Kundenrezensionen von alekto





Die geheime Gesellschaft
von Sarah Penner
Zum Inhalt: Wenige Monate nach dem Tod ihrer Schwester Evie ist Lenna von London nach Paris gereist, um das berühmte Medium Vaudeline D'Allaire, das auf die Aufklärung von Verbrechen spezialisiert ist, um Hilfe zu bitten. Obwohl Lenna weder an Geister noch an eine greifbare Wirkung von Seancen glaubt, möchte sie nichts unversucht lassen, mit Evie in Kontakt zu treten, um den Namen ihres Mörders zu erfahren. Denn der Polizei ist es nicht gelungen, Fortschritte in Evies Fall zu erzielen, in den sie nur wenig Aufwand investiert hat, so dass ihr Mörder noch auf freiem Fuß ist. So wurde Lenna zu Evies Gehilfin, um die Kunst der Seance von ihr zu erlernen. Doch bereits die erste Seance, der Lenna beiwohnt und die von Vaudeline in einem verlassenen Chateau für ein Ehepaar abgehalten wird, dessen Tochter von ihnen gegangen ist, nimmt eine gänzlich unerwartete Wendung.
Zur Charakterisierung von Hauptfigur Lenna Wickes und der Beziehung zu ihrer Schwester Evie
An Geschwistern hatte Lenna nur ihre verstorbene Schwester Evie. Beide haben tagsüber in dem kleinen Hotel, das ihre Eltern in London besitzen, ausgeholfen, um sich in der darüber hinaus verbleibenden Zeit ihren Leidenschaften zu widmen. Dabei ist Lenna, die ausschließlich an das glaubt, was sie sehen und anfassen kann, über den Bruder ihrer Freundin Eloise an Fossilien herangeführt worden. Ihre Begeisterung dafür, die in der Sammlung und Untersuchung von Steinen aller Art besteht, ist durch ein Geschenk von Stephen in Gestalt eines Bernsteins in ihr geweckt worden, mit dem er eigentlich um Lenna werben wollte.
Evie ist da ganz anders als ihre Schwester. Das beschränkt sich nicht nur auf ihre äußere Erscheinung, die im Gegensatz zur feminin geratenen Lenna eher burschikos ausgefallen ist, und ihren Charakter, indem Evie sich wenig um Konventionen schert und Regeln nur dann einhält, wenn ihr das beliebt, sondern bezieht sich darüber hinaus auf deren Interessen. Denn Evie hegt eine Leidenschaft für das Okkulte, dem sie sich mit Hingabe in ihren Studien gewidmet hat. Auch ist sie überzeugt davon gewesen, übersinnliche Fähigkeiten und insbesondere eine Begabung als Medium zu besitzen. Diese Unterschiede haben dadurch bedingte MIssverständnisse nach sich gezogen und mehr als nur einen Streit zwischen den ungleichen Schwestern, die sich im Hotel ihrer Eltern ein Zimmer geteilt haben, provoziert. Nach dem Tod von Evie leidet Lenna darunter, dass sie sich nach deren letzten Wortgefecht nicht mehr bei ihr entschuldigen konnte. Und da Lenna einige Jahre zuvor bereits den Verlust ihrer geliebten Freundin Eloise zu verkraften hatte, ist ihr Leben davon geprägt, was sie zum Medium Vaudeline geführt hat, die eine ehemalige Lehrmeisterin von Evie ist.
Zum übersinnlichen, um Geister und Seancen kreisenden Kern dieses Romans
In passender Weise zum thematischen Schwerpunkt, den Sarah Penner für ihren Roman gewählt hat, wird dieser von einer Übersicht über die sieben Phasen einer Seance eingeleitet. Diese beginnen mit einer Teufelsinkantation und einer Invokation, auf die Isolation und Invitation folgen, um über Trance und Denouement mit der Termination
abzuschließen. Ergänzt wird das von zusätzlichen Ausführungen, die unter anderem Hinweise und Risiken mit einschließen, die im Zuge einer Seance zu beachten sind, um sich selbst und deren übrige Teilnehmer zu schützen. Diese Inhalte werden Lenna im Rahmen ihrer Ausbildung von ihrer Lehrmeisterin Vaudeline vermittelt. Darüber hinaus werden verschiedene Arten von Seancen unterschieden und damit einhergehende Punkte erläutert, was etwa anhand von Beispielen erfolgende Ausführungen zum automatischen Schreiben umfasst.
Dabei gelingt es Sarah Penner auch dank der Perspektive der skeptischen Lenna, die nicht an Geister glaubt, die Balance zu wahren. Denn beide Seiten werden dadurch beleuchtet, dass Lenna in sich gespalten ist, weil sie sich die Existenz von Geistern sehnlichst wünscht, um Evies Mörder überführen zu können. In stimmiger Weise wird dieser in Lenna herrschende Konflikt von Erklärungen in Bezug auf Methoden ergänzt, die bevorzugt bei Scharlatanen unter den Spiritisten zum Einsatz kommen, wenn diese ihre Kunden hinters Licht führen. Dazu zählen beispielsweise lumineszentes Phosphoröl oder die doppelte Belichtung, die auf Fotografien geisterhafte Erscheinungen zum Leben erwecken kann.
So ist meiner Ansicht nach zumindest ein grundlegendes Interesse an der Thematik des Okkulten wie beispielsweise dem detaillierten Ablauf einer Seance erforderlich, um gerade die erste Hälfte dieses Romans genießen zu können, dessen Schwerpunkt darauf liegt. Andernfalls könnte dessen Beginn recht zäh ausfallen. Denn auch mit der titelgebenden “geheimen Gesellschaft” ist die Londoner Séance Society gemeint, die einen exklusiven Herrenclub darstellt. Dessen Mitglieder verfügen über übersinnliche Fähigkeiten, die sie bevorzugt der Londoner Upper Class, in deren Kreisen sie verkehren, gegen ein entsprechendes Honorar anbieten.
Zur in diesen Roman integrierten Crime-Handlung
Zu Beginn lag mir der Fokus “Der geheimen Gesellschaft” zu wenig auf den dann bereits angeführten Todesfällen, da Sarah Penner sich mehr auf ihre okkulte Thematik und das damit einhergehende Drama, das im Verlust eines geliebten Menschen begründet liegt, fokussiert hat statt sich auf die eigentliche Aufklärung der Morde zu konzentrieren. Diese hätten jedoch von Anfang an dadurch stärker in die Handlung integriert werden können, dass schon zu diesem Zeitpunkt unter anderem auf die bereits von Vaudeline gelösten spektakulären Fälle eingegangen worden wäre, die in der vorliegenden Form nur als Tatsache am Rande erwähnt werden, um den Fortgang der Handlung zu erklären. In dieser frühen Phase hätte dem Roman gut getan, wenn die Autorin dem Verbrechen als solches, das etwa Anlass für die erste Seance ist, an der Lenna in Paris teilnimmt, mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Erst im weiteren Verlauf nimmt “Die geheime Gesellschaft” dann Fahrt auf, wenn die Aufklärung des Mordes an Lennas Schwester Evie mehr in den Mittelpunkt der Handlung rückt.
Mein Fazit
Für "Die geheime Gesellschaft" hat Sarah Penner eine ungewöhnliche Kombination gefunden, da sie sich einer okkulten Thematik widmet, die um Geister und Seancen kreist. Ergänzt wird das von einer in diesem Kontext angesiedelten Crime Handlung, deren darin begründetes Drama in historischem Setting mit übersinnlich angehauchten Touch diesem Roman erst Intensität verleiht, bevor die Handlung in seinem weiteren Verlauf an Fahrt aufnimmt. Dabei fügen sich dessen so unterschiedliche Komponenten, die für meinen
Geschmack nicht in der vorliegenden Form hätten gewichtet sein müssen, wenn es gerade zu Beginn vielleicht ein bisschen weniger Soap Opera hätte sein können, zu einem erstaunlich harmonischen Ganzen. Besonders überzeugt hat mich die Autorin mit der detaillierten Ausarbeitung der im Kern ihres Romans behandelten Thematik rund um Seancen und mehr, mit der sie auch persönliche Erfahrung zu haben scheint, wie die persönlich ausfallende Widmung "Der geheimen Gesellschaft" bereits angedeutet hat.





Stille Falle
von Anders de la Motte
Zum Inhalt: Die junge Smilla und ihr Freund Malik Mansur, genannt MM, planen ein besonderes Abenteuer, bevor sie für ihr Studium nach Paris zurückkehren wird. Die beiden interessieren sich für Urban Exploration und lassen sich so von der Aussicht auf einen Höhlenregen, bei dem sich Feuchtigkeit unterirdisch in derart hohem Maße sammelt, dass diese wie Regentropfen nach oben steigt, in einen lange vergessenen Bunker locken. Denn dieser stellt ein extrem seltenes Phänomen dar. Doch in der alten Bunkeranlage wartet nicht nur der erhoffte Höhlenregen auf sie, sondern auch das Grauen.
