

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
von Judith Hermann
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2026 FISCHER E-Books
160 Seiten
Sprache: Deutsch
978-3-10-492421-2
Hauptbeschreibung
Judith Hermann folgt in »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war. Sie verknüpft ihr Schreiben mit seiner lange verleugneten Geschichte, reist von Polen aus weiter zu ihrer Schwester nach Neapel und geht Erinnern und Vergessen der folgenden Generationen nach. In Zwischen- und Untertönen spürt Judith Hermann das Verdrängte, die Leerstellen unserer Gesellschaft auf. Ebenso magisch wie magnetisch erzählt sie davon, wie fragil wir uns in unseren Leben einrichten – und zeigt auch, welche Schönheit sich darin verbergen kann.
Zitat aus einer Besprechung
Die Lektüre ist bisweilen erschütternd, tut weh, ist dann wieder zauberhaft und weise. Weil [Hermann] Unausgesprochenem einen sehr reflektierten Raum gibt.
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2026 FISCHER E-Books
160 Seiten
Sprache: Deutsch
E-Book Endkundennutzungsbedinungen des Verlages
978-3-10-492421-2
Weitere verfügbare Ausgaben:
Autor
Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Ihrem Debüt »Sommerhaus, später« (1998) wurde eine außerordentliche Resonanz zuteil. 2003 folgte der Erzählungsband »Nichts als Gespenster«. Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das Kino verfilmt. 2009 erschien »Alice«, fünf Erzählungen, die international gefeiert wurden. 2014 veröffentlichte Judith Hermann ihren ersten Roman, »Aller Liebe Anfang«. 2016 folgten die Erzählungen »Lettipark«, die mit dem dänischen Blixen-Preis für Kurzgeschichten ausgezeichnet wurden. Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. 2021 erschien der Roman »Daheim«, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, und für den Judith Hermann mit dem Bremer Literaturpreis 2022 ausgezeichnet wurde. 2023 erschien »Wir hätten uns alles gesagt«, basierend auf den Frankfurter Poetikvorlesungen, die Judith Hermann im Frühjahr 2022 hielt. Dafür erhielt sie den Wilhelm Raabe-Literaturpreis. Zuletzt erschien 2026 »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin. Literaturpreise: Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2023 Preis der LiteraTour Nord 2022 Bremer Literaturpreis 2022 Rheingau Literatur Preis 2021 Blixenprisen 2018 für »Lettipark« Erich-Fried-Preis 2014 Friedrich-Hölderlin-Preis 2009 Kleist-Preis 2001 Hugo-Ball-Förderpreis 1999 Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 1999




