Ich möchte zurückgehen in der Zeit
von Judith Hermann
€ 24,70
Hardcover
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2026 S. Fischer Verlag GmbH
160 Seiten
20 mm x 134 mm
Sprache: Deutsch
978-3-10-397764-6
Hauptbeschreibung
Judith Hermann folgt in »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war. Sie verknüpft ihr Schreiben mit seiner lange verleugneten Geschichte, reist von Polen aus weiter zu ihrer Schwester nach Neapel und geht Erinnern und Vergessen der folgenden Generationen nach.
In Zwischen- und Untertönen spürt Judith Hermann das Verdrängte, die Leerstellen unserer Gesellschaft auf. Ebenso magisch wie magnetisch erzählt sie davon, wie fragil wir uns in unseren Leben einrichten - und zeigt auch, welche Schönheit sich darin verbergen kann.
Verwandte Suchkategorien
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- Daheim
- Sommerhaus später
- Poetikvorlesungen Kassel
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- Ein Buch von S. Fischer
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- Historische Gesellschaftsanalyse
- literarische Prosa
- Kriegserinnerungen
- Europa zur Kriegszeit
- autumn reading
- evening reflection
Hardcover
2026 S. Fischer Verlag GmbH
160 Seiten
20 mm x 134 mm
Sprache: Deutsch
978-3-10-397764-6
Weitere verfügbare Ausgaben:
Autor
Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Ihrem Debüt »Sommerhaus, später« (1998) wurde eine außerordentliche Resonanz zuteil. 2003 folgte der Erzählungsband »Nichts als Gespenster«. Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das Kino verfilmt. 2009 erschien »Alice«, fünf Erzählungen, die international gefeiert wurden. 2014 veröffentlichte Judith Hermann ihren ersten Roman, »Aller Liebe Anfang«. 2016 folgten die Erzählungen »Lettipark«, die mit dem dänischen Blixen-Preis für Kurzgeschichten ausgezeichnet wurden. Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. 2021 erschien der Roman »Daheim«, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, und für den Judith Hermann mit dem Bremer Literaturpreis 2022 ausgezeichnet wurde. 2023 erschien »Wir hätten uns alles gesagt«, basierend auf den Frankfurter Poetikvorlesungen, die Judith Hermann im Frühjahr 2022 hielt. Dafür erhielt sie den Wilhelm Raabe-Literaturpreis. Zuletzt erschien 2026 »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin.
Literaturpreise:
Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2023
Preis der LiteraTour Nord 2022
Bremer Literaturpreis 2022
Rheingau Literatur Preis 2021
Blixenprisen 2018 für »Lettipark«
Erich-Fried-Preis 2014
Friedrich-Hölderlin-Preis 2009
Kleist-Preis 2001
Hugo-Ball-Förderpreis 1999
Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 1999
Hersteller: S. Fischer Verlag GmbH
Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main DE
E-Mail: produktsicherheit@fischerverlage.de




Das große Schweigen
2026-04-22 01:02:00
Schließlich fährt sie zu ihrer Schwester nach Süditalien. Die beiden sind, wenn wir der Autorin glauben, wie Tag und Nacht, ihr Kontakt grundsätzlich kaum vorhanden, eine ständige Genervtheit umgibt sie in der gegenseitigen Kommunikation. Vor allem aber haben sie das Schweigen gemein, das sich scheinbar durch die Familiengeschichte zieht. Über dunkle Dinge, sei es die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft spricht man nicht, schon gar nicht vor den Kindern. Diese Scheuklappen sind symbolisch für den Umgang mit Unangenehmen, erkennt Hermann. Auch wenn sie diesen Schweigenskreislauf durchbrechen will, kommt sie nicht dagegen an. Dafür steht ein Karpfen, gefangen in einem kleinen Becken, der nur im Kreis schwimmen kann, sinnbildlich - ein Bild, eigentlich das einzige Bild, dass sich langfristig von diesem Buch in meinem Kopf festgesetzt hat.
Zum Abschluss folgt das große Finale des Schweigens, nämlich eine kurze Geschichte der Schwiegereltern, die auf Reisen gehen, bei ihrer Sollunterkunft aber nie ankommen. Die Sorge ist groß, man findet Spuren in Polen und plötzlich sind sie wieder da. Und genau: auch darüber wird nie gesprochen.
Ich hatte mir nach dem Lesen des Beschreibungstextes eine andere Geschichte erwartet: eine Spurensuche nach der Wahrheit, der bitteren Vergangenheit des Großvaters und seiner Mittäterschaft. Daweil steht das Schweigen im Mittelpunkt, gerahmt von Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen der Autorin oder der Figur - es ist unklar, was wahr ist und was fiktional. Ich konnte davon nicht alles nachvollziehen und das Buch hinterließ mich ob der differenten Erwartungen enttäuscht, auch wenn man der Autorin ein hervorragendes und einnehmendes Sprachgefühl attestieren muss. Für viele, die dieses Hintreiben der Sprache, das Philosophieren über die Welt und die scharfen Beobachtungen zur Kommunikation, oder vielmehr der Nichtkommunikation, genießen können, ist "Ich wollte zurückgehen in der Zeit" bestimmt ein ansprechender Lesegenuss. Mich hinterlässt das Buch jedoch recht unbeeindruckt.




