Kundenrezensionen von Emmmbeee





Das Jahr der Schmetterlinge
von Lea Korsgaard
Schmetterlinge sind wunderschöne, aber auch sehr zarte Geschöpfe, man sollte ihre Flügel auf keinen Fall berühren. Noli me tangere – rühr mich nicht an! Achtsamkeit und größte Sorgfalt ist geboten.
Die Autorin möchte alle Schmetterlinge Dänemarks kennenlernen, dabei hat sie eine Familie, die ihr einiges abverlangt, ganz normal. Doch kommt sie auf ihrer Suche mit vielerlei hilfreichen Menschen zusammen. Nicht zuletzt lernst sie dabei auch sich selbst besser kennen.
Allerdings: die vorgeschlagene Liste habe ich nicht angelegt und habe es später bereut, denn bald hatte ich die Übersicht über die verschiedenen Arten verloren. Immerhin schalte ich jetzt einen Gang herunter, nicht nur, wenn ich mich in der Natur aufhalte und spazieren gehe, sondern auch in der Begegnung mit jeglicher Kreatur. Lea Korsgaards Botschaften sind denn auch vielschichtig und vielfältig, und man sollte nicht durch die Seiten rasen, sondern beim Lesen entschleunigen.
Das Buch bekam ich geschenkt und dachte erst, das ist ein trockenes Sachbuch, etwas über Natur und vielleicht Landschaft, aber es ist viel mehr als das. Die Themen, die angeschnitten und behandelt werden, sind vielschichtig, interessant und wichtig. Die Autorin Lea Korsgaard stellt sich diesen Themen, rüttelt ihre Leser ein Stück weit auf. Ich merke, dass ich jetzt aufmerksamer und bedachter selbst dem kleinsten Geschöpf begegne. Zudem ist der Text in einem Stil geschrieben, der nie langweilig oder langatmig wird. Ich habe es gern gelesen und würde es jederzeit weiterempfehlen.





Zwischen zwei Leben
von Minna Rytisalo
Nach einer Trennung und dem Flüggewerden ihrer Kinder besinnt sich eine Frau auf sich selbst und beginnt ein neues Leben. Vieles geht ihr durch den Kopf. Wie weit hat sie nur die Ansprüche der anderen Leute um sich herum erfüllt? Wie oft nahm sie sich selbst zurück, wurde im Hier und Jetzt immer blasser und substanzloser? Wie von unendlich weit her tauchen die Stimmen allseits bekannter weiblicher Märchenfiguren auf, die ihrerseits in ihrer vorgängigen Geschichte versucht hatten, entgegen dem feindlich gesinnten Umfeld sich durchzusetzen und den eigenen Weg zu beschreiten. Auch Jennys Schwester und ihre Therapeutin melden sich zu Wort und versuchen zu raten und zu helfen. Lasst es mich vergleichen mit dem Hintergrundchor (aus dem Off) wabernder Geister auf einer Bühne.
In einer schönen, gepflegten, beinahe schon poetischen Sprache führt uns Minna Rytisalo in die Welt ihrer Heldin Jenny Hill, vormals Jenni Mäki. Den Überlegungen konnte ich gut folgen, mich in ihr Denken einfühlen, denn die Erwartungen anderer Leute und die Auseinandersetzung damit kenne ich zur Genüge. Doch habe ich die erzählerische Spannung vermisst, den Drive, eine vorantreibende Handlung. Über weite Strecken kam es mir recht langatmig vor. Die Figuren der Personen, auch die der Jenny selbst, scheinen mir eher konturenlos gezeichnet.
Das Cover finde ich – sorry! – eher kraftlos langweilig. Etwas weniger Rosa würde vielleicht mehr Energie vermitteln, denn die kommt erst gegen Schluss in Ansätzen vor.
Es tut mir leid, aber mich hat der Roman nicht zu fesseln vermocht, die Aufmerksamkeit beim Lesen vermochte ich nie lange zu halten. Ich wüsste auch nicht, wem ich den Roman empfehlen könnte.





