Kundenrezensionen von Petris





Sunset Flip
von Joey Goebel
Joey Goebel ist ein Autor, den ich mit seinen Romanen „Vincent“ und „Freaks“ lieben gelernt habe. Auch seine Lesung vor vielen Jahren in Leipzig mit Gitarre und Musik war genial. Der vielseitige Künstler, der auch Musiker und Lehrer ist, hat mich sehr beeindruckt und mit seinen Büchern berührt.
Um so schöner, dass nach langer Pause endlich wieder ein neuer Goebel erschienen ist.
Sunset Flip ist wieder ein zutiefst amerikanisches Buch. Im Mittelpunkt steht die Welt des Wrestlings, eine für uns völlig fremde Welt. Die Begeisterung der Menschen dafür für uns schwer nachzuvollziehen.
Am Schicksal von Auggie Schnuck wird sie hier lebendig. Aber das ist nur eine Ebene. Eigentlich geht es stark auch um Gesellschaftskritik, um Armut, um Gewalt, um Ungerechtigkeit um die Schwächeren der Gesellschaft.
Auggie Schnuck wächst in Armut auf, er wird gemobbt, er erfährt Gewalt. In der Schule ist es das Krafttraining und das Theater, das ihn da rausholt, ihm einen Sinn gibt und ihn erfüllt. Nach schwieriger Suche nach einem Job als Schauspieler, stößt er auf das Wrestling. Er verdient gut Geld, kann auch seine schauspielerischen Fähigkeiten einbauen. Und als ihm ein Manager über seinen Aufstieg im Wrestling verspricht, dass anschließende die Karriere als Schauspieler auf ihn wartet, scheint er endlich angekommen zu sein.
Ich fand es spannend, über eine mir völlig fremde Welt zu lesen, ich mochte auch den Aufbau, bei dem wir Auggies Weg ab einem gewissen Zeitpunkt chronologisch lasen, dazwischen aber seine Vorgeschichte rückwärts erzählt. Die Sprache war mir teilweise zu emotionslos, zu schlicht. Auch die vielen Dialoge haben mich nicht ganz überzeugt.
Dennoch: ein spannender Roman mit interessanten Charakteren, einem für mich neuen Themen, ein Stück Amerika und starke Kritik an der Ungerechtigkeit eines Systems.
Mir hat es gefallen!





Mit anderen Augen
von Jane Tara
Tilda Finch kann nicht glauben, was sie sieht (oder nicht sieht), als sie auf ihre Hand schaut. Ihr Finger, er ist verschwunden. Er ist noch da, aber unsichtbar. Und der Blick in den Spiegel zeigt, auch ein Ohr ist verschwunden. Und bald kommen noch weitere Körperteile dazu. Ihre Ärztin bestätigt die Diagnose, Unsichtbarkeit. Tilda verzweifelt. Die Diagnose lautet unheilbar. Sie liest Bücher, sie geht zu einer Selbsthilfegruppe und lernt, es gibt gar nicht so wenige Frauen mit dieser Diagnose. Alle Mitte 40 und älter.
Sie erzählt ihren Freundinnen davon und eine von ihnen macht ihr einen Termin bei einer Therapeutin, die behauptet, die Krankheit wäre doch heilbar. Tilda will erst gar nicht hingehen, sie glaubt nicht an Heilung, hält die Therapeutin für eine Scharlatanin. Aber, vielleicht gibt es ja doch Hoffnung?
Was sehr stark beginnt, die reale Unsichtbarkeit als Bild für das, was viele Frauen beschreiben, wenn sie älter werden. Übergangen bei Beförderungen, übersehen, nicht mehr wahrgenommen, vergessen …
Doch leider kippt dann die Geschichte, wird sehr trivial weiter erzählt, gerät zum Selbsthilferatgeber mit großem Kitschfaktor.
Und natürlich liegt es an der Frau selbst, sich zu ändern, zu meditieren, die innere Stimme umzupolen, das Mindset zu ändern. Und am Ende warten der Märchenprinz, die perfekten Freundinnen, ein perfektes, privilegiertes Leben, die perfekten Kinder, alle schön und erfolgreich.