Zur Charakterisierung von Leo Asker als ungewöhnlicher Heldin und Hauptfigur
“Stille Falle” ist der erste Fall für Kriminalinspektorin Leonore Asker, die Gruppenleiterin in der Abteilung für Kapitaldelikte ist. Als solche übernimmt sie die Ermittlung im Fall des Verschwindens von Smilla und Malik, bis ihr diese durch eine Intrige ihres ehemaligen Vorgesetzten und ihrer Mutter aus der Hand gerissen wird, als sie in die Abteilung für hoffnungslose Fälle und verlorene Seelen zwangsversetzt wird. Deren Arbeitsräume sind in einem unteren Stockwerk gelegen, von dessen Existenz Asker zuvor nicht einmal etwas geahnt hat. In diesem Kriminalroman, der kunstfertig aus unterschiedlichen Perspektiven auf mehr als einer Zeitebene erzählt wird, die sowohl in der Gegenwart als auch der Vergangenheit angesiedelt sind, ist Hauptfigur Leo das Highlight. Ihr Äußeres besticht durch ihre zweifarbigen Augen, mit deren ungewohnten Blick sie jeden Kontrahenten niederstarren kann. Geprägt wurde sie jedoch durch ihre besondere Jugend, in der ihr in hartem Training eine Vielzahl einzigartiger Fähigkeiten angeeignet wurden.
Zur Bandbreite der Nebenfiguren und deren Gewichtung im Roman
Im Vergleich zu Asker fallen die anderen wesentlichen Figuren dieses Kriminalromans deutlich blasser aus, obgleich es Anders de la Motte gelingt, auch deren Gedankengänge glaubwürdig zu vermitteln und damit deren Handlungen nachvollziehbar werden zu lassen. So hätte ich mir gewünscht, dass der Autor sich mehr auf Leo konzentriert hätte und damit die in “Stille Falle” erzählte Geschichte primär aus ihrer Perspektive wiedergegeben hätte. Statt etwa Askers Jugendfreund und Urban Exploration Experte Martin Hill derart viel Raum zu geben, hätten zusätzliche Sichtweisen von Nebenfiguren eingebunden werden können. Dafür hätten sich beispielsweise die Mitglieder von Askers neuem Team in der Abteilung für hoffnungslose Fälle oder auch sein ehemaliger Leiter, dessen Stelle von Leo übernommen worden ist, angeboten. Denn De la Motte besitzt ein Talent, wenn es um die Charakterisierung von schrägen oder zumindest speziell zu nennenden Figuren geht, die er in seiner aufmerksamen Beschreibung nie zur Karikatur verkommen lässt. Das hat der Autor etwa bereits in seiner Österlen-Reihe, in der Peter Vinston im ländlichen Schweden Morde aufklärt, unter Beweis gestellt. Erstaunlicherweise kommt dies jedoch in der düster gehaltenen “Stillen Falle” besser zur Geltung als in der genannten Cozy Crime-Reihe.
Ungewöhnliche Themen von Urban Exploration bis hin zu einem Miniatur Wunderland
Die Abgründe, die sich in diesem Kriminalroman auftun, liegen in der Schilderung von Askers traumatischer Kindheit und den Kapiteln, die die Sichtweise des Täters, der sich selbst “Der Troll” nennt, wiedergeben und die seine Entwicklung beginnend in seiner Kindheit verfolgen, begründet. Darüber hinaus ist die Gegenwart von der fieberhaften Suche nach der aus wohlhabenden Verhältnissen stammenden Smilla geprägt. Diese reichert De la Motte in passender Weise um ungewöhnliche Themen an. Dabei bildet neben der Modelleisenbahn Landschaft, die vom Verein in jahrzehntelanger Arbeit gebaut wurde und damit beeindruckende Maße abnimmt, die Erforschung von Lost Places einen thematischen Schwerpunkt. Doch sogar da gelingt es dem Autor, dieser märchenhaften Heile-Welt-Szenerie, die an das real existierende Miniatur Wunderland in Hamburg erinnert, einen unheimlichen Touch zu geben.
Mein Fazit
Dieser Kriminalroman, der es auf mehr als fünfhundert Seiten bringt, hatte zwar keine Längen für mich. Weil teilweise durch die Beschreibung unterschiedlicher Blickwinkel oder auch der Schilderung von Vergangenheit und Gegenwart Punkte doppelt wiedergegeben wurden, wie etwa die Enthüllung einer von Askers besonderen Fähigkeiten, die sie durch ihr hartes, ungewöhnliches Training entwickelt hat, hat das nur beim erstmaligen Erzählen für einen Überraschungsmoment bei mir gesorgt, der beim zweiten Mal nicht mehr vorhanden gewesen ist. Da hätte es meiner Ansicht nach ausgereicht dies nur einmalig zu beschreiben, um stattdessen zum Schluss hin zumindest ein längeres Kapitel aus Sicht eines unerwarteten Täters einzuschieben, das in der Gegenwart oder jüngeren Vergangenheit angesiedelt ist, um dessen Entscheidungen im Speziellen und Verhalten im Allgemeinen nachvollziehbarer werden zu lassen.





Der flüsternde Abgrund
von Veronica Lando
Callum Haffenden kehrt nach dreißig Jahren nach Granite Creek zurück, um sich dem Suchtrupp anzuschließen, der von seinem alten Freund Eddy Quade geleitet wird, der ebenfalls kürzlich als Polizist in den Ort zurückgekommen ist. Mit Unterstützung von zahllosen Freiwilligen durchkämmen sie das Dickicht, da Lachie spurlos verschwunden ist, als er allein campen war. Dabei fürchten sie nur das sich verschlechternde Wetter, das die Suche erschwert, und den aufziehenden Wirbelsturm, bis der über dem Gebiet kreisende Helikopter zufällig einen grausamen Fund macht.
Veronica Lando hat mit Callum Haffenden einen ebenso interessanten wie kaputten Protagonisten für ihren Roman ersonnen, in dessen Leben die Probleme längst überhand genommen haben. Seine fünfzehnjährige Tochter Milly, um deren Erziehung er sich mit Hilfe seiner Eltern bemüht, spricht nicht mehr mit ihm, weil sie ihn nicht auf die Reise in seine alte Heimat begleiten durfte. Hartnäckig weigert sie sich, auf seine Nachrichten zu antworten. Seine Karriere als Journalist befindet sich nach einer erfolgreichen Phase längst auf dem Abstellgleis. Und körperlich eingeschränkt - wie er ist - fällt es ihm schwer, nur wenige Meter durch den Regenwald zu humpeln, ohne in den vom Regen aufgeweichten Boden zu versinken. Was Callum von so vielen anderen kaputten Hauptfiguren in Kriminal- wie Thriller-Romanen unterscheidet, ist seine Leidenschaft für Vögel. So wird jede Szene, in der Lando ihren Protagonisten auf den Regenwald treffen lässt, zum Erlebnis, indem er stets die Vögel zu bestimmen weiß, die ihm dort begegnen. Beispiele dafür sind der Säulengärtner (Amblyornis newtonianus) oder auch der Blaukappen-Paradiesliest (Tanysiptera sylvia).
“Der flüsternde Abgrund” ist ein ruhig erzählter Roman, der über weite Strecken mehr Drama als Thriller ist. Nicht nur Callum hat in seinem Leben zu kämpfen, auch sein Freund Eddy hat es schwer. Der ist nach langer Abwesenheit erst vor wenigen Tagen wieder in Granite Creek eingetroffen, indem er sich nun um seinen Vater kümmern muss, der nach dem Tod seiner Frau niemanden mehr hat. Damit ist Eddy nun der Polizist im Ort. Das ist der Job, den Callums Vater Jahrzehnte zuvor innehatte. Zudem wird Callum nicht von jedem mit so offenen Armen in Granite Creek empfangen wie von Eddy, der sich trotz der widrigen Umstände über das Wiedersehen mit Callum freut. Allen voran ist es Brett Wyatt, der in der Stadt so viel zu sagen hat wie eh und je, der Callum nicht dort haben will. Denn das Verhältnis von Brett und Callum, das in der Vergangenheit von ihrer Rivalität um Pip geprägt gewesen ist, wird nach wie vor von der in ihrer Schulzeit vorherrschenden Antipathie dominiert, die sogar über das Verschwinden von Bretts Sohn Lachie nicht in den Hintergrund tritt.
Einen besonderen Touch erhält “Der flüsternde Abgrund” durch die ungewöhnliche Weise, mit der Veronica Lando mit ihrem Schauplatz arbeitet, wenn sie den Regenwald in jeder Szene, die dort spielt, in dessen Mittelpunkt stellt. Dadurch sind für mich im ersten Drittel dieses Romans alle Kapitel, die als Kulisse den Regenwald haben, zum Highlight geworden. Denn der wird in der Beschreibung der Autorin zum undurchdringlichen Dickicht, wenn kaum Sonnenlicht den Boden zu erreichen vermag und indem sich schon nach wenigen Metern abseits vom Weg die Orientierung verlieren lässt. Bei Lando wird damit der Regenwald selbst zur Schauerkulisse, die an eine düstere Variante eines Grimmschen Märchens erinnert, bei dem Kinder im Wald verschwinden, dessen überwucherte Wege durch Glöckchen anstelle von Brotkrumen markiert sind. In Kombination mit den wiederholt tot aufgefundenen Vögeln, die Callums Weg kreuzen, wird im "Flüsternden Abgrund” eine intensive ungute Stimmung erzeugt, die von Beginn an Schlimmes befürchten lässt. In passender Weise reichert Lando ihren Thriller um Mystery-Elemente an, wenn etwa von Anfang an vom Flüstern die Rede ist, das sich in der Nähe der Boulders hören lässt. Die stellen einen Abgrund dar, wo der Regenwald auf eine Geröll Landschaft trifft. Diese ist von Felsen geprägt, die aussehen, als ob Riesen dort Murmeln gespielt hätten und sie dann einfach liegen gelassen und vergessen hätten. Das Wispern, das sich dort vernehmen lässt, kann auf rationale Weise als Wind, der sich in den Felsspalten bricht, erklärt werden. Und doch scheint es einen in den Abgrund locken zu wollen.
