Kundenrezensionen von timothy1971





In den Farben des Dunkels
von Whitaker Chris
Zu Beginn verliert der Autor nicht viel Zeit und man ist sehr schnell mitten im Geschehen. Der 13-jährige Joseph, von allen nur Patch genannt, beobachtet durch Zufall wie ein Unbekannter versucht eine Mitschülerin zu entführen. Er rettet diese, wird dafür jedoch selbst entführt und muss längere Zeit in einem dunklen Raum verbringen, wobei er viele intensive und tiefsinnige Gespräche mit einem Mädchen, das sich Grace nennt, führt. Als er schließlich aus seinem Gefängnis befreit wird, ist Grace verschwunden - niemand glaubt ihm so richtig, dass sie real ist und nicht nur in seinen Gedanken existiert. Nach diesem rasanten und insgesamt recht knappen Einstieg beginnt die eigentliche Handlung, die sich über fast drei Jahrzehnte zieht.
Die kurzen, teilweise nur eine knappe Seite langen Kapitel lassen sich zwar gut lesen, allerdings bleiben dadurch die Charaktere auch etwas eindimensional. Andererseits hat das Buch zu viele Längen und einige Wendungen zu viel, die dann jedoch recht kurz geschildert werden, so dass der Eindruck entsteht der Autor wollte jeden Gedanken, der ihm kam, unbedingt irgendwie unterbringen und möglichst viele Klischees bedienen. Hier wäre weniger mehr gewesen.
Einiges hat mich zudem an die beiden Vorgängerwerke „Von hier bis zum Anfang“ und „Was auf das Ende folgt“ erinnert, so dass es mir manchmal so vorkam, als hätte Whitaker die gleichen Grundzutaten irgendwie neu zusammen gemischt – z.B. einen jugendlichen Underdog mit einer kranken, überforderten Mutter, einen Polizisten, der ein gut gehütetes Geheimnis mit sich trägt und einen zu Unrecht Verurteilten, der sein Schicksal schweigend auf sich nimmt, um andere zu schützen.
An manchen Stellen gelingt es Chris Whitaker zwar äußerst gut die Emotionen der Protagonisten zu beschreiben, aber dann wirkt vieles wieder sehr hölzern und aufgesetzt. Dadurch hat mich das Buch irgendwann nicht mehr mitgenommen und mein Interesse ist im Laufe der knapp 600 Seiten merklich abgeflacht. Am Ende wollte ich nur noch wissen wie es ausgeht.
Ich hatte mir mehr versprochen und nachdem mich auch Chris Whitakers drittes Werk trotz vieler Vorschusslorbeeren nicht wirklich überzeugen konnte, wird es wohl das letzte Buch von ihm gewesen sein, dass ich gelesen habe.





Die Unvollkommenheit des Glücks
von Bagus Clara Maria
Ich war schon von Clara Maria Bagus‘ vorigem Buch „Die Farbe von Glück“ sehr begeistert, aber mit ihrem neuen Werk „Die Unvollkommenheit des Glücks“ hat sie sich noch einmal übertroffen und ein literarisches Meisterwerk geschaffen, dass lange nachhallen wird. In einer sehr feinen, gefühlvollen Sprache erzählt sie nicht nur die Lebensgeschichten von Ana und Lew, deren Wege sich vor längerer Zeit nur einmal sehr kurz gekreuzt haben, ehe das Schicksal sie vermeintlich unüberwindbar trennt, sondern sie schildert sehr tiefsinnig auch die Schrecken des Krieges - sowohl das moralische Dilemma der Soldaten an der Front als auch das unvorstellbare Leid der Bevölkerung eines überfallenen und immer mehr zerstörten Landes. Ohne dass der Schauplatz und der Aggressor nur ein einziges Mal direkt genannt werden, ist ziemlich schnell klar, dass es sich um den Krieg in der Ukraine handeln muss. In kurzen, sehr ausgefeilten Artikeln schafft es Bagus auf etwas mehr als 400 Seiten eine Lebens- und Liebesgeschichte, eine Anklage an Krieg und Diktatur und immer wieder eingestreute philosophische Exkurse über den Sinn des Lebens und die Bedeutung von Schicksal und Glück derart perfekt zu verknüpfen, dass am Ende alles gesagt, aber kein einziges Wort zu viel ist. Schon lange hat mich kein Buch emotional so sehr in seinen Bann gezogen wie dieses mit all seinen Facetten.