Erinnern, vergessen, verdrängen
2026-04-09 23:25:00
Dieses Buch, ein Roman ist es keiner, auch wenn es fiktionale Teile enthält, spaltet das Feuilleton und die Leserschaft. Die einen sind begeistert vom typischen Judith-Hermann- Sound, die anderen empfinden das Buch als Ärgernis. Denn die Autorin begibt sich auf Spurensuche nach ihrem Großvater, und findet …nichts.
Der Großvater, 1904 geboren, schon vor 1933 NSDAP-Mitglied, später Mitglied der SS , war als solcher in Radom, in Polen stationiert. Fast ein Drittel der damals 85.000 Einwohner waren Juden. Die Nazis haben sie in Arbeitslager und Vernichtungslager verschleppt, ins Ghetto gesperrt, erschossen, vergast oder sie starben an Krankheiten. Heute lebt nur noch ein einziger Jude in der Stadt
Nach Radom, dieser Kleinstadt zwischen Krakau und Warschau, reist nun die Autorin und bezieht dort für Wochen eine Wohnung . Im Gepäck u.a. ein Photo von ihrem Großvater, wie er auf einem Motorrad sitzt und in die Kamera lächelt. Den Platz in Radom, wo das Bild entstanden ist, wird sie später finden, viel mehr nicht. Sie liest viel in Radom, auch Mitscherlichs „Die Unfähigkeit zu trauern“. Sie macht lange Spaziergänge, sucht die Reste der alten Ghettomauer, besucht Museen und schreibt an Archivare und Historiker. Erst kurz vor ihrer Abreise bekommt sie Antwort, man lädt sie ein. Aber mehr erfahren wir dazu nicht.
Auslöser für diese Reise war nicht nur der Fund jenes Photos, sondern auch eine kurzzeitige Amnesie der achtzigjährigen Mutter. Dieses Ereignis zeigt ihr deutlich, dass die Zeit drängte, wenn sie noch Antworten bekommen wollte. Mit der Mutter telefoniert die Autorin dann auch täglich von Polen aus. Aber die Mutter kann oder will ihre Fragen nicht beantworten.
Auf diesen ersten Teil des Buches, „Radom“ tituliert, folgt Teil II. „Napoli“.
Im Anschluss fährt Judith Hermann weiter nach Neapel, wo ihre Schwester mit Mann und Kindern lebt. Die Schwester ist Archäologin, gräbt also ebenfalls in der Vergangenheit. Aber nicht in der familiären, davon will sie nichts wissen und nicht darüber reden. Sie interessiert sich dagegen für „geschlossene Fälle“, so wie die Verschütteten in Pompeji, die vor über Jahren vom Ausbruch des Vesuvs überrascht wurden. Der Großvater, der ist „ kein geschlossener Fall“.
Im kürzesten und letzten Teil des Buches , mit dem poetischen dänischen Wort „Tidslomme“- „Zeittäschchen“ überschrieben, geht es um das tagelange Verschwinden der Schwiegereltern während einer Urlaubsreise. Auch das eine Leerstelle.
Ist dieses Buch nun ein gescheiterter Versuch, eine Enttäuschung? Wenn man ein weiteren Text über einen SS-Täter lesen wollte, dann ja. Aber es geht nicht darum, was dieser Großvater im Krieg getan hat. Das ist eindeutig. Er war in Radom, als das Ghetto aufgelöst wurde, als Menschen deportiert und erschossen wurden, und ganz sicher war er als SS -Mann daran beteiligt.
Nein, es geht darum, was dieser Großvater mit der Familie gemacht hat. Welche Auswirkungen hatten seine Taten und das Schweigen darüber auf seine Familie und auf die Nachfahren? Judith Hermann hat ihren Großvater nie gekannt, er starb sechs Jahre vor ihrer Geburt. Aber als Schatten, als dunkles Loch war er präsent. „Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet.“
Judith Hermann wird weder von ihrer Mutter noch von ihrer Schwester bei ihrer Suche nach der Wahrheit unterstützt. Das mag unbefriedigend sein, dürfte aber in vielen Familien ähnlich ablaufen. So zeigt dieses Buch eben auch, wie schwierig es noch immer ist, sich der eigenen Nazivergangenheit zu stellen.
Es lohnt sich, die Autorin bei ihrem Versuch, in der Zeit zurückzugehen, zu begleiten. Sie lässt uns teilhaben an ihren „Befindlichkeiten“, beschreibt präzise, was diese Zeit in Radom mit ihr macht. Ja, sie stochert im Nebel, aber das macht sie mit einer Sprache, die einem mitnimmt. Tastend und reflektierend, mit eindringlichen Bildern, erzeugt sie eine Atmosphäre, die berührt
„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist eine Geschichte vom Suchen und Nichtfinden, eine Reflexion über sich und die eigene Familie, über das Erinnern, Vergessen, Verdrängen.




Sehr interessant
2026-03-02 13:36:00
Die Autorin macht sich in diesem Buch auf die Spuren ihres Großvaters, der für die SS in Polen stationiert war. Ihr Schreiben wird verknüpft mit der immer verleugneten Geschichte und reist zu ihrer Schwester nach Neapel und geht dem Erinnern und Vergessen der nachfolgenden Generationen nach.
Meine Meinung:
Auch wenn es natürlich viele Bücher über den zweiten Weltkrieg gibt und man schon vielfach etwas darüber gelesen hat, hat dieses Buch schon einen besonderen Touch, denn die Autorin gräbt in ihrer Vergangenheit, besser in der ihrer Familie und fragt sich eben auch, in wie weit die Vergangenheit Einfluss auf die nachfolgenden Generationen hat. Dabei werden immer wieder Fragen aufgeworfen, die man sich in Teilen auch selbst stellen kann oder könnte, je nachdem wie man damit umgehen möchte. Wie von der Autorin gewohnt, ist das Buch gut geschrieben und liest sich auch dementsprechend gut.
Fazit:
Sehr interessant