Kundenrezensionen von dorli





Im Morgengrauen
von Marc Raabe
In den frühen Morgenstunden des 18. Januar treffen sich zwei Männer im Kiosk einer Minigolfanlage in Berlin-Heiligensee. Der eine wird zum Täter, der andere zum Mordopfer. Oder geschieht hier gar kein Mord?
Einige Tage später. Es herrscht Aufregung im Kanzleramt, denn Bundeskanzler Henrik Westphal ist spurlos verschwunden. Wurde der Kanzler entführt? Ist er womöglich tot? Oder ist er abgetaucht, weil er einem handfesten Skandal aus dem Weg gehen will? Denn in den sozialen Medien kursieren Videos, in denen eine junge Frau, die sich Kessy X nennt, sehr glaubwürdig sein übergriffiges Verhalten anprangert.
Die bereits aufgeheizte Stimmung bekommt noch mehr Zündstoff, als in einem U-Bahntunnel unter dem Alexanderplatz eine entstellte Leiche gefunden wird, denn die Tote hat das gleiche auffällige Tattoo, dass in den Videos auf Kessy’s Unterarm zu sehen ist.
„Im Morgengrauen“ ist der vierte Band rund um die BKA-Ermittler Art Mayer und Nele Tschaikowski. Ich empfehle, die Bücher der Serie in der richtigen Reihenfolge zu lesen, da die Ereignisse über die einzelnen Bände hinweg alle zusammenhängen. Das Wissen über die Hintergründe, Beziehungen und persönlichen Entwicklungen der Protagonisten erhöht den Lesegenuss dieser spannenden Fortsetzung ganz enorm.
Der Schreibstil von Marc Raabe begeistert mich immer wieder aufs Neue. Er hat ein ausgesprochen gutes Händchen für vielschichtig konstruierte Thriller und versteht es ganz ausgezeichnet, die spannenden Ermittlungen und die privaten Angelegenheiten seiner Figuren authentisch und mitreißend darzustellen.
Die Kapitel sind kurz, die Perspektive wechselt ständig - auch hier trifft Marc Raabe genau meinen Geschmack. Besonders der stetige Blickwinkelwechsel gefällt mir, da ich so von den Gedanken, Ansichten und Beweggründen aller Akteure Kenntnis habe und prima mitverfolgen kann, wie jeder Einzelne auf unerwartete Ereignisse reagiert oder Konflikte meistert. Ich kann nicht nur die Kraft, Energie und Leidenschaft spüren, mit der sie ihre Aufgaben bewältigen und sich den immer neuen Herausforderungen stellen, sondern erlebe auch immer wieder ihre innere Zerrissenheit und ihre mentalen Kämpfe mit.
Sehr gut gefallen hat mir, dass die aktuelle Handlung mit der nervenaufreibenden Spurensuche des Öfteren von Rückblenden unterbrochen wird, die in den Wochen vor dem Verschwinden des Kanzlers spielen und Kessys bewegende Geschichte zum Inhalt haben.
Auch die vielen Wendungen sind überzeugend - immer wieder meint man zu wissen, in welche Richtung die Dinge sich entwickeln und dann kommt es doch wieder ganz anders, als man denkt. Außerdem gibt es zahlreiche Nebenhandlungen und nicht eine davon ist überflüssig. Im Gegenteil, sie ergänzen die Haupthandlung perfekt und machen den Thriller lebendiger, komplexer und realistischer.
Am Ende fügt sich alles zu einem großen Ganzen. Ich bekomme über die vier Bände hinweg ein stimmiges Gesamtbild und bleibe zufrieden zurück.
„Im Morgengrauen“ hat mich rundum begeistert - ein abwechslungsreicher, gut durchdachter Thriller, der mit einer temporeichen Handlung und ausdrucksstarken Figuren punktet und dabei einen Sog entwickelt, dem man sich als Leser nicht entziehen kann.





In den Fängen der Verräter
von Tuomas Oskari
Der ehemalige finnische Ministerpräsident Leo Koski hat Finnland und der Politik den Rücken gekehrt und sich mit seiner kleinen Tochter Daniela in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington in einem festungsgleichen Haus regelrecht eingeigelt. Nach den tragischen Ereignissen in Helsinki, die Leo persönlich tief getroffen haben, besteht sein Alltag heute vornehmlich darin, Daniela bestmöglich zu beschützen.
