Kundenrezensionen von niki





Angst vor Männern
von Nicole List
Was für ein kluges und sehr persönliches Buch hat Nicole List geschrieben. Und nein, das schreibe ich nicht, weil sie meine Freundin ist. Man könnte denken, ich kann ja nicht anders, als positiv über das Buch zu schreiben – aber so ist es nicht.
Ich schreibe positiv über diesen Essay, weil ich in einer Generation aufgewachsen bin, in der auch ich die Erfahrung gemacht habe, dass Männer grenzüberschreitend waren und ein unangenehmes Gefühl auslösten. Ich lernte jedoch nicht sensibel dafür zu sein, dass dies nicht in Ordnung ist, sondern es wurde nie thematisiert, zur Sprache gebracht oder sonst darüber geredet. Fast war es so, dass uns gesagt wurde „freu dich doch über das Kompliment“ oder „dem gefällst halt“. Wir haben bei und zu Grenzverletzungen gelächelt, obwohl es uns unangenehm war. Man hat es ad acta geschoben, obwohl diese Ängste und unangenehmen Gefühle gegenüber Männern in vielen Situationen absolut bekannt waren – trotzdem hat niemand darüber nachgedacht, es war halt so.
Daher bin ich Nicole dankbar (wie vielen anderen jungen Autor*innen), dass sie uns als vorhergehende Generation sensibilisieren. Es gelingt ihr vielmehr persönlich erlebte singuläre Erfahrungen zu solchen für alle Frauen zu machen und in besonderer Weise uns alle zu sensibilisieren.
Ich war bei der großartigen Premierenlesung im überfüllten Literaturhaus anwesend und hatte beim Lesen ihre Stimme im Ohr und sie selbst sprechen hören.
Ich habe den Essay ausschließlich in der U-Bahn und Straßenbahn gelesen und es war schon ein komisches Gefühl, wenn Männer neben mir saßen und auf den Buchtitel und dann auf mich geschaut haben. Solche Gefühle hatte ich nicht, wenn Frauen auf den Titel des Buches sahen. Auch das eine spezielle Erfahrungen, die vielleicht Bewusstsein schafft.
Es benötigt genau solche Bücher von jungen Frauen über verletzende Ereignisse, die in ihrer banal-bösen kruden Alltäglichkeit hier nicht thematisch wiederholt oder gar ausgebreitet werden müssen. Ihr besondere Wert liegt darin, die erzählten Erfahrungen uns alle sensibilisieren. Männer sollte dieses Buch auch lesen, damit sie (besser) verstehen, welches Verhalten uns Angst vor Männern macht.
Meine liebe Nicole, ich gratuliere dir sehr herzlich zu dem Erfolg und wünsche dir, dass deine Geschichte von vielen Leser*innen auf- und wahrgenommen wird.





Schlurfkatzen
von Barbara Kadletz
Ich konnte mir unter „Schlurfs“ nichts vorstellen, bis ich zur Prämierenlesung ins Literaturhaus ging und mir von Barbara Kadletz und Jorghi Poll „alles“ über Schlurfs bei der großartigen Prämierenlesung erzählen lies.
Schlurf ist die abwertende Bezeichnung für Jugendliche aus dem Arbeiter*innenmilieu, die in den 1940er Jahren Jazz und Swing hörten und auch auf diese Konzerte gingen. Schlurfkatzen waren die weiblichen Schlurfs. Die Schlurfs hatten auch ihre eigene Mode und längere Haare.
Die Nazis verboten diese Art von Musik, sie wurde als entartete Musik gewertet. Jedoch ließen es sich die Fans und Anhänger*innen nicht verbieten – sie gingen quasi in den Widerstand, weil sie sich diesem Verbot widersetzten. Wurden sie bei Konzerten, in Bars oder im Prater beim Jazz- oder Swinghören oder Tanzen erwischt, wurden sie in ein Erziehungslager gesteckt.
Genau so eine Geschichte erzählt Barbara Kadeltz in diesem Buch. Sie hat sich die künstlerische Freiheit genommen und drei in Österreich sehr bekannte Protagonist*innen in diese Szenen gesteckt: Helmut Qualtinger, Erni Mangold und Ernst Jandl, und sie gibt auch der vergessenen Musikerin Vera Auer eine Bühne.
Jorghi Poll hat die Prosa mit wunderbaren Zeichnungen illustriert, so das am Ende ein besonders interessantes Buch entstanden ist.
Ein historisches Thema, das so nicht sehr bekannt ist. Alleine das ist Grund genug, sich das Buch zur Hand zu nehmen und darin zu versinken.
Großartig gelungene Graphic Novel zu einem zeitgeschichtlichen Thema – gegen die Nazi-Ideologie.