In ihrem Thriller spielt Lando von Beginn an mit der Frage, ob übernatürliche Mächte wie beispielsweise ein mysteriöses Flüstern am Werk sind, oder ob nicht doch von Menschen verübte Taten für die Geheimnisse, die so beharrlich in Granite Creek unter den Teppich gekehrt werden, verantwortlich sind. Einerseits ist es der Autorin dabei gelungen, die Beantwortung dieser Frage lange in der Schwebe zu halten. Andererseits hat sie mich mit der Beschreibung einer eingeschworenen Gemeinschaft im Ort überzeugt, in der jeder dem anderen regelmäßig über den Weg läuft und keiner dem anderen unbekannt ist. Städter, wenn sie sich nach Granite Creek verirren, werden stets außen vor gelassen. Das gilt insbesondere für die Reporter und Journalisten, die über das Verschwinden von Lachie Bericht erstattet haben. Wieder dorthin Zurückgekehrte wie Callum oder sein Freund Eddy werden wenig besser behandelt, wenn sie über die Ereignisse, die sich in ihrer Abwesenheit zugetragen haben, im Unklaren gelassen werden.
So dauert es eine ganze Weile, bis die Handlung im “Flüsternden Abgrund” dann endlich in die Gänge kommt, wenn Callum an der Seite von Eddy realisiert, dass die übermäßige Häufigkeit der in Granite Creek im Regenwald Verschwundenen oder Verunglückten sich nicht allein auf tragische Unfälle zurückführen oder durch Selbstmorde erklären lässt. Trotz seiner ruhigen Erzählweise mangelt es dem Roman nicht an Intensität, da teilweise Spannung aus den darin wiedergegebenen Dramen erzeugt wird. In seinem weiteren Verlauf konzentriert sich der Thriller dann aber mehr auf die Beantwortung der zu Beginn aufgeworfenen Fragen, wenn Lando den so lang in Granite Creek begrabenen und tot geschwiegenen Geheimnissen, die auch Callums Leben geprägt haben, auf den Grund geht.





Die mörderischen Cunninghams. Irgendwen haben wir doch alle auf dem Gewissen
von Benjamin Stevenson
Ernest, genannt Ernie Cunningham, hat sich nach einer keinen Widerspruch duldenden Einladung seiner Tante Katherine dazu entschieden, am ersten Familientreffen seit Jahren teilzunehmen. Das findet in einem abseits gelegenen Ski Resort statt, bei dem sich schon die Anreise als kleines Wagnis gestaltet, da Ernie vergessen hat, seinen Wagen mit Schneeketten auszustatten. Die Familie bereitet ihm einen zum Wetter passenden eisigen Empfang: Ignoriert von der Tante, mit Schweigen gestraft von seiner Mutter Audrey, scheint sich nur seine Stiefschwester Sofia zu freuen, ihn zu sehen. Jedes Beieinandersein der Familie artet schon nach fünf Minuten in Streit aus, wovor sie auch in der Öffentlichkeit nicht zurückschrecken oder aber über den Fund einer im Schnee entdeckten Leiche. Doch ist der Unbekannte tatsächlich einem tragischen Unglück zum Opfer gefallen, wie vom Dorfpolizisten Crawford vermutet, oder ist das ein eiskalter Mord gewesen?
Die Familie Cunningham ist speziell und ebenso auch dieser Krimi von Benjamin Stevenson, dem sie den Titel geben. Das beginnt bei den vorangestellten zehn Geboten des Detektivromans, die vom Priester und Satiriker Ronald Knox in 1929 verfasst worden sind und die vom Autor konsequent in seinen Roman eingebaut werden. Das gibt diesem Krimi eine besondere Meta-Meta-Ebene, die mich weniger an die in “30 Tage Dunkelheit” von Jenny Lund Madsen gewählte Meta-Ebene erinnert hat, bei der eine Schriftstellerin in einem Todesfall ermittelt und diesen gleichzeitig in dem fiktiven Kriminalroman verarbeitet, an dem sie gerade schreibt, sondern trotz des anderen Genres eher an den Film Scream. So hätte “Den mörderischen Cunninghams” eine stärkere Orientierung am Film Scream gut getan, um mehr aus der originellen Ausgangsprämisse herauszuholen, die diesem Meta-Krimi zugrunde liegt, indem zudem der Leser wiederholt direkt angesprochen wird. Dafür hätte sich die darin erzählte Geschichte und insbesondere deren Todesfälle meiner Ansicht nach angeboten, um ähnlich wie im Film Scream im einen Moment noch wie eine Satire zu wirken, um im nächsten bitteren, blutigen Ernst zu machen, wenn einem dann dabei das Lachen im Hals stecken bleibt.
An sich mag ich schräge Figuren samt eigenwilliger Dynamik in ihren Beziehungen untereinander recht gerne. Insofern haben mich zunächst die Beschreibung von Tante Katherine und von anderen Mitgliedern der Familie von Ernie angesprochen. Dabei liebt Katherine ihre Tabellen, die sie leidenschaftlich etwa bei der Organisation von Familientreffen einsetzt, sie hasst Unpünktlichkeit, weil das ihren präzise geplanten Ablauf durcheinanderbringt, und schreibt vorzugsweise E-Mails mit Betreff “Re: siehe meine vorherige Mail”. Ihr in die Familie eingeheirateter Mann Andy beschränkt sich darauf, ihr stets zuzustimmen und heimlich mal ein Bier zu kippen, da seine Frau seit ihrer Verletzung strikte Abstinenzlerin ist. Indem die Figuren derart eindimensional charakterisiert sind, wirken sie eher wie Karikaturen und ihre schon mal eher unfreiwillig anmutende Komik nutzt sich etwa im Fall von Andy sehr rasch ab. Da hätte es mir besser gefallen, wenn Benjamin Stevenson seinen Figuren weitere Facetten zugestanden hätte. Vielleicht hätte sich darüber hinaus angeboten, einzelne Kapitel nicht nur aus Sicht von Ernie, sondern der weiterer Familienmitglieder wie beispielsweise von Andy wiederzugeben, um diesem Mann, der nach außen hin immer nur das sagt und tut, was seine Frau für gut erachtet, von Beginn an eigene Gedankengänge zuzugestehen, die damit auch dem Leser bekannt wären.
Eine Stärke der mörderischen Cunninghams sind die spannenden, abwechslungsreich gehaltenen Hintergrundgeschichten, die Benjamin Stevenson sich für die einzelnen Familienmitglieder ausgedacht hat, was beispielsweise Ernies Vater und großen Bruder mit einschließt. Diese werden allesamt aus Ernies Sicht wiedergegeben, der dazu verschiedene Vermutungen anzustellen hat oder eher als passiver Beobachter mit dabei gewesen ist. An dieser Stelle hätte sich vielleicht eher angeboten, die relevanten Ereignisse aus Sicht des jeweiligen Familienmitglieds zu schildern, statt dafür die Perspektive von Ernie zu wählen, so dass ich diese dabei zugleich besser hätte kennenlernen können. Auch das vom Autor gewählte Konstrukt, indem er bei der Anreise zum Familientreffen beginnt, um dann nach und nach wiederholt vergangene Ereignisse einzuschieben, hat dessen Erzählweise eher unübersichtlich gestaltet statt dadurch für die großen Überraschungsmomente zu sorgen, die durch diese verschachtelte Erzählweise und spätere Enthüllungen wohl angedacht gewesen sind. Auch hat es auf diese Weise sehr lange gedauert, bis die Handlung um die im Skiresort gefundene Leiche in die Gänge gekommen ist. Da hätte ich eine chronologische Erzählweise als passender empfunden, die zumindest teilweise erst wesentliche Ereignisse aus der Vergangenheit von Ernies Familie abgehandelt hätte, um sich im Anschluss daran der Gegenwart zu widmen, die dann gestraffter hätte erzählt werden können.
Das hätte den Vorteil mit sich gebracht, dass Stevenson bei der Wiedergabe der Vergangenheit seinen besonderen Schauplatz Australien mehr in den Vordergrund hätte stellen können. Auch wenn mir an sich Kriminalromane gut gefallen, die an einem abgelegenen Ort spielen, an dem sich nur eine begrenzte Zahl an Personen aufhält, ist ein abseits gelegenes Skiresort eine recht beliebige Location, die sich ebenso in Europa hätte wiederfinden können. Zu Beginn “Der mörderischen Cunninghams”, wenn der Autor einen für die späteren Ereignisse wichtigen Abend zwischen Ernie und seinem großen Bruder schildert, zeigen sich jedoch die Besonderheiten des Schauplatzes Australien, wenn Ernie erst befürchtet, sein Bruder habe ein Känguru angefahren, um dann auf einer von Spinnweben überzogenen Lichtung, die an Schnee erinnern, im Wald zu enden. Davon hätte ich mir mehr gewünscht. Ebenso wie von den atmosphärischen Beschreibungen, die zu den Stärken von Stevenson zählen und die nicht nur bei der eben erwähnten Lichtung zum Tragen gekommen sind, sondern etwa auch in der Schilderung der beeindruckenden Aussicht von den Chalets im Skiresort oder der eisigen Temperaturen, die dort vorherrschen, so dass mir die Kälte beim Lesen ab und an fast in die Knochen gekrochen ist.