Russische Spezialitäten
von Kapitelman Dmitrij
Ein Riss geht durch die Ukraine: hie russlandfreundliche Menschen, hie unabhängig bleiben wollende Ukrainer. Ebenso geht der Riss durch die vor Jahren geflohene, ausgewanderte Familie des Autors. Mama Kapitelman steht auf Seite Putins und hält die russische Sprache hoch. Papa bevorzugt alles Ukrainische. Der Sohn will es mit seiner Mutter nicht verderben, kann aber ihre einseitigen Ansichten nicht billigen. So sitzt er zwischen zwei Stühlen, während die Handys und ihre Meldungen zur familiären Kluft noch beitragen. Die Widersprüche fangen bereits bei der Meteorologie an, die der Berichterstattung im Fernsehen deutlichst widerspricht.
Sohn Dmitrij führt den familieneigenen Laden, der allerlei russische Waren anbietet und muss auf Einkaufstour von Leipzig quer durch Polen in die Ukraine. Dort erfährt er am eigenen Leib, dass seine Mutter unrecht hat und die Kriegsmeldungen keineswegs Fake, sondern bittere Wahrheit sind. Zudem läuft er Gefahr, aufgrund seines Geburtsortes Kiew und trotz der deutschen Staatsbürgerschaft sofort zur Armee eingezogen zu werden.
Selbstverständlich ist es ein autobiographischer Roman, denn die Namen der Familienmitglieder werden verwendet. Und er offenbart, wie die Secondos mit dem Leben in dem Land, in dem sie aufgewachsen sind, und dem in der alten Heimat umgehen. Durchaus gespalten, kein Wunder, wenn der ideologische Riss mitten durch die Familie geht.
Es sind furchtbare Bilder und Schicksale, die vor dem Leser ausgebreitet werden, vermutlich ohnehin in eher schonender Form und Auslese. Dabei versteht es Dmitrij Kapitelman, auch noch Humor und Sprachwitz in die Geschichte zu flechten.
Überhaupt die Sprache spielt eine große Rolle. Allerdings wäre ein Vokabularium kein Luxus gewesen, denn manche Begriffe erklären sich erst im Lauf der Story solchen Menschen, die des Russischen nicht mächtig sind. Zudem ist vieles in kyrillischer Schrift gedruckt. Erläuterungen wären also sehr hilfreich gewesen, um sich besser ins Geschehen und die Bedeutungen hineinfinden zu können.
Der Autor spricht inzwischen längst ein fehlerfreies Deutsch, aber er versteht es, osteuropäischen Slang, slawischen Akzent ins Stück zu stricken. Sprachlich sehr gekonnt, wie schon in seinen früheren Werken zu lesen war. Und es ist eine Kunst, aktuelle politische und gesellschaftliche Zustände gleichzeitig genau aufs Korn zu nehmen, sie zu beschreiben und den Leser dennoch mit einem Lächeln auf den Lippen zu entlassen. Sehr empfehlenswert!





Und später für immer
von Volker Jarck
Johann ist in den letzten Kriegstagen desertiert, als sich ihm und einigen anderen Kameraden die Gelegenheit dazu bot. Das ist durchaus verständlich und sehr begreiflich, denn welcher Soldat wollte das nicht, spätestens als immer klarer wurde, dass der Krieg verloren war. Zudem befand sich Johann mit seinen Fliegerkameraden gerade in der Nähe seiner Heimatgegend, im Norden Deutschlands. Zu allem anderen wusste er, dass er bald Vater würde, und er hat schreckliche Sehnsucht nach seiner jungen Ehefrau.
Als an zwei Fingern auszurechnen war, dass ein anderer aus der Einheit seine Flucht verraten könnte, war er sogar versucht, ihn zu erschießen. Denn Desertion wurde standrechtlich durch Exekution bestraft. Doch im letzten Augenblick nahm er davon Abstand – zum Glück, wie sich (natürlich neben dem menschlichen Aspekt) später erwies.
Doch im heimlichen Unterschlupf ereignete sich eine Begegnung, die drohte, all seine sehnsüchtigen Pläne über den Haufen zu werfen. Für mich war bis zum letzten Wort offen, wie er sich zwischen zwei Frauen entscheidet. Denn der immer wiederkehrende Schlager „In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine“ bewahrheitet sich an mehreren Stellen auf gefährlich kippelnde Weise.
Es ist also ein sehr spannender Roman, den der Autor Volker Jarck nach den Tagebüchern seines Großvaters schrieb, auch wenn der Text wegen der vielen Rückblenden gewisse Längen aufweist. Schauplatz ist der Fliegerhorst Stade in Norddeutschland und die Scheune einer Tante in der Nähe, auf dem Fluchtweg nach Hause zu Emmy, der jungen Ehefrau. Mir gefällt der flotte Stil, das menschliche Verständnis, die inneren Nöte und die Wärme, die man spürt. Wie viele Deserteure und Heimkehrer werden in einer ähnlichen Situation gewesen sein. Dennoch, so richtig begeistert hat mich das Buch nicht.
Ich empfehle den Roman allen, die sich für die vielen verschiedenen Facetten im Inneren eines Menschen interessieren.