Darin geht die Gesellschaftskritik, die Kritik am Umgang mit weiblich gelesenen Personen leider völlig unter, auch wenn sie vorhanden ist. Da hilft es auch nicht, dass am Ende noch eine Freundin vor häuslicher Gewalt gerettet wird. Denn selbst dieser Erzählstrang gerät zum Beweis dafür, wie toll die Protagonistin geworden ist und wie toll sie das gemacht hat, sich so zu ändern und damit zur reinen Selbstdarstellung.
Sprachlich wird die Geschichte leider auch reichlich trivial erzählt.
Schade. Eine Geschichte mit Potential, eine gute Idee, die aber sehr an der Oberfläche bleibt und trotz der wirklich interessanten Botschaften langweilt und nicht berührt.
Mich hat der Roman leider nicht sehr überzeugt. Die drei Sterne gibt es für die Idee und die Teile, die doch immer wieder das Potential von dem, was ich mir gewünscht hätte, durchscheinen lassen.





Ich erzähle von meinen Beinen
von Travnicek Cornelia
Wally ist Mutter, sie hat ein Haus, einen Teilzeitjob, Enten im Garten und immer 1.000 Ideen. Ihr Mann Matthias ist unterstützend, ein Partner an ihrer Seite. Bei ihrer Tochter Vallie wurde ADHS diagnostiziert, das hilft im Umgang mit ihr. Außerdem sollte ihr die Diagnose im Gymnasium helfen. Mehr Verständnis, mehr Zeit für Aufgaben. Auch Medikamente ließ sie ihr verschreiben.
Wally mag ihr Leben. Aber warum ist immer alles so viel? Warum herrscht immer Chaos? Warum bekommen andere ihr Leben so viel besser gebacken? In Wally ist da so ein Verdacht. Aber sie spricht ihn nicht aus. Auch nicht, als alles zu viel wird. Und damit ist nicht das Hochwasser gemeint, sondern ihr Zusammenbruch.
Dieser Roman besticht vor allem durch seine Sprache. Ehrlich, humorvoll und pointiert erzählt die Autorin mit der Stimme Wallys aus ihrem Alltag. Von Freuden, von Überforderung, von den Gedanken, die im Kopf niemals ruhig sind, von einem Job, der nicht erfüllt, von den Herausforderungen des Mutterseins.
Egal ob neurodivergent oder nicht. Ich denke, das ist etwas, was alle Frauen kennen.
Ich mochte auch den Aufbau. Kurze Kapitel. Oft nur wenige Sätze, dann wieder längere Abschnitte. Erinnerungen, die weiter zurückreichen als die erzählte Zeit, immer rechtsbündig. Das sieht auch optisch gut aus. Und damit ist der Roman mit seinen über 400 Seiten auch recht schnell gelesen.
Ein wenig Straffung, ein wenig Kürzung hätten aber trotzdem nicht geschadet. Im letzten Drittel zieht er sich ein wenig. Die Aneinanderreihung an Hoppalas, vergessenen Dingen, chaotischen Situationen im Leben Wallys bringen die Geschichte nicht weiter voran. Als Leserin hat man an diesem Punkt bereits begriffen, was los ist und wie sie struggelt.
Dennoch, ich habe den Roman gerne gelesen. Abgesehen davon, dass er wirklich toll erzählt ist, lässt er vielleicht auch die eine oder andere Leserin besser verstehen, wie sich ein Gehirn, das etwas anders funktioniert, anfühlt.





Zugwind
von Iryna Fingerova
Zugwind ist ein Roman, auf den ich mal wieder in erster Linie durch das Cover aufmerksam wurde. Was soll ich sagen, es ist einfach perfekt. Ich mag die Farben, ich mag die Schrift, ich mag das Bild und ich mag, dass der Titel glänzt und leicht erhaben ist. Einfach schön. Und geheimnisvoll.
Aber auch den Klappentext fand ich interessant. Und, Überraschung, es war tatsächlich einmal ein Klappentext, der die Grundidee des Romans sehr gut auf den Punkt brachte. Man wird nicht getäuscht.