Der Jude der Kaiserin
von Vladimir Vertlib
Wie befinden uns im Jahr 1666 im barocken Wien. Kaiser Leopold I. reagiert das große Habsburgerreich nicht gern, hat ihm doch sein Bruder dies durch seinen Tod aufgebürdet – lieber komponiert er Opern oder andere Musikstücke. Dabei stehen die Türken vor Wien und die Bevölkerung stachelt ihn gegen die Jüd*innen auf. Noch kann er die Jüd*innen beschützen, aber wie lange noch?
Eine weitere Sorge bereitet Leopold großes Kopfzerbrechen: seine Frau, die spanische Prinzessin Margarita Teresa, muss ihm einen Thronfolger schenken. Das erste Kind – es war ein Sohn – ist nach der Geburt verstorben. Nun ist Margarita endlich wieder schwanger und steht unter Druck, endlich den ersehnten Thronfolger auf die Welt zu bringen. Dazu kommt: Margarita ist gegen die Jüd*innen in Wien, sie möchte sie alle vertreiben.
Margarita hat im kalten Wien wenige Vertraute. Ihren Beichtvater und ihren Leibarzt hat sie aus Spanien mitgebracht. Ihr Leibarzt Pedro de Rojas ist Jude, der zum katholischen Glauben konvertiert ist, und hofft, dass dies unentdeckt bleibt.
Es wird Wien zu jener Zeit beschrieben mit all seinem Glanz, aber auch seiner bitteren Armut und einem großen Teil der Gesellschaft, der am Rande lebt und unerträglich leiden muss.
Margarita ist übrigens jene Prinzessin, die Velazquez gemalt hat und deren Gemälde Berühmtheit erlangt hat.
Ein spannender, historischer Roman basierend auf wahren Fakten. Ich habe mich in die Zeit versetzt gefühlt, so plastisch beschreibt Vladimir Vertlib diese Geschichte. Ich liebe gut recherchierte und anspruchsvolle historische Bücher und dieses zählt absolut dazu. Der Roman ist emotional, aufwühlend, spannend und hochinteressant.





Peri Meno
von Rinah Lang
Endlich gibt es eine Sachbuch-Graphic Novel zu diesem wichtigen Thema, das nach wie vor tabuisiert wird. Über die Wechseljahre wird eher nicht in netter Runde gesprochen,
obwohl viele Frauen davon betroffen sind. Man hat das Gefühl, durch diese Lebensphase muss durchgetaucht werden.
Ein persönlicher Erfahrungsbericht der Autorin Rinah Lang, die Hitzewallungen, Schlafstörungen, die Lust auf Sex oder eben nicht, depressive Verstimmungen und Brainfog offen anspricht, tut richtig gut.
Nach wie vor ist die (Peri)Menopause etwas, über das kaum gesprochen wird. Rinah Lang veröffentlicht im Buch Gespräche mit Expert*innen, Bekannten und Freund*innen und lässt uns Leser*innen daran teilhaben. Dies ergibt einen guten Mix aus wissenschaftlichen Fakten und persönlichem Erleben dieser Hormonumstellung, die immerhin 15 Jahre dauern kann.
Eine gelungene Graphic Novel in violett-grün gehaltenen Zeichnungen, die sehr lebendig wirken.
Große Empfehlung





Lady L.
von Romain Gary
Zu ihrem 80. Geburtstag gibt Lady L eine Familienfeier. Ihr langjähriger treuer Begleiter und Verehrer Sir Percy Rodiner und ihre Kinder, die hohe Ämter und Posten in London bekleiden, sind geladen. Im Laufe des Festes wird erwähnt, dass der Pavillon auf dem Anwesen und ein Teil des dazugehörigen Grundstückes verkauft werden muss, da hier eine Straße gebaut werden soll.
Lady L macht während des Festes mit Sir Percy einen Spaziergang zum Pavillon, der stets ihr Rückzugsort war und erzählt ihm das Geheimnis rund um diesen Pavillon und blickt dabei auf ihr Leben zurück. Niemand kennt Lady Ls Vergangenheit und Sir Percy traut seinen Ohren fast nicht, als sie ihm ihre Lebensgeschichte erzählt.
Lady L gehörte nicht immer zur hohen englischen Aristokratie. Eigentlich hieß sie damals Annette und kommt sie aus der Pariser Gosse. In jungen Jahren war sie in den Anarchisten Armand Denis verliebt. Ihrer Schönheit verdankte sie die Hochzeit mit dem Duke of Glendale, womit sozialer Aufstieg und Reichtum verbunden waren.
Gary schreibt mit so feiner, ironischer Klinge und schafft es, unglaublich spannend zu erzählen – denn man will unbedingt wissen, wie ihr das alles gelang. Und bitte: das Ende ist einfach so großartig wie unerwartet – Chapeau!
Aus dem Französischen von Gert Woerner





