Kundenrezensionen von mannuber





Yesteryear
von Caro Claire Burke
Die Prämisse von Yesteryear ist so simpel und doch so stark: Eine Tradwife-Influencerin wacht plötzlich im Jahr 1855 auf. Kein Wunder, dass der Roman schon vor seiner Veröffentlichung einen Hype ausgelöst hat, die Filmrechte sind bereits verkauft. Es verspricht, ein Buch über diese seltsame Zeit zu werden, in der wir leben. Wer sind diese Frauen, die einem in den sozialen Medien verkaufen wollen, sie hätten es in früheren Zeiten und mit antiquierten Geschlechterrollen besser? Das Buch ist an einer Antwort daran leider nicht interessiert. Zwar gelingt es der Autorin, auf über 400 Seiten eine enorme Spannung zu erzeugen, die einen zum Weiterlesen zwingt. Doch über die strukturellen Bedingungen oder dem religiösen Weltbild, die die Hauptfigur Natalie zum Handeln motivieren, erzählt der Roman so gut wie nichts. Vor allem im letzten Drittel wird psychologische Figurentiefe einem halsbrecherischen Plot geopfert. Durch den finalen Twist macht es sich die Autorin einfach, keine Wahrheiten über das Phänomenen, das sie beschreibt, finden zu müssen. So bleibt ein packender, aber oberflächlicher Thriller, der nicht lange nachhallt. Wie die gute alte Welt, die ihr Subjekt beschreibt: Am Ende bleibt nicht viel mehr als Fassade.





Grüne Welle
von Esther Schüttpelz
Eine Frau ist auf dem Weg nach Hause in ihrem Auto, als sie auf eine Umleitung stößt. Sie fährt und fährt. Und fährt immer weiter. Dies ist der Ausgangspunkt des zweiten Romans der Autorin. Nah dran an den Gedanken ihrer Hauptfigur, aber doch mit Distanz erzählt sie von einer Frau, die in ihrem Leben gefangen ist, und die durch eine Reihe grüner Ampeln scheinbar die Gelegenheit bekommt, in die Freiheit zu fahren. Doch ganz so einfach ist es nicht. Esther Schüttpelz seziert die Strukturen, die Frauen dazu bringen, in schlimmen Beziehungen mit gewalttätigen Männern zu bleiben. Ohne dabei einfache Antworten zu finden. Die Frau begegnet auf ihrem Weg mehreren Menschen, doch wird sie am Ende auch die Kraft haben, ihrem Leben zu entkommen? Ein spannender, atemlos erzählter Gedankenstrom, der mit reduzierten Elementen dennoch eine enorme Spannung erzeugt - und dessen Ende nach dem Lesen noch zum Nachdenken anregt. Ein gelungener Roman!





Die Probe
von Kitamura Katie; Ahrens Henning
Katie Kitamuras neuer Roman ist ein rätselhaftes Experiment, das einen immer wieder dazu bringt, alles zu hinterfragen, was man über die Ich-Erzählerin und ihr rätselhaftes Verhältnis zu Xavier, dem jungen Mann, zu verstehen geglaubt hat. Ist er ihr Sohn? Ist sie seine Mutter? So sehr man sich bemüht, die Antwort ist nicht zu greifen. Die Rollen wechseln, die Figurenkonstellationen verrutschen. Familie als geteiltes Trugbild. "Die Probe" vibriert förmlich vor Ambivalenz. Abstrakter als ihre Vorgängerromane, widmet sich Kitamura erneut den Untiefen der menschlichen Psyche, seziert zwischenmenschliche Beziehungen, untersucht die Rollen, die wir jeden Tag spielen, die Alltagsrituale, die Unmöglichkeit, andere Menschen, vielleicht sogar sich selbst wirklich jemals zu kennen. Mit albtraumhafter Logik entfaltet sich die Handlung, bis die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Aufführung verwischen. Man will weiterlesen, um zu erfahren, was passiert, auch wenn man bereits ahnt, dass es hier keine leichte Auflösung geben wird. Aber das ist egal: Denn wie Kitamura Fragen aufwirft und dem Leser Rätsel aufgibt, ist interessanter als die meisten Antworten, die man in anderen Romanen findet.





