Kundenrezensionen von Kanielvörb





Die Briefträgerin
von Francesca Giannone
Francesca Giannone hat mit Die Briefträgerin einen bewegenden und gleichzeitig vielschichtigen Roman geschaffen, der weit mehr ist als nur eine historische Familiengeschichte. Im Mittelpunkt steht Anna, eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus ist und mit ihren fortschrittlichen Gedanken und ihrem selbstbewussten Auftreten im konservativen Lizzanello immer wieder für Kopfschütteln sorgt. Gerade dieser Kontrast zwischen Tradition und Veränderung macht den Roman so spannend.
Besonders gelungen fand ich die Darstellung von Emanzipation und weiblicher Selbstbestimmung. Anna widersetzt sich den klassischen Rollenbildern der 1930er-Jahre und kämpft als erste Briefträgerin ihres Dorfes um Unabhängigkeit, Anerkennung und ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen. Dabei greift die Autorin viele wichtige Themen auf: Gewalt gegen Frauen, die Stellung der Frau in der Gesellschaft, festgefahrene Rollenbilder, aber auch Globalisierung, zwischenmenschliche Beziehungen und den historischen Alltag in Italien.
Diese Themenvielfalt ist einerseits eine große Stärke des Romans, andererseits hat sie bei mir auch dazu geführt, dass manche Übergänge etwas sprunghaft wirkten. Einige Handlungsstränge und emotionale Momente wurden sehr knapp abgehandelt, während andere Szenen viel Raum bekommen haben. Gerade dadurch hatte ich manchmal das Gefühl, dass bestimmte Entwicklungen nicht die Tiefe bekommen haben, die sie eigentlich verdient hätten.
Außerdem hätte ich mir für das Buch eine Triggerwarnung gewünscht. Vor allem das Thema Fehlgeburten wird behandelt und kann bei vielen Leserinnen und Lesern starke Emotionen auslösen. Eine entsprechende Warnung wäre daher aus meiner Sicht sinnvoll gewesen.
Sprachlich ließ sich der Roman insgesamt angenehm lesen, auch wenn mir vereinzelt Grammatikfehler aufgefallen sind. Eine Szene rund um die Verkündung des Kriegsendes hat mich zudem etwas verwirrt: Erst heißt es „Morgen, er schläft sicher schon.“ und kurz darauf „Während du friedlich geschlafen hast…“. Für mich war an dieser Stelle kein klarer Zeitsprung erkennbar, weshalb die zeitliche Abfolge etwas unklar wirkte.
Die Figuren hingegen haben mir sehr gut gefallen. Anna ist eine starke und interessante Protagonistin, aber auch die anderen Charaktere werden lebendig eingeführt und verleihen der Geschichte viel Atmosphäre. Teilweise waren es mir jedoch etwas zu viele Nebenfiguren, sodass ich gelegentlich überlegen musste, wer genau welche Rolle spielt.
Trotz kleiner Schwächen ist Die Briefträgerin ein eindrucksvoller Roman über Mut, gesellschaftlichen Wandel und den Kampf einer Frau um Selbstbestimmung. Besonders Leserinnen und Leser, die historische Familiengeschichten mit starken Frauenfiguren mögen, werden hier definitiv auf ihre Kosten kommen.