Mythos
von Stephen Fry
ch flieg zu Ostern nach Athen und wollte mich mit Stephen Frys vier Büchern zur griechischen Mythologie (Mythos, Helden, Troja und Odyssee) ein wenig einstimmen. Begonnen habe ich nun mit dem ersten Buch: Mythos.
Dem Autor gelingt es leicht und humorig zu schreiben, so als würde er neben mir sitzen und frei heraus erzählen. Die griechische Mythologie ist ja ein Paradies der Fantasie, wobei ich mir die Wirrnisse der Griechen bestimmt nicht alle merken konnte – jede*r mit jeder*m Akteur*in verwandt und verschwägert. Ich liebe diese Geschichten, diese Göttinnen und Götter mit ihren menschlichen Eigenschaften, die so überhaupt nicht perfekt sind, wie wir sie aus der christlichen Religion kennen.
Stephen Fry schafft es, hier einerseits ein wenig Ordnung und Chronologie reinzubringen, andererseits verweist er auf die römische Mythologie und übersetzt die Bedeutungen in die Gegenwart.
Ganz große Empfehlung.
Aus dem Englischen von Matthias Frings





Funkenschwestern
von Barbara Blaha
Barbara Blahas Funkenschwestern zeigt auf, dass die Gleichstellung noch lange nicht erreicht ist.
In dem Buch wird auch mit Zahlen, Daten und Fakten belegt, wie es um die Verteilung von Gerechtigkeit - in allen beruflichen und privaten Bereichen – bestellt ist. Das Ergebnis? – ist nicht unerwartet nach wie vor äußert bescheiden.
In sieben Kapiteln werden sämtliche Lebenswelten von Frauen durchforstet, die aufzeigen, an welchen Schrauben noch gedreht werden muss: Frauen werden weniger kompetent empfunden, daher wird ihn auch weniger zugetraut; sie werden abgewertet. Nach wie vor bekommen Frauen weniger Geld für die gleiche Arbeit Durch Care-Arbeit bleibt ihnen für ihre Interessen kaum Zeit und Energie. Sie beleuchtet Sexismus, häusliche Gewalt und Femizide und wie ungleich die Rollen in Beziehungen verteilt sind.
Mit persönlichen Anmerkungen, dass auch Barbara Blaha keine perfekte Feministin ist, wird das Buch aufgelockert und an manchen Stellen ist sie auch wütend. All das liest sich sehr gut.
Es ist das richtige Buch für den Einstieg zum Thema, weil es wahnsinnig plastisch beschreibt, fundiert aufklärt und erklärt.





Die späten Tage
von Wodin Natascha
Natascha Wodin beschreibt ihr Leben als hochbetagte 80-jährige Frau. Mit Friedrich findet sie ihre späte Liebe, obwohl trotz des reifen Alters der beiden das Zusammenleben nicht immer einfach ist. Die Jahre haben Prägungen hinterlassen, die nicht mehr zu ändern sind.
Natascha Wodin beschreibt ihr hohes Alter, von außen betrachtet, wie man es sich wünschen würde: sie ist gesund, fit im Kopf, führt eine Partnerschaft, kann noch schreiben, Autofahren und sich selbst versorgen. Welcher Kraftaufwand jedoch dahintersteckt, den Alltag zu bewältigen, wie viel Überwindung das Leben und welchen Stress es kostet, wenn abseits der täglichen Routinen Aufgaben zu bewältigen sind, wird hier sehr sensibel und berührend beschrieben: Der Schlaf ist nicht mehr tief, zum Spazierengehen benötigt man Stöcke (eventuell bald einen Rollator), die Angst vorm Sterben ist präsent, wie soll man da längerfristige Pläne schmieden. Immer steht die Frage im Raum, wird sie Friedrich heute zum letzten Mal umarmen, wird er oder sie morgen noch leben?
Der Tod begleitet ständig ihre Gedanken und es ist unerträglich für sie, dem Tod so nahe zu sein. Und trotzdem hofft sie, dass der Tod sie nicht heimsuchen wird, obwohl bis jetzt alle Menschen, die geboren wurde, auch gestorben sind. Sie schreibt vom großen Irrtum, dass man im Alter keine Angst mehr vom Tod hat oder dass man bereit und einverstanden wäre zu sterben.
Ein unglaublich berührendes, unter die Haut gehendes Buch über das hohe Alter. Natascha Wodin gelingt es zu zeigen, wie schwer es ist alt zu sein, trotz guter Gesundheit, Und was es heißt, sich mit der Endlichkeit auseinanderzusetzen.
Uneingeschränkte Empfehlung





