Die Zivilisation, Mutter!
von Driss Chraïbi
€ 14,40
Taschenbuch
versand- oder abholbereit in 48 Stunden
Roman
2026 Unionsverlag
192 Seiten
24 mm x 110 mm
Sprache: Deutsch
978-3-293-71053-5
Kurztext
Ein Radio kommt, und die Welt wird groß. Seit die beiden Jungs denken können, hat ihre Mutter das Haus in Marokko nicht verlassen. Als Hüterin der Traditionen führt sie leidenschaftliche Gefechte gegen Bügeleisen, Telefon und anderen Schnickschnack. Bis das neue Radio ihr von der wunderlichen Welt da draußen erzählt - und sie sich mit archaischer Wahrhaftigkeit ein anderes Leben erobert.
Hauptbeschreibung
Seit die beiden Jungs denken können, hat ihre Mutter das Haus in Marokko nicht mehr verlassen. Als Hüterin der Traditionen trimmt sie sie auf anständige Manieren und führt leidenschaftliche Gefechte gegen Bügeleisen, Telefon und anderen modernen Schnickschnack. Bis zu einem Nachmittag im Juli, als ihre Söhne ihr einen sprechenden Kasten ins Zimmer stellen: Blaupunkt steht drauf, und die Stimme darin erzählt ihr von Musik, Theater und Politik. Tag für Tag zaubert das Radio ihre Welt ein Stückchen weiter, und mit der ihr eigenen archaischen Wahrhaftigkeit beginnt sie, sich ein neues Leben zu erobern.
Der Weg dieser marokkanischen Mutter führt aus einer vorindustriellen Welt mitten hinein in die Turbulenzen eines neuen Jahrhunderts - eine zärtliche, augenzwinkernde Hommage an die Freiheit.
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Taschenbuch
Roman
2026 Unionsverlag
192 Seiten
24 mm x 110 mm
Sprache: Deutsch
Übersetzt von: Helgard Rost
978-3-293-71053-5
Autor
Driss Chraïbi, geboren 1926 in El Jadida, Marokko, ging nach dem Abitur nach Paris, um Chemie und Medizin zu studieren. Dann jedoch begann er, sich ganz der Literatur zu widmen. Er unternahm zahlreiche Reisen und arbeitete in den unterschiedlichsten Berufen: als Ingenieur, Journalist, Nachtwächter und Arabischlehrer. Für sein Werk erhielt er die Auszeichnung »Chevalier des Arts et Lettres«. 2007 starb Driss Chraïbi an seinem Wohnort in Frankreich. Helgard Rost, geboren 1943, war von 1969 bis 1993 Lektorin für romanische und afrikanische Literaturen, Herausgeberin und Übersetzerin in Leipzig. Seit 1994 arbeitet sie in verschiedenen Funktionen in der sächsischen Literaturszene.
Hersteller: Verlag C.H.Beck oHG
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E-Mail: produktsicherheit@beck.de




Feinfühlige Geschichte aus Marokko, feministisch und staatskritisch. Toll!
2026-03-26 13:09:00
S.83: „Was ist das, 'lieben'? Was soll das heißen? … Als ich in dieses Haus zog, war ich ein Kind. Stand vor einem Mann, der mir Angst einjagte. War mit ihm allein, verstehst du? … Dann habe ich mich im Laufe der Jahre daran gewöhnt. Die Gewohnheit ist ein Gefühl. Ich stellte mit keine Fragen, ich wusste nicht, wer ich war.“
Alles wurde von ihrem Ehemann organisiert. Sogar die Einkäufe. Sie kennt nichts anderes, glaubt einfach, es muss so sein, und allen Müttern und Ehefrauen gehe es gleich. Ihr Mann ist ein reicher Geschäftsmann, mehr unterwegs als zu Hause. Ihre beiden Söhne sind dem Kindesalter mehr oder weniger entwachsen, als sie ein Radiogerät mitbrachten. Für ihre Mutter war das Magie, und sie war lange der Meinung, dass die Stimme von einem Zauberer kommt. Und das Telefon war ihr erster richtiger Kontakt nach außen.
Die moderne Technik hält nach und nach Einzug in dem Haus. Und ihre Söhne nehmen sie mit nach draußen – in die Stadt. Geheim, von ihrem Sohn Nagib, der ein sanfter Hühne war, beschützt.
S.70: „Ein Tor war aufgestoßen worden. Nun flutete alles auf einmal auf sie herein, und sie versuchte einzudämmen, was ihrer Natur fremd war, diesen Schlamm zu verarbeiten, damit er eines Tages fruchtbar werde.“
Ihr Leben ändert sich nach und nach. Sie lernt lesen, schreiben, rechnen. Sie entdeckt die Welt, und auch ihre eigene Welt, ihre eigenen Kinder, mit neuen Augen.
Gleichzeitig mit dieser Entwicklung ändert sich auch das politische Gefüge im Land Marokko.
S.81: „Und sie sah uns. Sah, dass ich Haare am Kinn hatte und dass Nagib größer war als ihr Mann. An diesem Tag war es zu Ende mit dem Panzer, mit der Schale um sie herum.“
Irgendwann erfährt ihr Mann davon, aber er sieht ein, dass er machtlos ist. Die Freiheit beginn zu siegen. Und die Mutter der Söhne beginnt zu verstehen.
S.147: „Und der Kern der Gemeinschaft ist nun einmal die Familie. Wenn aber im Schoße dieser Familie die Frau als Gefangene gehalten wird, verschleiert noch dazu, eingesperrt, wie wir es seit Jahrhunderten getan haben; wenn sie über keinerlei Öffnungen zur Außenwelt verfügt, keine aktive Rolle spielen kann, wirkt sich das verhängnisvoll auf die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit aus; sie zieht sich zurück und hat sich und der übrigen Welt nichts mehr zu geben.“ - ein wunderbarer Satz, der alles auf einen Punkt bringt.
Die Geschichte ist sehr feinfühlig erzählt aus der Sicht ihres anderen Sohns. Ganz allmählich merken wir, dass diese Familiengeschichte als große Gesellschaftskritik funktioniert, im kleinen wie im großen. Flüssig erzählt, mit viel Empathie und Humor, führt uns Driss Chraibi durch die Erzählung, kombiniert Familie mit Staat sehr geschickt.
Ein wunderbares Buch, dem ich sehr viele Leser*innen wünsche. Das Original erschien bereits 1972.
Ganz große Leseempfehlung.