Schweben Roman. 18.03.2025. BB.
von Ben Saoud Amira
Die dystopische Welt in der nicht allzu fernen Zukunft, in der der Roman spielt, ist reizvoll. Die Idee des Buches, eine Gesellschaft auszuleuchten, die sich nach dem Klimakollaps in abgeschotteten Siedlungen organisiert hat, hat enormes Potenzial. Auch die Hauptfigur, deren Job es ist, in die Rollen fremder Menschen zu schlüpfen, ist spannend. Leider kann der Roman dieses Potenzial nicht einlösen. Sprachlich bleibt die Schilderung dieser Welt zu konventionell. Auch fehlt es den Figuren an psychologischer Tiefe. Der Plot verliert sich vor allem im letzten Drittel in dem Versuch, verschiedene gesellschaftliche Themen anzusprechen, wobei diese überwiegend nur angerissen werden. Dass das Ende ins Surreale abdriftet, ist sogar noch das Interessanteste daran. Ein Roman muss keine Erklärungen abliefern, er darf sogar Fragen hinterlassen. Doch um einen dauerhaften Eindruck zu hinterlassen, bleibt der Text leider zu oberflächlich, die Stimmung verfliegt schnell. Einen zusätzlichen Punktabzug gibt es zudem für das KI-generierte Cover. Schade!





Wackelkontakt
von Haas Wolf
Die postmoderne Versuchsanordnung des Romans ist reizvoll. Der Kniff der Geschichte, dass die zwei Hauptfiguren sich gegenseitig als Buchcharaktere wahrnehmen und übereinander lesen, ist originell. Die hervorgehobene Meta-Ebene und der Rahmen erinnern an andere Bücher, die mit der Form spielen, beispielsweise Italo Calvinos "Wenn ein Reisender in einer Wintersnacht". Und am Anfang überwiegt der Reiz dieser Idee, man liest, weil man wissen möchte, wie die Geschichten miteinander verwoben sind, man wartet auf den nächsten Übergang. Doch mit der Zeit nutzt sich die Idee ab, und der Versuchsaufbau wird repetitiv. Man stellt fest, dass hinter der flott erzählten Geschichte nicht viel ist. Die Figuren sind bemüht schrullig, bekommen aber keine Tiefe, und die Handlungsstränge bleiben oberflächlich und klischeebeladen und fügen sich zu einem abgeschmackten Mafiaplot zusammen. Am Ende bleiben von der Lektüre nicht mehr ein paar Schmunzler und gehobene Unterhaltung. Oder um es anders auszudrücken: Die Grundidee elektrisiert - je länger der Roman andauert, desto mehr schaltet er jedoch in den Stromsparmodus.





Intermezzo
von Rooney Sally; Beck Zoë
In "Intermezzo" begegnet dem Leser vieles, was man von Sally Rooney gewohnt ist: Es geht um Liebe, komplizierte Beziehungskonstellationen, um Millenials in Dublin und Umgebung. Doch ihr vierter Roman ist auch eine Weiterentwicklung: Er ist ambitionierter, ausschweifender, sentimentaler, erwachsener, tiefgründiger. Auch stilistisch wagt Rooney Neues, indem sie uns in die Gedankenwelt ihrer drei Hauptcharaktere wirft. Wir erleben ihre subjektive Sicht auf das Leben und das, was ihnen geschieht, werden in fragmentierte Bewusstseinsströme und emotionale Überlegungen hineingezogen. In einem Interview hat Rooney Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" als Inspiration genannt (nicht zufällig heißen die Hauptfiguren in "Intermezzo" Ivan und Peter Koubek); auch Assoziationen an Virginia Woolf werden wach. Das Buch ist nicht perfekt - es ist vor melodramatischen Szenen nicht gefeit, zudem überzeugen ausgerechnet die Frauenfiguren nicht durchweg. Doch insgesamt ist es ein kluges Buch, in das man versinken kann.