Mira lebt mit ihrem Mann Andrij und ihrer Tochter Rosa in Deutschland. Geboren ist sie in der Ukraine, in Odesa. Dort ist sie erwachsen geworden, hat studiert, es ist der Ort ihrer Familie, ihrer Freunde, des ersten Kusses, ihr Sehnsuchtsort.
Und dann ist plötzlich Krieg. Und damit ganz viele neue Fragen. Darf man ein schönes Leben haben, während in der Heimat Krieg herrscht? Wie umgehen mit den vielen ukrainischen Geflüchteten, die jetzt in ihre Hausarztpraxis kommen und die mit ihren Sorgen und Nöten zu ihr kommen? Was macht das mit ihrer Beziehung? Und kann man im Krieg nach Odesa reisen, um sich wiederzufinden?
Poetisch, sehr persönlich und menschlich erzählt die Autorin hier die Geschichte Miras. Ich fand es sehr spannend, Einblick zu bekommen, in die Realität von Menschen, die in Sicherheit leben, während im eigenen Land der Krieg tobt. Aber auch über die Realität und Normalität des Lebens in Odesa.
Dieser Roman ist eine Liebeserklärung an Odesa. Und an die Ukraine. Ich muss zugeben, ich habe Sehnsucht bekommen. Sehnsucht, dieses Land und seine Menschen kennenzulernen.
Zugwind ist ein Buch nach meinem Geschmack. Tolle Sprache, eine Geschichte, die mir neue Blickwinkel eröffnet hat und für mich auch die Frage stellt: Würde ich im Falle eines Krieges bleiben oder gehen?
Definitiv empfehlenswert für alle, die anspruchsvolle Romane lieben!





Lola im Spiegel
von Trent Dalton
Ein namenloses Mädchen bzw. ein Mädchen mit vielen Namen, denn auf der Flucht ist es gefährlich, seinen richtigen Namen zu wissen. Doch es gibt ein Versprechen. An ihrem 18. Geburtstag würde ihre Mutter sich stellen und dem Mädchen sagen, wer sie wirklich ist. Die Mutter ist auf der Flucht seit das Mädchen 6 Monate alt ist. Auf der Flucht vor dem Monster, dem toxischen Mann, von dem sie sich befreit hat.
Als die Geschichte beginnt, ist die junge Frau 17 Jahre alt, es fehlen nur noch wenige Monate bis zu ihrem Geburtstag. Sie leben in Brisbane in einem Auto auf einem Schrottplatz, eingebettet in eine Gemeinschaft anderer Wohnungsloser. Nicht alle sind sie süchtig, viele von ihnen haben einfach irgendwo einen Fehler gemacht, Pech gehabt oder sind Opfer der unleistbaren Wohnungspreise in Brisbane.
Das Mädchen zeichnet seit sie denken kann. Und sie hat einen Traum. Eines Tages will sie ihre Zeichnungen als Gemälde malen. Sie will die Welt erobern, in New York ausstellen, eine bedeutende Künstlerin werden. Und so erzählt sie auch ihr Leben. Im Rückblick, wie die Biografie einer großen Künstlerin von einem Kunsthistoriker posthum erzählt werden würde.
Trent Dalton konnte mich schon mit seinem ersten Roman, der autobiografisch inspiriert, ebenfalls wunderbar poetisch erzählt, voller Gesellschaftskritik und gleichzeitig voller Wärme gegenüber denen, die am Rande der Gesellschaft stehen, war, überzeugen. Deshalb freute ich mich, als ich seinen neuen Roman auf Vorablesen entdeckte. Ich hatte eine ähnliche Geschichte wie in „Der Junge, der das Universum verschlang“ erwartet.
Es gibt auch Parallelen. Wieder ist ein junger Mensch am Rande der Gesellschaft, umgeben von obdachlosen, wohnungslosen, süchtigen, gestrandeten Menschen, der im Mittelpunkt steht. Diesmal eine junge Frau, die Künstlerin, wie sie im Roman genannt wird. Wieder ist der Roman voller Gesellschaftskritik und Wärme gegenüber den Schwachen. Und sprachlich ist er wieder wunderbar erzählt.
Doch diesmal kommt ein Element dazu. Der Roman ist illustriert. Die Zeichnungen der jungen Künstlerin werden lebendig. Wie in einer Ausstellung stehen sie vor den Kapiteln und haben einen Erklärungstext, was zu sehen ist. Das fügt sich wunderbar ein.