Nur sehr zögerlich leistet er daher einer Einbestellung des Präsidenten Chester Tyler ins Weiße Haus Folge. Während Leo im Vorzimmer des Oval Office darauf wartet, zum Präsidenten vorgelassen zu werden, erhält er die Nachricht auf sein Handy, dass seine Tochter entführt wurde. Die Kidnapper verlangen von Leo, dass er das Vorhaben des Präsidenten, umgehend aus der NATO auszutreten, forciert, ansonsten stirbt Daniela.
Leo, von dem die finnische Staatsführung und die gesamte EU erwarten, dass er den Präsidenten eines Besseren belehrt und den Austritt der USA aus der NATO unbedingt verhindert, steckt damit in einer grausamen Zwickmühle - um Daniela zu retten, muss er sein Vaterland verraten. Die sowieso schon fatale Situation läuft völlig aus dem Ruder, als Chester Tyler während des Treffens mit Leo vergiftet zusammenbricht…
„In den Fängen der Verräter“ ist der dritte Teil der „Leo-Koski-Reihe“ - Tuomas Oskari wartet auch diesmal wieder mit einer raffiniert gestrickten Geschichte auf, die mein Kopfkino schon nach wenigen Seiten auf Hochtouren laufen lassen hat. Der Autor versteht es sehr gut, die vielfältigen Situationen greifbar darzustellen, so dass es mir ganz leicht gefallen ist, in die Handlung einzutauchen und mit den Akteuren mitzufiebern.
Durch seine Arbeit als Journalist und Auslandskorrespondent kennt Tuomas Oskari sich in der Welt der Politik sehr gut aus und verfügt über jede Menge interessantes Hintergrundwissen, so dass er seine Thriller ganz nah an der Realität spielen lassen kann. Mit einem möglichen Austritt der USA aus der NATO stellt er ein genauso aktuelles wie brisantes Thema in den Mittelpunkt und lässt seine Leser miterleben, welche Auswirkungen ein US-Rückzug hinter den Kulissen und gleichzeitig für die Welt haben könnte.
Die Handlung bietet alles, was einen Politthriller so richtig spannend macht: kriminelle Machenschaften lenken den politischen Alltag. Es werden Intrigen gesponnen und moralische Grenzen überschritten. Globale Verwicklungen sorgen dabei genauso für ein lebhaftes und abwechslungsreiches Geschehen wie das zwielichtige Gerangel von Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten. Die zum Teil dramatischen Entwicklungen - Tuomas Oskari scheut sich nicht, seinen Protagonisten an den Rand der Belastbarkeit zu drängen - verleihen der ohnehin schon fesselnden Handlung dabei noch zusätzliche Spannung. Noch vor ein paar Jahren hätte ich ein Szenario, wie der Autor es hier schildert, als reine Fiktion wahrgenommen, mittlerweile kann ich mir allerdings gut vorstellen, dass die Dinge in Washington ähnlich ablaufen könnten.
Besonders gut gefallen hat mir, dass Tuomas Oskari die politischen Aspekte und Wirren sehr anschaulich und auch für Laien verständlich erläutert, so dass man alles auch ohne einschlägige Kenntnisse bestens mitverfolgen kann.
Vermisst habe ich dagegen die psychologische Tiefe und die emotionale Kraft, die mich im ersten Band der Reihe so begeistert haben. Die Ansichten der Charaktere, ihre inneren Konflikte und Widersprüche werden hier bei Weitem nicht so überzeugend dargestellt, wie in „Tage voller Zorn“.





Gesternwelten
von Annie Bertram
In ihrem Bildband, „Gesternwelten - Memoiren des Verfalls“ präsentiert die Fotokünstlerin Annie Bertram großformatige Fotos von Lost Places und lädt den Betrachter ein, der faszinierenden Magie nachzuspüren, den diese verlassenen Orte ausstrahlen.
Annie Bertram wartet in diesem Band mit unterschiedlichen Themenbereichen auf. Den Anfang machen Paläste und Villen, deren einstige Pracht trotz des Verfalls immer noch zu erahnen ist. Die Bilder der Ruinen haben einen ganz besonderen Charme, sie erzählen Geschichten, die ohne Worte auskommen. Es geht weiter mit Kirchen und Klöstern, deren ehemalige Erhabenheit immer noch präsent ist und beim Betrachten ein ehrfürchtiges Schaudern auslöst. Dann folgen Friedhöfe und Ruhestätten, die wie verwilderte Gärten wirken und eine märchenhaft-geheimnisvolle Atmosphäre ausstrahlen. Danach gibt es unterschiedliche Wracks zu bestaunen, die verrottet, zerfleddert und überwuchert wie gestrandete Überbleibsel aus einer fernen Zeit in der Landschaft ausharren. Der letzte Abschnitt widmet sich verwunschenen Rückzugsorten, die vermoost und efeuumrankt eine faszinierende Anziehungskraft ausüben. Erstaunlich, wie die Natur ihr Terrain zurückerobert.