Atalanta
von Jennifer Saint
König Iasos von Arkadien, der Vater von Atalanta, lässt sie im Wald aussetzen, da er sich als Kind einen Sohn und damit Erben, nicht aber eine Tochter gewünscht hat. Das Baby stirbt jedoch nicht, wie vom König angedacht, sondern wird von einer Bärin gesäugt, die sich seiner ebenso wie ihrer Jungen annimmt, mit denen Atalanta gemeinsam groß wird. Als die Zeit gekommen ist und die Bärenmutter ihre Jungen verstößt, wandert auch Atalanta allein und ziellos durch den Wald, nachdem sie die einzige Mutter, die sie je kannte, verloren hat. Doch wieder hat das Mädchen Glück im Unglück, da sie auf Artemis, die Göttin der Jagd, trifft, unter deren Schutz sie fortan steht.
Obgleich Atalanta königlichen Geblüts ist, wächst sie nicht als hochwohlgeborene Prinzessin auf, sondern lebt in den Tiefen des Waldes, in die sich nur selten ein Mensch verirrt. Zunächst erachtet sie die Bärenjungen als ihre Geschwister, mit denen sie aneinander gekuschelt in der Nacht schläft und tagsüber spielt, aber bereits auch zu kämpfen lernt, und deren Mutter als ihre eigene, indem sie nichts anderes kennt. Nachdem sie ihre Bärenfamilie verloren hat, lebt sie an der Seite der Göttin Artemis, umgeben von deren Nymphen, in ihrem heiligen Hain. So wird Atalanta fernab von jeglicher menschlichen Zivilisation groß, so dass sie nicht um ihre Gepflogenheiten weiß Auch hat sie nie ein Dorf oder gar eine Stadt gesehen. Sie kennt nur den Wald, wo sie gelernt hat, sich selbst zu versorgen und zu schützen. Auch ist sie abgesehen von ihrem Bogen und den dazugehörigen Pfeilen sowie der Tunika, die sie am Leib trägt, und einiger gegerbter Tierfelle nicht mit materiellem Besitz belastet.
Atalanta ist auf eine Art und Weise stark, wie es nur selten Frauen in der griechischen Mythologie zugestanden wird. Denn sie ist absolut autark, da sie in der Lage ist, sich ganz auf sich allein gestellt nur mit dem, was der Wald zu geben hat, selbst zu versorgen. In der Wildheit der Natur erlebt sie eine Form von Freiheit fernab gesellschaftlicher Zwänge, wie sie sonst nie der Tochter eines Königs zugestanden worden wäre. Atalante und die Nymphen bilden eine Art von Prepper-Gemeinschaft, die jedoch ausschließlich aus Frauen besteht und das in Zeiten des mythischen Griechenlands. Aus dieser bereits in der Vorlage derart stark angelegten Figur der Atalanta hätte Jennifer Saint weit mehr herausholen müssen, verschenkt dabei aber Potential. Denn gerade mit den besonderen Eigenschaften, die Atalanta schon als Mädchen auszeichnen, wenn sie schneller und ausdauernder als die Nymphen laufen kann und ein besonderes Talent für die Jagd zeigt, tut sich die Autorin schwer.
Da hätte ich mir gewünscht, dass Saint den Mut besessen hätte, eine derart andere Frauengestalt, die jenseits typisch femininer Charakterzüge erst allein durch Autarkie und Unabhängigkeit, Stärke und Kampfgeist geprägt ist, konsequent in diesen Eigenschaften zu schildern. Stattdessen hat die Autorin Atalanta dabei oft zögerlich oder ein wenig unsicher erscheinen lassen, wenn sie selbst oft nicht so recht versteht, was da vor sich geht oder wer sie eigentlich ist. Das setzt sich dann leider in der Beschreibung von Artemis fort, die bei Saint zwar als begnadete, doch unbarmherzige Jägerin rüberkommt. Die Göttin wirkt stets unnahbar, obwohl sich Atalanta zu ihrer Favoritin entwickelt. Auch zeigt sie sich rachsüchtig, wenn eine ihrer Nymphen gegen die von ihr aufgestellten Regeln verstößt. Da hätte ich mir doch eine insgesamt ambivalenter ausfallende Charakterisierung von Artemis gewünscht. Bezeichnend ist, dass die Göttin lediglich in ihrer Funktion als Helferin bei der Geburt, wenn sie die Gebete der in den Wehen liegenden Frauen erhört, also der einzig klassischen Frauenrolle, die Artemis zukommt - positiv dargestellt wird.
Obgleich Jennifer Saint das erste Drittel ihres Romans der Kindheit und Jugend von Atalanta widmet, hat sich dieser für mich nicht in die Länge gezogen. Das ist dem geschickten Kunstgriff der Autorin zu verdanken, dass die Nymphen, bei denen Atalanta lebt, ihr oft des Abends Geschichten erzählen. Wenn sie also an sich ereignislose Tage in der Natur verbringen, bei denen sie nur im Fluss baden, eine neue Tunika weben oder Früchte wie Beeren sammeln und verzehren, dann sind nicht diese schönen Stunden im Roman geschildert worden, sondern die Erzählungen von der Welt außerhalb des Waldes oder aus vergangenen Zeiten, die die Nymphen an die junge Atalanta weitergegeben haben. Dadurch ist es Saint auch möglich gewesen, weitere Mythen, die nicht unmittelbar mit der Sage um Atalanta zusammenhängen, in ihr Buch mit einzubinden. Dazu zählen etwa die unglückliche Liebesgeschichte von Aphrodite und ihrem Jäger Adonis oder der Raub der Persephone durch den Unterweltgott Hades. Hinzu kommen verschiedene Mythen, die sich um Nymphen ranken.
Obwohl mir die Saga um Atalante ebenso wie die meisten anderen von Saint in ihren Roman integrierten Mythen zumindest in groben Zügen bekannt gewesen sind, hat sich für mich durch diese komprimierte Erzählweise das Lesevergnügen kurzweilig gestaltet. Dennoch denke ich, dass der Roman spannender für jene Leser ist, die weniger in der Welt der griechischen Mythen bewandert sind, so dass sie mit deren Erzählung und insbesondere von deren weiteren Verlauf und Ausgang noch überrascht werden können. In diesem Zusammenhang wäre ein Personenverzeichnis hilfreich gewesen, das leider nicht vorhanden ist. Darin hätte die Vielzahl der mythologischen Figuren, die Saint in ihrem Roman untergebracht hat, Erwähnung finden können. Diese umfassen neben Göttern beispielsweise auch die Nymphen als alterslose Töchter von Flüssen, Quellen, Ozeanen und Winden. Dazu zählen etwa Phiale, die einer Quelle mehr Wasser entlocken kann, Krokale, die Blumen erblühen lässt, wo ihre Füße den Boden berühren, oder Psekas, die einen feinen Sprühregen heraufbeschwören kann. Darüber hinaus hätte mich ein Quellenverzeichnis interessiert, mit dem die zahlreichen Mythen, die von Saint in ihrem Roman nacherzählt worden sind, belegt worden wären - gleich ob durch Verweise auf Werke im Original wie die Metamorphosen von Ovid oder Standardwerke im Hinblick auf deren Interpretation wie etwa von Robert von Ranke-Graves.





Ingenium
von Danielle Trussoni
Mike Brink wird von Dr. Thessaly Moses um einen Besuch der Anstalt nahe Ray Brook gebeten, in der sie als leitende Psychologin eines Frauengefängnisses für ihre Patientinnen verantwortlich ist. Ihr schwierigster Fall ist Jess Price, die eine junge, vielversprechende Schriftstellerin gewesen ist, bevor sie fünf Jahre zuvor wegen des brutalen Mordes an ihrem Freund Noah Cooke verurteilt worden ist. Jess zeigt sich absolut unzugänglich, wenn sie Dr. Moses gegenüber hartnäckig jede Form der Kommunikation verweigert, seit diese die Stelle nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Vorgängers Dr. Ernest Raythe übernommen hat. Doch als Mike Jess dann endlich begegnet, spricht sie zum ersten Mal seit langem.
Mit Mike Brink hat Danielle Trussoni einen ungewöhnlichen Protagonisten für ihren Roman Ingenium ersonnen, der wegen seiner einzigartigen Fähigkeiten heraussticht. Vor seinem Unfall auf der Highschool schien Mikes Weg als Quarterback und Captain des Footballteams vorgezeichnet zu sein, dessen nächster Schritt darin bestanden hätte, mit einem Football-Stipendium aufs College zu gehen. Aber ein Schlag auf den Kopf veränderte Mikes Verstand derart grundlegend, dass er erst glaubte, verrückt geworden zu sein. Vom Neurowissenschaftler Dr. Trevers erhielt Mike die Diagnose des Savant-Syndroms und lernte dank dessen Unterstützung mit seiner neu gewonnenen Begabung umzugehen, die ihn weit besser Strukturen als andere erkennen lässt. Diese Identifikation von Mustern geht mit einem fotografischen Gedächtnis für Zahlen und mehr einher. Nach dem Studium der Mathematik am MIT hat Mike seine Leidenschaft zum Beruf gemacht und sich aufs Erstellen anspruchsvoller Rätsel verlegt.
