Kundenrezensionen von yellowdog





Fliegt, Wilde Schwäne
von Jung Chang
Obwohl die in London lebende Jung Chang keine politische Aktivistin ist, haben ihre Bücher durchaus Wirkung. Das gilt insbesondere für ihren Welterfolg Wilde Schwäne und dann durch ihre kritische Mao-Biographie, durch die sie den Unmut Pekings auf sich zog. Sie durfte noch in China einreisen, wurde aber überwacht und eingeschränkt. Um ihre Mutter weiter besuchen zu können, lenkt sie ein. Sie schreibt dann unverfänglich über die Kaiserinwitwe Cixi:
Ich fand es sehr interessant von ihren Recherchereisen und Interviews zu lesen. Das wurde zuletzt schwierig für sie, denn es bestand die Gefahr, die Staatssicherheit zu ihren Interviewpartnern zu führen, was die gefährdet hätte können.
Mit ihrem irischen Ehemann Jon Halliday arbeitet sie vielfach zusammen. Er ist Historiker und mit der Geschichte Asiens vertraut.
Das Buch ist außerdem in einigen Teilen auch ein Porträt von Jung Changs Mutter, eine starke Frau.
Am Ende geben Jung Changs Schilderungen auch ein Bild des heutigen Chinas unter Xi Jinping, dass sie an Maos Zeiten erinnert.





Prosopon
von Anna Felnhofer
Der Roman ist durch seine Erzählform geprägt, der aus den Überlegungen einer Frau besteht, und aus wenigen Dialogen. Das hat etwas starres. Zusammen mit der gedrückten Stimmung vermittelt das eine Eindringlichkeit.
Es gab einen Vorfall. Ein siebenjähriger Junge verunglückt vor seiner Schule, wo sein Vater auf ihn warten. Der Vater, Jakob, ist Gesichtsblind. Unklar, wie das mit ursachlich sein konnte.
Johanna, die Mutter war nicht dabei und während das Kind im Sterben liegt,m versucht sie gedanklich die Geschehnisse in seiner Gesamtheit zu rekonstruieren.
Der Roman ist in einem so nüchternen Ton gehalten, dass es nicht leicht ist, richtig Zugang zu den Figuren zu erlangen. Davon abgesehen saugt der Roman den Leser geradezu ein.





Die unmögliche Rückkehr
von Amélie Nothomb
Eigentlich hätte ich diesmal wieder Fiktion von Amélie Nothomb erwartet, denn sie wechselt meistens zwischen Romanen und autobiografisch geprägten Büchern.
Die unmögliche Rückkehr schließt an den Büchern an, in denen es um Japan geht. Hier hat Nothomb die ersten 5 Jahre ihres Lebens verbracht, denn ihr Vater war Konsul. Dass sie dann das Land verlassen musste, macht ihr bis heute zu schaffen und eine Liebe zu Japan ist noch da.
Zusammen mit einer Freundin fliegt sie 2023 nach Kyoto, später reisen sie auch nach Tokio. Amelie schwelgt in ihren nostalgischen Erinnerungen, oft mit Wehmut, aber vor allen auch mit Ironie. Überhaupt hat das Buch viel Witz.
Mir haben bisher alle ihre Japan-Bücher gefallen. Auch dieses ist sehr unterhaltsam und die Japanbeschreibungen sind so gut, dass man als Leser glaubt, die Autorin auf ihrer Reise zu begleiten.





Das Mosaik der Frauen
von Rafik Schami
Der große deutsch-syrische Geschichtenerzähler Rafik Schami wird 80 Jahre alt und hat einen neuen Roman. Mit Nadim Suri hat er eine Hauptfigur, die einige Merkmale seiner selbst trägt, z.B. dass er aus Syrien nach Deutschland gekommen ist und schreibt. Nadim erzählt von seinem Leben und vor allen von den Frauen seines Lebens. Das sind einige und sie haben unterschiedliche Schickale. Sie werden aber eher distanziert geschildert, so dass sie mir als Figuren fremd bleiben.
Nadim ist ein Erzähler, der oft und gerne abschweift.
Es fehlt die Lebendigkeit früherer Texte von Rafik Schami. Ein Merkmal eines Alterswerk, aber immerhin hat er alles gegeben und viel in den Roman gesteckt. Es gibt die gewohnte Detailfülle, auch den Wortwitz. Es ist somit immer noch ein guter Roman.





Links-grüne Meinungsmacht
von Julia Ruhs
Der Buchtitel hat mich erstaunt, da ja eigentlich die Rechten in den letzten Jahren auf dem Vormarsch sind und ihre Meinungsmacht inzwischen vielfach übernommen wurde. Aber Julia Ruhs hat insbesondere die öffentliche-rechtlichen und etablierten Medien und Zeitungen ins Auge gefasst. Ich nehme das nicht so wahr, wie Julia Ruhs, aber sie schöpft ihre Erfahrungen aus Gesprächen und Rückmeldung an sie sowie aus den Reaktionen aus ihren Veröffentlichungen. Hat sie anfangs auch Shitstorms ertragen müssen durch ihre konservativ-liberalen Stellungsnahmen, bekommt sie später viel Beifall.
Ich denke, Julia Ruhs vermittelt mit ihrem Buch ein verzerrtes Weltbild. Andererseits war es wirklich interessant zu lesen, wie sie zu ihrer Wahrnehmung kommt.