Ich bin Seite um Seite beeindruckt von der Fülle und Vielfalt und kann mich gar nicht sattsehen an der Schönheit der vergangenen Lebenswelten. Es ist einfach großartig, wie die vielen Details von Annie Bertram eingefangen und ins richtige Licht gerückt wurden. Meine Augen wandern über die Fotos und bleiben immer wieder an den vielen Kleinigkeiten hängen, die wie Splitter aus vergangenen Zeiten auf mich wirken. Welches Schicksal hat die ehemaligen Bewohner wohl getroffen? Wohin sind sie so überstürzt verschwunden? Warum wurden so viele persönliche Gegenstände einfach zurückgelassen? Beim Betrachten der ausnahmslos sehr gelungenen Aufnahmen spürt man durchweg, dass an diesen vom Leben verlassenen Orten noch immer eine Seele wohnt. Zu gerne würde ich den Geheimnissen lauschen, die die alten Mauern zu erzählen haben.
„Gesternwelten - Memoiren des Verfalls“ ist ein qualitativ sehr hochwertiger Bildband mit beeindruckenden Fotos, die man immer wieder gerne anschaut. Ich habe die magische Entdeckungsreise zu den unterschiedlichen Lost Places sehr genossen.





Solange ein Streichholz brennt
von Christian Huber
Die Karriere der Kölner Fernsehjournalistin Alina Alev will einfach nicht in Schwung kommen. Alina ist überzeugt davon, bei einem kurzfristig anberaumten Meeting ihre Kündigung zu bekommen. Doch das Gegenteil ist der Fall, sie erhält unerwartet die Chance, an einem neuen Projekt mitzuarbeiten. Sie soll eine Reportage zum Thema Obdachlosigkeit erstellen. Dafür sucht sie jemanden, der auf der Straße lebt und den sie einige Zeit durch den Alltag begleiten kann. Eine Sozialarbeiterin empfiehlt ihr, den Mittdreißiger Bohm anzusprechen. Alina macht Bohm ausfindig, erklärt ihm ihr Vorhaben und bietet ihm für seine Mitwirkung tausend Euro an. Doch Bohm wimmelt sie ab. Als das Schicksal ihm kurz darauf einmal mehr ein Bein stellt, ändert er jedoch seine Meinung…
In seinem Roman „Solange ein Streichholz brennt“ beleuchtet Christian Huber den Alltag zweier Menschen, deren Lebenswelten auf den ersten Blick total unterschiedlich sind, bei näherem Hinsehen allerdings frappierende Ähnlichkeiten aufweisen. Mit Alina und Bohm lässt der Autor zwei einsame Seelen aufeinandertreffen, die auf verschiedene Weise mit der Bitternis des Lebens konfrontiert werden.
Christian Huber hat ein sehr gutes Händchen für Figurenzeichnung. Sowohl Alina wie auch Bohm kommen absolut echt und menschlich rüber. Sie handeln entsprechend ihren Eigenarten, treffen logische Entscheidungen und machen eine glaubwürdige Entwicklung durch. Die beiden kommen im stetigen Wechsel zu Wort, so dass man intensiv an ihren Gedanken und Emotionen teilhaben kann und dadurch nicht nur versteht, wie sie ticken, sondern auch ihre innere Zerrissenheit und ihre mentalen Kämpfe miterlebt.
Es war für mich überaus faszinierend zu beobachten, wie die anfängliche Distanz zwischen Alina und Bohm schrumpft und das Band zwischen ihnen immer fester wird. Christian Huber schildert die Annäherung dieser augenscheinlich sehr unterschiedlichen Menschen mit ganz viel Gefühl - ein Knistern hier, ein Funken da, Zuneigung flammt auf, dann wieder auf beiden Seiten abwiegeln und leugnen. Doch als Leser spürt man lange bevor die Protagonisten es wahrhaben wollen, dass der Zug längst ins Rollen gekommen und nicht mehr zu stoppen ist.