Mein Freund Kim Jong-un
von Keum Suk Gendry-Kim
Die südkoreanische Comiczeichnerin Gendry-Kim berichtet in der vorliegenden Graphic Novel vom Leben im geteilten Korea und geht besonders auf den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un ein.
Das Leben von Kim Jong-un wird von seiner Kindheit bis in die Gegenwart erzählt. Es wird über die Familiengeschichte berichtet und über jene Familienmitglieder, die bei seiner Machtübernahme, nach dem Tod seines Vaters Kim Jong-Il, ermordet wurden. Die Welt setzte große Hoffnung in Kim Jong-un, da er auf einer Schweizer Schule seine Ausbildung erhielt.
Um überhaupt Nordkorea und seine Menschen kennenzulernen, führte die Autorin Interviews mit Geflüchteten aus Nordkorea, einem Freund des Halbbruders von Kim Jong-un (der ermordet wurde) und dem ehemaligen Präsident Südkoreas Moon Jae-in, der Kim Jong-un öfter traf.
Die Autorin lebt in Sichtweite zur nordkoreanischen Grenze, nahezu täglich hört sie Militärübungen, die ihr Angst machen – immer auch in Gedanken, dass einmal eine Atombombe über die Grenze fliegt, und ob sie mit ihrem Mann nicht lieber auswandern sollte.
Am Ende bleibt zu hoffen, dass es zu keinem neuerlichen Krieg zwischen den beiden Koreas kommen wird, den auch Donald Trump konnte in seiner ersten Amtszeit nicht vermitteln.
Vieles habe ich bereits gewusst und trotzdem fand ich die Graphic Novel sehr spannend und interessant zu lesen und möchte sie jeder*jedem ans Herz legen.





Was wir wissen können
von Ian McEwan
In diesem Roman blicken wir aus dem Jahr 2119 zurück in unsere Gegenwart.
Der erste Teil des Romans ist im Jahr 2119 angesiedelt. Die Welt hat alle Konsequenzen unserer ungeheuer laschen Klimapolitik zu tragen: ganze Erdteile sind aufgrund des Anstiegs des Meeresspiegels überschwemmt, es kam zu Nuklearkatastrophen und insgesamt hat sich die Weltbevölkerung auf vier Milliarden halbiert. Wohlstand gibt es keinen mehr.
Thomas Metcalfe ist Literaturprofessor, jedoch im Jahr 2119 sind Geisteswissenschaften nicht mehr gefragt. Der Professor hat seinen wissenschaftlichen Fokus auf Literatur von 1990-2030 eingegrenzt.
Metcalfe ist auf der Suche nach einem Liebesgedicht von dem damals berühmten Francis Blundy. Sämtliche Archive hat er bereits durchforstet, aber es gibt keinen Hinweis, wo das Gedicht geblieben sein könnte. Beim Lesen des archivierten Materials bekommt Metcalfe eine Ahnung, wie die Welt 2020 ausgesehen hat und die Menschen gelebt haben, welche Krisen sie meistern mussten und welche Kriege sie geführt haben. Er kann nicht begreifen, warum in dieser Zeit nicht mehr für die Umwelt und das Klima getan wurde. Er stellt sich die Jahre 1990-2030 sehr verklärt vor (im Gegensatz zu dem, wie wir sie derzeit selbst erleben).
Im zeiten Teil des Romans erzählt dann Vivien Blundy ihre Geschichte, denn für sie wurde das Gedicht „Ein Sonettenkranz für Vivien“ geschrieben und so löst sich auch das Rätsel rund um den Verbleib des Gedichtes. Dieser Teil des Romans ist großartig konzipiert und geschrieben.
Ich fand den ersten Teil etwas zu lang und fast ein wenig zäh zu lesen, wurde jedoch im zweiten Teil mehr als belohnt. Bei dem Roman handelt sich nicht nur um eine Umwelt- bzw Klimadystopie, weil der Roman so viele andere Themen verhandelt und sich auch nicht wie eine Dystopie liest. Liebe, Alzheimer und Ehebruch sind weitere zentrale Themen.
Insgesamt dann am Ende ein gelungener Roman.
Aus dem Englischen von Bernhard Robben