Der starke Einstieg in Ingenium hat mich als interessante Kombination aus einem Thriller mit Mystery-Elementen und einem Rätsel-Buch überzeugt. Dabei ist es Danielle Trussoni gelungen, das Triangulum, das Mike sich im Rahmen seiner Tätigkeit für die New York Times ausdenkt, die Codes, mit deren Hilfe er sich in verschlüsselter Form mit der sich im Gefängnis unter Beobachtung fühlenden Jess verständigt, prägende Rätsel aus jüngeren Jahren, über die eine Verbindung zu seiner Vergangenheit hergestellt wird, und deren Lösung erstaunlich flüssig in die eigentlich in diesem Roman erzählte Geschichte einzubetten. In diesem Kontext hätte ich einen separaten Anhang als sinnvolle Ergänzung angesehen, der sich mit den mathematischen Begriffen befasst, mit denen Mike in seinen Gedankengängen um sich wirft, wenn ihm eine sein Interesse weckende Zahl begegnet. Beispiele dafür wären die Definition der vollkommenen Zahl, des harmonischen Divisors, der Dreickszahl sowie der Stormer-Zahl und die Erläuterung von deren wesentlichen Eigenschaften.
Ingenium lediglich als Thriller einzuordnen wird dem spannenden Genre-Mix, den Danielle Trussoni in diesem Roman bietet, bei weitem nicht gerecht. Neben der Einbindung von Rätseln ist Ingenium um Mystery-Elemente angereichert, die sich etwa in den lebensechten Träumen von Mike zeigen, bald aber eher in Horror umschlagen. Dafür hat die Autorin erst im Frauengefängnis nahe Ray Brook, das in einem ehemaligen Tuberkulose-Sanatorium untergebracht ist, dann im Sedge Anwesen, das im Norden von Upstate New York gelegen ist, perfekte Kulissen gefunden. Für letzteres wird Jess nach dem Tod seiner exzentrischen Besitzerin Aurora Sedge zur Homesitterin, als sich dann bereits in der ersten Nacht die unheimlichen Ereignisse überschlagen.
Mike, der sich selbst nicht so recht zu verstehen scheint, ist für mich schwer greifbar gewesen. Vor seinem Unfall habe ich dessen Charakterisierung trotz der stereotypen Anlage als angehender Football-Star als gelungener empfunden, indem er da für mich präsenter gewesen ist. Im Hier und Jetzt hingegen ist Mike abgesehen von seinen besonderen Fähigkeiten, auf die er in der Wahrnehmung von außen reduziert wird, eher blass geblieben. Dafür hat Danielle Trussoni neben Mike wesentliche Nebenfiguren, die teilweise erst im weiteren Verlauf eingeführt werden, mit einer interessanten Hintergrundgeschichte ausgestattet, die in einzelnen Kapiteln des Romans eingeschoben wird. Dabei hat die Autorin ein gutes Gespür fürs Timing bewiesen, indem ihr Erzählrhythmus von einer ausgewogenen Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart geprägt ist, der nicht zu Lasten der Spannung geht.
Im Vergleich zum starken Einstieg und einem Mittelteil, in dem auf zwei zusätzlichen Zeitebenen, die um abgründige Horror-Elemente angereichert sind, ein unerwartet düsterer Ton angeschlagen wird, ist das letzte Drittel von Ingenium deutlich schwächer ausgefallen. Das liegt wohl darin begründet, dass Danielle Trussoni in der ambitionierten Auflösung ihres Romans zu viel auf einmal wollte, ohne dass sich dessen unterschiedliche Komponenten zu einem stimmigen Ganzen zusammengefügt hätten. So ist die Autorin auf die Integration neuer resp. aus heiterem Himmel wieder auftauchender Nebenfiguren angewiesen, für deren Erscheinen wenig plausible bzw. zu konstruiert wirkende Erklärungen herhalten müssen, damit diese Protagonist Mike ihre Hilfe zukommen lassen können. Auch gestalten sich im Schlussteil die Übergänge zwischen den verschiedenen Handlungssträngen, die im Wesentlichen aus der Lethargie bestehen, mit der Mike auf seine durch die permanent angespannte Situation bedingte Überforderung reagiert, nicht ansatzweise so fließend wie am Anfang. Als überzeugender hätte ich Ingenium empfunden, wenn Danielle Trussoni sich im Finale dafür entschieden hätte, die religiös-esoterisch angehauchte Mystery-Geschichte, die den Kern ihres Buchs bildet, konsequent zu Ende zu erzählen. Auch hätte Ingenium gut getan, wenn die Autorin auf alles, was dessen Tempo ausbremst, verzichtet hätte. Dazu gehören die ausufernden Zweifel, mit denen Mike und eine zentrale Nebenfigur ihr Handeln zu hinterfragen beginnen. Zudem wäre, was für die Fortsetzung von Ingenium benötigt wird, besser auf sein absolutes Minimum zu reduzieren gewesen, um nur am Rande behandelt zu werden und den Fokus nicht in unnötiger Weise von den wesentlichen Punkten dieses Romans und der dabei aufgebauten Spannung abzulenken.





Sekunden der Gnade
von Dennis Lehane
Seitdem Mary Pat Fennessy von ihrem zweiten Mann Ken Fen verlassen worden ist, sind es nur noch ihre Tochter Jules und sie. Deren Verhältnis ist angespannt, da Jules mit Beginn des neuen Schuljahres nicht mehr ihre bisherige Highschool in South Boston besuchen darf. Denn ab September 1974 werden auf richterlichen Beschluss hin Bustransfers umgesetzt, durch die die Highschool mit der größten weißen Schülerschaft mit der entsprechenden Highschool, die den höchsten afroamerikanischen Anteil aufweist, vermischt werden soll. Damit soll die vorherrschende Rassentrennung durchbrochen werden. Als Jules eines Abends am Ende des Sommers mit ihren Freunden Brenda Morello und Rum Collins ausgeht, taucht sie am nächsten Morgen nicht wieder auf. Und obwohl Mary Pat alle von ihren Freunden abklappert, die sie anruft oder persönlich aufsucht, um sie nach dem Verbleib ihrer Tochter zu befragen, bleibt Jules verschwunden.
“Sekunden der Gnade” wird von Dennis Lehane aus der Perspektive von Mutter Mary Pat sowie Detective Michael Coyne geschildert. Trotz ihrer Arbeit als Krankenhaushelferin im Meadow Lane Manor wird der Alltag von Mary Pat und ihrer Tochter von Armut dominiert. So kann sie seit letzter Woche nicht mehr kochen, weil das Gas wegen ihrer unbezahlten Rechnungen abgestellt worden ist. Auch muss sie sich entscheiden, ob sie von dem in zusätzlichen Schichten verdienten Lohn das Gasunternehmen bezahlen oder Jules die für das neue Schuljahr benötigten Sachen kaufen will. Neben ihrer Geldnot ist das Leben von Mary Pat durch den bereits erlittenen Verlust geprägt. Ihr erster Mann Dukie, der ein begnadeter Dieb und Einbrecher gewesen ist, ist verstorben und ihr zweiter Mann Ken Fen, mit dem sich seine Stieftochter Jules gut versteht, hat Mary Pat verlassen. Ihr Sohn Noel ist zwar von seinem Einsatz in Vietnam zurückgekehrt, dann aber süchtig geworden, da sein bester Freund seit Kindheitstagen ihm Drogen verkauft hat, bis er an einer Überdosis zugrunde gegangen ist.
Detective Michael David Coyne, der von allen Bobby genannt wird, hat einen neun Jahre alten Sohn. Nach seiner Scheidung hat seine Frau das Sorgerecht erhalten, so dass Bobby sein Kind nur am Wochenende sehen darf. Der Detective lebt mit seinen fünf unverheirateten Schwestern und seinem stillen Bruder, der früher einmal Priester werden wollte, in einem viktorianischen Haus in der Tuttle Street zusammen. Bobby, der von seinen Erlebnissen in Vietnam traumatisiert wurde, während er dort vor Ausbruch des Kriegs als “Berater” eingesetzt war, ist nun seit fast zwei Jahren clean. Obwohl er seine Drogensucht überwunden hat, besucht er immer noch Treffen der Narcotics Anonymous, wann immer es ihm in den Fingern juckt.
An "Sekunden der Gnade" hat mich die gelungene Integration tatsächlicher historischer Ereignisse aus dem Jahr 1974 in die fiktive Handlung dieses Romans überzeugt. Dazu zählt etwa das Ölembargo der OPEC. Im Mittelpunkt steht aber die Schulbusanordnung, die von Dennis Lehane in einer vorangestellten “Historischen Notiz” erläutert wird. Mary Pat engagiert sich gegen diesen richterlichen Beschluss, indem sie für eine anstehende, groß angelegte Demonstration von Tür zu Tür geht, um Flyer zu verteilen, und Schilder bastelt. Denn Jules, die kein Losglück hatte, wird bald die Highschool wechseln müssen. Mary Pat zweifelt aber daran, dass ihre Tochter, deren Zartheit einen Kontrast zu ihrer eigenen Robustheit bildet, dieser Herausforderung gewachsen ist.