Und noch etwas ist hier anders. Die Geschichte ist dramatischer und ausufernder erzählt als im Erstling. Dramatische Szenen, interessante Wendungen und ein Showdown auf Thrillerniveau. Das macht dieses Buch zu einem Roman, der nur schwer einzuordnen ist: Coming of Age, Thriller, Milieustudie, Sozialkritik, Liebesgeschichte …
Ich bin wieder begeistert, mochte die Protagonistin und den Erzählstil sehr. Einziger Kritikpunkt: Die Dramatik am Ende, der Showdown war mir etwas too much. Das hätte es für mich nicht gebraucht. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau und ganz einfach auch eine Geschmacksfrage.
Ein bunter, intensiver, ungewöhnlicher Roman. Ich bin schon gespannt auf weitere Bücher von Trent Dalton!





Die Riesinnen
von Hannah Häffner
Ein kleines Dorf im Schwarzwald. Die Grenzen sind eng. Wer nur irgendwie anders ist, gehört nicht dazu. Liese Riessberger ist eine von denen, für die es schwer ist. Groß, dünn, rothaarig. Ihr ganzes Leben wird sie gemobbt und schief angesehen. Auch die Ehe mit dem angesehenen Fleischersohn ändert daran nichts. Als sie schwanger wird, hoffen alle auf einen Sohn, einen Erben. Doch das Leben hat eigene Pläne. Es ist eine Tochter. Cora Riessberger. Der Vater stirbt früh, seine Tochter hat er nie geliebt. Auch sie groß, dünn und rothaarig. Liese nimmt ihr Leben in die Hand. Sie wählt nicht den leichten Weg, kämpft für sich und ihre Tochter und schafft viel. Cora will wie ihre Mutter weg aus dem Dorf. Freiheit, Leben, die Welt sehen. Und dann studieren. Aber erstmal unterwegs sein. Auch hier hat das Leben andere Pläne für sie. Auch sie kehrt wieder zurück ins Dorf. Auch sie hat eine Tochter, Eva. Eva hat den Rückhalt und die Liebe ihrer Mutter und Großmutter. Doch im Gegensatz zu ihnen liebt sie es, im Dorf zu leben. Sie kommt mit den Mitschüler:innen zurecht, kümmert sich nicht um die Meinung der anderen. Ihre Vorfahrinnen wünschen ihr Freiheit, ihr steht die Welt offen. Aber eigentlich ist sie am liebsten im Wald. Und so ist sie die erste, der drei Frauen, die freiwillig und glücklich zurückkommt.
Mich hat der Roman von Anfang an in seinen Bann gezogen. Ich mochte die Sprache und auch die Ehrlichkeit, mit der erzählt wurde. Die Frauen haben Ecken und Kanten, die Geschichten wählen nicht den leichten Weg, die Männer, die ihnen begegnen sind nicht die Prinzen, die sie plötzlich glücklich machen. Und dennoch ist es ein positives Buch. Es sind starke Frauen und vor allem starke Mütter. Aber auch ihre Grenzen werden nicht ausgespart.
Sehr gelungen fand ich auch, wie im Laufe der Geschichte, die Perspektiven wechseln. Erst wird aus Lieses Sicht erzählt, dann aus Coras und schließlich aus Evas. Das passiert sehr stimmig, ohne Bruch, wie ein fließender Übergang.
Ich habe das Buch sehr geliebt. Es war schön erzählt, alles sehr realistisch, die Figuren mit viel Hintergrund und Tiefgang und gelungen aufgebaut.
Definitiv ein Buch, das ich empfehlen kann.





Spielverderberin
von Marie Menke
Sophie, Lotte und Romy wachsen gemeinsam auf dem Land auf, genauer gesagt im Süthland. Romy ist erst später dazu gekommen, eine Zugezogene aus München. Dadurch verändert sich die Freundschaft zwischen Sophie und Lotte, bis dahin seit dem Kindergarten, beste Freundinnen. Kurz vor dem Abitur bekommt Lotte Probleme, Schulängste. Sie geht in eine Klinik, schließt das Abitur nicht ab. Und Lotte und Romy wachsen enger zusammen.