Eine Liebe ohne Sommer
von Timothy Paul
Eine Liebe ohne Sommer ist ein nachdenklich stimmender Roman mit humorvollen und traurigen Momenten. Man weiß natürlich von Anfang an, was passiert und stellt sich auf das Kommende schon seelisch ein.
Es ist die Geschichte eines Paares, Rosa und Niklas, die eine viel zu kurz Zeit miteinander hatten. Sie treffen sich im Hausflur und sofort stellte sich etwas Besonderes zwischen ihnen ein.
Auffällig, dass die Erzählperspektive ausschließlich bei der Ich-Erzählerin lag. Passagen aus der Sicht von Niklas fehlten mir. Rosa ist sympathisch, aber nicht ohne Selbstzweifeln.
Der Wortwitz im Buch funktionierte bei den Dialogen sehr gut. Zwischen Rosa und Niklas kommt es oft zum dialogischen Schlagabtausch voller Ironie.
Ob aus der Grundidee genug gemacht wird, weiß ich nicht. Ich neige eher dazu, dass es schließlich zerredet wird. Dazu trägt auch bei, dass der Roman zu lang, manchmal sogar langatmig ist. Das gilt vor allen für Teil 2.
Ein schlechter Roman ist es auch nicht. Eher so Mittel. Die guten Ansätze bleiben!





Wer sind wir?
von Joschka Fischer
Der politisch nicht mehr aktive Joschka Fischer ist doch noch sehr präsent. Erst letztes Jahr hat er mit einem eindrucksvollen und komplexen Werk überzeugt.
Jetzt ein Buch über deutsche Identität. Doch diesmal enttäuscht er, denn eigentlich erzählt er hauptsächlich die Geschichte Deutschlands, z.B. ab Stunde Null nach. Offenbar definiert Fischer Deutschlands Identität aus dem Wiederaufbau nach 45. Westdeutschland war in dem Sinne verwestlicht, im positiven Sinne.
Er spricht viel von Europa und der Abkehr der USA.
Wenn ich richtig interpretiere, liegt Deutschlands Identitätssuche ein gutes Stück weit bei dem Versuch einer deutschen Führung in Europa, sozusagen ein Regime Change in Europa.
Einige Passagen des Buches sind also schon gelungen, doch ob sich darin die Frage nach der Identität erschöpft, wage ich zu bezweifeln.
Folgen kann man der im Nachwort angebotenen Antwort, dass Europa sich jetzt selbst kümmern muss, da auf die USA nicht mehr gezählt werden kann. Jetzt oder nie!
Vielleicht gelingt Joschka Fischer die Debatte über das Thema, wenn er mit diesem Buch und seinem wichtigen Thema auf Lesereise geht.





Mit einem Fuß im Paradies
von Ron Rash
Mit einem Fuß im Paradies von Ron Rash ist ein raffiniert komponierter Südstaatenroman. Ein Mann namens Holland Winchester ist verschwunden, vermutlich ermordet.
Die Handlung wird von verschiedenen Personen erzählt, die mit dem Verschwinden von Holland zu tun haben. Das ist zuerst der Sheriff, dann die Frau, die mit Holland eine Affäre hat, dann ihr Ehemann und schließlich der Sohn sowie der Stellvertreter des Sheriffs.
Aus den ganzen Abschnitten ergibt sich langsam ein Gesamtbild. Es ist leicht filmisch gestaltet.
Es gibt zwar einen Mord, aber für mich ist es nicht wirklich ein Kriminalroman. Vielmehr ist es ein Gesellschaftsporträt der Menschen, die in South Carolina leben.
Das ist schon sehr gut gemacht, obwohl ich lange Passagen auch mit Gleichmut las. Es ist ein kühles Südstaatendrama.





Der Schlüssel würde noch passen
von Irina Scherbakowa
Irina Scherbakowa ist eine große Persönlichkeit. Ihr Wirken in der Organisation Memorial galt der Aufklärung. Folgen waren Repressionen, Verbot und Flucht.
Es gelingt ihr in diesem Buch, einen Einblick ins Moskau der neunziger Jahre zu geben. Es ist die kurze Zeit der Perestroika. Dann die Nuller-Jahre. Gelegentlich gibt es auch Blicke in die Geschichte Russlands. Es gibt auch einen (schmalen) Bildteil.
Schließlich der Krieg und Scherbakowa verlässt mit ihrem Mann Russland.
Irina Scherbakowa vermeidet Sentimentalität, setzt auf Analyse.
Im Epilog dann die Frage: Gibt es Hoffnung?
Es ist mächtiges Sachbuch von Relevanz, dass dieses Jahr für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert ist.





Was vom Sommer blieb
von Mary Wesley
Mary Wesleys Roman zeichnet sich durch einen lebhaften Stil und einer bildhaften Sprache aus. Die Handlung zeigt eine Reihe von Leuten zu einer bestimmten Zeit in Cornwall, während des Krieges und die Zeit danach. Es wird so ein Gesellschaftsporträt mit den Stimmungen dieser Zeit. Das erzeugt viel Atmosphäre.
Im Mittelpunkt stehen die anfangs 19jährige Calypso, die später Hector heiraten wird, Oliver, der verletzt aus dem Krieg zurückkehrt, die junge Sophie , die in Oliver verliebt ist und die Geschwister Polly und Walter. Und noch ein paar. Das ist schon nahezu eine Überfrachtung an Figuren, deswegen sind nur ein paar wirklich gut herausgearbeitet.
Doch Calypso, Oliver und Sophie werden länger in Erinnerung bleiben.
Was vom Sommer blieb ist wohl der berühmteste Roman der Britin Mary Wesley. Er wurde auch als TV-Serie verfilmt.









