Empfehlungen von Pauline Paterno
Schwindende Welt
von Sayaka Murata
Sayaka Muratas neuer Roman beschreibt eine fiktives, gegenwärtiges Japan. In dieser Gesellschaft ist unüblich geworden Kinder auf "natürlichem" Wege zu empfangen. Nach dem zweiten Weltkrieg sind die Männer knapp geworden, was die Erforschung der künstlichen Befruchtung vorantrieb. Diese etablierte sich schließlich zur Standard-Prozedur bei Kinderwunsch, Sex wurde zum Relikt vergangener Zeiten. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin Amane ist unfreiwillig mit dieser Vergangenheit verbunden: Sie ist ein "Kind der Liebe", wie es ihre Mutter nennt. Diese beschwört Amane an die Liebe zwischen Eheleuten zu glauben. Amane verachtet die Mutter für diese altmodischen Ansichten - moderne Ehepartner*innen praktizieren keine körperliche Liebe, sie sind schließlich eine Familie. Amane ist neugierig, verliebt sich oft: in echte Menschen, wie fiktive. Auch ihre sexuellen Bedürfnisse lebt sie aus, was ihre Mitmenschen oft stutzig macht. Das Konzept Familie hat sich stark verändert. Die Fortschrittlichsten Kräften dieser Gesellschaft halten es gar für überflüssig und gründen eine experimentelle Stadt, in der die Menschen keine Liebesbeziehungen mehr führen und alle Kinder kollektiv aufgezogen werden. Als Amane und ihr Ehemann erneut von ihren Liebschaften enttäuscht werden, beschließen sie, dem neuen Modell eine Chance zu geben und ziehen in die Stadt.
Da wir die Perspektive von Amane einnehmen, jene der Ich-Erzählerin, schlittern wir mit ihr durch die Welt, in der Sie lebt und die sich rasend schnell verändert. Als Leser*in nicht ganz sicher wo auf dem Spektrum zwischen Utopie und Dystopie wir uns befinden, scheint Abstruses plötzlich normal. Und das schockiert letztendlich nachhaltig. Wem das "Seidenraupenzimmer" von Sayaka Murata ein Genuss war, wird sich auch an ihrem neuen Werk erfreuen.
Die Details
von Ia Genberg
Die Erzählerin liegt mit hohem Fieber im Bett und erinnert sich. Sie erinnert Menschen, die ihr einst nahestanden, die ihr Leben in jedem Fall maßgeblich prägten, jede auf ihre Art. Die Beziehungen sind platonisch wie romantisch, nicht immer „gesund“. Ohne in diagnostische Sprache zu verfallen, werden die dunklen und lichten Seiten der handelnden Charaktere beschrieben, liebevoll und aufmerksam beobachtet.
Der Roman gliedert sich in 4 Abschnitte, die sich jeweils auf eine vergangene Beziehung beschäftigen. In einer Kürze von nur 144 Seiten haucht Genberg ihren Figuren beispiellos unangestrengt Leben ein.
Da wäre etwa Johanna, eine stürmische Liebschaft, mit der sie sich Bett und Leben teilt. Im zweiten Kapitel lernen wir Niki kennen. Die beiden jungen Frauen lernen sich an der Universität kennen, es entwickelt sich eine enge, verstrickte Freundschaft, Ablaufdatum der Erzählerin von Anfang an abgeklärt entgegensieht. Die Protagonistin bewegt sich im künstlerischen Milieu Stockholms, wo sie auf einem Jazzkonzert Alessandro auf der Bühne erblickt. Er ist charismatisch und egozentrisch, wünscht sich ein Kind von der Erzählerin, lässt sich aber auf nichts so richtig ein. Zuletzt lernen wir die Mutter der Ich-Erzählerin kennen. Birgitte scheint in ihrer Ängstlichkeit sich und ihre Lieben vor dem Schrecken bewahren zu wollen, den sie im Geheimen in sich trägt. Sie scheint unergründlich, bleibt auch der Protagonistin zeitlebens etwas fremd.
Dieses schmale Büchlein der schwedischen Autorin Ia Genberg beeindruckt nachhaltig – ich möchte fast sagen mehr als so manch 400-Seiten-Schmöker.
Demon Copperhead
von Barbara Kingsolver
Bei Barbara Kingsolvers „Demon Copperhead“ handelt es sich um eine moderne Nacherzählung von Dickens „David Copperfield“, einem klassischen Bildungsroman. Was „Demon Copperhead“ betrifft: Bildungsroman ja, aber klassisch?
Der junge Damon, genannt Demon, kommt im Virginia der 1990er Jahre zur Welt – die Mutter eine drogensüchtige 16-jährige, die eben tut, was sie kann; der Vater ihr Geliebter „Copperhead“, der noch vor Geburt des Kindes an einem Ort namens „Devil’s Bathtub“ ums Leben gekommen ist (Diese Geschichte jagt dem jungen Demon eine Heidenangst ein, er meidet Badewannen tunlichst). Der Name ist auch bei unserem Protagonisten Programm, sein Haar ist feuerrot, sein grünäugiger Blick neugierig und entlarvend. Zwischen Trailerpark und der nahezu ursprünglichen Natur der Appalachen, stolpert Demon durch sein Leben, steigt hoch und fällt noch tiefer. Wir begleiten den kreativen, aufgeweckten Jungen durch seine Kindheit und Jugend, die er erst hauptsächlich im Haus der Großeltern seines besten Freundes Maggot oder spielend im Wald hinter deren Haus verbringt, bevor er schließlich die Abgründe des US-amerikanischen Pflegesystems kennenlernt. Auf der Suche nach einem Ankommen und diesem Verbundensein, von dem immer alle reden, macht sich Demon Seite an Seite mit seinen Freunden und Feinden dieses Leben zu eigen, das von Perspektivlosigkeit, Sucht und Verlust geprägt ist. Gehalten und geliebt von einer Handvoll treuer Seelen, trotzt Demon dieser Dunkelheit mit einer Lebenskraft, die seinesgleichen sucht.
Dieses Buch ist ein wilder Ritt, dessen Umgang mit den schwersten Themen des Lebens erschüttert und gleichzeitig eine Resilienz vorführt, die Mut macht. Wer sich traut in die gut 800 Seiten abzutauchen, wird belohnt.
So forsch, so furchtlos
von Andrea Abreu
Mein Lieblingsroman des letzten Sommers, der auch heuer nichts an seiner Wucht verloren hat! Es ist heiß, erst Juni, dann Juli, August im Norden Teneriffas, weit ab von den Touristenmassen. Dort am Fuß des Vulkans versuchen zwei Mädchen die drückende und schwüle Langeweile zu bekämpfen, der sich nur jene entziehen können, die Geld und Volljährigkeit genießen. Ein großer (wenn auch schmaler) Girlhood-Roman, roh und wunderschön.
Achtzehnter Stock
von Sara Gmuer
Die Protagonistin Wanda ist Schauspielern, talentiert, schön und (noch) ohne nennenswerten Erfolg. Sie bewegt sich zwischen der vermeintlichen Tristesse der Berliner Platte und den kugelfischservierenden Nobelabsteigen der Filmelite, mal an der Hand ihrer fünfjährigen Tochter Karlie, mal an der des ihr verfallenen Filmstars. Ein Roman, der sich in all seiner Härte nach Sommer anfühlt – nach barfuß über heißen Asphalt gehen, aber auch nach der lindernden Brise, die das unvermeidliche Gewitter nach sich trägt.