„Solange ein Streichholz brennt“ ist nicht nur eine mitreißende Liebesgeschichte, sondern hat auch eine gute Portion Gesellschaftskritik im Gepäck. Dass das Leben auf der Straße kein Zuckerschlecken ist und es in der Medienbranche knallhart und skrupellos zugeht, ist landläufig bekannt. Doch wie lebt es sich, wenn ein sowieso schon schwieriger Alltag durch mangelnde Wertschätzung noch unerträglicher wird? Christian Huber ermöglicht dem Leser einen intensiven Einblick in zwei Welten, in denen ein respektloses und erniedrigendes Verhalten oft üblicher Usus ist. Darüber hinaus zeigt er, wie schnell eine plötzliche Instabilität oder ein Schicksalsschlag ein Leben komplett aus der Bahn werfen kann. Sehr gut gefallen hat mir, dass der Autor ein gutes Gespür für die richtige Dosierung hat - die gesellschaftlichen Probleme werden mit dem nötigen Ernst dargestellt, überlagern bzw. erdrücken die Liebesgeschichte aber nicht.
Begeistert hat mich, wie das Streichholz in Szene gesetzt wird. Es ist nicht nur titelgebend und auf dem Cover abgebildet, es spielt auch im Verlauf der Handlung eine wichtige Rolle. Die Symbolkraft ist toll. Im Leben ist es wie bei einem herunterbrennenden Streichholz - irgendwann ist da nur noch Schmerz, wenn man nicht loslässt; wenn man Vergangenes nicht hinter sich lässt.
Das Ende der Geschichte habe ich als sehr gelungen empfunden - nicht rosarot, aber voller Hoffnung und mit der Möglichkeit, neue Wege zu gehen.
„Solange ein Streichholz brennt“ ist einfach großartig. Ein Roman, der aufwühlend, unterhaltsam und bereichernd ist. Eine Geschichte, die mich begeistert hat, weil sie nicht nur mit Worten, sondern mit ganz viel Gefühl erzählt wird.





Darkly
von Marisha Pessl
Die 17-jährige Dia Gannon kann es nicht glauben - obwohl es über sechshunderttausend Bewerber gab, ist sie eine von sieben Jugendlichen, die von der Louisiana Veda Stiftung für ein Sommerpraktikum ausgewählt wurden. In London angekommen, wird allerdings schnell klar, dass es hier nicht um gewöhnliche Bürotätigkeiten und das Erfassen von Daten geht, denn Dia und ihre Mitstreiter werden statt in die Geschäftsräume der Stiftung auf eine abgelegene Insel gebracht - die Insel, auf der Louisiana Veda ihre begnadeten Darkly-Spiele entwickelt und hergestellt hat.
Louisiana Veda war die Gründerin der Brettspielfirma „Darkly“ und eine brillante Erfinderin von perfekt ausgetüftelten Spielen. Eine absolute Legende. Auch zig Jahre nach ihrem Tod haben ihre genialen Brettspiele eine riesige Fangemeinde. Originale werden in Auktionshäusern für Millionen Dollar gehandelt.
Vor knapp vierzig Jahren wurde der Prototyp des Darkly-Spiels „Walküre“ samt Anleitung gestohlen. „Walküre“ ist ein überaus gefährliches Spiel, das nie veröffentlicht werden sollte, daher hat Louisiana Veda in ihrem Testament verfügt, dass der Dieb aufgespürt und zur Rechenschaft gezogen werden muss und das Spiel unbedingt vernichtet werden soll.
Obwohl die mit der Suche beauftragte Kanzlei über die Jahrzehnte hinweg alle Ecken der Welt durchkämmt hat, blieb das Spiel verschwunden - bis es vor einigen Monaten wieder aufgetaucht ist und im Verborgenen von Jugendlichen gespielt wird. Da „Walküre“ bereits ein erstes Opfer gefordert hat - der 15-jährige George Glenfell hat das Spiel gewonnen und ist seit dem spurlos verschwunden - begeben sich Dia und die anderen Praktikanten auf eine äußerst gefahrenvolle Mission, denn sie müssen das Spiel bis zum Ende spielen, um den Täter dingfest zu machen und die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Marisha Pessl hat mich mit diesem Thriller für junge Leser ab 12 Jahre von der ersten Seite an fest im Griff gehabt. Schon die Ausschreibung für das Sommerpraktikum mit der verstörenden Bewerbungsfrage („Wofür würden Sie töten?“) und der unbedingten Anforderung, ein Tückling sein zu müssen, hat mein Kopfkino auf Hochtouren rotieren lassen. Ich war sofort neugierig auf alles - die ominösen Darkly-Spiele, deren geniale Schöpferin, die dubios wirkende Stiftung, die Mitglieder in der Gruppe um Dia.