Wenn dann die besagte Kundgebung mit ihrer Suche nach Jules zusammenfällt, taucht Mary Pat dort nur gezwungenermaßen auf und erlebt diese Veranstaltung inklusive des Auftritts von Teddy Kennedy, dem Bruder des toten Präsidenten, hautnah mit. Ihr Blick darauf ist jedoch distanziert, da sie sich ganz auf das Verschwinden ihrer Tochter konzentriert. Die Southie beherrschende, intensiv angespannte Stimmung, die von der glühend fiebrigen Hitze des Sommers unterstrichen wird, wird gekonnt von Dennis Lehane eingefangen. Auch entwirft der Autor ein stimmiges Porträt von den Projects, die von ihrer für Außenstehende eigenwillig erscheinenden, schlecht nachvollziehbaren Lebensweise geprägt werden und deren strikte Regeln, an die sich alle halten, keiner in Frage stellt. Dabei liegt der Fokus auf dem kultivierten Kriminellen Marty Butler, der in den Projects unterstützt von seiner Bande das Sagen hat. Und Marty, der in seinem Viertel für Ordnung sorgt, setzt sich gegen die Schulbustransfers ein.
Schwächen zeigt "Sekunden der Gnade" bei der im Kern dieses Krimis erzählten Geschichte, die recht vorhersehbar ausfällt und so kaum wirklich überraschende Wendungen zu bieten hat. Das schließt etwa die Antwort auf die diesen Roman erst über weite Strecken dominierende Frage mit ein, ob und falls ja, wohin Jules verschwunden ist oder ob ihr nicht doch etwas zugestoßen ist. In diesem Zusammenhang stehen auch die Kapitel, die die Sicht von Detective Bobby Coyne wiedergeben. Obwohl Bobby als Sympathieträger angelegt ist, fallen diese deutlich gegenüber den Kapiteln von Mary Pat ab, neben der Bobby erstaunlich blass geblieben ist. Denn Mary Pat, die für mich das Highlight dieses Romans gewesen ist, ist eine Naturgewalt. Angetrieben wird sie von einer Wut, die sich nur mit der Wucht eines Vulkanausbruchs vergleichen lässt. Mit roher Gewalt, teilweise aber auch mit Raffinesse prügelt sie sich auf der Suche nach ihrer Tochter durch die Straßen von Southie. Um Verluste schert sie sich dabei nicht, wenn sie weder Rücksicht auf andere noch sich selbst nimmt. Solange Dennis Lehane an Mary Pat in der Schilderung seiner Handlung dran bleibt, nimmt er nicht einmal den Fuß vom Gas, da seine Protagonistin keinen Aus-Knopf besitzt. Sogar als sie in ihrer Jugend eine Gehirnerschütterung davon getragen hat, nachdem sie von ihrer Schwester einen Ziegelstein an den Kopf bekommen hat, hat sie nicht aufgehört, weiter zu kämpfen. Lediglich durch die Kapitel von Bobby werden das hohe Tempo und die dadurch bedingte steile Spannungskurve zeitweise ausgebremst.
In "Sekunden der Gnade" ist dem Autor ein ungewöhnliches, dafür nicht weniger intensiv geratenes Porträt einer besonderen Mutterliebe gelungen. Dabei ist der Roman aber kein intellektuell angehauchtes Drama, sondern erinnert etwa in seiner polarisierenden Wirkung eher an den Berlinale-Gewinner “Tropa de Elite”. Denn Mary Pats brutales Vorgehen führt immer wieder zu unerwartet blutigen Gewaltspitzen, die weniger gut für zu Zartbesaitete geeignet sind. Einen leichteren Zugang zu seiner Hauptfigur bietet Dennis Lehane auch über die Beschreibung von Mary Pats Vergangenheit nicht an. Schon als kleines Mädchen hat sie, als sie von einem Rowdy geärgert wurde, gelernt, ihre Probleme durch Zuschlagen zu lösen, statt weiter mit ihrer Puppe zu spielen.





Ein Fluss so rot und schwarz
von Anthony Ryan
Ein Mann wacht auf einem Boot auf, das sich inmitten des Ozeans befindet. Da er nur das offene Meer sieht und das Schiff aus der Ferne gelenkt und gesteuert wird, weiß er nicht, wo er ist. Auch kann er sich nicht erinnern, wer er ist. Seine Vergangenheit hat er vergessen, ebenso wie seinen Namen. Doch nachdem er von einem Geräusch geweckt worden ist, das ihn aus dem Schlaf gerissen hat, sucht er dessen Ursache und muss eine grausige Entdeckung an Bord des Schiffs machen.
Mehr zum Inhalt von “Ein Fluss so rot und schwarz” zu sagen, würde nur die ersten Twists in dieser von Anthony Ryan erzählten Geschichte verraten. Im weiteren Verlauf nennt der zu Beginn namenlose Mann sich Huxley, was wohl nicht sein richtiger Name ist, den er jedoch eintätowiert auf seinem Arm vorgefunden hat. Auf dem Boot ist er nicht allein, da mit ihm fünf andere Personen reisen. Jeder von ihnen kennt weder ihre Route bzw. ihr Ziel noch den Zweck ihrer Mission, die erst nach und nach enthüllt wird.
Die Gruppe, die aus diesen sechs besteht, stellt die zentralen Figuren dieses Romans dar, der aus Sicht von Huxley geschildert wird. Indem sie sich weder an ihre Vergangenheit noch an ihre Persönlichkeit erinnern können, haben diese Charaktere seltsam distanziert auf mich gewirkt. So ist es mir schwer gefallen einen Zugang zu ihnen zu finden und deren Handlungen wie Entscheidungen sind oft schwer nachvollziehbar für mich geblieben, sogar wenn sie diese ausdiskutiert oder überdacht haben. Damit ist mit dem an sich interessanten Ausgangssetting, das Anthony Ryan für “Ein Fluss so rot und schwarz” gefunden hat, die Schwäche verbunden gewesen, die diverse B-Horrorfilme prägt. Denn im Horrorgenre, wenn dieses zumindest Züge von einem Slasher hat oder damit verwandt ist, sofern dies keine billig von der Stange produzierte Massenware darstellen soll, ist eine längere Introduktion zwingend erforderlich, um mir als Zuschauer oder Leser die wesentlichen Figuren näher zu bringen. Nur wenn ich diese Charaktere besser kennengelernt habe, kann ich im weiteren Verlauf mitfiebern und bangen, welche davon es schaffen werden oder auch nicht. Durch den für seinen Roman gewählten Ausgangspunkt versagt sich Anthony Ryan diesem Konzept und so wird Spannung in “Ein Fluss so rot und schwarz” ausschließlich aus den gelungen geschilderten Kampf-Szenen erzeugt, die durch die phantastischen Elemente, um die diese angereichert sind, einen besonderen Touch erhalten. Darüber hinaus räumt der Autor der Auflösung des Rätsels, was denn die Aufgabe ist, die diesen sechs zugedacht wurde und dazu geführt hat, dass sie auf dem Boot gelandet sind, in seinem Roman viel Zeit und Raum ein.
Indem der Autor der Versuchung widerstanden hat, “Ein Fluss so rot und schwarz” anders als die von ihm verfassten epischen High-Fantasy-Reihen als ausufernden Roman anzulegen, hat sich dessen Lektüre für mich kurzweilig gestaltet. Denn das Buch, das keine dreihundert Seiten lang ist, habe ich in zwei Tagen gelesen, obwohl ich zugeben muss, dass sich zwischendrin bei mir Längen eingeschlichen haben. Das ist häufiger dann der Fall gewesen, wenn die Gruppe zwischen den einzelnen Stationen, auf der sie während ihrer Reise verschiedene Aufgaben zu erledigen hat, an Bord verbleibt und versucht dem Rätsel um ihre Mission auf den Grund zu gehen oder sich an die eigene Vergangenheit zu erinnern.
Dabei hat Anthony Ryan eine interessante Hintergrundgeschichte ersonnen, die im Verlauf des Romans nach und nach enthüllt wird und letztlich zu der in diesem Roman erzählten Handlung geführt hat, bei der die sechs Ausgewählten auf dem Boot gelandet sind. Meiner Ansicht hätten sich diese in der Vergangenheit von “Ein Fluss so rot und schwarz” liegenden Ereignisse eher für einen spannenden Roman angeboten als das Setting, für das der Autor sich entschieden hat. Denn das hätte ihm die Gelegenheit geboten, ganz nah dran am Leid der von der Katastrophe Betroffenen und den erdrückenden Verlusten, die sie hinnehmen mussten, zu sein, um deren Geschichte zu erzählen und die Entwicklung der sich daran anschließenden Ereignisse zu schildern. Dabei hätte Spannung dadurch aufgebaut werden können, dass Ryan wiedergegeben hätte, wie das Grauen schleichend in ihren Alltag Einzug gehalten hätte, wenn ihr gewohntes Leben vor die Hunde gegangen wäre und allmählich durch die Szenerie ersetzt worden wäre, durch die die sechs auf ihrem Boot zu reisen haben. Das deutet sich in einer starken Szene an, in der Huxley einen Laptop aus dieser Zeit findet. Darauf sind Clips in Form von einem Videotagebuch gespeichert, das diese Vergangenheit dokumentiert. Obgleich Ryan das nur kurz anreisst und dabei viel zu schnell abhandelt, übertrifft die emotionale Intensität, die dabei erzeugt wird, doch alles, was der Gruppe auf dem Boot sonst widerfährt.
