Kundenrezensionen von Michael König





Wovon wir leben
von Birnbacher Birgit
Das jüngste Buch von Birgit Birnbacher setzt soviele Trigger für zeitlos aktuelle Themen, dass man die Geschichte in einem Guss durchlesen muss. Ein beeindruckendes literarisches Tiefenerlebnis. Schön zu lesen, schwer zu verdauen. Die Geschichte spielt im Salzburger Innergebirg. Sie könnte sich aber genauso gut im niederösterreichischen Retz oder im bayrischen Berchtesgaden ereignet haben. Man passiert einige Tunnels, um im Ort der Kindheit der Protagonostin Julia anzukommen. Am Ende dieses Tunnels findet sich aber wenig Licht, dafür viel Schatten, den Birnbacher präzise ausleuchtet. Ein Dorflandschaft der Sprachlosigkeit, der Birnbacher eine Sprache gibt. Das macht für mich das Kunstvolle dieses Romans aus („Es ist wie immer hier: Alles muss man sich selbst erzählen, die anderen erzählen es einem nicht.“).
Ein schweigendes Bergmassiv voller Abbrüche umschatten die Figuren ihres neuen Romans. Man kann ihn als Kommentar zum Pflegeberuf und den Ausbruch davon lesen, über den Generationenbruch, über die Stadt-Land-Brüche, über den Ehebruch, über den Bruch eines Arbeiterlebens hinein in die Arbeitslosigkeit, über einen Vater-Tochter-Bruch, über den Wertebruch, über den Abbruch einer Mutter-Tochterbeziehung, einer Geschwisterbeziehung, über einen Tabubruch, über einen Einbruch, über einen Beziehungsbruch, über den Zusammenbruch von Lebenskonzepten, über den Bruch mit sich selbst. Ein besonders schöner Satz in diesem Zusammenhang: „Irgendwo trage ich diesen Menschen von früher noch im mir, weiß, wer er ist, und stehe doch seit Jahrzehnten in keinem Zwiegespräch mit ihm. Ein Ineinandersein im ewigen Schweigen ist das, das erst gebrochen wird, wenn alte Wunden berührt werden.“
Birnbacher berührt gleich mehrere Wunden unserer Gesellschafts,- unserer Generationen- und unserer Geschlechterkonstruktion. Man kann ihren neuen Roman aber auch anders lesen: als Geschichte, die zwischen den Brüchen Verbindungen sucht: jene zwischen den Städtern und den Landmenschen, zwischen den Liebenden, die flüchten und wieder heimkehren, zwischen den Pfegebedürftigen und den mit der Pflege Überforderten, zwischen den Jungen und den Alten, zwischen den Verletzern und den Verletzten.
Schattenarbeit, psychologisch im Sinne von C.G. Jung verstanden, bedeutet immer, den Schatten erst einmal zu benennen, mit ihm in Kontakt zu kommen um dann einen angemessenen Umgang mit ihm zu finden, im besten Fall ihn zu transformieren. Birgit Birnbacher leistet mit diesem Buch einen excellente Beitrag für die notwendige Schattenarbeit zu brennenden Themen unserer Gesellschaft.
Das Buch ist kein fröhliches Buch. Aber es richtet einen Lichtpegel in das Dunkle unsere Gesellschaft. Innergebirg ist überall. Insofern ist es kein dunkler, sondern ein erhellender Roman, das viele Landepunkte für eigene Lebensthemen enthält.