Vier Jahre später treffen sie sich wieder. Am Baggersee, so wie früher. Man erfährt, dass Lotte einen Unfall hatte. Warum? Was war passiert? Das erfahren wir nicht.
Und so wird die Geschichte dieser Freundschaft abwechselnd aus der Gegenwart und aus der Vergangenheit vier Jahre früher erzählt.
Der Plot ist nicht schlecht. Jungendfreundschaft, eine Dreierfreundschaft, was immer zu Schwierigkeiten führt. Der Gegensatz Stadt und Land. Und dazu ein Unfall.
ABER: Leider geht das Ganze nicht ganz auf. Die Figuren bleiben blass, die Auflösung, was passiert ist, kommt viel zu spät, wird viel zu oft angeteasert. Der Minderwertigkeitskomplex von Sophie, weil sie vom Land kommt, bleibt irgendwie unverständlich. Auch die Beziehungen zwischen den Dreien wirken irgendwie farblos. Die späte Erklärung zu dem, was passiert ist, wirkt konstruiert.
Alles in allem, spannendes Thema, leider hier nicht ganz zum Leben erweckt.





Das Dream Hotel
von Laila Lalami
Sara ist schockiert. Auf dem Rückweg von einer Dienstreise wird sie am Flughafen vom Amt für Risikobewertung angehalten. Sie ist müde, sie möchte zu ihrer Familie und sie ist hungrig. Das alles muss ein Missverständnis sein. Doch es bleibt dabei, ihr Risikowert ist erhöht und sie wird direkt in eine Einbehaltungszentrum gebracht.
Was wird ihr vorgeworfen? Nichts Konkretes. Nur dass der Algorithmus, gespeist aus allen Quellen der Überwachung, die es in dieser nahen Zukunft gibt, errechnet hat, dass sie ihren Mann gefährden würde.
21 Tage lautet die Auskunft. Doch schnell wird klar, fast niemand wird nach 21 Tagen entlassen. Die Aufseher bewerten jedes Fehlverhalten, der Dreamsaver, den sie alle implantiert haben, um besser schlafen zu können, zeichnet ihre Träume auf. Sara passt sich an, Sara arbeitet, sie versucht nicht aufzufallen.
Doch irgendwann ist klar. Es hilft alles nichts. Und Sara überlegt sich eine neue Taktik. Ihr wird klar, dass das Zentrum von ihnen profitiert, dass jemand mit ihrer Einbehaltung Geld verdient. Gemeinsam mit anderen Frauen, versuchen sie, diese Schwachstelle zu nützen.
Der Roman ist beängstigend, da vieles sehr nahe an der Realität ist. Die Idee, zukünftige Verbrechen, aufgrund von Daten vorherzusagen und Täter:innen präventiv einzusperren taucht immer wieder auf. Auch der Gedanke, dass ein Implantat im Gehirn, das die Schlafqualität verbessert, ein Segen sein könnte, ist nicht neu. Dass es dabei aber nicht bleiben wird, dass das ein Tor zu Missbrauch, Manipulation und Kommerz ist, ist aber auch klar.
Mir hat „Das Dream Hotel“ gefallen. Es hat mich nachdenklich gestimmt. Aber auch Mut gemacht, wie wirkungsvoll Solidarität unter Frauen sein kann.
Lesenswert!





Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
von Kaiser Vea
Endlich ist er da. Der neue Roman von Vea Kaiser, lange mussten wir darauf warten. Recherche, ein zweites Kind, Schreiben neben Kleinkind und Baby. Aber jetzt ist es so weit.
Vea Kaiser ist einfach eine wunderbare Erzählerin. Ihr Stil ist flüssig, humorvoll, unterhaltsam und hat dennoch Tiefgang. Ich habe das Buch in nur wenigen Tagen ausgelesen.
Die Geschichte:
Angelika Moser ist im Gemeindebau aufgewachsen. Ihre Mutter Hausbesorgerin, streng, nicht sehr liebevoll, aber immer bedacht, dass es ihrer Tochter gut geht. Den Vater würde sie nicht kennen, behauptet sie. Und da sind noch die anderen Bewohner des Vera-Veza-Hofs, die für Angelika da sind.