Auch hätte sich die von Ryan für “Ein Fluss so rot und schwarz” ersonnene Ausgangssituation weit eher für einen abgründigen Horror-Roman, der in seiner Erzählweise durch einen düsteren Tonfall unterstrichen wird, angeboten als für die eher phantastischen Elemente, in denen dieser geschildert wird. Dass die gewählte Umsetzung nicht etwa einem mangelnden Talent des Autors geschuldet ist, zeigt sich in einer unheimlichen Szene, in deren Mittelpunkt eine Variante der Venusfliegenfalle steht. Weitere Szenen dieser Art hätten dem Roman gut getan, ebenso wie wenn Ryan seine Geschichte konsequent in diesem Ton erzählt hätte. In diesem Zusammenhang hätte der Autor besser auch auf den Humor, den er Huxley zugestanden hat, verzichtet. Denn dessen Lachanfälle, die sich wohl als Ausdruck von Hysterie verstehen lassen, mit der Huxley auf ihn überfordernde Situationen reagiert hat, haben oft eher unpassend gewirkt.
“Ein Fluss so rot und schwarz” wird zwar in sich schlüssig zu Ende erzählt, wenn nicht nur die finale Mission der Gruppe, sondern auch die Vergangenheit, die dazu geführt hat, nach und nach enthüllt wird und dabei erstaunlich viele Rätsel aufgelöst und damit verbundene Fragen beantwortet werden. Dabei habe ich jedoch die Rolle eines zentralen Antagonisten, der wiederholt auftaucht, als wenig stimmig empfunden. Damit die verschiedenen Funktionen, die diesem zugedacht wurden, nur durch eine einzige Figur ausgefüllt werden konnten, hat diese im Verlauf des Romans in einer zumindest für mich nicht nachvollziehbaren Weise ihren Charakter resp. Hintergrund wiederholt zu ändern. Das ließ die Figurenzeichnung inkonsistent und letztlich wenig plausibel auf mich wirken. An dieser Stelle wäre es wohl sinnvoller gewesen, zusätzliche Antagonisten einzuführen, statt diese an sich unterschiedlichen Rollen ausschließlich in einer einzigen Figur zu bündeln, die dafür dann gegensätzliche Aspekte in sich zu vereinen hatte.
Anthony Ryan, der aus seinem an sich spannenden Setting weit mehr hätte herausholen können, verschenkt da leider viel Potenzial, wenn er seinen Roman nicht konsequent im Horror-Genre anlegt und in einem zur Geschichte passenden, abgründig düsteren Tonfall erzählt. Darüber hinaus hätte sich angeboten, andere Charaktere in den Mittelpunkt eines Romans, der in der vom Autor ersonnenen Dystopie angesiedelt ist, zu stellen, um aus deren Sicht das von ihm entworfene Setting zu beschreiben und daraus eine Geschichte zu entwickeln, die auch in der dabei aufgebauten emotionalen Intensität hätte überzeugen können. Das hätte zudem eine interessantere, zumindest jedoch ambivalente Figurenzeichnung ermöglicht, wenn die im Fokus stehenden Personen sich an ihre Vergangenheit hätten erinnern können und deren Veränderung in ihrer Entwicklung begleitet worden wäre. “Ein Fluss so rot und schwarz” hätte dadurch gewinnen können, dass sich das Buch vom Boot-Setting entfernt und stattdessen mehr an “The Girl with All the Gifts” von M. R. Carey oder vergleichbaren Romanen orientiert hätte.





Das Nachthaus
von Jo Nesbø
Zum Inhalt: Nach dem Tod seiner Eltern ist Richard, der erst vierzehn Jahre alt ist, erst vor kurzem ins verschlafene Nest Ballantyne gezogen, in dem nie etwas los ist. Eines Tages geht er mit seinem einzigen Freund Tom, da beide zur untersten Kaste in der Hackordnung der Schule gehören, hinunter zum Fluss zum Spielen. Dort möchte Richard feststellen, ob die von ihm geklaute Luke Skywalker Figur untergeht oder schwimmen kann, wenn sie im Fluss versenkt wird. Im Anschluss daran wird Tom von Richard zu einem Telefonstreich überredet, als die beiden auf dem Nachhauseweg an einer einsam gelegenen Telefonzelle vorbeikommen. Für den Anruf wählt Richard Imu Jonasson aus, der ihm wegen seines ungewöhnlichen Namens im Telefonbuch auffällt. Doch was nur als harmloser Telefonstreich gedacht war, erhält eine grausame Wendung, wenn das Grauen seinen Lauf nimmt.
Zum grundlegenden Aufbau und Vergleich mit Vertrauensübung von Choi
Das Nachthaus von Jo Nesbø, das wohl am ehesten als Thriller einzuschätzen ist, ist in drei Teile gegliedert. Sein prinzipieller Aufbau - insbesondere im Übergang zwischen dessen ersten und zweiten Teil - hat mich ein wenig an die Vertrauensübung von Susan Choi erinnert, die mit dem National Book Award ausgezeichnet worden ist, obgleich diese einem ganz anderen Genre zuzuordnen ist. Wo mich Choi in ihrem Roman noch mit dem diesem zugrunde liegenden Konstrukt zu überzeugen wusste, das auch bedingt durch den zwischen den verschiedenen Teilen erfolgenden Wechsel der Perspektive letztlich zu einer ganz anderen Konklusion als im Nachthaus geführt hat, da der Mittelteil ihres Romans stärker als dessen Beginn ausgefallen ist, ist das Nesbø zumindest bei mir leider nicht gelungen. Der in unterschiedliche Teile gegliederte Aufbau des Nachthauses schien mir mehr um seiner selbst willen zu geschehen, als dass der Autor insbesondere in dessen zweiten Teil tatsächlich der von ihm ersonnenen Handlung neue Aspekte hinzuzufügen hätte, statt die bisherige Geschichte lediglich zu variieren.
Auf einen starken Beginn folgen ein schwacher Mittelteil und Schluss.
Indem ich den ersten Teil des Nachthauses als stärksten empfunden habe, sind mir die Wendungen in dessen weiteren Verlauf zu gewollt erschienen. Diese haben auf mich eher als Twists gewirkt, die allein wegen deren Überraschungseffekt in die Handlung integriert worden sind, wenn die Geschichte des Romans sich dadurch in eine gänzlich unerwartete Richtung entwickelt hat. Das ist zwar einerseits gekonnt vom Autor geschrieben, da Hinweise auf künftige Twists zuvor eingestreut und damit angedeutet worden sind. Andererseits hat Nesbø im zweiten und gerade im dritten Teil ausführliche Erklärungen nachzuschieben, um die unerwarteten Wendungen seiner Geschichte zu erläutern und in sich schlüssig zu verargumentieren. Wenn für Twists ausufernde Erklärungen erforderlich sind, um sie für mich als Leser verständlich werden zu lassen und stimmig in die bisherige Handlung des Romans einbinden zu können, dann ist das für mich meist - so wie auch im Fall des vorliegenden Romans - ein Indiz dafür, dass die darin geschilderte Geschichte ihrem Aufbau nach wohl zu ambitioniert ausgefallen ist, wenn sie zu konstruiert geraten ist. Mir persönlich hat das in vielen Büchern der letzten Jahre Überhand genommen, dass gerade Krimis, aber auch Thriller nicht mehr ohne einen, zumeist jedoch mehrere zentrale Twists auskommen, die alles zuvor erzählte nochmals auf den Kopf stellen müssen. Auch ich mag Twists, falls sie gut umgesetzt sind und einen Mehrwert für die Handlung darstellen. Beispiele dafür sind im Horrorgenre The Sixth Sense oder The Others. Wenn ein Roman ohne entsprechende Wendungen stärker ausfallen würde - allein durch seine sonst stringent erzählte Geschichte, kann ich aber auch gut und gerne - so wie im Fall des Nachthauses - darauf verzichten.
Verbesserungsvorschläge zu den genannten Kritikpunkten
Weil mir der erste Teil des Nachthauses am besten gefallen hat, hätte ich mir gewünscht, dass Jo Nesbø von dem gewohnten Schema, an dem sich der grundlegende Aufbau von Krimis wie Thrillern in der Regel orientiert und das nicht ohne zentrale Twists auskommen kann, abgewichen wäre, wenn er auf seinen zweiten und dritten Teil verzichtet hätte. Stattdessen hätte der erste Teil weiter ausgearbeitet werden können. Das Nachthaus ist zwar bereits in der vorliegenden Form weniger gut für Zartbesaitete geeignet, indem der Roman einige brutal blutige Szenen enthält und auch vor Gewalt gegen Kinder - genauer gesagt Jugendlichen - nicht Halt macht. Allerdings hätte Nesbø seine dabei angezogene Handbremse lockern können, wenn er das Alter seines Protagonisten und wesentlicher Nebenfiguren schon zu Beginn des Romans ein wenig hochgesetzt hätte. Anstelle von 13- bzw. 14-jährigen Schülern hätten sich zumindest eher 17- bis 18-Jährige dafür angeboten, im Mittelpunkt der Handlung zu stehen.