Die Autorin versteht es ganz ausgezeichnet, diese anfängliche Spannung auf einem hohen Level zu halten, indem sie immer nur kleine Andeutungen macht und Hintergründe nur häppchenweise preisgibt. Geschickt befeuert sie die Sogwirkung der Geschichte mit diversen Überraschungen, immer neuen Wendungen, rätselhaften Hinweisen, abstrusen Theorien und einigen Ungereimtheiten, so dass ich mit hoher Geschwindigkeit durch das Buch gerauscht bin, immer begierig darauf zu erfahren, was als nächstes auf die Teenager zukommt und welche Wahrheit hinter allem steckt.
Auch die gruselige Atmosphäre hat mich begeistert. Alles wirkt sehr düster. Die nebelverhangene Insel, die alte Fabrik und auch die verfallene Villa sorgen für einen schaurigen Touch. Man hat ständig das Gefühl, dass hinter den trüben Fenstern eine Bedrohung lauert. Auch Dias Umfeld ist schwer zu durchschauen. Immer wieder fragt man sich: Wer meint es ehrlich? Wer ist gefährlich?
Nicht so gut gefallen hat mir die Charakterdarstellung. Ich hätte mir gewünscht, dass die unterschiedlichen Eigenschaften der Teenager deutlicher hervorgehoben werden und sie mehr entsprechend ihren Eigenarten agieren. Das Zusammenspiel wäre viel lebhafter geworden. Selbst Dia, die mich am Anfang mit ihrem altmodischen Typus so fasziniert hat, wird im Verlauf der Handlung immer blasser. Ja, Dia erfüllt ihre Aufgabe als Hauptfigur, sie ist gewieft und mutig, sie besteht die Abenteuer, es Spaß macht, ihr zu folgen und gemeinsam mit ihr die Rätsel zu lösen. Dennoch haben mir ihre außergewöhnliche Ausstrahlung und ihre charmante Selbstironie vom Beginn der Geschichte gefehlt.
Als sehr gut gelungen habe ich die Aufmachung des Buches empfunden. Nicht nur das Cover verdient ein großes Lob, auch die Idee, die eigentliche Handlung durch informative Zeitungsausschnitte, Fotos und Briefe zu ergänzen, finde ich großartig.
Alles in Allem bleibe ich etwas zwiegespalten zurück. Eine spannende Geschichte, die mit einer herrlich schaurigen Atmosphäre punkten kann, die aber durch nur halbgar ausgearbeitete Charaktere hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. Daher 3,5/5.





Kill for Me
von Steve Cavanagh
Bei „Kill for me“ von Steve Cavanagh handelt es sich um einen eigenständigen Thriller abseits der Reihe um Rechtsanwalt Eddie Flynn. Der Autor widmet sich hier dem Thema Selbstjustiz.
Amanda und Wendy lernen sich in einer Selbsthilfegruppe für trauernde Angehörige kennen. Beide haben durch die Hand eines brutalen Mörders einen schmerzlichen Verlust erlitten und werden mit ihrer Situation nicht fertig. Die Frauen freunden sich an und stellen schnell fest, dass in ihnen beiden der Wunsch nach Rache schwelt. Sie schmieden einen teuflischen Plan, der Patricia Highsmiths Roman „Zwei Fremde im Zug“ zum Vorbild hat.
Ich bin ein großer Fan der Eddie Flynn-Reihe und war entsprechend vorfreudig auf diesen Stand-alone. Schon nach wenigen Kapiteln hat meine Vorfreude allerdings einen ersten Dämpfer bekommen - die Geschichte nimmt nur sehr langsam Fahrt auf. Das liegt vor allen Dingen an den endlos erscheinenden Schilderungen von Emotionen und Befindlichkeiten. Das anhaltende Leid der Protagonisten und ihre tiefsitzende Trauer werden genauso wieder und wieder hervorgehoben, wie die Wut und Verzweiflung, dass Polizei und Justiz bei der Ergreifung und Verurteilung der Täter versagt haben. Klar, diese Darstellung soll die Erklärung liefern, warum unbescholtene Menschen zu Mördern werden, aber Cavanagh übertreibt es hier einfach.