Über das Innenleben einer Frau angesichts vieler offen bleibender Fragen
2026-04-02 15:29:00
Das Buch ist in drei Teile geteilt, von denen der erste der längste und der dritte der kürzeste ist. Auf den ersten 70 Seiten des insgesamt nicht einmal 160 Seiten umfassenden Büchleins folgen wir der Autorin nach Radom, wo ihr Großvater, der lange vor ihrer Geburt gestorben ist und den sie deshalb nie persönlich kennen lernte konnte, als Mitglied der Waffen-SS stationiert war. Es kann vermutet werden, dass er in dieser Funktion in die Gräuel und Menschenrechtsverletzungen, die dort zur Zeit des Dritten Reiches verübt haben, aktiv involviert war. Genaueres darüber weiß die Autorin aber nicht, wissen wir als Leserinnen und Leser somit auch nicht und werden auch werden sie noch infolgedessen wir durch ihren Aufenthalt dort erfahren. Im Wesentlichen besteht dieser Teil des Buches aus einer durchaus atmosphärischen Beschreibung des Alleinseins der Autorin in Radom, während sie darauf hofft, dass sich allein durch ihre Präsenz in dieser polnischen Stadt ihr ein Weg zu Erkenntnissen über die Taten des Großvaters zeigt, was aber nicht wirklich geschieht: "... ich hatte angenommen, dass die Stadt auf mich gewartet hatte und mir eine Reihe notwendiger Schritte nun irgendwie diktieren, vorgeben würde, das tat sie aber nicht, also ging ich raus und machte mich auf die Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war." (S. 19)
Sie sucht also nach irgendetwas und findet nicht wirklich. Meint, auch nach Jahrzehnten die beklemmende Atmosphäre der Stadt, in der einst so vielen Juden lebten und es nach deren Vertreibung und Ermordung in der NS-Zeit bis heute kaum mehr welche dort gibt, zu spüren. Sie beschäftigt sich mit sich selbst, liest Gedichte, spaziert herum, betrachtet das Foto des Großvaters, denkt über ihre Familie nach und über das, was in Radom passiert ist. Telefoniert mit der Mutter und fragt sie nach Erinnerungen an den Großvater, diese weicht aus und meint, sich nicht an viel erinnern zu können, sie hatte auch nicht viel gemeinsame Zeit mit ihm verbracht und war noch recht jung, als er starb. In der allerletzten Woche ihres Aufenthaltes tragen doch noch Bemühungen der Autorin Früchte und sie darf ein Museum besuchen, Fragen stellen, erhält eine Stadtführung eines Historikers und eine Einladung zu einem Sabbatessen. Leider erwähnt sie all dies nur in ähnlich kurzer Form, wie ich es hier schreibe und lässt uns Lesende nicht an diesen Erfahrungen und etwaigen Erkenntnissen daraus teilhaben.
Danach folgt ein geringfügig kürzerer Teil, wieder knapp 70 Seiten, bei dem die Autorin, weil es ihr so einfällt, von Krakau aus weiter Richtung Süden zu fahren, nach Napoli fährt, um die dort lebende Schwester zu besuchen. Auch hier geht es weiter viel um das Innenleben der Autorin und um deren Alltagsbeobachtungen. Wenn sich Substanzielles in diesem Teil verbergen sollte, dann in symbolischer Form, etwa in Vergleichen zur Arbeit der Schwester als Archäologin und zum ausgelöschten Pompeji oder zu einer Wohnung einer Verstorbenen, in der sich die Familie trifft. Mit viel Bemühung und eigener Interpretationsleistung kann man hier sicher einige interessante Vergleiche ziehen und diskussionswürdige Punkte finden. Über die Familiengeschichte der Autorin und insbesondere des Großvaters erfährt man in diesem Teil aber auch nichts Neues.
Am Ende gibt es dann noch ein sehr kurzes Kapitel mit einer Erzählung, die scheinbar in keinem näheren Zusammenhang zum Rest des Buches steht, bei der sich bei näherer Betrachtung aber ebenfalls Parallelen zu den anderen beiden Erzählsträngen finden lassen.
Wer etwas über Geschichte und tatsächliche Vergangenheitsaufarbeitung erfahren möchte, dem kann ich dieses Buch nicht empfehlen. Dafür gibt es inhaltlich viel zu wenig her. Auch ist es von der psychologischen Komponente her meiner Beurteilung nach wenig verallgemeinerbar für das Empfinden der Nachkommen dritter Generation aus möglichen Täterfamilien, dazu empfinde ich die Autorin und Ich-Erzählerin als deutlich zu speziell. Wer sich aber für die innere psychische Verfassung einer Frau interessiert und viele subtile, symbolische Bezüge mag, wird mit diesem Buch möglicherweise seine Freude haben.




Stark geschrieben, wie gehen wir mit Leerstellen in unserem Lebensbild um?
2026-03-09 08:51:00