Nico & Daimon - Verflammt gute Freunde
von Katja Brandis
„Nico & Daimon“ von Katja Brandis ist ein Comicroman aus dem Fischer Sauerländer Verlag mit 144 Seiten. Die Illustrationen von Falk Holzapfel sind passend zur Handlung gewählt und unterstützen die Geschichte wirkungsvoll. Inhaltlich greift das Buch Themen wie Freundschaft, Mut, Anderssein und den Umgang mit Herausforderungen auf, die kindgerecht und unterhaltsam vermittelt werden.
Die Grundidee des Buches finde ich gelungen und interessant. Auch der Schreibstil ist der angegebenen Altersempfehlung ab 10 Jahren angemessen. Allerdings wirken einige Passagen recht textlastig; an der einen oder anderen Stelle hätte ich mir zusätzliche Comicdarstellungen gewünscht. Auch erscheinen mir manche Übergänge etwas abrupt.
Zudem sind mir ein paar kleinere Unstimmigkeiten aufgefallen, bei denen ich nicht sicher bin, ob sie beabsichtigt sind oder Fehler darstellen. So wird beispielsweise der Hund der Nachbarin einmal „Voldermort“ (S. 11) mit „r“ und später „Voldemort – der Rottweiler“ (S. 12) ohne „r“ geschrieben.
Des Weiteren werden die Augen des Drachen Daimon auf den Seiten 22 und 54 ohne Pupillen dargestellt, während sie ansonsten mit Pupillen gezeichnet sind.
Da es sich um einen Serienauftakt handelt, hätte ich das Ende offener gestaltet und mit einer entsprechenden Illustration die Neugier auf Band 2 angeheizt.
Fazit: Insgesamt ist ‚Nico & Daimon‘ ein unterhaltsamer und ideenreicher Comicroman, der vor allem durch seine spannende Grundidee und die gelungenen Illustrationen überzeugt. Das Buch ist in meinen Augen eine empfehlenswerte Lektüre für junge Leserinnen und Leser.





Flora Brimble und der verlorene Frühling
von Marcus Raffel
Der Roman „Flora Brimble und der verlorene Frühling“ von Marcus Raffel ist ein märchenhaftes und zugleich sehr philosophisches Buch, das immer wieder zum Nachdenken anregt. Die Handlung ist in drei Teile gegliedert, in denen unterschiedliche Hauptprotagonisten im Mittelpunkt stehen. Das Cover des Buches und der Farbschnitt gefallen mir sehr sehr gut, da mich die Darstellung von Flora an Wednesday erinnert.
Inhaltlich greift das Buch große Themen wie Freundschaft, Hoffnung und Mut auf. Diese werden nicht nur durch die Handlung, sondern auch durch zahlreiche nachdenkliche Passagen vermittelt. Besonders hervorzuheben sind die sprachlichen Bilder, die der Autor verwendet: Sie verleihen der Geschichte eine poetische Atmosphäre und machen viele Szenen sehr anschaulich.
Begleitet werden die Figuren von fabelhaften Nebencharakteren, darunter das Eichhörnchen Parzival und der Kobold Grisold. Parzival ist eine humorvolle Figur, die im Nachhinein stets behauptet, alles bereits gekonnt zu haben. Grisold wiederum besitzt die besondere Eigenschaft, dass sich seine Kleidung automatisch den Orten anpasst, an denen er sich befindet. Diese Idee ist zunächst sehr charmant und originell gedacht. Mit der Zeit wirkt sie jedoch etwas eintönig, da der wiederholte Kleiderwechsel des Kobolds keinen tieferen erzählerischen Nutzen entfaltet.
Neben den inhaltlichen und bildsprachlichen Stärken sind mir aber auch vereinzelte Rechtschreibfehler aufgefallen, beispielsweise auf Seite 298 („Scheller“ statt „Schneller“). Auch wird auf Seite 163 mit der Formulierung „…die sich grade gar nicht heldenhaft vorkamen…“ Umgangssprache verwendet, was im Kontext des sonst eher poetischen Stils etwas herausfällt.
Darüber hinaus empfand ich das Buch in manchen Abschnitten als recht langatmig. Gerade die philosophischen Passagen verlangen eine gewisse Aufnahmebereitschaft und wirken nur dann wirklich eindrucksvoll, wenn man sich in der passenden Stimmung befindet.
Insgesamt bietet „Flora Brimble und der verlorene Frühling“ viele schöne Ideen, starke Bilder und nachdenkliche Botschaften, weist jedoch auch einige Längen und kleinere formale Schwächen auf. Daher vergebe ich insgesamt 3 von 5 Sternen.