Der Spannungsbogen bleibt auch im Verlauf der Handlung eher flach, die meisten Wendungen sind vorhersehbar. Die Sogwirkung, die Cavanaghs bisherige Thriller auf mich ausgeübt haben, will sich nicht einstellen. Stattdessen habe ich beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass die Geschichte durch unnötige Wiederholungen von zahlreichen Kleinigkeiten in die Länge gezogen wird. So verletzt sich Amanda zum Beispiel bei einer Aktion - damit ich ihr lädiertes Knie nicht vergesse, werde ich gefühlt bei jedem Schritt, den sie macht, darauf hingewiesen. Und auch dass Farrows schmerzender Rücken ihm sehr zu schaffen macht, erfahre ich bei fast jedem Auftritt des Detectivs. Zudem bieten viele Beschreibungen der Umgebung oft inhaltlich keinen Mehrwert und haben auf mich ebenfalls wie Füllmaterial gewirkt.
Ich hatte etwas Besonderes erwartet, habe allerdings statt mitreißender Spannung und Cavanaghs fesselndem Ideenreichtum nur Mittelmaß bekommen und bin entsprechend ziemlich enttäuscht.





Real Americans
von Rachel Khong
In ihrem Roman „Real Americans“ erzählt Rachel Khong eine Familiengeschichte, die sich über drei Generationen erstreckt.
Der erste Teil der Handlung spielt zur Jahrtausendwende in New York. Lily Chen ist die Tochter chinesischer Einwanderer. Die 22-Jährige ist Kunststudentin, macht gerade ein unbezahltes Praktikum in einem angesagten Medienunternehmen und kann sich finanziell eher schlecht als recht über Wasser halten. Auf einer Party lernt sie den Mittzwanziger Matthew Allen kennen. Matthew ist der Erbe eines großen Pharmaunternehmens. Trotz aller Gegensätze verlieben die beiden sich ineinander, heiraten und bekommen einen Sohn.
Zeitsprung in die 2020er Jahre. Der 16-jährige Nick lebt mit seiner Mutter Lily zurückgezogen auf einer kleinen Insel unweit Seattle. Nick hat seinen Vater nie kennengelernt, weiß nicht einmal seinen Namen. Lily blockt beharrlich jede seiner Fragen ab. Auf Drängen seines einzigen Freundes Timothy macht Nick heimlich einen DNA-Test, der ihn tatsächlich auf die Spur seines Vaters bringt.
Der dritte Part beginnt im Jahr 2030. Hier erzählt Lilys Mutter May von ihrer Kindheit und Jugend in China, von ihrer Flucht nach Amerika und von ihrer Mission, als Wissenschaftlerin der Genetik die Gesundheit und Veranlagung des Menschen positiv zu beeinflussen.
Rachel Khong widmet sich in diesem Roman sehr gewichtigen Themen. Es geht um Herkunft, Identität, Rassismus und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Es geht um Fluch und Segen von Wissenschaft und Forschung. Es geht um Eltern, die für ihre Kinder die besten Voraussetzungen schaffen möchten und deshalb das genetische Gleichgewicht beeinflussen und die Vererbung steuern wollen und in ihrer Euphorie gar nicht bemerken, was sie da anrichten.
Verpackt hat Rachel Khong all diese interessanten Aspekte in jede Menge amerikanische - bzw. im dritten Teil chinesische - Lebensart. Die vielen Facetten des Alltagslebens sollen wahrscheinlich die Umstände und Hintergründe erklären, warum Lily, Nick und May ihre Lebenswege so gestaltet haben, wie hier dargestellt, doch dieses ganze Drumherum war mir viel zu ausschweifend. Alles wirkt sehr in die Länge gezogen, so dass die eigentlichen Themen fast untergehen.
Auch die Figuren waren wenig greifbar für mich. Ich habe ihr Leben und ihr Handeln verfolgt, konnte dabei aber kaum mit ihnen mitfiebern und mitfühlen.
„Real Americans“ konnte mich nicht so fesseln, wie ich es gehofft hatte. Die mitreißende und ergreifende Geschichte, die ich erwartet hatte, habe ich nicht bekommen.





Matjes al dente
von Christiane Franke; Cornelia Kuhnert
Neuharlingersiel. Postbote Henner Steffens hat ein Einschreiben für Tjalda Esposito und vermutet die Eigentümerin der „Meeresglück“ an Bord ihres Schiffes. Auf dem Vordeck wird er fündig, allerdings ist Tjalda mausetot - erschossen, wie schnell feststeht.