Dann hätte Nesbø dem Horror im Nachthaus freien Lauf lassen können. Denn gerade in den stimmungsvoll geschilderten Szenen, in denen sich die Spannung stetig aufbaut und die von einer dazu passenden unheimlichen Atmosphäre untermalt werden, die mich gleich Ungutes ahnen ließ, konnte das Nachthaus mich überzeugen. Dabei hätte der Autor, falls der Beginn seines Romans stärker von ihm ausgebaut worden wäre und insgesamt mehr Raum bekommen hätte, sich näher mit relevanten Nebenfiguren auseinandersetzen können, indem deren Schwierigkeiten im Leben und deren Beziehung zu Protagonist Richard ausführlicher geschildert worden wären. Auch hätten weitere Reminiszenzen an Klassiker der Horrorliteratur oder Filme - wie beispielsweise an Jeepers Creepers - und zusätzliche Informationen zum titelgebenden Nachthaus wie etwa zu dessen Vergangenheit und zum mysteriösen Imu Jonasson eingebunden werden können. Denn mit dem Nachthaus und Imu sind Nesbø im ersten Teil seines Romans eine gruselige Location, die eine unheimliche Präsenz ausstrahlt, und ein starker Antagonist gelungen, über die ich gern mehr erfahren hätte.





Refugium
von John Ajvide Lindqvist
Olof Helander gibt in seinem luxuriösen Anwesen im Schärengarten, das von seinem Handel mit Emissionsrechten finanziert worden ist, ein Mittsommer-Fest für wenige ausgewählte Gäste. Dazu zählt der chinesische Geschäftsmann Chen Bao, der ebenfalls in der Klimabranche tätig ist. Helanders vierzehnjährige Tochter Astrid ist nur widerwillig auf der Feier anwesend, um die Familie zu repräsentieren. Aber dann nehmen die Ereignisse eine unerwartete Wendung und Kommissar Johnny Munther hat an der Seite seiner Partnerin Carmen Sanchez in einem brutalen Mordfall zu ermitteln.
John Ajvide Lindqvist hat mit seinem vorangestellten Prolog, der zeitlich im Mittsommer 2019 angesiedelt ist, einen starken Einstieg in seinen Thriller gefunden, indem die Spannungskurve darin nach nur wenigen Seiten von Null auf 100 hochgeschnellt ist. Die eigentliche Handlung von Refugium setzt dann fünf Monate zuvor im Januar 2019 ein und führt im ersten Teil, der den Titel “Julia und Kim” trägt, die beiden Protagonisten ein.
Julia Malmros, die Anfang fünfzig ist, ist früher Kommissarin gewesen so wie bereits ihr nun an Demenz erkrankter Vater Polizist gewesen ist. Aus dem Dienst ist sie vor Jahren ausgeschieden, seit sie von den von ihr verfassten Kriminalromanen, die um Asa Fors kreisen, leben kann. Mittlerweile ist sie als Schriftstellerin derart erfolgreich, dass ihre Krimis als Serie verfilmt werden und ihr die Ehre zugestanden wird, eine Fortsetzung für die Millennium-Reihe um Journalist Michael Blomkvist und Hackerin Lisbeth Salander zu schreiben. Im Zuge ihrer Recherche wird für Julia vom Verlag der Kontakt zum Cracker Kim Ribbing hergestellt, der ihr das Basiswissen vermittelt, damit sie im Entwurf ihres Romans die Aktionen von Salander glaubwürdig wiedergeben kann.
Kim, der Ende zwanzig ist, fällt durch seine äußere Erscheinung auf. Dessen ehemals blondes Haar ist lang gewachsen und schwarz gefärbt. Seine Statur ist beinahe zierlich, aber vom Turnen durchtrainiert und seine Haut ist von unzähligen Narben überzogen, die Zeugnis ablegen für die Folter, deren Opfer er in jungen Jahren geworden ist. Dabei wird Kims ihn noch heute belastende Vergangenheit erst nach und nach enthüllt.
Neben der Perspektive von Julia und Kim werden einzelne Abschnitte aus Sicht von Astrid, der traumatisierten Zeugin des im Prolog erfolgenden Massakers, sowie von den in diesem Fall ermittelnden Polizisten Johnny, der sich durch seine penible Arbeitsweise auszeichnet, und seiner so cleveren wie sympathischen Partnerin im Job Carmen geschildert. Astrid, die sich in den sozialen Medien gegen die Massentierhaltung engagiert, ist ihren Eltern gegenüber ein rebellischer Teenager gewesen und hat ihre Ich-Bezogenheit herausgestellt, als sie mit den Gefühlen eines nerdigen Verehrers gespielt hat. Johnny, der Julias Ex-Mann ist, hat deren Scheidung nicht verwunden, wenn er jeden Vorwand dazu nutzt, sie zu kontaktieren, um sie zu einem Treffen zu überreden.
Der grundlegende Aufbau von Refugium ließe sich als Variante eines Millennium-Romans beschreiben, bei dem die Geschlechter der beiden Hauptfiguren vertauscht worden sind. Kim übernimmt damit die Rolle von Salander und Julia die von Blomkvist. Auch kommen die beiden durch diverse Zufälle bedingt einer groß angelegten Verschwörung auf die Spur. Diese Parallelen greift Lindqvist jedoch selbst in einer geschickt in diesen Thriller integrierten Meta-Ebene auf, indem Julia einen neuen Millennium-Roman mit Arbeitstitel Stormland verfasst. Darin versucht sie die genannte Idee umzusetzen, um ihr Werk veröffentlichen zu können, ohne dass die Rechte der Millennium-Reihe dabei verletzt werden.
Zudem wird die im weiteren Verlauf der Handlung von Refugium am Rande eingebundene Me-Too Geschichte, die aufgrund der vertauschten Rollen irritierend auf mich wirkte, bereits zuvor angedeutet. Denn Julia hat eine ebensolche für ihr Buch Stormland geschrieben, die sogar von ihrer kritisch eingestellten Lektorin positiv hervorgehoben wird. Was den Humor betrifft, haben mich gerade die Abschnitte, die rund um das Verlagswesen kreisen, überzeugt. Dazu zählen Julias konfrontatives Aufeinandertreffen mit ihrer neuen Lektorin, das sich daran anschließende Interview, das Julia im Fernsehen gibt, und die daraus resultierenden Ereignisse, die Julia zur Schlagzeile des Tages werden lassen. Mit dem satirisch scharfen Blick, den Lindqvist auf den Literaturbetrieb wirft, trifft er ins Schwarze.
Abgesehen davon habe ich die in Refugium vorherrschende Stimmung, die trotz der expliziten sexuellen und teilweise recht grausamen Szenen eher humorvoll geraten ist und sich damit deutlich vom düsteren Ton der Vorlage abhebt, als wenig passend empfunden. Denn diese wollte sich für mich vor dem Hintergrund des eingangs geschilderten brutalen Massakers und anderer Straftaten aus Kims Jugend, aber auch aus seinen aktuellen Projekten, die vor Gewalt gegen Kinder nicht zurückschrecken, nicht zu einem stimmigen Ganzen fügen. Ebenfalls hat für mich die Chemie zwischen Julia und Kim nicht gestimmt, die nicht mehr als deren Bettgeschichte zu verbinden scheint. Das mag bei Kim wegen seiner schwierigen Vergangenheit nachvollziehbar gewesen sein, ist für mich aber in der Charakterisierung von Julia unglaubwürdig gewesen, wenn sie als erfahrene Frau eine ihrem Alter angemessene Reife missen ließ und sich in Kims Gegenwart noch kindischer als er verhalten hat.
Ein zusätzlicher Kritikpunkt, der dem Autor wohl selbst aufgefallen ist, weil er diesen Julia an ihrem Roman Stormland bemerken lässt, ist die Häufung von Zufällen durch die die eigentliche Handlung dieses Thrillers überhaupt erst in Gang gesetzt und dann weiter am Laufen gehalten wird. Dazu zählen die Verbindung von Julia zum Fall Hellander, dem ihr Ex-Mann zugeteilt ist, ihre persönliche Beziehung zum Opfer, ein alter Fall aus Julias Zeit als Polizistin, der in die aktuelle Ermittlung hineinspielt, ein über die Recherche für ihren zweiten Asa Fors-Roman hergestellter Kontakt sowie der gleiche Therapeut, der Astrid und Kim nach ihren traumatischen Erlebnissen behandeln soll. Für mich ist das ab einem gewissen Punkt dann doch der eine Zufall zu viel gewesen.
Dieser Thriller hätte stärker ausfallen können, wenn Lindqvist sich gerade im Kontext der von ihm inszenierten, sich auf internationalen Niveau bewegenden Verschwörung, die nach und nach aufgedeckt wird, nicht derart stark auf seine beiden Protagonisten fokussiert hätte. Stattdessen hätte er sich auf ein breiteres Figurenarsenal stützen können, so dass sich die hohe Zahl an Zufällen nicht auf Julia und Kim hätten konzentrieren müssen. Dadurch hätte sich Refugium auch deutlicher von der Millennium-Reihe abgrenzen können.