Am Himmel die Flüsse
von Elif Shafak
Elif Shafaks neuestes Buch ist eigentlich mehr als nur ein Roman, so viele Geschichten enthält er. Kunstvoll verknüpft sie die Schicksale der drei Hauptfiguren miteinander und spannt einen Bogen von den Anfängen der Geschichte über das 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das ist so spannend und klug geschrieben, dass man es kaum aus der Hand legen kann. Überzeugend deckt Shafak historische Zusammenhänge auf, schlägt Brücken über Zeit und Raum hinweg, (er)findet Verbindungen und Motive, ohne dass es je bemüht wird. Erst das Nachwort zeigt, wie viel Recherche und Arbeit dahintersteckt und wieviel von alldem historisch verbürgt ist. Shafak merkt man die Lust am Erzählen an, aber das ist nicht ihr einziges Anliegen. Nach und nach entfaltet der Roman auch eine politische Dimension, die nach dem Lesen umso stärker nachwirkt. Einzig am Ende gibt es Stellen, an denen das Buch vielleicht zu viel will und ein Thema zu viel einbindet. Aber "Am Himmel die Flüsse" ist eben mehr als nur ein Roman: Er ist ein Epos, eine Welt, durch die man sich gerne von der Autorin führen lässt.





Die weite Wildnis
von Lauren Groff
Lauren Groffs neuer Roman ist nichts für schwache Nerven. In einer teils altertümlich, gar biblisch anklingenden Sprache erzählt sie vom Überlebenskampf eines jungen Mädchens in der Wildnis Amerikas. Der Weg, den sie sich durch die Natur bahnt, ist alles andere als romantisch. An jeder Ecke lauern Gefahren, und wir erfahren in drastischer Deutlichkeit, was es kostet, dort am Leben zu bleiben. Schonungslos lesen wir von Körperflüssigkeiten, Gewaltausbrüchen, den unvorstellbarsten Grausamkeiten, die Menschen sich antun können. Es ist ein Verdienst der Autorin, dass sich das Buch nicht in Hoffnungslosigkeit verliert. Durch das Buch ziehen sich auch Betrachtungen über das Verhältnis von Mensch und Natur, über Einsamkeit, und langsam, aber sicher entfaltet sich eine Art spirituelle Lehre. Gerade gegen Ende hin ist das Buch mehr Evangelium als Abenteuerroman. Das ist durchaus kein Nachteil. Allerdings verfängt diese Versuchsanordnung nicht über die gesamte Länge der Erzählung. Die Handlung ist repetitiv, die Atmosphäre teils statisch. Am Ende ist man froh, bis zum Schluss durchgehalten zu haben. Aber ein bisschen kämpfen musste man doch.





Die Einladung
von Cline Emma
Die Handlung des neuen Romans von Emma Clines ist trügerisch simpel: Alex, ein 22-jähriges Escort, versucht, die Woche bis zur großen Sommerparty von Simon zu überstehen, dem älteren Mann, bei dem bis vor Kurzem gewohnt und der sie vor die Tür gesetzt hat. Was folgt, ist eine Odyssee durch die Hamptons, durch die Welt der reichen Elite, die sich in Gated Communities verschanzt hat und deren jedes Bedürfnis von Angestellten erfüllt wird. Macht, Manipulation und Sonnencreme: In lakonischer, messerscharfer Prosa erzeugt Cline eine nervöse Spannung, bei der jede Begegnung zu kippen droht. Dabei versucht sie nicht zu erklären, wie Alex zu dem wurde, was sie ist, sondern schwelgt in der Ambivalenz ihrer Figur. Ist sie eine skrupellose Betrügerin? Ist sie zu bemitleiden? Eine abgründige Sommerlektüre. Eine volle Leseempfehlung.





Aus ihrer Sicht
von Céspedes Alba de
Mit großer Ausführlichkeit erzählt der Roman von einer Frau, die unter den patriarchalen Strukturen des faschistischen Italiens zur Zeit des zweiten Weltkriegs zu kämpfen hat. Der Klappentext verspricht eine Politisierung der Erzählerin, deutet ein Verbrechen an, zu dem sie aus Verzweiflung getrieben wird. Daraus zieht die Geschichte seine Spannung. Leider trägt das nicht über die deutlichen Längen des Buches hinweg. Nach einem guten ersten Teil, der sich um die Mutter der Erzählerin dreht, verliert es sich in minutiösen Beschreibungen, kratzt mitunter am Kitsch. Den Kampf der Frauen mit ihrer gesellschaftlichen Rolle hat Céspedes selbst in ihrem Vorgänger "Das verbotene Notizbuch" prägnanter beschrieben, literarischer, erschütternder. Das - durchaus subversive - Ende vermag die zähe Reise dorthin nicht auszubügeln. Auch trotz einem klugen Nachwort bleibt der Eindruck: Eine ermüdende Lektüre, und ein Rückschritt im Vergleich zum Vorgänger.