Rudi Bakker und seine Kollegen von der Kripo Wittmund übernehmen die Ermittlungen und haben es plötzlich mit Schutzgelderpressung, Mafia und Drogengeschäften zu tun. Hat das organisierte Verbrechen im beschaulichen Ostfriesland Einzug gehalten?
Lehrerin Rosa Moll hat sich vorgenommen, die Sommerferien zu genießen. Sie will einen Kitekurs machen und sich im Stand-Up-Paddling versuchen. Aber wenn es um Mord geht, kann sie es natürlich nicht lassen, auch eigene Nachforschungen anzustellen - erst recht nicht, als Henner plötzlich zum Hauptverdächtigen wird.
„Matjes al dente“ ist bereits der 13. Fall für das Neuharlingersieler Ermittlertrio, der Krimi ist aber auch ohne Kenntnis der vorherigen Bände bestens verständlich.
Auch in diesem Band erwarten den Leser neben einer guten Portion Spannung wieder abwechslungsreiche Ermittlungen und amüsante Dialoge. Der Fall ist äußerst knifflig, so dass man bis zur schlüssigen Auflösung prima über Täter, Motive und Hintergründe mitgrübeln und miträtseln kann. Für gute Laune sorgen darüber hinaus der lebhafte Alltag der Dorfgemeinschaft und die brodelnde Gerüchteküche.
Zusätzlich zu der herrlichen Nordseeküsten-Atmosphäre warten die Autorinnen wieder mit interessanten Themen aus der Region auf. Diesmal geht es um Seebestattungen und den Anbau von Cannabis.
Und auch auf einige Spezialitäten und Leckereien aus der ostfriesischen Küche nebst Rezepten im Anhang darf sich der Leser wieder freuen.
"Matjes al dente" hat mir sehr gut gefallen. Ein kurzweiliger Küstenkrimi, der mit abwechslungsreichen Ermittlungen und amüsanten Dialogen zu unterhalten weiß.





Waldmann
von Thomas Ziebula
Thomas Ziebula wartet in seinem Kriminalroman „Waldmann - Flucht in den Tod“ mit einem sehr aufwühlenden Thema auf. Es geht um das grausame Schicksal ukrainischer Flüchtlingsfrauen - junge Frauen, die vor dem Krieg geflohen sind, weil sie sich eine bessere und vor allen Dingen sichere Zukunft erhofften. Doch Naivität und Leichtsinn wurden Zlata, Kateryna und Sofia zum Verhängnis, auf die drei Frauen wartete nicht der ersehnte Neuanfang, sondern Verschleppung, unsägliche Gewalt und Zwangsprostitution.
Die Bonner Mordkommission wird an einen Tatort in einem Luxusbordell gerufen. Ein prominenter Kommunalpolitiker wurde dort ermordet und verstümmelt aufgefunden. Ein Mordfall, der die Beamten in ungeahnte Abgründe führen wird, denn sie kommen einer global agierenden nigerianischen Mafiaorganisation auf die Spur.
Mit den Ermittlungen wird Hauptkommissar Johannes Waldmann betraut. Waldmann, der seit einem Schicksalsschlag vor sieben Jahren mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, droht das berufliche Aus. Die Aufklärung dieses Falls ist seine letzte Chance. Unterstützt wird er bei seinen Nachforschungen von der ambitionierten Journalistin Pia Luninger und der leidenschaftlich für die verschleppten Frauen kämpfenden Susanna Torn.
Die Charaktere habe ich als besonders gut gelungen empfunden. Alle spielen die ihnen zugedachte Rolle ganz hervorragend. Die Hauptfiguren kommen im stetigen Wechsel zu Wort, so dass man intensiv an ihren Gedanken und Emotionen teilhaben kann und dadurch versteht, was sie antreibt und wie sie ticken. Ich kann nicht nur die Kraft, Energie und Leidenschaft spüren, mit der sie ihre Aufgaben bewältigen und sich den immer neuen Herausforderungen stellen, sondern erlebe auch immer wieder ihre innere Zerrissenheit und ihre mentalen Kämpfe mit.
Dieser Krimi ist keine leichte Kost, denn Thomas Ziebula scheut sich nicht, das hinterhältige und erbarmungslose Vorgehen der Menschenhändler zu schildern und die vielfältigen Situationen sowie die daraus resultierenden Emotionen greifbar darzustellen. Es ist nicht nur die Handlung selbst, die mich immer wieder aufs Neue betroffen macht, auch die Gedanken daran, dass das, was ich hier lese, wahrscheinlich tagtäglich so oder so ähnlich in der Realität geschieht und die Behörden in den meisten Fällen nicht in der Lage sind, diese Form der modernen Sklaverei zu stoppen, erschüttern mich.