Ein anderes Leben
von Peters Caroline
Sie stehen um das Grab von Hannas letztem Ehemann, Bow, dem Vater der Erzählerin, ihren älteren Schwestern Laura und Lotta sowie deren jeweiligen Vätern. Reichlich verwirrend beginnt dieser Roman rings um Hanna und ihrer drei Studienfreunde (und nacheinander Ehemänner) Klaus und Roberto. Bow, der Verstorbene und eigentlich seit Jahren Hannas Witwer, ist der einzige, der ein Haus für Hanna und ihre bisher zwei Töchter und auch seine einzige leibliche Tochter gebaut hat und immer der Mittelpunkt der Erzählerin war. Wie geschrieben: So in wenigen Worten zusammengefasst komme ich selber nur noch schwer mit.
Es ist ein völlig anderer Alltag, als wir ihn gemeinhin kennen, und gerade deshalb so faszinierend, sich auf ihn einzulassen. Aber auch eine seelische Achterbahn, denn die geschilderten Situationen können ganz schön aufs Gemüt drücken, und oft musste ich den Roman für eine Weile aus der Hand legen.
Doch ist der Erzählfluss leicht, munter und farbig, wobei es den Griff in die literarischen Farbtöpfe auch braucht, um einer solchen Familie gerecht zu werden. Immerhin ist es der Erstlingsroman der bekannten Schauspielerin Caroline Peters, die in sehr vielen deutschen Filmen mitspielt, als Partnerin namhafter und beliebter Darsteller und Darstellerinnen.
Ich bin überzeugt, dass viele Frauen sich wiederfinden werden, als Tochter und Schwester. Mich hat es nämlich an vielen Stellen besonders berührt, und ich kann die einzelnen Reaktionen bei diversen Begegnungen gut nachempfinden. Eigentlich ein Viermäderlhaushalt, Bow mit Hanna und ihren drei Töchtern.
Wem ich den Roman empfehlen würde? Auf alle Fälle jenen, die Frau Peters als Schauspielerin schätzen. Spätestens seit ihrer Rolle in „Der Vorname“ bleibt sie mir lebhaft im Gedächtnis.





Sobald wir angekommen sind
von Lewinsky Micha
Ben beschäftigt sich viel mit seinem literarischen Vorbild, dem großen jüdischen Autor Stefan Zweig. Er kennt dessen Bücher, besonders diejenigen im Zusammenhang mit seinem Exil Brasilien. Auch gibt es Parallelen zum Liebesleben von Zweig und Ben.
Als Sohn von jüdischen Flüchtlingen und Überlebenden der Shoa ist ihm die ständige Angst vor Verfolgung und Unsicherheit in die Wiege gelegt worden. Er spürt im aggressiven Verhalten der Regierungen immer wieder Gefahren und ist bereit, es seinen Ahnen gleichzutun und das Heil in der rechtzeitigen Flucht zu suchen. Zusammen mit seiner Frau hat er schon überlegt, dass Brasilien auch für seine Familie ein Zufluchtsort wäre, sollte der Ernstfall eintreten und ein Atomkrieg oder Dritter Weltkrieg in Europa losbrechen.
Doch er hat nicht nur dieses ernsthafte Problem. Getrennt von seiner Frau und abwechselnd mit ihr für die gemeinsamen Kinder sorgend, ist da auch noch eine Geliebte, die glaubt, von ihm schwanger zu sein. Aber er kann sich für keine Seite entscheiden und windet sich immer wieder aus den notwendigen Gesprächen. Außerdem steckt er tief in einer Flaute als Autor.
Bei einer alarmierenden Lage in Europa bucht seine Frau kurzerhand Flugtickets nach Brasilien. Soll er sich ihr der Kinder wegen anschließen? Einen Neuanfang wagen? Die jahrtausendealte Flucht der Juden scheint nun auch ihn zu betreffen.
Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Er spricht verschiedene Themen an und ist von Beginn an mitreißend erzählt. Dabei greift der Autor das Verhalten vieler Menschen auf, welche sich (aus falsch verstandener Rücksicht oder aus Feigheit) für keinen klaren Standpunkt entscheiden können. In diesem Fall spielt auch die Angst eine Rolle, unangenehm aufzufallen, sich dem Rassismus auszusetzen, was verständlich ist. Dennoch ist es ein ständiges Schwanken zwischen zwei Seiten, das keinem nutzt. Lewinsky stellt das eindrücklich dar.
Dieses Debut wird ganz sicher zu einem Hit, denn schon der Name (der erfolgreiche Schriftsteller Charles Lewinsky dürfte sein Vater sein) bürgt für Qualität. Ich jedenfalls wünsche mir mehr aus seiner Feder.