Anfang der 80er ist Angelika ein Partygirl, am liebsten ist sie mit ihrer Freundin Ingi im U4. Ihren Job als Buchhalterin im Traditionshotel Frohner erledigt sie aber engagiert und genau. Zahlen, Ordnung, auch das ist ihre Welt.
Von Anfang an wissen wir, dass sie über die Jahre große Summen aus dem Hotel abgezweigt hat. Ihre Erklärung: „Sie wollte das Beste für ihren Buben Basti.“
Und so warten wir, wie der Betrug beginnt. Wie das alles gelaufen ist.
Mit den Männern hat sie nicht so viel Glück, wechselnde Beziehungen, ein Sohn, Alleinerziehend.
Und so wird ihr Leben bis in die aktuelle Zeit erzählt. Und das ihres Umfelds, das der Mutter, die an „Vergesslichkeit“ erkrankt, ihres Sohnes, des Direktors des Hotels, seines Sohnes.
Sehr gelungen sind die eingeschobenen Besuche der Autorin in der Haftanstalt, in der Angelika landet, nachdem ihr Betrug aufgeflogen war.
Man mag diese Protagonistin. Sie ist eine Kämpferin, eine gute Seele. Den Betrug sieht man ihr irgendwie nach.
Und nebenbei fließen auch ganz viele gesellschaftskritische Themen ein: berufstätige Mütter, Privileg durch Reichtum, Umgang mit alten Menschen, Klassenunterschiede, Benachteiligung im Bildungswesen …
Ich mochte den Roman wieder sehr. Gute Unterhaltung mit Tiefe, Wiener Schmäh und vielen Details.
Von mir gibt es eine klare Empfehlung!





Junge Frau mit Katze
von Daniela Dröscher
Nachdem mir „Lügen über meine Mutter“ sehr gefallen hat, war ich gespannt, wie die Geschichte von Ela im neuen Roman weitergehen würde. Inzwischen ist sie erwachsen, lebt alleine, steht kurz vor der Promotion, die Verteidigung ihrer Arbeit steht ihr noch bevor. Sie hat ein Stipendium, einen kleinen Job in ihrem Institut. Doch dann wird sie plötzlich krank. Stechende Halsschmerzen, Müdigkeit, starker Durst. Eine Odyssee von Arzt zu Arzt beginnt. Immer wieder ein Thema, die Beziehung zu ihrer Mutter und ihrem Bruder.
Sehr gut gefallen hat mir der Aufbau des Buches. Eingeleitet wird jedes Kapitel von Zitaten der Autorin Yoko Tawada, die die Protagonistin verehrt. Sie sind sehr treffend ausgewählt und lockern den Erzählfluss auf. Zwischen den Abschnitten, in denen die Protagonistin von ihrem Leidensweg erzählt, sind kleine Kapitel eingeschoben, in denen sie über ihre Mutter reflektiert.
Auch sprachlich hat mir der Roman gefallen.
Allerdings hatten die Episoden rund um ihre Symptome und ihre Arztbesuche ziemliche Längen. Ich weiß, wie schwierig es ist, mit unklaren Symptomen eine gute Diagnose zu bekommen, wie oft man als Frau beim Arzt nicht ernst genommen wird. Aber ganz kam diese Frustration oder der Mehrwert für die Geschichte leider nicht rüber.
Zudem hatte ich den Eindruck, dass vieles nicht klar war, wenn man das erste Buch mit Ela als Protagonistin nicht gelesen hat.
Die stärkste Figur, bei der auch die meiste Entwicklung stattfand, war die Figur der Mutter. Sie fand ich sehr gut gezeichnet und auch sehr gut umgesetzt. Auch das Ende fand ist gelungen und zählt mit zu den stärksten Abschnitten des Buches.
Insgesamt fand ich den Roman nicht schlecht, völlig begeistern konnte er mich nicht. Autofiktion ist ein Genre, das für meinen Geschmack oft nicht ganz aufgeht, da der Abstand der Autor:innen manchmal nicht genügt, um aus der eigenen Geschichte tatsächlich Literatur zu machen. Diesen Eindruck hatte ich auch hier ein wenig.









