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Rezensionen

Romagnolo, Raffaella
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Italien in der 1. Hälfte des 20. Jahrhundert 12. Juli 2019
Was für ein Roman! Über Jahrzehnte hinweg wird die Geschichte der Bewohner des kleinen Dorfes Borgo die Dentro erzählt. Es ist ein armes Dorf voller Fabrikarbeiter und Kleinpächter, schon die Kinder werden früh in die Seidenfabriken geschickt, Bildung gibt es wenig.

Den Rahmen der Geschichte bildet der Besuch Giulias, kurz nach Ende des 2. Weltkrieges kehrt sie mit ihrem Sohn Michael ins Dorf zurück. Sie ist als junge Frau nach Amerika ausgewandert und hatte dort großes Glück. Im Dorf lässt sie sich treiben, die Erinnerungen kommen und gehen.

Parallel dazu wird die Geschichte der Familie Leone über viele Generationen hinweg erzählt. Es sind intelligente, gute Menschen, doch die Umstände machen ihr Leben schwer. Generationen von Brüdern, Männern, Väter bleiben im Krieg, kommen beschädigt zurück oder gehen in den Wirren zugrunde. Nur ihr starker Familienzusammenhalt hilft ihnen weiterzuleben. Anita, einst die beste Freundin Giulias ist eine Tochter dieser Familie.

Nach und nach erfahren wir mehr über die harten Lebensumstände, manche haben Glück, manche Pech. Wir verstehen auch, warum Giulia ausgewandert ist und warum es ihr so schwer fällt, direkt nach ihrer Freundin zu suchen.

In diesem Roman werden wir mitgenommen in eine spannende Reise durch Jahrzehnte italienischer Geschichte. Die Menschen werden lebendig, wir leiden mit, freuen uns mit ihnen und genießen dieses Epos. Ein wortgewaltiger Roman, der den*die Leser*in eintauchen lässt in die Geschichte, wie in einen Film.

Man muss nur durch die ersten Seiten durch, in denen man manchmal denkt, die vielen Charaktere nicht auseinanderhalten zu können. Ein Stammbaum am Anfang jeden Kapitels hilft aber gut weiter.

Gelungenes italienisches Epos, für das man anfangs etwas Geduld braucht, das sich aber am Ende mehr als lohnt!
Sprach- und bildgewaltig 11. Mai 2019
Unter ärmlichsten Verhältnissen leben die Kleinpächter und Fabrikarbeiter in Borgo di Dentro Ende des 19. Jahrhunderts. Schon als kleine Mädchen mussten Giulia und ihre Freundin Anita in den Seidenspinnereien hart arbeiten. Der Lebensweg scheint für beide vorgezeichnet zu sein. Doch dann muss Giulia erfahren, dass ihre beste Freundin und Vertraute und ihr Verlobter sich in einander verliebten und verletzt verlässt sie ihre Heimat Richtung New York. Mittellos und schwanger landet sie dort in der Grosseria des Libero Manfredi, der sie großherzig aufnimmt, ihr und ihrem Kind Liebe und Heimstatt bietet.


Nach gut 50 Jahren kehrt Giulia, nun eine vermögende Amerikanerin mit ihrem Sohn Michael nach Borgo zurück. Wie wird ihr Zusammentreffen mit Anitia sein?


Der großartige Familienroman von Raffaella Romagnolo fächert ein breites Familienepos vor dem Hintergrund der turbulenten Zeitgeschichte auf. Über Borgo sind zwei Weltkriege hinweg gezogen, die viele Opfer in den Familien forderten. Auch Anita musste viel Blutzoll bezahlen. Es hat sich für die kleinen Leute nie etwas geändert, ob Republik oder Faschisten an der Macht waren. Während Giulia in Borgo ist, taucht sie immer wieder in Erinnerungen ein. Die ersten harte Jahre für Immigranten in New York, der allmähliche mühsam erarbeitete Wohlstand und immer wieder auch ihre Enttäuschung über Anita Leone und Pietro.


Ein zweiter, in die Handlung eingewobener Erzählstrang betrifft die Sippe der Leones, ihr Schicksal während der beiden Kriege und des Widerstands gegen die Faschisten.


Es ist die bildgewaltige Sprache, die mich fasziniert hat. Ein halbes Jahrhundert wird geschildert und die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge haben mir ausgesprochen gut gefallen. Ein interessantes Epos mit zwei starken Frauen im Mittelpunkt, zu denen sich im letzten Drittel noch eine weitere starke Frauenfigur mit der jungen Marchesina Adelaide gesellt.


Hatte ich, ein wenig durch den Klappentext ( …. sie hat noch eine Rechnung offen)in die Irre geführt, eine Rachegeschichte a lá „Besuch der alten Dame“ erwartet, stellt sich dieser Roman wesentlich vielschichtiger dar. Es ist ein farbiges, fesselndes Zeitbild eines sehr bewegten Jahrhunderts und wieder mal ein Beispiel dafür, dass der Diogenes Verlag ein Händchen für ganz besondere literarische Entdeckungen hat.