Nachbarn
von Oliver Diane
Geschichten aus der Nachbarschaft gibt es wahrlich viele. Wenn wir ein wenig über unsere Umwelt nachdenken, fallen uns bestimmt etliche ein: lustige, empörende, tragische.
Doch Diane Oliver (geb. 1943, gest. 1966) schrieb andere, nämlich solche über Schwarze kurz nach der Zeit der Segregation, als die Rassentrennung noch tief in den Köpfen verwurzelt war. Weiße Hauptpersonen kommen in keiner positiven Weise darin vor. Und Lustiges auch nicht. Nur Traurigkeit, kaum eine Spur von Hoffnung findet sich in den 14 Stories.
Natürlich, denn sie handeln allesamt davon, wie man die ehemals unterdrückten Sklaven noch immer als solche betrachtete und ihnen das Leben schwermachten. Die einzelnen Charaktere sind sehr plastisch und greifbar beschrieben, die meisten Schritte kann ich nachvollziehen, obwohl ich nicht alles verstanden habe. Aus fast jedem Blickwinkel beleuchtet sie den Alltag der Schwarzen. Meist sind es verlassene Frauen, die sich irgendwie durchschlagen, vielmehr durchschleppen müssen.
Die Lektüre hat mich niedergedrückt, aber gelesen habe ich alles.
Diane Alene Oliver ist eine Schwarze Autorin, obwohl das etwas diffuse Foto auf dem Umschlag annehmen lässt, sie sei weiß. Und sie ist sehr jung gestorben, ist als 23-Jährige mit dem Motorrad verunglückt. Zu Lebzeiten wurde sie durch ihre Short Stories kaum bekannt, denn dieses Genre ist ohnehin ein schwieriges, um bekannt zu werden. Noch dazu wurden Schwarze Autorinnen kaum beachtet. Erst nach dem Tod der jungen Frau wurde sie zuerst viel gelesen, geriet aber dann in Vergessenheit.
Jetzt ist man auf ihre Texte wieder aufmerksam geworden und hat ihnen zu neuem Leben verholfen. Zum Glück für uns Leser!





Das Philosophenschiff
von Köhlmeier Michael
Frau Prof. Anouk Perleman-Jacob mit ihren hundert Jahren sieht deutlich das Ende ihres Lebens vor sich und möchte davor noch von ihren jungen Jahren erzählen. Diesen Wunsch kennen bestimmt viele betagte Menschen, doch sie wünscht sich als Zuhörer und Biographen einen renommierten Autor wie Michael Köhlmeier. Sie hat viel zu berichten, war doch Lenin für ein paar Tage ihr Freund. Wie das gekommen ist in den Wirren der damaligen Zeit ist äußerst interessant und kunstvoll aufbereitet. Doch nicht allein das Erzählen nahm mich gefangen, es war auch die Philosophie, die Köhlmeier wie in vielen seiner Werke einzuflechten versteht, ist das doch eine seiner Stärken und trägt wesentlich zum Verständnis bei.
Als eine, die fast alle Werke von ihm gelesen hat, darf ich behaupten, dass ich selten einen seiner Romane so genossen habe. Da ich Wien einigermaßen gut kenne, konnte ich ihn auf seinen Wanderungen durch die Stadt begleiten. Hietzing, heute eher ein Nobelviertel, beheimatet auf seinem wunderschönen Friedhof etliche Berühmtheiten wie Gustav Klimt, Otto Wagner oder Franz Grillparzer. Ein wenig gewundert hat es mich schon, dass er zum Nachdenken offensichtlich nie durchspaziert ist.
Mir ist aufgefallen, dass manche Buchstaben in den Titeln ein wenig anders gedruckt wurden, auch wenn das T bei genauerer Betrachtung schwer zu erkennen ist. Solche Kleinigkeiten heben ein Buch von anderen ab.
Das Cover ist geschichtlich sehr gut angepasst, verrät aber nichts über den Inhalt. Ein weiterer Pluspunkt ist das historische Wissen, das beim Lesen beträchtlich erweitert und verständlich aufbereitet wird.
Ich empfehle das Buch jedem, der an der Geschichte des vorigen Jahrhunderts, insbesondere der russischen, aber auch an den menschlichen Facetten der damaligen Herrscher interessiert ist.