„Waldmann - Flucht in den Tod“ hat mir sehr gut gefallen - ein Kriminalroman, der sich trotz des gewichtigen Themas leicht lesen lässt und schnell einen Sog entwickelt, dem man sich als Leser nicht entziehen kann.





Sieben Jahre
von Tanja Kinkel
In ihrem historischen Roman „Sieben Jahre“ entführt Tanja Kinkel den Leser in die 1750er Jahre nach Preußen. Im Mittelpunkt stehen König Friedrich II., sein Leben und Wirken während des Siebenjährigen Krieges und ganz besonders die wechselvolle Beziehung zu seinen Geschwistern während dieser Zeit.
Tanja Kinkel beginnt ihren Roman mit einem Prolog, der mir nicht nur einen kleinen Überblick über die wichtigsten Protagonisten und ihre Eigenarten gibt, sondern mir auch Einblick in die familiäre Situation der königlichen Hoheiten verschafft und mir damit vor Augen führt, dass das Leben im Hause Hohenzollern kein Zuckerschlecken war.
Die eigentliche Handlung beginnt dann im Januar 1756 und wird zum größten Teil aus der Perspektive von Friedrichs Bruder Heinrich und seiner Schwester Amalie erzählt. Heinrich, der Friedrich in vielem ähnelt und doch ganz anders ist. Und Amalie, die eigenwillig und scharfzüngig ihre eigenen Wege geht.
Tanja Kinkel hält sich eng an die historischen Fakten und vermittelt mir ein äußerst umfassendes und detailreiches Bild von Zeit und Ort - ich werde nicht nur hineingezogen in das Gerangel der Mächtigen um die Vorherrschaft in Europa und erlebe Feldzüge, Belagerungen, Schlachten und das stetige Ausklügeln von Strategien und Taktiken mit, ich bin auch mittendrin in einer konfliktreichen Familiengeschichte, in der alle mit den Auswirkungen einer überaus strengen Erziehung zu kämpfen haben.
Das Miteinander und Gegeneinander der charakterlich so unterschiedlichen Geschwister habe ich als besonders interessant empfunden. Die Autorin lässt mich hier intensiv an einen turbulenten Familienleben teilhaben - es wird geliebt und gehasst, gelogen, gestichelt, gedemütigt und verhöhnt, gestritten, provoziert und intrigiert. Ich erlebe geschwisterlichen Neid, Besitzgier und Eifersucht mit und erfahre darüber hinaus einiges über ihren Alltag, ihre Freundschaften und Feindschaften, ihre Zweckehen, ihre sexuellen Neigungen und ihre große Leidenschaft zur Musik.
Eine Figur, die mich besonders beeindruckt und zudem gut unterhalten hat, ist der ehemalige Sklavenjunge Hannibal. Ein pfiffiges Stehaufmännchen. Als die sächsische Gräfin, der Hannibal zuletzt als Page gedient hat, wegen der einfallenden Preußen Dresden Hals über Kopf verlässt, bleibt er obdachlos zurück. Mutig bittet er ein paar Soldaten um Arbeit und hat das Glück, dass Heinrich Teil der Gruppe ist. So wird Hannibal zunächst Page bei Prinz Wilhelm und später auch bei Amalie. Durch Hannibals Augen bekomme ich gute Einblicke in das Umfeld der königlichen Familie. Der clevere Junge versteht es ganz ausgezeichnet, sich bei den jeweiligen Hoheiten einzuschmeicheln und sichert sich so Kost, immer einen geschützten Platz zum Schlafen und erhält sogar die Bildung, die er sich wünscht.
Das Lesen dieses über 800 Seiten starken Buches war für mich über weite Strecken eine Herausforderung, gelegentlich sogar ein wenig anstrengend, weil der Roman mit einer überbordenden Fülle an Informationen und Emotionen aufwartet. Dennoch bleibe ich am Ende zufrieden zurück, weil die abwechslungsreiche Handlung mit all den kleinen und großen Dramen mein bisher eher bescheidenes Wissen über Friedrich II. von Preußen, seine Familie, seine Zeit und die damalige Politik auf anschauliche Weise erweitert hat.









