitig Gründerin und Leiterin der Hofgemeinschaft, durch ihre nicht eingestandene Demenz zur unzuverlässigen Erzählerin wird.
Sehr hilfreich ist der Plan des Hofgeländes vorne im Buch und auch das Personenregister zu Beginn, zu dem ich anfangs oft zurückblättern musste. Durch die detaillierte Beschreibung der Wege, die die Charaktere bei ihrer jeweiligen Arbeit und im Laufe des Tages zurücklegen, wird die Geschichte jedoch auch sehr verlangsamt und mein Lesefluss durch die häufigen Perspektivwechsel oft unterbrochen. Die prekäre Situation der Hofbewohner, ihre Unsicherheit, nicht bereinigte Konflikte und die Bedrohung der Ernte durch die schon lang anhaltende Dürre tragen zur beklemmenden Atmosphäre auf dem Hof bei.
Schon im Prolog und immer wieder gibt es kurze Passagen einer Person in Not, die für Spannung sorgen, anders als die teilweise verwirrenden gefühlsbestimmten Überlegungen einiger Protagonisten.
Cleo Konrads Schreibstil ist angenehm zu lesen, dennoch fand ich 'Home Story' langatmig bis zur Auflösung, die dann einige Überraschungen bereit hält. Für mein Empfinden kamen Enthüllungen und Wendungen leider zu spät, um mich für die Geschichte zu begeistern, so dass 'Home Story' von mir drei Sterne bekommt.
Was nicht in meine Bewertung einfließt, aber dennoch erwähnt werden soll: die verwendete Schriftart finde ich zu klein und zu blass, das Lesen wird dadurch unnötig erschwert.









